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Gunter Schmitt Bexbacher Straße 11, 67063 Ludwigshafen |
Gottesdienste für Distanzierte und die Einheit der Gemeinde
Missionstheologische
Überlegungen zur Zielgruppenorientierung und Erfahrungen aus
Ludwigshafen-Friesenheim
Wo immer in Kirchenleitungen und Presbyterien über neue Gottesdienste für neue Zielgruppen gesprochen wird, wird die Frage nach der Einheit der Gemeinde als die mit Abstand kritischste Anfrage an einen solchen neuen Gottesdienst gestellt: Spaltet die Orientierung an Zielgruppen nicht die Gemeinde? Entsteht dadurch nicht eine neue Gemeinde mit Parallelstrukturen, durch den Zweit-Gottesdienst eine Zweit-Gemeinde in Konkurrenz zur ersten? Fällt die Gemeinde nicht in Zielgruppen auseinander, mit der Folge, dass sich gesellschaftlich Segmentierungen innerkirchlich bis in den Gottesdienst hinein fortpflanzen und damit verstärkt werden, wo es doch gerade die Aufgabe der Gemeinde wäre, diese zu überwinden? Wie kann die Einheit der Gemeinde gewahrt bleiben?
Diesen sehr elementaren Anfragen an Gottesdienste für Kirchendistanzierte soll hier missionstheologisch reflektiert nachgegangen werden, eigene Erfahrungen aus der Gemeindepraxis sollen einfließen.
1. Die Analyse:
Die christliche Kirche geht davon aus, dass der Heilswille Gottes universal ist, dass das Evangelium allen Menschen gilt und sie darum auch einen Auftrag für alle Menschen hat. Die christliche Gemeinde besteht darum aus Menschen verschiedenen Geschlechts, verschiedenen Alters und verschiedener Herkunft. Sie alle zu integrieren in die Gemeinschaft das erklärte Ziel wahrscheinlich jeder christlichen Gemeinde. Für das Selbstverständnis der christlichen Gemeinde ist konstitutiv, dass niemand durch Abstammung, kulturelle oder politische Prägung von ihr ausgeschlossen ist.
Nun haben die Forschungen zur Lageanalyse der Kirchen in Deutschland, zum Beispiel die EKD-Untersuchungen zur Kirchenmitgliedschaft[1], gezeigt, dass diese erklärte Absicht nicht in der Realität eingeholt, das Integrationsziel kaum erreicht wird. Die traditionelle, parochiale Kirchengemeinde erreicht nur ganz bestimmte Milieus und Bevölkerungssegmente. Wir arbeiten sozial selektiv und nicht integrierend, auch wenn dies unserem Selbstbild widerspricht.
In Termini des Bamberger Soziologen Gerhard Schulze[2] ausgedrückt: Wir sprechen das Niveaumilieu und Harmoniemilieu an, eventuell das Integrationsmilieu und kaum das Selbstverwirklichungs- oder das Unterhaltungsmilieu.[3]
In der Sprache der EKD-Untersuchung von 2002: Die engagierten Kirchenmitglieder sind überwiegend zwei von insgesamt sechs eruierten Lebensstiltypen zuzuordnen: Dem „hochkulturell-traditionellen Lebensstiltypus“, er ist der typische Hörer klassischer Musik, zum anderen dem „gesellig-traditionsorientierten Lebensstiltypus“, der eher Volksmusik hört. Hingegen sind die Menschen im Gottesdienst und im kirchlichen Leben unterrepräsentiert, die einen „jugend-kulturell-modernen“ oder einen „hochkulturell-modernen“ Lebensstiltypus pflegen, einen „Do-it-yourself-geprägten, modernen“ oder einen „traditionsorientierten, unauffälligen“ Lebensstiltypus.[4]
Zusammengefasst: Seltener in die Kirche geht, wer nicht in die lokalen Bezugsnetze der Nachbarschaft eingebunden ist, wer sich als unabhängig empfindet, wer Eigenverantwortung und Lebensgenuss als wichtige Werte ansieht, wer gerne Rock- oder Popmusik hört, wer zwischen 30 und 50 Jahren ist, wer männlich ist.
Dabei fällt auf: Die vier Lebensstiltypen, die seltener Gottesdienste aufsuchen, sind mitunter durchaus religiös orientiert oder empfinden eine Nähe zur Kirche. Sie sind zwar skeptisch gegenüber der Kirche, aber pflegen zum überwiegenden Teil eine wohlwollende Distanz.
Auch wenn die EKD in ihrer letzten Untersuchung zum ersten Mal eine Typologie heutiger Lebensstilformen aufführt, die Ergebnisse zu Kirchennähe und Kirchendistanz entsprechen bisherigen Lageanalysen, auch den früher von der EKD erstellten Untersuchungen (1972, 1982, 1992).
2. Die
Zielgruppenorientierung
a. Der missionarische
Aufbruch
Deshalb fordern Kirchen und Kirchenbünde, missionarische Arbeitsgemeinschaften und kirchliche Dienste seit vielen Jahren Gemeinden auf, sich den Distanzierten[5] und bisher weniger erreichten Menschen und Milieus in besonderer Weise zuzuwenden, sie entwickeln Programme und bieten Hilfen an.[6]
Ich möchte nur drei Beispiele aus dem Jahr 1999 herausgreifen, ein Jahr, in dem einiges gebündelt und formuliert wurde, was sich in den Jahren zuvor an missionarischen Ermutigungen und missionarischer Aufbruchstimmung in Deutschland entwickelt hatte:
So veröffentlichte die Evangelische Kirche der Union 1999 eine Arbeitshilfe mit Beispielen missionarischer Gemeindeinitiativen.[7] Dabei wurde ein Bogen gespannt von missionarisch-diakonischer Arbeit wie dem Lüdenscheider Obdachlosenfreundeskreis über innovative Ferienangebote, zeitgemäße Formen der Bibelarbeit bis hin zu missionarischer City-Café-Arbeit.
Den größten Raum in der Arbeithilfe wird neuen Gottesdiensten für Kirchendistanzierte gewidmet. Bei den vorgestellten Modellen entsteht nie der Eindruck, dass etwas kopiert werden soll; hilfreich ist das Bändchen dadurch, dass die Prinzipien einer missionarisch ausgerichteten Arbeit für Kirchendistanzierte deutlich werden, die auch auf andere Kontexte übertragen werden können. Außerdem werden den Gemeindeinitiativen gründliche konzeptionelle theologische Analysen vorangestellt.
Noch im gleichen Jahr erschien ein Votum des Theologischen Ausschusses der Arnoldshainer Konferenz.[8] Die Gemeinde wird darin ermutigt, sich den Herausforderungen der religiös-weltanschaulichen Lage in Deutschland zuzuwenden und „evangelisierende Gemeinde“ zu sein, „Träger der Evangelisation“ statt Evangelisation den ausgebildeten Evangelisten zu überlassen. Für die Gegenwart wird eine „Vielfalt der missionarischen Wege“ vorgeschlagen und diese Vielfalt wird deutlich in den vorstellten evangelistischen Modellen der 1980er und 1990er Jahren von „Neu anfangen“ über „Pro Christ“ bis hin zur ökumenischen Gemeindeerneuerung. Auch hier werden zwei Gottesdienst-Modelle vorgestellt: Der Gottesdienst für Zweifler (Thomasmesse) und der Seeker-Service der Willow Creek Community, die beide kritisch gewürdigt werden. Fazit: Es geht nicht um den „Transfer von Methoden“, sondern um den „Transfer von missionarischer Leidenschaft – ihr Impuls ist in Deutschland nötiger und hilfreicher denn je“.[9]
Im November 1999 dann tagte die EKD-Synode in Leipzig zum Thema „Mission und Evangelisation“: In ihrer Kundgebung postuliert die Synode: „Die evangelische Kirche in Deutschland setzt das Glaubensthema und den missionarischen Auftrag an die erste Stelle, sie gibt dabei einer Vielfalt von Wegen und Konzepten Raum […] Wachstum des Glaubens und Wachstum der Gemeinde sind unsere vordringliche Aufgabe.“[10] Und sie ermutigt Gemeinden „zum Ausprobieren neuer Formen und Ausdrucksweisen“.[11]
Diese Aufrufe häufen sich. Etliche Landessynoden haben in den letzten Monaten und Jahren das Zugehen auf Kirchenmitglieder in Distanz oder Halbdistanz oder Konfessionslose thematisiert. Immer wieder wurden Gemeinden aufgefordert, erstens missionarisch aktiv zu sein und sich zweitens sich mit missionarischer Leidenschaft besonders distanzierten Menschen zuzuwenden.[12]
Viele Gemeinden in Deutschland haben in den vergangenen Jahren diese Herausforderung angenommen. Als besonders wirkungsvoll haben sich dabei neben vielen anderen hilfreichen Formen erstens Glaubensgrundkurse erwiesen und zweitens Gottesdienste, die gezielt auf Fragen und Erfahrungshintergründe von kirchendistanzierten Menschen eingehen.
b. Gottesdienste für
Kirchendistanzierte
Um solche speziellen Gottesdienste für Kirchendistanzierte geht es im Folgenden. Vier Vorbemerkungen sind nötig:
(1) Das Zugehen auf die Zielgruppe der Kirchendistanzierte offenbart Herausforderungen, die ähnlich bei jeder anderen Form der zielgruppenorientierten Arbeit sind. Kirchengemeinden, die sich entscheiden, sich anderen Zielgruppen zuzuwenden, etwa Migranten aus anderen Kulturen, die in ihrem Umfeld leben, stehen vor Herausforderungen, die – wenn auch unter anderen Vorzeichen – theologisch ähnlich strukturiert sind. Immer geht es um missionarische Grenzüberschreitungen, die nötig sind, um Menschen zu erreichen und dann zu integrieren.
(2) Ich möchte mich im Folgenden konzentrieren auf „Gottesdienste für Kirchendistanzierte“ (auch „sucherorientierte Gottesdienste“ genannt) und die Fragestellung der Zuwendung hin zu Kirchendistanzierten in anderen kirchlichen Arbeitsfelder nicht darstellen. Diese Beschränkung ist für die Themenstellung sinnvoll, denn erstens lassen sich die beim Thema Gottesdienst gewonnen Erkenntnisse übertragen auf andere kirchliche Arbeitsfelder und zweitens hat der Gottesdienst eine derart zentrale Stellung, sowohl in der theologischen Bedeutsamkeit als auch in der binnenkirchlichen und außerkirchlichen Wahrnehmung, dass sich die hier gefällten Entscheidungen auswirken auf die gesamte Gemeindearbeit.
(3) Welche Zielgruppe auch immer eine Gemeinde fokussiert, sie stellt bald fest, dass keine kulturell absolut homogen ist, was im Fall der Kirchendistanzierten schon die verschiedenen EKD-Erhebungen zeigen. Deshalb darf man sich auch nicht der Illusion hingeben, dass mit einem Gottesdienst für Kirchendistanzierte wirklich alle Kirchendistanzierten erreicht werden können. Für die Gemeindearbeit ist diese Erkenntnis entscheidend wichtig, nämlich für das aufmerksame Zuhören und das liebevolle Hinschauen auf den konkreten Menschen, dem man gegenüber ist. Für die Fragestellung dieses Aufsatzes ist diese Erkenntnis jedoch weniger entscheidend.
(4) Das Für und Wieder von Gottesdiensten für Kirchendistanzierte soll und kann hier nicht erörtert werden. Mittlerweile liegen einige wissenschaftliche Arbeiten über Gottesdienste für Kirchendistanzierte vor, die die theologische Diskussion ausführlich darstellen.[13]
In den letzten Jahren sind überall in Deutschland zielgruppenorientierte Gottesdienste für Kirchendistanzierte entstanden.[14] Dabei kann man auf durchaus lange Erfahrungen in Deutschland zurückblicken. Wenn das Thema auch erst in den letzen Jahren virulent wurde, so lassen sich sucherorientierte Gottesdienste in Deutschland bis in die 1970er Jahre zurückverfolgen.[15]
Das im Jahr 2004 gegründete Institut zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung an der Theologischen Fakultät der Universität Greifswald hat mit einigen Landeskirchen zusammengearbeitet, um die Erfahrungen mit solchen Gottesdiensten auszuwerten.
Ich möchte hier nur zwei Beispiele erwähnen: die pommersche und die badische Landeskirche und dann zu Erfahrungen aus Ludwigshafen-Friesenheim kommen.
Der Perspektivplan der Pommerschen Evangelischen Kirche gibt an, Gottesdienste für Kirchendistanzierte fördern und als Bestandteil des Fortbildungsangebotes der Landeskirche aufzunehmen zu wollen. Bei der Ausschreibung von Pfarrstellen soll dieses Anforderungsprofil als eine Sonderaufgabe berücksichtigt werden.[16] Das Ziel dessen beschreibt Bischof Hans-Jürgen Abromeit wie folgt: „Gegen die gottesdienstliche Monokultur sollte es in jedem Kirchenkreis ein Zentrum für andere Gottesdienste geben. Die Differenzierung unserer Gesellschaft fordert zwingend auch eine Pluralisierung unserer Gottesdienstkultur. Besondere Zielgruppengottesdienste und Gottesdienste für Kirchenferne müssen für Jedermann und Jederfrau erreichbar auch in der Fläche angeboten werden.“[17]
Das Greifswalder Institut hat die badischen Kirchengemeinden gezielt nach so genannten „Zweitgottesdiensten“ befragt, die nicht der Agende folgen und zielgruppenorientert angeboten werden. Ergebnisse:
- Es gelingt tatsächlich, Menschen anzusprechen, die von
traditioneller kirchlicher Arbeit bisher nicht erreicht wurden: Diese
Gottesdienste werden vorwiegend von Menschen im Alter
zwischen 30 und 55 Jahren besucht, also einer Personengruppe, die in den
traditionellen Gottesdiensten sonst eher schwach vertreten ist.
- In allen Kirchenbezirken der Landeskirche finden Zweitgottesdienste statt, in 4 Kirchenbezirken sind es mehr als 20 regelmäßige Gottesdienstformate.
- Kennzeichen solcher Gottesdienste ist, dass sie in der Regel durch ein Mitarbeiterteam vorbereitet werden, ein Thema entfalten und eher neuere musikalische Formen verwenden.[18]
Auch in der Pfalz gibt es 51 gezielte Gottesdienste für Kirchendistanzierte, wie eine im November 2006 gestartete Umfrage im Auftrag des Missionarisch-Ökumenischen Dienstes ergab.[19]
Die Kirchengemeinde Ludwigshafen-Friesenheim, deren Pfarrer ich für die Gemeinde des Dietrich-Bonhoeffer-Zentrums seit 1996 bin, hat die Zuwendung zu Kirchendistanzierten bereits 1994 deutlich ins Auge gefasst. Damals nahm die Gemeinde teil am bundesweiten Modellprojekt „Der evangelische Kindergarten als Nachbarschaftszentrum der Gemeinde“. Ein zentrales Stichwort darin ist „Perspektivenwechsel“, also eine Veränderung der Sicht auf die eigene Arbeit weg von der kirchlichen Binnenschau auf die Außenansicht von Kirche: Wie sehen unsere Angebote eigentlich die, die bisher nicht kommen, aber doch auch kommen sollen?
In einem langjährigen
Prozess[20], der
geprägt war von Gemeinde-Umfragen und dem Wahrnehmen der Gemeinde-Situation,
von gemeinsamer Lektüre der Bibel und inspirierender Bücher, von Besuchen bei
visionären Gemeinden und der Entwicklung einer schriftlichen
Gemeinde-Konzeption, kam die Gemeindeleitung zur Formulierung einer
Gemeindephilosophie, in der die Zuwendung zu Kirchendistanzierten gleich im
ersten Satz erwähnt wird: „Viele Menschen führen heute ein Leben in Distanz zum
christlichen Glauben und zur christlichen Gemeinde. Darum sehen wir unsere
wichtigste Aufgabe darin, dafür Sorge zu tragen, dass möglichst viele Menschen
erfahren, wie gut Gott ist […] um dieses Ziel zu erreichen, gehen wir in
Gottesdienstgestaltung und Gemeindearbeit auch neue Wege.“
Seit November 2002 gibt es nun unseren „Gottesdienst Anders“, der die Zielgruppe der Kirchendistanzierten ganz klar im Blick hat und in dem wir alles, vom Parkplatzangebot über die Musikauswahl bis zur Predigtweise der Priorität unterordnen, diese Menschen zu erreichen.
Die in jedem Gottesdienst ausliegenden und ausgefüllten Rückmeldezettel zeigen ähnliche Ergebnisse wie in Baden:
- Unter den heute durchschnittlich 375 Gottesdienstbesuchern ist die Altergruppe der 36-45-jährigen am stärksten vertreten.
- Beim Start des Gottesdienstes gaben 56% der Gottesdienstbesucher an, sonst „nie“ oder „selten“ einen Gottesdienst zu besuchen.
- Zum ersten Mal erreichen wir regelmäßig Kindergarteneltern und junge Familien mit einem Gottesdienst, der kein „Familiengottesdienst“ ist. Die Milieubeschränkung des klassischen agendarischen Gottesdienstes ist auch hier aufgebrochen.
Bei aller Freude darüber möchte ich jedoch an dieser Stelle innehalten und fragen, was bei der Zuwendung zu Kirchendistanzierten theologisch geschieht. Der Erfolg dieser Gottesdienste überall zeigt zugleich ein missionstheologisches Dilemma auf.
3. Das missionstheologische
Dilemma:
Die Bedeutung der Zielgruppenorientierung – auch im gottesdienstlichen Handeln der Kirche – wird heute kaum noch bestritten. Und es ist für unsere Kirchen ein wichtiger Erkenntnisfortschritt, dass der traditionelle agendarische Gottesdienst weitgehend ein Zielgruppenangebot für kirchlich-liturgisch sozialisierte Menschen ist und andere kaum erreicht.
Aber ist es legitim, als Reaktion darauf weitere Zielgruppengottesdienste anzubieten?
Nachdem wir vorher, vereinfacht gesagt, traditionelle Milieus angesprochen haben, sprechen wir jetzt jugend-kulturelle Milieus an? Wiederholen wir nicht den gleichen Fehler – jetzt unter umgekehrten Vorzeichen – nur einige wenige anzusprechen? Oder heißt Zielgruppenorientierung in Konsequenz, dass wir so viele Gottesdienste anbieten müssen, wie es kulturelle Segmentierungen in unserer Gesellschaft gibt? Salopp ausgedrückt: Brauchen wir einen gesellig-gemütlichen Gottesdienst für Volksmusikliebhaber, einen rockigen für die Baby-Boomer-Generation, einen Techno-Gottesdienst für die ältere Jugend und so weiter, mit der Folge, dass gesellschaftliche Trennungen und Verwerfungen innerkirchlich redupliziert werden?
Die entscheidenden
Fragen lauten: Wie kann eine Gemeinde zielgruppenorientiert arbeiten ohne dass
die Gemeinde in Zielgruppen auseinander fällt? Wie kann die Einheit der
Gemeinde gewahrt werden? Und braucht eine immer weiter sich differenzierende und
divergierende Gesellschaft nicht gerade einen alle integrierenden Gottesdienst?
Aber, nach dem wir festgestellt haben, dass der traditionelle Gottesdienst dies kaum leisten kann, wie müsste ein solcher Gottesdienst aussehen? Gibt es einen solchen Gottesdienst überhaupt?
4. Das Zeugnis des
Neuen Testaments
Das Dilemma zwischen Zielgruppenorientierung und Einheit der Gemeinde wird schon im Neuen Testament beschrieben. Aber wir finden dort auch die Lösung für unser missionstheologisches Dilemma.
Zunächst zum Dilemma: In 1 Kor 9,20-22 formuliert der Missionar Paulus die Zielgruppenorientierung: „Den Juden bin ich wie ein Jude geworden, damit ich die Juden gewinne. Denen, die unter dem Gesetz sind, bin ich wie einer unter dem Gesetz geworden […], damit ich die, die unter dem Gesetz sind, gewinne. Denen, die ohne Gesetz sind, bin ich wie einer ohne Gesetz geworden […], damit ich die, die ohne Gesetz sind, gewinne. Den Schwachen bin ich ein Schwacher geworden, damit ich die Schwachen gewinne. Ich bin allen alles geworden, damit ich auf alle Weise einige rette.“
Paulus begegnet den Menschen so, dass sie in ihrer kulturellen Verschiedenheit das Evangelium auf je ihre Weise hören, verstehen und annehmen können. Die Missionstheologie spricht hier von der Inkulturation des Evangeliums.
Andererseits betont Paulus auch immer wieder die Einheit der Gemeinde: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus“ (Gal 3,28; vgl. auch ähnlich 1 Kor 12,13). Die Missionstheologie spricht hier von der Konterkulturation des Evangeliums, wo die Gemeinde sich über vorfindliche kulturelle Gegebenheiten hinweg mit ihrer eigenen Kultur (hier: die Einheit der Gemeinde) profiliert.
Formulieren wir noch einmal das Dilemma: Einerseits muss die Gemeinde auf die Zielgruppen zugehen, damit die gute Nachricht überhaupt gehört und verstanden wird. Gerade weil sie das tat, war die Urchristenheit missionarisch so erfolgreich. Andererseits besteht die Gemeinde gerade nicht aus kulturellen, soziologischen oder milieubezogenen Gruppierungen, sondern ist eins in Christus.
Aber wie nun bleibt diese theologisch postulierte Einheit der Gemeinde erhalten, wenn die Gemeinden sich konsequent Zielgruppen zuwendet, die andere Prägungen haben als sie selbst? Und wie wird diese Einheit praktisch erfahrbar?
Ich möchte im Folgenden zwei theologische Verständnis-Modelle vorstellen, die unser Dilemma auflösen und die die Einheit der Gemeinde immer wieder neu aktualisieren und erfahrbar machen.
5. Die Einheit der
Gemeinde: Zwei Bewegungen – mit Erfahrungen aus Ludwigshafen-Friesenheim
a. Ein Einheit bildendes
Missionsverständnis: Die Bewegung aufeinander zu – Die Bekehrung von beiden
Seiten
Eine überzeugende Antwort auf die Frage nach der Einheit der Gemeinde gibt Andreas Feldtkeller, Missions- und Religionswissenschaftler an der Humboldt-Universität Berlin, die ich im Folgenden skizziere.[21]
Andreas Feldtkeller geht aus von Beobachtungen anhand von Apostelgeschichte 10. Petrus erlebt darin seine erste missionarische Situation gegenüber einem Nicht-Juden. Die Geschichte ist bekannt als die „Bekehrung des Hauptmann Kornelius“. Aber beim Lesen stellen wir fest: Die Bekehrung des heidnischen Hauptmanns umfasst nur wenige Verse. Die „Bekehrung“ des Apostels Petrus hingegen, nicht für unrein zu halten, was Gott für rein hält, umfasst fast das ganze Kapitel. Es braucht eine Vision von Gott, damit Petrus klar wird: Gott sieht nicht die Person an – auch den Heiden soll das Evangelium verkündet werden, auch sie sollen zur Gemeinde gehören. „Nicht eine Bekehrung war also erforderlich, sondern zwei. Nach der Darstellung der Apostelgeschichte hat es Gott mehr Mühe gemacht, Petrus zur Gemeinschaft mit einem „Heiden“ zu bekehren, als Cornelius zur Gemeinschaft mit Gott.“[22]
Lassen wir die Vertikale außer Acht und konzentrieren wir uns auf die horizontale, menschliche Seite der Mission, die missio hominum, stellen wir fest: Die Einheit der Gemeinde wird erlebbar durch eine doppelte Bekehrung: Der Missionar bekehrt sich zur Gemeinschaft mit dem zu gewinnenden Menschen – auch wenn dies für ihn die Zumutung bedeutet, rein zu halten, was er vorher für unrein gehalten hat. Und der neu Bekehrte bekehrt sich nicht nur zum Glauben an Jesus Christus, sondern auf der menschlichen Ebene zur Gemeinschaft mit dem schon Glaubenden – auch wenn das für ihn die Zumutung bedeutet, sich kulturellen Ausdrucksformen zu nähern, die ihm bisher fremd waren.
Bezogen auf unser Thema heißt das: Die Gemeinde, die sich Kirchendistanzierten zuwendet, muss sich bekehren zur Gemeinschaft mit den Menschen, die noch nicht kommen, aber kommen sollen, weil auch ihnen das Evangelium gilt. Und dann wird sie den Gottesdienst konsequent so gestalten, dass die neuen Gottesdienstbesucher das Evangelium hören, verstehen und annehmen können. Und das kann, um nur ein Beispiel zu erwähnen, heißen, dass im Gottesdienst zu Pop- und Rockmusik gesungen wird. Denn bei allen divergierenden und zentrifugalen Tendenzen unserer Gegenwartskultur ist diese Musik wohl einer der am stärksten integrierenden Faktoren.[23]
Jeder engagierte Mitarbeiter, der seine Gemeinde motivieren wollte zu dieser Zuwendung, hat irgendwann solche oder ähnliche Sätze von treuen Gemeindemitarbeitern gehört:
- „Aber wenn wir diese Ideen umsetzen, kommen doch lauter Fremde in die Kirche!“
- „Verschrecken wir mit neuen Gottesdiensten nicht die wenigen Besucher, die wir noch haben?“
- „Unsere Gottesdienste stehen doch im Gemeindebrief und in der Zeitung. Es kann ja jeder kommen, unsere Gottesdienste sind offen für alle.“
Leider beginnen wegen solcher Voten viele Gemeinden erst gar nicht mit einer Arbeit, die sich Kirchendistanzierten zuwendet.
Diese Sätze zeigen: Es gibt Ängste vor der Begegnung mit Fremden. Dieses Empfinden muss ernst genommen werden. Wer seine Gemeinde öffnen möchte hin zu Kirchendistanzierten, muss mit altgedienten Gemeindegliedern offen über ihre Empfindungen reden und darf sie nicht mit einem theologischen Ideal überfahren. Und es gibt die Ängste der Kirchentreuen, ihnen könnte etwas genommen werden, Ängste auch davor, mit den alten Formen würde auch das Evangelium verabschiedet und es ginge nur um eine Anbiederung an den Zeitgeist.
Wenn der Raum da ist, dass wir Menschen mit solchen Empfindungen ernst nehmen und sie darin annehmen, ist der erste Schritt zu einer möglichen missionarischen Grenzüberschreitung getan. Und diese Grenzüberschreitung, das zeigen solche Empfindungen auch, wird dann nicht weniger sein als eine Bekehrung.
Damals wie heute heißt Mission nicht: „Die anderen sollen so werden wie wir sind und sich uns anpassen.“ Das wäre das Verständnis von Gemeinde als einem weltlichen Verein. Die missionarische Dynamik entsteht dort, wo wir bereit sind, aus der Begegnung mit den anderen uns selbst zu verändern.
Dies wird von einer zeitgemäßen Missionstheologie immer wieder betont. Es geht um eine dialogische Bezeugung des Evangeliums, die den Zeugen selbst nicht unverändert lässt. Walter Hollenweger brachte es auf die Formel: Evangelisation ist immer auch „ein Entdeckungsprozess, in welchem der Evangelist durch das Geschehen der Evangelisation etwas über das Evangelium vernimmt, was er vorher nicht wusste.“[24] Vorbild für dieses Missionsverständnis ist die missio dei: Gott ging in die Welt ein und wurde Mensch. Er wurde den Menschen gleich und erwartete nicht, dass die, die er in seiner Mission erreichen wollte, ihm gleich werden.
Und wir als seine Gemeinde dürfen entlastend und unsere Befindlichkeit relativierend zur Kenntnis nehmen: Auch wenn wir, die wir schon lange zu seiner Gemeinde gehören, Schwierigkeiten haben, uns auf Menschen einzulassen, die neu dazugehören wollen – Gott hat keine Schwierigkeiten damit. Einheit wird gelebt durch Bekehrung von beiden Seiten. Aber der erste Schritt kann immer nur von denen gemacht werden, die schon in der Gemeinde sind.
Der Prozess der wechselseitigen Grenzüberschreitung beginnt immer bei der Bewegung auf die Distanzierten zu. Die Bewegung der Neuen auf die etablierte Gemeinde zu kann der Natur der Sache nach erst später erfolgen und braucht viel Geduld. Die Gemeinde muss also einen Vertrauensvorschuss haben: In die Menschen, die sie erreichen möchte, vor allem aber in Gott, in dessen missionarischem Auftrag sie handelt.
Und genau dies ist oft ein Stolperstein in der Gemeindeentwicklung: Die Gemeinde muss auf Menschen zugehen, die noch gar nicht da sind, aber denen, die schon da sind, dabei Erhebliches abverlangen. Ich denke, aus diesem Grund wagen nur wenige Gemeinden diesen Perspektivenwechsel weg von der Binnenfixierung.
Die Bewegung der traditionellen Kerngemeindemitglieder auf die Distanzierten zu sah in unserer Gemeinde bei der Einführung unseres „Gottesdienst Anders“ so aus: Unser Gottesdienst für Kirchendistanzierte ist kein klassischer Zweitgottesdienst, wie er meist abends zusätzlich zum traditionellen Morgengottesdienst gefeiert wird, sondern wird an jedem 3. Sonntag im Monat zur üblichen Gottesdienst-Zeit gefeiert. Obwohl die Zahl unserer Gottesdienste sich in den vergangenen Jahren deutlich erhöht hat und ein zusätzlicher Gottesdienst an dieser Stelle möglich gewesen wäre, wollten wir als Gemeindeleitung den treuen Gemeindegliedern sagen: Der „Gottesdienst Anders“ ist kein Zusatzangebot, keine experimentelle Spielwiese, sondern ein ebenbürtiger Gemeindegottesdienst, zu dem auch ihr treuen Gemeindeglieder kommen sollt, weil unsere ganze Gemeinde sich den Kirchendistanzierten zuwenden möchte. Einmal im Monat sollt ihr dieses „Opfer“ bringen. Wir sehen den Gottesdienst für Kirchendistanzierte als einen vollständigen evangelischen Gemeindegottesdienst.
Gehen wir nicht leichtfertig über diese Zumutung hinweg, sondern machen wir sie uns klar: Als Gemeinde leben wir seit Jahrzehnten in einem Gottesdienst, der für uns ein wohlig eingerichtetes Zuhause ist, mit vielen vertrauten Gegenständen. Die alten Lieder bedeuten uns viel. Die Sprachspiele wie Wechselgebete und liturgische Gesänge sind uns vertraut. Wir kennen einander. Wir stehen in einer festen Tradition, die uns im rauen Wind des Zeitgeistes Geborgenheit gibt.
Das alles ist richtig und wichtig und soll niemandem genommen werden. Und dennoch erwarten wir von der Gemeinde, sich zu bewegen. Angesichts der Größe der Zumutung wird klar: Diese Bewegung kann nur motiviert werden durch ein offenes, weites Herz für die Menschen, die Gott noch nicht kennen. Umgekehrt: Diese Zumutung wird nicht akzeptiert werden, wenn es kein vordringliches Anliegen ist, Menschen, die Gott noch nicht kennen, zu erreichen.
Der „Gottesdienst Anders“ war eine Bewegung der traditionellen Gemeinde auf die Kirchendistanzierten zu. Aber er bringt auch diese, wenn sie regelmäßig kommen, nach und nach in Bewegung Richtung Gemeinde.
Zum Beispiel, weil er Elemente enthält, die nach der „reinen Lehre“ des sucherorientierten Gottesdienstes eigentlich nicht in einen solchen Gottesdienst gehören:
- Wir singen bis auf wenige Ausnahmen Lieder, die auch sonst
in der Gemeinde gesungen werden, auch aus dem Evangelischen Gesangbuch, wenn
auch in poppigerem Gewand. Nur hin und wieder kommen säkulare Hits vor, wenn es
das Thema anbietet.
- Wir beten das „Vater unser“, was in einem sucherorientierten Gottesdienst
nicht selbstverständlich ist.
- Wir laden ein zu unseren anderen Gottesdiensten und äußern immer einmal
wieder unsere Erwartung, dass die Menschen häufiger als einmal im Monat den
Gottesdienst besuchen.
- Wir erwähnen auch die Kollekte und Spendenzwecke und Mitteilungen aus dem
Gemeindeleben.
Der „Gottesdienst Anders“ lebt also nicht von der Abgrenzung zum „normalen“, sondern ist ein gemeinsames Anliegen der gesamten Gemeinde. Das führt dann auch zu liturgischer Durchlässigkeit.
Aber auch der bloße Gottesdienstbesuch ist schon eine Bewegung, ein enormer Aufbruch aus Lebensgewohnheiten für Menschen, die bisher in Distanz zu Glaube und Gemeinde gelebt haben und nun Gottesdienstbesuch und Gemeinde in ihre Wochenendplanung integrieren.
Nachdem der „Gottesdienst Anders“ einige Monate etabliert war, stellten wir fest: Tatsächlich gibt es missionarische Grenzüberschreitungen.
Auf der einen Seite gibt es Grenzüberschreitungen von der traditionellen Gemeinde hin zu den neuen Gottesdienstbesuchern:
- Ich denke an die ältere Dame, die nach dem Gottesdienstbesuch sagte: „Mir gefällt diese laute Musik ja nicht, aber wenn dadurch Menschen in den Gottesdienst kommen, die sonst nicht kommen, finde ich es gut.“
- In den Gottesdienst für Kirchendistanzierte kommen die Senioren regelmäßiger und zahlreicher als in den agendarischen Gottesdienst – obwohl sie nicht die Zielgruppe sind und darum wissen.
Auf der anderen Seite gibt es Grenzüberschreitungen von den neuen Gottesdienstbesuchern zur Gemeinde hin:
- Gottesdienstbesucher unseres „Gottesdienst Anders“ lassen sich einladen zu Glaubenskursen und besuchen Kleingruppen der Gemeinde.[25]
- Heute wird unser traditioneller agendarischer Gottesdienst zur Hälfte von Menschen besucht, die über den Gottesdienst für Kirchendistanzierte angesprochen wurden. Sie sagen: „Auch wenn dieser Gottesdienst nicht so ist, wie ich ihn mag, ich komme dennoch, weil dies inzwischen meine Gemeinde ist.“
Mir ist keine Gemeinde bekannt, die aufgrund des Erfolgs mit Gottesdiensten für kirchendistanzierte Menschen den klassischen Gottesdienst aufgegeben hätte. Gerade diese Gemeinden wenden sich mit viel Liebe und Aufmerksamkeit dem agendarischen Gottesdienst zu und pflegen die traditionelle Liturgie mit freundlicher Feierlichkeit. Das haben wir uns zum Vorbild genommen. Und so wächst seit Bestehen des „Gottesdienst Anders“ der Besuch des klassischen agendarischen Gottesdienstes ebenfalls deutlich.
So hat unser Gottesdienst für Kirchendistanzierte nicht für eine Zersplitterung gesorgt, sondern integrativ gewirkt wie keine andere Maßnahme in unserem Gemeindeleben der letzten Jahre. Dies liegt nicht an Programmen, Konzepten und Modellen, sondern an Menschen und ihrer Zuwendung zu den noch Fremden, an ihrer Bereitschaft, sich zur Gemeinschaft mit neuen Gottesdienst-Besuchern zu bekehren.
Es sind Menschen, weshalb Menschen zur Gemeinde finden. Die vierte EKD-Untersuchung zur Mitgliedschaft zeigt: Durch persönliche Beziehungen wachsen die Menschen in den Glauben hinein. Werden die Mitglieder gefragt nach den Faktoren, die das eigene Kirchenverhältnis positiv geprägt haben, werden genannt: Eltern, Großeltern, Pfarrer, Ehepartner, aber auch Freunde und Bekannte. Erst dann kommen Faktoren wie Zeitungen, Fernsehen, Radio und Veranstaltungen.[26]
Nun, nach dreieinhalb Jahren „Gottesdienst Anders“ stellen wir fest: Die wechselseitige missionarische Grenzüberschreitung ist ein Prozess, in dem die Trennung zwischen kirchendistanzierten und kirchlichen Gottesdienstbesuchern immer weniger sichtbar wird. Denn die „Distanzierten“ verändern sich. Ihre Distanz verwandelt sich immer mehr in Nähe. Und auch die Kerngemeinde verändert sich. Sie bildet nicht mehr das abgeschlossene Milieu einer kirchlichen Binnen-Kultur, sondern öffnet sich durch die Orientierung an Neugierigen, Suchenden und Kritischen hin zur Gegenwartskultur und entdeckt, wie diese für sie selbst und ihr Lebensgefühl von Relevanz ist.
Und dennoch ist die Bekehrung von beiden Seiten eine bleibende Aufgabe, die sich nie erledigt haben wird. Im Gegenteil: Sie muss immer mehr Teil einer Gemeindekultur werden. Um die Einheit muss ständig neu gerungen, sie muss erbeten werden, Menschen müssen in diese Einheit hineingeliebt werden.
Und diese Liebe ist noch lange nicht überall durchgedrungen. Ich habe gelungene Beispiele erwähnt, aber viele Grenzüberschreitungen gelingen nicht. Zum Beispiel kommen noch viele regelmäßige Besucher des „Gottesdienst Anders“ nicht in die klassischen Gottesdienste, sondern bleiben bei ihrem monatlichen Gottesdienstbesuch. Andererseits vergessen Mitglieder der Gemeindeleitung immer wieder einmal die Vorsätze, zu denen sie sich einst verpflichtet hatten und klagen dann zum Beispiel über zu wilde Musik oder über das unangepasste Verhalten der Gottesdienstbesucher. Der Wille zur Bewegung auf die Neuen zu ist nie ein geistiger Besitz einer Gemeinde, er muss ständig mühvoll aktualisiert werden.
Eine andere Herausforderung: Jede Gemeinde, die Wärme nach
innen verbreitet, kann abschottend nach außen wirken. Es kann jederzeit schnell
geschehen, dass sich Binnenfixierung und Kuschelkirchlichkeit, die doch schon
überwunden waren, wieder einschleichen. Deshalb haben wir Regeln und Slogans
formuliert, mit denen unsere Gemeindephilosophie gelebte Gemeinderealität
werden soll.
Einer von vielen von der Gemeindeleitung beschlossenen Slogans lautet: „Neue
haben Vorrang!“ Das heißt, wir achten zuerst auf die Bedürfnisse unserer Gäste.
Und in Mitarbeiter-Teams reden zunächst die neuen Mitarbeiter, sonst reden sie
wahrscheinlich gar nicht und haben immer das Gefühl, die Regeln noch nicht
richtig zu kennen und sich erst noch anpassen zu müssen. Umgekehrt haben wir
festgestellt: Die Orientierung an den Bedürfnissen der Zielgruppe ist zwar
wichtig und es ist unser Auftrag, auf die Nöte und Fragen der Menschen
einzugehen. Aber die Bedürfnisorientierung hat ihre Grenzen dort, wo es
einerseits um die Einheit der Gemeinde geht und andererseits um spirituelle Tiefe. [27]
Auch wenn uns manches nicht gelingt: Wir machen uns immer wieder klar, dass wir nun die Probleme haben, die wir immer haben wollten, weil viele Menschen zu uns kommen, die früher nicht gekommen sind. Eins steht fest: Mit einem ruhigen und beschaulichen Gemeindeleben ist es vorbei, wenn eine Gemeinde beschließt, sich für kirchendistanzierte Menschen und auf sie hin zu bekehren. Aber hier gilt, was die EKD in ihrem Kundgebungstext 1999 sagte: „Je mehr die Kirche missionierend aus sich herausgeht, desto besser lernt sie dabei auch sich selbst kennen. Bei dem Versuch, der Welt die Augen zu öffnen, gehen ihr die Augen über sich selbst auf. Eine Kirche, die ihren Schatz unter die Leute bringt, wird staunend entdecken, wie reich sie in Wahrheit ist.“[28]
In einer Gemeinde, in der die neu angesprochenen genauso dazu gehören können wie die langjährigen Gemeindeglieder, korrespondiert die Bewegung aufeinander zu mit der Bewegung aller hin zur Mitte.
b. Ein Einheit bildendes
Gemeindeverständnis: Die Bewegung zur Mitte – Brunnen graben statt Zäune ziehen
Wie wichtig die Integration von Menschen in die Gemeinde ist, zeigt die Erfahrung, dass Menschen die Gemeinschaft einer Gemeinde brauchen und das Gefühl „Du bist zuhause“[29], ehe sie Glauben können.
Der Emmaus-Glaubenskurs, mittlerweile in Deutschland einer der stark verbreiteten Glaubenskurse, basiert auf diesem Verständnis: „Dazugehören kommt vor dem Glauben – nicht anders herum“.[30] Im Englischen ist es ein griffiges Wortspiel: „Belonging before believing“: Erst kommt das Einbezogenwerden und das Gefühl der Zugehörigkeit – und nach und nach lernen die Menschen die Mitte kennen, um die sich in der Kirche alles dreht, sie bekommen einen Zugang zur Person Jesus Christi. Deshalb ist es entscheidend, dass wir keine Zäune um unsere Gemeinden ziehen, gleich ob sie theologischer oder soziologischer Natur sind, sondern unsere Gemeinden weit öffnen und so Begegnungen mit Christen und mit Christus selbst ermöglichen. Wir brauchen also ein Gemeindeverständnis ohne Zäune, aber mit Ausrichtung auf die Mitte zu. Auch um dies zu lernen, wenden wir uns dem Neuen Testament zu und auch hier bleiben wir im horizontalen Verständnis des Gesagten.
Im Epheserbrief beschreibt Paulus die Einheit der Gemeinde aus Juden und Heiden: „Darum denkt daran, dass ihr, die ihr von Geburt einst Heiden wart und Unbeschnittene genannt wurdet von denen, die äußerlich beschnitten sind, dass ihr zu jener Zeit ohne Christus wart, ausgeschlossen vom Bürgerrecht Israels und Fremde außerhalb des Bundes der Verheißung; daher hattet ihr keine Hoffnung und wart ohne Gott in der Welt. Jetzt aber in Christus Jesus seid ihr, die ihr einst Ferne wart, Nahe geworden durch das Blut Christi.
Denn er ist unser Friede, der aus beiden eines gemacht hat und den Zaun abgebrochen hat, der dazwischen war, nämlich die Feindschaft. Durch das Opfer seines Leibes hat er abgetan das Gesetz mit seinen Geboten und Satzungen, damit er in sich selber aus den zweien einen neuen Menschen schaffe und Frieden mache und die beiden versöhne mit Gott in einem Leib durch das Kreuz, indem er die Feindschaft tötete durch sich selbst. Und er ist gekommen und hat im Evangelium Frieden verkündigt euch, die ihr fern wart, und Frieden denen, die nahe waren. Denn durch ihn haben wir alle beide in einem Geist den Zugang zum Vater“ (Eph 2,11-18).
Hier wird die erste kulturelle Grenzüberschreitung des christlichen Glaubens beschrieben. Juden- und Heidenchristen bilden eine Gemeinde, denn er, Christus, hat den Zaun abgebrochen, der zwischen beiden war. Bezogen auf unser Thema heißt das: Aufgabe der Gemeinde ist nicht, Zäune zwischen drinnen und draußen zu ziehen, sondern auf diesen Christus hinzuweisen.
Michael Frost und Alan Hirsh, zwei australische Theologen, brachten dies auf die Formel: „Brunnen graben statt Zäune ziehen.“[31] Es handelt sich dabei um ein zentriertes Gemeindeverständnis, für das die Ausrichtung auf die Mitte konstituierend ist im Gegensatz zu einem gebundenen Gemeindeverständnis, für das die Grenze entscheidend ist. Frost und Hirsh nehmen dabei Bezug auf ein Verständnis sozialer Gruppierungen, das der US-amerikanische Anthropologe Paul G. Hiebert 1985[32] entwickelte und das seitdem in der Gemeindeentwicklung aufgegriffen wurde[33].
Hiebert unterscheidet „centered
sets“, „bounded sets“ und „fuzzy sets“. Während die „fuzzy sets“ als eine Gruppe
ohne klare Strukturen und ohne das Wahrnehmen von Leitung nicht ernsthaft eine
Option für christliche Gemeinde ist, zeigen die beiden anderen „sets“ zwei Möglichkeiten
auf, wie die Einheit der Gemeinde im Verständnis der Gemeindeglieder gebildet
werden kann.

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bounded set: |
centered set: |
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kein Zentrum, dafür klare Grenzen zwischen drinnen und draußen |
eine klare Mitte, dabei offene Grenzen |
Unsere Gemeinde hat festgestellt: Es ist entscheidend für die Gemeinde-Kultur, für die Werte, die uns leiten, für unseren Umgang miteinander und mit neuen Gottesdienstbesuchern, was im Verständnis der Gemeindeglieder identitätsstiftend wirkt und die Einheit der Gemeinde ausmacht: Die Grenzen oder die Mitte?
Als im Jahr 1998 eine Arbeitsgruppe des Presbyteriums in einem monatelangen Prozess eine Konzeption der Gemeindearbeit erarbeitete und danach in einer Gemeindeversammlung der Gemeinde vorstellte, war der Gedanke einer klaren Mitte bei offenen Grenzen leitend: „Die gemeinsame Mitte ist Jesus Christus. Alle Gruppen und Kreise, die existieren, müssen mit der Mitte vereinbar sein und sich von der Mitte aus orientieren. Es gibt keine Abgrenzung zwischen ‚drinnen’ und ‚draußen’. Alle Aktivitäten orientieren sich an Jesus Christus […] Die Gemeinde kann die verschiedensten Interessengruppen beherbergen. Die Richtung muss aber stimmen […]“[34]
Acht Jahre nach dieser Konzeption sind die Mitarbeiter des „Gottesdienst Anders“ und anderer Gemeindegruppen ein buntes Kaleidoskop von bekennenden Christen, Agnostikern und Atheisten. Einige Mitarbeiter sind aus der Kirche ausgetreten oder noch gar nicht getauft. Wir üben keinen Druck aus, Mitglied der Kirche zu werden oder sich taufen zu lassen. 58% der beim „Gottesdienst Anders“ Mitarbeitenden war 2002 beim Start noch nicht dabei. Mitarbeiten kann jeder, der mit uns unterwegs sein möchte und mit der Ausrichtung auf diese unsichtbare Mitte einverstanden ist. Jeder, der mitarbeiten möchte, findet eine Aufgabe, die seinen Interessen und seinen Gaben entspricht.
Wer neu in unsere Gemeinde kommt, vermutet aufgrund der klaren Gemeindephilosophie und Gemeindekonzeption eine Gemeinde von sehr gläubigen Menschen und ist dann überrascht. Wenn die Mitte klar ist, können wir ein weites Herz haben, was die Ränder angeht. Nur wenn die Mitte fehlt, müssen wir die Ränder betonen und von ihnen her unsere Identität beziehen. Wir haben die Erfahrung gemacht: Der Verzicht auf die Ränder und die Ausrichtung auf die Mitte schafft eine Atmosphäre, in der Atheisten ihre Kritik am Glauben, Agnostiker ihre Zweifel und Christen ihre Anrechtungen offen formulieren können.
Gegenüber einem liberalen Gemeindeverständnis, das darauf verzichtet, eine Mitte der Gemeinde klar zu benennen, wollen wir „wachsen zu dem hin, der das Haupt ist, Christus“ (Eph 4,15). Wir möchten uns auf ihn zu bewegen, denn nah bei ihm sind wir uns nah, von welcher Richtung wir auch immer uns auf ihn zu bewegen. Wir wollen Jesus Christus die unsichtbare Mitte unserer Gemeinde sein lassen, möchten auf ihn hinweisen und Menschen einladen, sich auf ihn hin auszurichten und mit uns gemeinsam unterwegs zu sein. Gegenüber einem evangelikalen Gemeindeverständnis verzichten wir darauf, Gläubigkeit zu messen; um im Bild zu bleiben, zu wissen, wer wie weit auf diesem Weg vorangekommen ist oder wie schnell er sich bewegt. Es kommt auf die Richtung an, in die ein Christ wächst, nämlich auf Christus zu.
Unsere Gemeinde möchte an dieser Stelle über das Modell von Paul G. Hiebert hinausgehen, der im „centered set“ doch wieder versucht, eine Grenze zu ziehen zwischen denen, die sich auf die Mitte zu bewegen und denen, die sich abwenden. Der Glaube eines Menschen ist uns verborgen. Zwar gibt es nach dem Neuen Testament so etwas wie „Früchte“ des Glaubens, die ihn durchaus erkennbar machen und es gibt ein Wachsen im Glauben, aber Grenzen ziehen zwischen Glauben und Unglauben möchten wir nicht.
Das zentrierte Gemeindeverständnis bleibt auch in den nächsten Jahren unsere Herausforderung. Analysen unserer Gemeinde, 2005 und 2007 erstellt durch das Institut für Natürliche Gemeindeentwicklung[35], hat uns gezeigt, woran wir arbeiten wollen: Es ist zwar leicht, sich zu integrieren in unserer Gemeinde. Unsere Gemeinde wird als gastfreundlich, herzlich und offen empfunden. Grenzen und Milieuverengungen werden kaum wahrgenommen. Aber die Mitte ist für viele noch verschwommen. Persönliches Gebet, Bibellesen und die Entwicklung einer leidenschaftlichen Spiritualität haben in unserer Gemeinde ein großes Wachstumspotential. Das Graben von Brunnen, aus denen lebendiges Wasser sprudelt, wird uns deshalb in den nächsten Jahren beschäftigen.
Fazit
Manche Autoren der amerikanischen emerging church-Bewegung rechnen nicht mehr damit, dass es gelingt, Menschen aus verschiedenen Milieus in einem Gottesdienst und einer Gemeinde zu vereinen. Sie raten Gemeinden sogar, dies gar nicht erst zu versuchen.[36] In der anglikanischen Kirche in England ist das church-planting-Konzept weit vorangeschritten.[37] Auch in Deutschland trägt ein neuer missionarisch ausgerichteter Gottesdienst für Milieus, die die Kirche bisher nicht angesprochen hat, den Keim der Gemeindepflanzung schon immer in sich.
Gemeindepflanzung kann im konkreten Fall durchaus angebracht und sinnvoll sein, und es ist zu befürworten, wenn Landeskirchen sich in jüngster Zeit für diese Entwicklung öffnen wie es die Württembergische Landeskirche z.B. mit der Gründung von Jugendgemeinden getan hat.[38] Vorangetrieben wird diese Entwicklung auch von der Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste, die Gemeindepflanzungsprojekte initiiert und begleitet, die unter dem Dach der Gliedkirchen der EKD bisherige Formen von kirchengemeindlicher Arbeit ergänzen sollen. [39]
Aber dies sollte meines Erachtens nicht heißen, dass wir es von vorn herein aufgeben sollten, neue, bisher nicht erreichte Milieus in bestehende Gemeinden zu integrieren. Die Frage, vor der die Kirchengemeinden in Deutschland stehen, ist, ob sie die neuen Milieus integrieren wollen. Das ist die entscheidende Frage – und nicht, ob es Gottesdienste für Kirchendistanzierte und bisher nicht erreiche Milieus in Deutschland flächendeckend geben soll. Denn das ist längst in beeindruckender Weise entschieden.
Zurzeit ist noch nicht zu beantworten, ob der Wille da ist, die neuen Gottesdienst-Besucher in die bestehenden traditionellen Gemeinden einzubinden. Es liegt kaum Datenmaterial darüber vor, ob die Integrationsleistung in Deutschland genauso flächenmäßig gelingt wie die Installation neuer Gottesdienste. Doch davon wird ein gutes Stück der Zukunftsfähigkeit unserer Gemeinden abhängen.
Ich habe versucht zu zeigen: Die Integration neuer Gottesdienstbesucher wird dann gelingen, wenn ein Einheit schaffendes Missionsverständnis und ein Einheit schaffendes Gemeindeverständnis als Gemeinde-Kultur aufgebaut wird. Oder, anders formuliert: Wenn die Gemeinde in Bewegung kommt, auf ihre kirchendistanzierten Zeitgenossen zu und auf die Mitte zu, die Jesus Christus ist.
Im anderen Fall wird eine Spaltung zementiert: Einerseits wird der klassische Gottesdienst auch weiterhin ein Zielgruppengottesdienst für kirchlich-liturgisch sozialisierte Menschen sein. Und andererseits werden die neuen Gottesdienstbesucher ihre Zielgruppengemeinden gründen.
Entscheidend wird sein, ob in unseren Gemeinden für die Integrationsleistung genug Liebe da ist. Der Motor jeder gelingenden Mission ist Liebe. Auf diese Liebe kommt es an. Sie bestimmt wie kein anderer Faktor die Zukunftsfähigkeit unserer Gemeinden. Liebe ist ein schwieriger Begriff für die Gemeindeentwicklung. Sie ist ein weicher Faktor und lässt sich nicht messen. Aber die Auswirkungen der Liebe lassen sich sehr wohl feststellen, nämlich in milieuüberschreitenden, missionarisch aktiven Gemeinden.[40] Diese Liebe täglich zu leben, ist die Aufgabe jedes einzelnen Christen. Die frohe Botschaft dabei ist: Wir brauchen Sie nicht aus uns zu produzieren, sondern nur uns zu öffnen für den Gott, der selbst die Liebe ist (1 Joh 4,16).
[1] Die vierte und bisher letzte Untersuchung stammt aus dem Jahr 2002 und wurde ein Jahr später veröffentlicht. Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland (Hg.): Kirche – Horizont und Lebensrahmen, Weltsichten, Kirchenbindung, Lebensstile. Vierte EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft, 2003. S. mittlerweile auch in Wolfgang Huber u.a. (Hg.): Kirche in der Vielfalt der Lebensbezüge: Die vierte EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft, 2006.
[2] Gerhard Schulze unterscheidet diese fünf Milieus, die häufig in der Praktischen Theologie aufgegriffen werden. Gerhard Schulze: Die Erlebnis-Gesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart, 5. Aufl., 1995, S. 277ff
[3] Vgl. Michael Herbst: Wir brauchen auch in Deutschland neue Ausdrucksformen von Kirche. In: In: AMD-Akzente 16 (2006), S. 4-5.
[4] Eine detailliertere Beschreibung des Lebensstiltypen gibt die vierte EKD-Erhebung auf S. 70.
[5] Ich verwende hier den Begriff „Kirchendistanzierte“, weil er – inbesondere durch die Veröffentlichungen der EKD – allgemein eingeführt ist, obwohl er nach meinem Empfinden keinen guten Klang hat, längst nicht mehr zeitgemäß ist und nur bedingt dem Empfinden der so Bezeichneten gerecht wird. Es ist ein Begriff der Moderne und nicht der Postmoderne. Der postmoderne Mensch ist offener, suchender und neugieriger als dies im Begriff „kirchendistanziert“ zum Ausdruck kommt.
[6] Die immer wieder zu hörenden Stimmen, auch distanzierte Mitgliedschaft
ernst zu nehmen als eigenständiges, originäres und nicht defizitäres Kirchenverständnis
und sie nicht abzuwerten (z.B. Gerald Kretzschmar: Distanzierte Kirchlichkeit,
2001), haben volksmissionarische Überlegungen keineswegs beendet. Es geht einem
volksmissionarischen Anliegen ja auch nicht um eine Mobilisierung der
Mitglieder zwecks Selbsterhaltung der Kirche. Vielmehr will die Kirche
distanzierte Kirchenmitglieder gerade dadurch ernst nehmen, dass sie sich durch
sie in Frage stellen lässt und nach neuen, kreativen Wegen sucht, sie
anzusprechen, in einer Weise, wie diese Mitglieder ihre Kirche bisher nicht
kannten. Die EKD-Untersuchung von 2002 zeigt: Kirchendistanzierte Mitglieder
erwarten bisher nicht viel mehr von ihrer Kirche als eine Begleitung durch
Kasualien an den Lebensübergängen und ein diakonisches Engagement, sind aber
sehr wohl offen und ansprechbar für neue Gottesdienstformen und neue Angebote.
[7] Gerhard Linn im Auftrag der Evangelischen Kirche der Union (Hg.): Schritte der Hoffnung: Missionarische Gemeindeinitiativen, 1999.
[8] Evangelisation und Mission: Ein Votum des Theologischen Ausschusses der Arnoldshainer Konferenz, 1999.
[9] Ebd., S. 96.
[10] Kundgebung der 9. Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland zum Schwerpunktthema. In: Kirchenamt der EKD im Auftrag des Präsidiums der Synode (Hg.): Reden von Gott in der Welt: Der missionarische Auftrag der Kirche an der Schwelle zum 3. Jahrtausend. EKD-Synode 1999, 2000, S. 36-45, hier S. 41f.
[11] Ebd., S. 41.
[12] Für die pfälzische Landeskirche denke ich an die Rede von Kirchenpräsident Eberhard Cherdron auf der Frühjahrssynode 2006 und an die Frühjahrssynode 2007 zum Schwerpunktthema „Missionarische Kirche“.
[13] Irene Mildenberger/ Wolfgang Ratzmann (Hg.): Jenseits der Agende: Reflexion und Dokumentation alternativer Gottesdienste. 2003. Christian Schwark: Gottesdienste für Distanziere: Konzepte und Perspektiven, 2006.
[14] Riley Edwards-Raudonat: Von Willow-Creek bis „Weidenbach“: Die Evangelisierung des kirchendistanzierten Menschen in den USA und in Deutschland, in: Deutsches Pfarrerblatt 101 (2001), S. 397-400.
[15] In Deutschland gibt es missionarisch ausgerichtete Gottesdienste für Kirchendistanzierte auch ohne den Einfluss, sogar teilweise ohne die Kenntnis der in Deutschland sehr bekannten amerikanischen Gemeinden wie Willow Creek oder der Saddleback Church. Ein Vergleich der in Deutschland konzipierten mit amerikanischen Gottesdiensten zeigt neben Gemeinsamkeiten auch wesentliche Unterschiede, die Christan Schwark, a.a.O., S. 179, herausgearbeitet hat. Die spezifische Ausprägung und die eigene Geschichte und Tradition der hierzulande gefeierten Gottesdienste für Kirchendistanzierte wird in der Diskussion bisher so gut wie nicht wahrgenommen.
[16] Pommerscher Perspektivplan vom 20.05.2005. Veröffentlicht in: Pommersche Evangelische Kirche (Hg.): Leben in Gottes Gegenwart: Perspektiven für die Pommersche Evangelische Kirche, 2006, hier S. 9 und 35.
[17] Bericht des Bischofs auf der 11. Landessynode der Pommerschen Evangelischen Kirche vom 08.-10.10.2004 in Züssow, S. 10.
[18] Aus dem Bericht des badischen Pfarrers Martin Reppenhagen, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung in Greifswald, als Ergebnis einer Befragung unter badischen Kirchengemeinden beim Forum „Gemeinde missionarisch entwickeln“, das am Samstag, 4. Februar 2006 in der Thomasgemeinde in Rastatt stattfand.
[19] Vgl. meinen Beitrag im selben Heft des Pfälzischen Pfarrerblattes: Bieten Sie alternative Gottesdienste an? Eine Umfrage unter allen Protestantischen Kirchengemeinden in der Evangelischen Kirche der Pfalz.
[20] Die Entwicklung unserer Gemeinde kann hier nicht dargestellt werden, die soziologischen Rahmenbedingungen unserer Arbeit und die Zuwendung zu Kindergarteneltern bis zum Jahr 1996 sind veröffentlicht in Friedrich Schmidt/Arnd Götzelmann: Der evangelische Kindergarten als Nachbarschaftszentrum in der Gemeinde: Dokumentation zur Modellprojekt des Diakonischen Werkes Pfalz, 1997.
[21] Andreas Feldtkeller: Einheit der Mission: Missionstheologische Perspektiven, in: Zeitschrift für Mission 30 (2004), S. 317-328.
[22] So Feldtkeller ebd., S. 319.
[23] Dass sowohl die Gegenwartskultur als auch die
kirchliche Kultur keineswegs immer einheitlich und eindeutig sind, spielt für unsere
Betrachtung der hier beschriebenen missionarischen Bekehrung von Menschen
aufeinander zu keine Rolle, denn es geht um das grundsätzliche „dass“, nicht um
das konkrete „wie“ der Bewegung. Dieses „wie“ wird unter verschiedenen
Bedingungen sehr verschieden ausfallen und es muss auch verschieden ausfallen,
um der jeweiligen Zielgruppe gerecht zu werden.
[24] Walter Hollenweger: Artikel Evangelisation, TRE Bd. 10, S. 636-641, hier S. 640.
[25] Ein Gottesdienst für Kirchendistanzierte muss immer eingebunden in ein nachhaltiges Konzept der Gemeindeentwicklung. Im anderen Fall sind diese Gottesdienste nur ein Strohfeuer. Sie bleiben dann mehr oder weniger aufwändige „Events“ ohne Konsequenzen.
[26] Vierte EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft. 2003, s. Anm. 1, hier S. 38.
[27] Angesichts unserer Fragestellung ist interessant zu sehen, dass in der neueren Gottesdienstdiskussion in der USA, wo Seeker-Services weit verbreitet sind, mittlerweile deutlich gesehen wird, dass man, getrieben von missionarischer Leidenschaft, in der Bedürfnisorientierung zu weit gegangen ist. Eine jüngere Generation von Gemeindeleitern, die zum Teil aus den großen Mega-Churches hervorgegangen ist, kritisiert, dass der Gottesdienst Hilfe zur Alltagsbewältigung wurde und sieht spirituelle Defizite, Mittelstandsorientierung, mangelndes soziales Engagement, politische Einseitigkeit und die Beförderung einer civil religion. So kritisiert Erwin Raphael McManus, „dass das Konsumdenken die heutige Kirche tief geprägt hat. Die entscheidenden Diskussionen drehen sich nicht mehr um Relevanz, sondern um Bequemlichkeit, Es ist für die meisten Gemeinden schon lange kein erstrebenswertes Ziel mehr, der Welt zu dienen; die Kirche selbst ist zum Inhalt geworden.“ In: Eine unaufhaltsame Kraft: Gemeinde, die die Welt verändert. Deutsche Ausgabe 2005, S. 44. Aus deutscher Sicht sind bei diesen Kritikern, die ihre Bewegung „emerging church“ nennen, wieder Einseitigkeiten zu erkennen. So fehlt bei ihren Vertretern weitgehend eine theologische Kritik an der (amerikanischen) jugend-kulturellen Gegenwartskultur. Es bleibt aber festzuhalten, dass Tendenzen zur Förderung einer Zivilreligion keineswegs nur bei sucherorientierten Gottesdiensten bestehen, sondern genauso bei traditionellen Gottesdiensten, denn sie ist im Kern keine Frage der Gottesdienstform, sondern der Verkündigung. Und die Kritik an Bequemlichkeit, Kosumdenken und Selbstbezogenheit trifft auch unser landeskirchliches Leben in Deutschland. Als Volkskirche stehen auch wir immer wieder in der Gefahr, den prophetischen Auftrag kaum noch wahrzunehmen, sondern uns in der Verrichtung der stark nachgefragten Segenshandlungen zu erschöpfen. Zur ersten Orientierung über die emerging church-Bewegung: Fabian Vogt: Das 1x1 der emerging church, 2006.
[28] Kundgebung der 9. Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland zum Schwerpunktthema, in: Kirchenamt der EKD im Auftrag des Präsidiums der Synode (Hg.): Reden von Gott in der Welt: Der missionarische Auftrag der Kirche an der Schwelle zum 3. Jahrtausend. EKD-Synode 1999, 2000, S. 36-45, hier S. 44.
[29] So das Gemeinde-Motto unserer Gemeinde, die „Dietrich-Bonhoeffer-Zentrum“ heißt, im Ort aber nur „DBZ“ genannt wird, woraus eine Presbyterin „DuBistZuhause“ machte.
[30] So Robin Gill, in: Michael Herbst: Emmaus: Auf dem Weg des Glaubens. Handbuch. Deutsche Ausgabe 2002, S. 136.
[31] Michael
Frost/ Alan Hirsh: The Shaping of Things to Come: Innovation and
[32] Paul
G. Hiebert: Anthropological insights for missionaries, 1985.
[33] Zum Beispiel von Darrell Guder (Hg.): The missional church, 1998, S. 97. Heute wird Paul G. Hiebert entdeckt von den Vertretern der emerging church-Bewegung, die international diskutiert wird (s. Anmerkung 27). Sie setzt sich vielfältig vom vorherrschenden amerikanischen Protestantismus ab und möchte Kirche für die postmoderne Generation sein.
[34] Konzeption der Gemeindearbeit im Dietrich-Bonhoeffer-Zentrum: Zum 25-jährigen Jubiläum des Dietrich-Bonhoeffer-Zentrums, 1998., S. 13. Erhältlich über das Dietrich-Bonhoeffer-Zentrum, Bexbacher Str. 11, 67063 Ludwigshafen.
[35] www.nge-deutschland.de.
[36] So Dan Kimball: Emerging Church: Die postmoderne Kirche: Spiritualität und Gemeinde für neue Generationen. Deutsche Ausgabe 2005, S. 96ff.
[37]
[38] Sehr ausführlich wird das theologische Programm dargestellt vom Münchner Praktischen Theologen Ulrich Schwab, in: To fit their culture – neue Jugendarbeit für neue Jugendliche: Bericht bei der Delegiertenversammlung des Evangelischen Jugendwerks in Württemberg am 30. Juni 2001 im Bernhäuser Forst, in: Pastoraltheologie 91 (2002), S. 106-116. Der Bericht ist auch zugänglich als Datei: www.weigle-haus.de/download/ ToH/To_fit_their_culture.pdf. Mit der theologischen Programmatik beschäftigte sich auch die Landessynode der Württembergischen Landeskirche: Wüttembergische Evangelische Landessynode (Hg.): Wachsende Kirche: Dokumentation des Schwerpunktthemas der 13. Landessynode am 10. Juli 2004.
[39] Volker Roschke: Gemeinde pflanzen: Modell einer Kirche der Zukunft, in: Brennpunkt Gemeinde 58 (2005), Nr. 6, S. 233-237. Siehe auch www.gemeinde-pflanzen.de.