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Gunter Schmitt Bexbacher Straße 11, 67063 Ludwigshafen |
"Bieten Sie alternative Gottesdienste an?"
Eine Umfrage unter allen
Protestantischen Kirchengemeinden in der Evangelischen Kirche der Pfalz[1]
Die Landessynode der Evangelischen Kirche der Pfalz hat im Mai 2007 Gemeinden dazu angeregt, missionarische gottesdienstliche Initiativen in den Gemeinden zu wagen: „Wir empfehlen, den agendarischen Gottesdienst zu pflegen und daneben alternative Gottesdienstformen zu erproben.“
Wo geschieht das schon überall unter uns? Wie sehen diese Gottesdienste aus? Wer bereitet sie vor und wer wird durch sie angesprochen?
Um diese Fragen zu beantworten und die alternativen Gottesdienste in der Pfälzischen Landeskirche zu dokumentieren, hat der MÖD hat mit Schreiben vom 30. November 2006 die Gemeindepfarrämter befragt.
Ein weiteres Ziel der Umfrage war es, Pfarrerinnen und Pfarrer zu vernetzen, die mit missionarischem Anliegen gottesdienstlich arbeiten. Letzteres ist geschehen mit der Gründung eines „Arbeitskreises Zweitgottesdienste“, der sich zur konstituierenden Sitzung am 16. Januar 2007 traf und im Jahr 2007 gemeinsam mit dem landeskirchlichen Arbeitskreis für Liturgie das Symposion „Gottesdienst so und anders“ vorbereitete, das am 15. und 16. Februar 2008 in Landau stattfand.
Umfragen nach anderen Gottesdienstformen gibt es inzwischen in einigen Landeskirchen.[2] Besonders viel Mühe hat man sich in Baden gegeben. Dort hat man für die Erhebung das Institut zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung (IEEG) an der Theologischen Fakultät der Universität Greifswald beauftragt. Die erste Umfrage im Baden fand bereits 2005 statt. Ein Jahr später hat man sie mit spezifischeren Fragen wiederholt.[3] Die Auswertung der ersten badischen Studie und die Erstellung der zweiten durch Pfarrer Martin Reppenhagen, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am IEEG, durfte ich miterleben, als ich mich im Rahmen eines Kontaktstudiums im Sommersemester 2006 am Greifswalder Institut aufhielt. Deshalb hat mich Dr. Ludwig Burgdörfer gebeten, für unsere Landeskirche Fragen zu formulieren. Die Arbeit der Datenerfassung hat im Wesentlichen Benjamin Grab übernommen, der ehrenamtlicher Mitarbeiter unserer Gemeinde ist. Ich möchte ihm an dieser Stelle herzlich danken.
Ich möchte die Ergebnisse vorstellen und ab und zu Vergleiche anstellen zu den anderen Landeskirchen, besonders zu unserer badischen Nachbarkirche.
Methodische und
terminologische Vorbemerkungen
Die genaue Formulierung der Rundfrage lautete: „Bieten Sie alternative Gottesdienste an, die Sie neben Familiengottesdiensten oder Gottesdiensten im Grünen für die Zielgruppe ‚kirchendistanzierte Menschen’ eigens eingerichtet haben?“
Die Fokussierung auf die Zielgruppe „Kirchendistanzierte“ unterscheidet unsere Umfrage von den meisten der anderen Landeskirchen. Der Begriff „Kirchendistanzierte“ ist schillernd, schlicht unschön und kann allenfalls ein interner Arbeitsbegriff sein. In der Literatur wurde er seit den 1990ger Jahren in der Praktischen Theologie vielfältig diskutiert. Die Diskussion scheint abgeschlossen, der Begriff hat sich durchgesetzt, deshalb wurde er auch in der Umfrage verwendet.[4]
Auch was mit „Gottesdiensten für Kirchendistanzierte“ gemeint ist, muss geklärt werden. Gottesdienste für Kirchendistanzierte“ gehören zur großen Gruppe der „Zweitgottesdienste“.[5] Wir haben aber nicht gefragt, welche „Zweitgottesdienste“, welche „anderen“ oder „alternativen“ Gottesdienste angeboten werden, sondern wir haben nach spezifischen Gottesdiensten für die Zielgruppe der „Kirchendistanzierten“ gefragt und es dann den Kirchengemeinden überlassen, wie sie ihr eigenes Angebot einschätzen.
Familiengottesdienste oder Krabbelgottesdienste können solche „Gottesdienste für Kirchendistanzierte“ sein. Nur die Gemeinden selbst können wissen, ob sie damit die Zielgruppe der neugierigen, suchenden und kritischen Zeitgenossen fokussieren oder nicht. Ist z.B. ein Taizégottesdienst ein „Gottesdienst für kirchendistanzierte Menschen“? Eine der Gemeinden, die in unserer Landeskirche Taizégottesdienste anbietet, hat diese Frage für sich mit „ja“ beantwortet und den Fragebogen beantwortet. Was einen „Gottesdienst für Kirchendistanzierte“ ausmacht ist die Konsequenz, mit der das vorbereitende Team die Zielgruppe der Kichendistanzierten im Blick hat. Vo der Musikauswahl bis zur Predigtweise wird Liebgewordenes und Vertrautes der Priorität untergeordnet, diese Menschen zu erreichen. Um diese Gottesdienste ging es bei der Umfrage.
430 Kirchengemeinden gibt es in unserer Landeskirche, 68 Kirchengemeinden haben geantwortet. Von ihnen haben 51 angegeben, einen oder mehrere „Gottesdienste für Kirchendistanzierte“ anzubieten. Damit haben wir einen Überblick über die Situation in der Pfälzischen Landeskirche. Hätten wir generell nach allen „Zweitgottesdiensten“ gefragt und nicht speziell und eingrenzend nach Gottesdiensten für die Zielgruppe „kirchendistanzierte Menschen“, wäre der Rücklauf vermutlich wesentlich höher gewesen.
Dies zeigt ein Vergleich mit Baden: Dort fragte man im Jahr 2005 zunächst allgemein nach „Zweitgottesdiensten“, mit dem Ergebnis, dass 229 der 550 angeschriebenen Kirchengemeinden antworteten. Ein Jahr später haben auf die engere Frage nach „Gottesdiensten für Kirchendistanzierte“ nur 27 Gemeinden mit 23 Gottesdiensten geantwortet.[6] Der Vergleich mit Baden zeigt auch, dass die Zahl unserer ganz speziellen „Zweitgottesdienste“ für „Kirchendistanzierte“ mit 51 recht hoch ist.
Die Fragen im
Einzelnen
1. Welchen Namen hat
der Gottesdienst?
Weil wenig den Charakter eines Gottesdienstes so prägt wie die Musikauswahl, nehmen einige Namen auf den Musikstil Bezug wie „Gospel-Gottesdienst“ oder „Rock-Gottesdienst“. Häufig kommt auch die Gottesdienstzeit im Namen vor, etwa beim „Frühstücksgottesdienst“, beim „Gottesdienst für Ausgeschlafene“ oder beim „Nachtcafé“. Einige Namen heben das Besondere hervor wie „Gottesdienst spezial“ oder „Lichtblicke“, andere Namen versuchen, eine Wertung im Vergleich zum herkömmlichen Gottesdienst zu vermeiden: „Gottesdienst Anders“, „Der andere Gottesdienst“.
Den spirituellen Charakter tragen schon im Namen der „Salbungsgottesdienst“, der „Lobpreisgottesdienst“ und der „Gottesdienst SEGENsREICH“.
Mit englischen Namen schmücken sich fünf Gottesdienste: „After Work Church“, „Jesus Inside“, „Go Special“, „YouGo“ und „Colours of Life“; bodenständig geht es bei der “Kerch uff Pälzisch” und beim “Mundartgottesdienst” zu, einen Bezug zum Ortsteil stellt zum Beispiel der „Eulengottesdienst“ her, der auf das lokale Wappentier und die späte Uhrzeit zugleich anspielt. Die Ergebnisse zeigen, wie kreativ Gemeinden bei der Namensfindung sind, oft mit einem Augenzwinkern wie besonders beim Gottesdienst mit dem Namen „Flott zu Gott“.
2. Wie oft findet der
Gottesdienst statt?
14 der „Gottesdienste für Kirchendistanzierte“ (27,5%) werden monatlich gefeiert. Damit handelt es sich um ein festes „Zweites Programm“. Der „andere“ Gottesdienst ist vielerorts längst aus dem Projekt-Stadium, aus der Experimentier-Phase herausgetreten. Er ist nicht außergewöhnlich, sondern ist zu einer guten Gewohnheit geworden und in manchen Gemeinden ist er der Identifikationspunkt der Gottesdienstbesucher mit ihrer Gemeinde.[7]
Neun Gemeinden (15,7%) bieten ihren „alternativen“ Gottesdienst einmal jährlich oder noch seltener an. Das Gros der Gottesdienste (56,9) wird in einem festen Rhythmus, 2 Mal bis 6 Mal jährlich gefeiert.[8]
3. Wie gestalten Sie
diesen Gottesdienst?
3.1. An welchem
Wochentag und zu welcher Uhrzeit findet er statt?
58,8% der Gottesdienste finden am Sonntagvormittag statt, 25,5%
am Sonntagabend, 33,3% werden wochentags
gefeiert.
Dies ist eine überraschende pfälzische Besonderheit. So weit ich sehe, überwiegt in anderen Landeskirchen der Sonntagabend bei der Zielgruppe „Kirchendistanzierte“ deutlich.[9] Auch in der Literatur ist der Sonntagabend der dem Lebensgefühl der Neugierigen, Suchenden und Kritischen am beste entsprechende Zeitpunkt für einen Gottesdienst.[10]
Der Sonntagvormittag hingegen hat einen großen Vorteil: Die Besucher, die in guter Tradition gewohnt sind, am Sonntagvormittag in die Kirche zu gehen, nehmen Teil am Versuch ihrer Gemeinde, bisher Außenstehende zu erreichen. Die Gemeindeleitung macht damit ihren Integrationswillen deutlich. So wird die Gefahr geschmälert, dass eine „zweite Gottesdienstgemeinde“ neben der ersten und in Konkurrenz zu ihr entsteht.
3.2. An welchem Ort?
Eine weitere pfälzische Besonderheit: Für zwei Drittel der Gemeinden (66,7%) ist der Kirchenraum der Ort für die „anderen“ Gottesdienste. Auch dieser Wert ist im Vergleich mit anderen Landeskirchen ungewöhnlich hoch. Andere kirchliche Räume wie das Gemeindehaus nutzen 19,6% der Gemeinden, 15,7 % gehen bewusst in säkulare Räume wie den Baumarkt, um die Menschen dort zu erreichen, wo sie sind und Hemmschwellen zu vermeiden, sie feiern ihren Gottesdienst auf dem Kirchenvorplatz oder gehen in die freie Natur.
3.3. Wie setzt sich
Ihr Vorbereitungs-Team zusammen?
„Zweitgottesdienste“ sind Team-Gottesdienste par excellence. Das Existieren eines Teams ist auch einer der Gründe für die große Gottesdienstbesucherzahl: Ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter laden ihre Freunde und Bekannte ein und bald schon bringen die ihre Kollegen und Freunde mit.
Die badische Umfrage zeigt uns überdies sehr deutlich, dass die Ehrenamtlichen bei der Entstehung der anderen Gottesdienste eine bedeutende Rolle spielen. Manchmal sind es zwar auch der Pfarrer oder die Pfarrerin, die Anstöße zu einem sucherorientierten Gottesdienst geben, aber doppelt so häufig kommen die Impulse aus der Gemeinde.
Die Teamgröße liegt meistens (41,2%) zwischen 5-10 Personen, 3 Gottesdienste (5,9%) haben über 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
Wir hatten auch nach der Rolle der Pfarrerinnen und Pfarrer und der Presbyterinnen und Presbyter gefragt. Unsere Ergebnisse entsprechen denen der badischen Landeskirche: In der Mehrzahl der Teams sind die Pfarrpersonen Mitglieder (56,7%), aber mehrheitlich werden die Teamsitzungen ehrenamtlich geleitet (56,86) – mit allen positiven Effekten von Entlastung und Perspektivenwechsel. Presbyterinnen und Presbyter sind zu 52,9% Mitglieder der Teams. Damit ist das Funktionieren der Kommunikation zwischen Gemeindeleitung und Team gewährleistet. Wo Mitglieder der Gemeindeleitung nicht im Team des „anderen“ Gottesdienstes sind, muss der Informationsfluss auf andere Weise gewährleistet sein, wenn die Gemeindeentwicklung keinen Schaden nehmen soll.
Je besser der Gottesdienst vorbereitet werden soll, desto differenzierter muss die Teambildung sein. 37,3% Gemeinden gaben an, für die verschiedenen Aufgabenbereiche eigene Teams zu haben. Jeder soll das tun, was er gut kann und was ihm Spaß macht. So spielt neben dem „Priestertum aller Gläubigen“ ein weiteres ekklesiogisches Prinzip eine große Rolle bei der Gottesdienst-Vorbereitung: Die „Gabenorientierung in der Mitarbeit“.
3.4 Wie hoch ist die
durchschnittliche Gottesdienstbesucherzahl?
Mehr als zwei Drittel dieser Gottesdienste (68,6%) haben Besucherzahlen zwischen 50 und 150. 7,8% der Gottesdienste haben zwischen 150 und 200 Teilnehmer. Oft sind es die am besten besuchten Gottesdienste der Gemeinde.
Die Erhebung zeigt aber auch: Es gibt neben großen Formen von „Gottesdiensten für Kirchendistanzierte“ auch bewusst kleine Formen. In zwei Gemeinden werden über 200 Personen erreicht, in zwei anderen weniger als 20 Personen. In Gemeinden wie Maxdorf („Gospel-Gottesdienst“) und Ludwigshafen-Friesenheim („Gottesdienst Anders“) sind diese Gottesdienste die Motoren der Gemeindeentwicklung, die eine vielfältige Gemeindearbeit nach sich ziehen. In anderen Gemeinden möchte man damit bewusst eine kleine Zahl ansprechen, so zum Beispiel in Altrip mit dem „Gottesdienst für Ausgetretene“.
3.5. Welche
Altersgruppe erreichen Sie schwerpunktmäßig?
Es ist ein gemeinsames Ergebnis aller bisherigen Umfragen: Die am stärksten durch „Zweitgottesdienste“ erreichte Altersgruppe ist die zwischen 30 und 50 Jahren. Wir haben genauer als in Baden nachgefragt und die mittleren Lebensalter in Zehnerschritten unterteilt. Hier das Ergebnis:[11]
< 18 Jahren: 17,6%
18-25 Jahre: 15,7%
26-35 Jahre: 19,6%
36-45 Jahre: 76,5%
46-60 Jahre: 45,1%
> 60 Jahre: 17,6%
Die Menschen um das Medianalter herum, das z.Z. in Deutschland bei 41 Jahren liegt, gehören zu denen, die wenig den Gottesdienst besuchen. Und sie werden gerade mit diesen Gottesdiensten schwerpunktmäßig erreicht. Gewiss erreichen auch die anderen Gottesdienste nicht alle. Aber die Rundfrage zeigt: Wo sich verschiedene Gottesdienste ergänzen, kommt man der Verwirklichung des Anspruchs, für alle offen zu sein, näher.
3.6. Welche
Musikbegleitung kommt vor?
Musik von einer Live-Band überwiegt mit 52,9% deutlich. 35,3% setzen ein Keyboard ein, ebenso viele eine oder mehrere Gitarren. Jetzt kommt wieder eine pfälzische Besonderheit: Fast ein Viertel der Befragten (23,5%) setzt die Orgel ein. Mir ist keine Umfrage nach sucherorientierten Gottesdiensten bekannt, in der die Orgel eine größere Rolle spielt.
Wenn hingegen gefragt wird, weshalb Menschen den Gottesdienst nicht besuchen, spielt die Orgel immer wieder eine große Rolle. Zwar gehört für Kirchennahe wie für Kirchenferne die Orgel zur Kirche dazu und viele Gemeinden ziehen Menschen von weither an mit ihren klassischen Chören und virtuoser Orgelmusik. Aber für die große Masse des Volkes ist Orgelmusik fremd.[12] Deshalb setzen die meisten „Gottesdienste für Kirchendistanzierte“ – wie vor 500 Jahren Martin Luther – auf die Musik des Volkes. Aber die Befragung zeigt: Zu manchen Formen der „Kirche für Distanzierte“ passt auch die Orgel. Und es gibt eine große musikalische Vielfalt bei diesen Gottesdiensten, wie auch die Antworten auf die nächste Frage zeigen.
3.7. Welcher Musikstil
wird gepflegt?
Wir haben vermieden, Begriffe für Musikstile aus der kirchlichen Insider-Sprache zu nehmen. Das war aus heutiger Sicht aufgrund der gemachten Erfahrungen ein Fehler. Wenn wir die Kategorie „Lobpreislieder“ bzw. „Worship-Songs“ aufgeführt hätten, hätte dieser Punkt wahrscheinlich viele Stimmen bekommen. Insgesamt 15 der Befragten haben diese Kategorie handschriftlich auf dem Fragebogen ergänzt und ihr Kreuzchen entweder bei „neueres geistliches Lied“, „Gospels“ oder „christliche Popmusik“ gemacht.
Neueres geistliches Lied: 74,5%
Auch ältere Gesangbuchlieder: 33,3%
Christliche Popmusik: 31,4%
Gospels: 31,4%
auch säkularer Rock/ Pop/ Folk: 29,4%
anderer Stil: 19,6%
3.8. Dekoration und
„Zimmerservice“
„Zweitgottesdienste“ sind farbig und gastfreundlich – entgegen der pfälzisch-protestantischen Tradition der „edlen Simplizität“. 62,7% der Gemeinden dekorieren zum Thema und gestalten den Raum mit Symbolen.
Getränke und Imbiss bieten 58,8% der Teams für ein Verweilen nach dem Gottesdienst an. Diese kleinen Gesten der Gastfreundschaft haben kaum zu überschätzende Bedeutung für eine positive Gemeindeentwicklung. Wenn die Menschen nach einem Gottesdienst noch bleiben, wächst ihr Vertrautsein mit der Gemeinde und ihre Beheimatung in der Kirche.
3.9 Welche Elemente
hat der Gottesdienst?
Hier konnten 16 verschieden Elemente angekreuzt werden. Viele weitere Elemente wurden genannt, hier sollen nur die häufigsten erwähnt werden: Was macht einen Gottesdienst zu einem Gottesdienst? In der Wahrnehmung der Menschen ist es das Gebet. Gerade „Kirchendistanzierte“ haben feste Vorstellungen davon, welche Elemente in einen Gottesdienst gehören. Und gerade ihnen ist das Vater unser als der vertrauteste christliche Text wichtig. Fehlt das Vater unser, sind sie nicht sicher, ob sie einen Gottesdienst besucht haben. Selbst jemand, der den Inhalt der Worte nicht mitsprechen kann oder will, merkt, dass er hier dem Zentrum des Glaubens ganz nahe ist. Nur einer der rückgemeldeten Gottesdienste verzichtet denn auch auf das Vater unser, gerade dieser Gottesdienst enthält andererseits gesungene Gebete.
An zweiter Stelle rangiert mit einer Häufigkeit von 84,3% die Predigt oder Ansprache. Dies zeigt: Auch der sucherorientierte Gottesdienst hat Teil an der protestantischen Wortkultur.
76,5% der Gottesdienste integrieren auch ein Theaterstück oder Anspiel. Mit dem Theaterstück ist eine Form in den protestantischen Gottesdienst zurückgekehrt, die schon in vorreformatorischer Zeit eine große Rolle spielte, wenn es darum ging, dem Volk das Evangelium nahe zu bringen und die erst im Zeitalter von Pietismus und Orthodoxie vollständig aus der Gemeinde verschwand. In den letzten Jahren sind viele Arbeiten zum Theater im Gottesdienst erschienen, die neben praktischen Hinweisen auch die historischen Zusammenhänge aufzeigen.[13]
Schon an vierter Stelle kommt die Moderation mit einer Häufigkeit von 56,9%. Meistens übernimmt diese Aufgabe nicht die Pfarrerin oder der Pfarrer, ein oder zwei Personen führen die Besucher durch den Gottesdienst.
Es folgen Erfahrungsbericht oder Interview mit 50,1% und die Schriftlesung mit ebenso 50,1%. Die vielen weiteren genannten Elemente folgen mit deutlichem Abstand, aber zeigen wiederum die Vielgestaltigkeit der Gottesdienstlandschaft: Einzelsegnung, Salbung, Rückfragen an die Predigt, liturgisches Begehen, literarische Lesungen, Interaktionen mit den Gottesdienstbesuchern, seelsorgliche Gespräche u.a.m.
Eine feste, gleich bleibende Liturgie ist elementar, wenn der Gottesdienst regelmäßig angeboten wird und er gemeindebildend sein soll. 29,4% der Gemeinden feiern ihren „Gottesdienst für Kirchendistanzierte“ mit einer festen Liturgie, die eine positive Gewöhnung ermöglicht und das Gefühl, im Gottesdienst zu Hause zu sein. Dieses knappe Drittel korrespondiert mit dem knappen Drittel, das den Gottesdienst monatlich anbietet (siehe oben unter Punkt 2). Diese monatlichen Gottesdienste enthalten besonders viele agendarische Elemente des Gottesdienstes.
Andererseits zeigt sich: Je seltener die Gottesdienste gefeiert werden, desto experimenteller sind sie. „Kirche für Distanzierte“ kann eben auch heißen: Einmal im Jahr oder alle halbe Jahre etwas Neues erproben. Beides hat sein Recht, das Pflegen des Gewohnten und das Erproben des Neuen, zu beidem forderte die pfälzische Landessynode im Mai 2007 auf.
3.10. Wird
Projektionstechnik benutzt?
In 39,2% der sucherorientierten Gottesdienste werden Liedtexte angezeigt, in 27,5% der Gottesdienste Bibelstellen und Predigthesen visualisiert.
Gemeinden, die mit Projektionstechnik arbeiten, machen die Erfahrung – und für manche Pfarrerin und manchen Pfarrer ist dies eine neue Erfahrung: Die Menschen können nach dem Gottesdienst die Kernaussagen der Predigt oder die Gliederung der Predigt wiederholen. Der Glaube kommt aus dem Wort (Röm 10,17). Aber was der Mensch hört und sieht, kann er besser behalten.
Wie verteilen sich die
Gottesdienste regional?
Die Pfalz bestätigt eine Erfahrung aus ganz Deutschland. Es gibt keinen Unterschied zwischen Nord und Süd, Ost und West, Stadt und Land. Gottesdienste für „Kirchendistanzierte“ werden auf der ganzen Fläche als wichtige Aufgabe der Kirche erkannt. Auf der Landkarte der Pfälzischen Landeskirche sind gewisse Häufungen in den großen Städten zu erkennen, die dann aber auch mit Häufungen von Pfarrämtern und Kirchengemeinden zusammenhängen. Über die Fläche wird eine gleichmäßige Verteilung sichtbar, die sich auch über den dünner besiedelten ländlichen Raum erstreckt.
Zusammenfassung
Die gottesdienstliche Landschaft in der pfälzischen Landeskirche ist genauso vielfältig wie in den bereits untersuchten Landeskirchen. Der Aufbruch hin zu den Distanzierten hat stattgefunden. Die neue Agende für unsere pfälzische Landeskirche hat diese Entwicklung aufgenommen, sie eröffnet „Spielräume“, erwähnt in der Einführung ausdrücklich z.B. das Anspiel.
Nach der ersten Welle der gottesdienstlichen Erneuerung ab den 50er Jahren und einer zweiten Welle mit Familiengottesdiensten ab den 60er Jahren ist die dritte Welle der „Zweitgottesdienste“ ab den 90er Jahren längst auch in unserer Kirche angekommen.[14] Dabei zeigt sich, dass diese Gottesdienste bei allen Unterschieden im Einzelnen eine Reihe von häufiger vorkommenden Merkmalen aufweisen[15], und zwar gerade die Gottesdienste mit höherer Häufigkeit und Besucherzahl: Es kommt schwerpunktmäßig die mittlere Generation (36-45 Jahre), also diejenigen Bevölkerungsgruppe, die in traditionellen Gottesdiensten in der Regel nur spärlich vertreten ist. Der Gottesdienst wird von einem Team vorbereitet, findet in „locker“ gestalteter Atmosphäre statt. Eine Moderation ergänzt die Liturgie, im Gottesdienst finden sich kreative Teile wie ein Theaterstück, zeitgemäßere Musik wird gespielt. Die Gottesdienste haben ein Thema, aus dem die biblischen Bezüge erarbeitet werden. Nach dem Gottesdienst wird ein Imbiss angeboten und zum gemütlichen Zusammensein eingeladen.
Wie auch immer der „Gottesdienst für Kirchendistanzierte“ im Einzelnen konkret aussieht, was ihn als Spielart des „Zweitgottesdienstes“ ausmacht, ist die Liebe und Ernsthaftigkeit, mit der eine Gemeinde lernen möchte, das Gottesdienstgeschehen durch die Brille der Distanzierten zu sehen. Dies wird viele konkrete und praktische Auswirkungen haben, die vor Ort jeweils ganz verschieden aussehen können.
Fazit
Eine sich immer stärker ausdifferenzierende Gesellschaft braucht ein differenziertes gottesdienstliches Angebot. In der Sprache der Anglikanischen Kirche: Gerade eine Volkskirche braucht eine „mixed economy“, womit u.a. das gleichberechtigte Nebeneinander von verschiedenen Gottesdienstformen gemeint ist. Wie bei einem differenzierten gottesdienstlichen Leben die Einheit der Gemeinde zu wahren ist, bleibt dabei für die Gemeindeleitung die größte Herausforderung. Die Gefahr, dass die „milieubedingte Zersplitterung der Gesellschaft“[16] sich bis den Gottesdienst der christlichen Gemeinde hinein fortsetzt, muss vermieden werden. Die vorliegenden Ergebnisse aus der pfälzischen Landeskirche zeigen deutlich, meines Erachtens deutlicher als bisherige Analysen, dass es vielen Gemeinden gelingt, diese Gefahren zu sehen und ihnen zu begegnen. Trotz einer Fokussierung auf die Zielgruppe „kirchendistanzierte Menschen“ versuchen sie, Traditionelles und Neues zu verbinden und die treuen Kirchenbesucher im gottesdienstlichen Aufbruch hin zu den Distanzierten mitzunehmen.
Auch in der Pfälzischen Landeskirche zeigt sich: Die neuen Gottesdienstformen sind in der Regel besser besucht als die herkömmlichen. Aber es gibt in Deutschland nicht wie in Amerika den massenhaften Zustrom, wo gottesdienstliche Aufbrüche zehntausende Menschen in die „mega churches“ ziehen. Wir brauchen viele verschiedene, kleine und große, traditionelle und neue Formen, wenn wir um des Evangeliums willen versuchen wollen, den Menschen und ihren Lebenswelten gerecht zu werden. So wird die Vielgestaltigkeit der Gottesdienstformen weiter zunehmen.
[1] Vortrag vor dem Arbeitskreis Liturgie der Pfälzischen
Landeskirche am 18. Juni 2007 auf der Ebernburg, für den Druck im Pfälzischen
Pfarrerblatt überarbeitet.
[2] Differenzierte Umfragen fanden in der Rheinischen
Landeskirche im Jahr 2003 im Rahmen der Aktion „Auf Sendung“ statt. Zu Zahlen
aus Württemberg vgl. Johannes Zimmermann: Zwischen Tradition und
Erlebnisorientierung: Gottesdienste in alter und neuer Gestalt. Vortrag bei
einem landeskirchlichen Studientag am 1. Dezember 2003 in Stuttgart. Einen
Leitfaden für solche Umfragen und empirische gottesdienstliche Studien gibt
Christiane Bundschuh-Schramm u.a. (Hg): Eine Zeit zum Suchen: Neue
Gottesdienstformen, 2003.
[3] Martin Reppenhagen: Impuls zum anderen Gottesdienst. Vortrag auf dem landeskirchlichen Forum „Gemeinde missionarisch entwickeln“ am 4. Februar 2006 in der Thomasgemeinde in Rastatt.
[4] Vgl. das 1995 erschienene Buch von Kai Scheunemann: Kirche für Distanzierte: Das Erfolgsgeheimnis der Willow-Creek-Gemeinde. Eine Zusammenfassung der Diskussion gibt die 2006 erschienene Greifswalder Promotion von Christian Schwark: Gottesdienste für Distanziere: Konzepte und Perspektiven. Die Protestantische Kirchengemeinde Ludwigshafen-Friesenheim nennt ihren missionarischen Gästegottesdienst „Gottesdienst für Neugierige, Suchende und Kritische“, eine Formulierung, unter der sich viele Gottesdienstbesucher wieder finden können. Ich rede im Folgenden gleichbedeutend auch von „sucherorientierten“ Gottesdiensten (englisch Seeker-Service), was meines Erachtens ein sachgemäßer Begriff ist.
[5] Auch dieser schillernde Begriff hat sich in der Literatur durchgesetzt und soll hier nicht problematisiert werden.
[6] Martin Reppenhagen, a.a.O. Die im Vergleich zur Gemeindezahl geringere Gottesdienstzahl ist durch übergemeindliche Kooperationen zu erklären.
[7] Vgl. Andreas Malessa: Und wenn der „zweite Gottesdienst“ der Erste wird?, a+b 1 (2000), S. 17-21.
[8] Im Folgenden erwähne ich nur noch die Prozentzahlen, nicht mehr die absoluten Zahlen. In den Fällen, in denen die Addition der Prozentzahlen die 100 übersteigen, handelt es sich um Mehrfachnennungen.
[9] Martin Reppenhagen, a.a.O., sagt über die badische Situation: „Dabei zeigt sich für Gottesdienste für Kirchendistanzierte ein Tendenz auf den Abend. Dies lässt vermuten, dass sich Kirchendistanzierte eher zu einem Abendgottesdienst einladen lassen. Der zunehmende Bedeutungsverlust des Sonntagmorgens für den Gottesdienstbesuch mag besonders bei dieser Zielgruppe einen Grund für die unterschiedliche zeitliche Gewichtung darstellen.“
[10] Klaus Douglass/ Kai Scheunemann/ Fabian Vogt: Ein Traum von Kirche: Wie ein Gottesdienst für Kirchendistanzierte eine Gemeinde verändert, 1998, S. 41.
[11] Auch hier gab es viele Mehrfachnennungen. Vgl. Anm. 7.
[12] Nur 7% der verkauften Tonträger in Deutschland enthalten klassische Musik und davon ist wiederum nur ein Bruchteil Orgelmusik. Zur Bedeutung der Musik im Gottesdienst sehr ist instruktiv. Klaus Douglass: Gottes Liebe feiern: Aufbruch zum neuen Gottesdienst, 2. Aufl. 1999, S. 44ff, hier S. 47.
[13] Besonders hilfreich: Fabian Vogt: So ein Theater: Eine Einführung in die Kunst, bewegend(e) Geschichten zu erzählen, 1997. Steve Pederson: Praxisbuch Theater: Ein Leitfaden für die Theaterarbeit in der Gemeinde. Deutsche Auflage 2004.
[14] Es würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen auf die vierte Welle einzugehen, die schon vor der Tür steht: Die „emerging conversation“, die die Postmoderne als geistig-geistliche Herausforderung begreifen möchte. Zur ersten Orientierung: Daniel Hufeisen: Die „emerging conversation“ in Deutschland, in: Ichthys 46 (2008), S. 51-55.
[15] Joachim Stricker: Der „ganz normale“ Zweitgottesdienst. In: Neue Gottesdienste braucht das Land: Missionarische Dienste 130, hg. vom Amt für Missionarische Dienste der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, Juli 1999, S. 3-5.