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Spielraum Gottesdienst>[1]
Chancen und Grenzen
alternativer Gottesdienstformen
In der
Gottesdienstlandschaft ist zurzeit viel in Bewegung. Es gibt eine lebendige
Praxis vor Ort. Und es gibt eine lebhafte Debatte über Gottesdienst im Rahmen des
kirchlichen Reformprozesses.
Zur Lebhaftigkeit
tragen auch „neue“ bzw. „alternative“ Gottesdienste bei: Sie sind ein Spielraum
kreativer Gottesdienstgestaltung. Das Spielerische kommt ebenso zum Zug wie der
Raum im konkreten Sinn: Ob Kirche, Kino oder ein anderer Raum, er wird bewusst
ausgesucht, gestaltet und begangen.
Entstanden ist so etwas wie
eine neue liturgische Bewegung, ein Aufbruch insbesondere Ehrenamtlicher, der
nun auch zunehmend kirchenleitend Unterstützung findet. Dieser Aufbruch hat
eine Ausstrahlungskraft, die Mut macht, neue Wege auszuprobieren. Gemeinden
sind neugierig, lassen sich anstecken, entdecken für sich neu die Vielfalt
gottesdienstlichen Lebens.
Was kann ich
beitragen? Als Leiter der Arbeitsstelle Gottesdienst der EKD befasse ich mich
schon länger mit neuen Formen des Gottesdienstes, habe Projekte besucht und
versucht zu verstehen: Was hat es mit diesen Projekten auf sich? Was ist das
„Neue“? Erreichen sie, was sie beabsichtigen? Was ist ihr spezifisches
Potenzial? Im Folgenden will ich auf diese Fragen Antwort geben. Dazu
unternehme ich zunächst zwei Ausflüge.
I. Erster Ausflug: Die
Welt der Medien
Ich beginne mit dem
Ausflug in die Medienwelt, die Welt der „Tagesthemen“. Wer sich mit Fragen des
Gottesdienstes befasst, wird sagen: Was hat das miteinander zu tun? Es wirkt
wie ein Ausflug in die Fremde. Und doch ist diese Fremde der Alltag in unserer
Mediengesellschaft. Und wenn auch Gottesdienst und „Tagesthemen“ sehr verschieden
sind, lässt doch der Blick in die Fremde das Eigene schärfer sehen – zumal die
„neuen“ Formen ihrem Anspruch nach kulturoffen und medienbezogen sind.
Die Wochenzeitung
„Die Zeit“ berichtete kürzlich über die Krise der Tagesthemen anlässlich ihres
30-jährigen Bestehens (Die Zeit Nr. 5, 24. Januar 2008). Diese zeige sich in
der sinkenden Quote, also an den zurückgehenden Zahlen der Zuschauerinnen und
Zuschauer (derzeit bei etwa 10%). Die Tagesthemen galten als Klassiker des
Nachrichtenjournalismus. Das hat sich verändert: „Die Zeiten, in denen man die
Tagesthemen gesehen haben muss, sind lange vorbei.“
Hinter den sinkenden
Einschaltquoten steckt ein grundlegendes Problem: Wie können Menschen für
politische Themen in einer Zeit interessiert werden, in der Öffentlichkeit
immer zerstreuter, Zuschauer ungeduldiger und Politik verlogener wird?
Interessant für
unseren Zusammenhang ist, wie die Tagesthemen mit dieser Krise umgehen. Drei
Handlungsstrategien sind erkennbar:
Erste Strategie: Ausdifferenzierung des Zeitrhythmus. Der
Klassiker, das waren die Tagesschau um 20.00 Uhr und die Tagesthemen um 22.30
Uhr. Das war ein verlässlicher Rahmen, so verlässlich, dass manche darin die
Religion des Medienzeitalters vermutet hatten. Heute kümmert sich ein Stab von
240 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern darum, ein Nachrichtenangebot rund um die
Uhr anzubieten: Die Redaktion ist zur „Nachrichtenfabrik“ geworden, in der
täglich 22 Ausgaben produziert werden. Im Zug der Aufsplitterung des Marktes
lautet die – durchaus zwiespältige – Strategie: Je weniger zuschauen, desto
mehr wird geboten. Als Folge zerbricht der verlässliche Zeitrahmen.
Die zweite Strategie versucht, inhaltlich gegenzusteuern.
Programmatisch formuliert der Chef der Tagesthemen, Thomas Hinrichs: „Die Welt
wird komplexer, wir müssen langsamer werden.“ Das bedeutet: Es wird stärker
ausgewählt, es wird stärker gewichtet, Inhalte bekommen mehr Substanz – und
mehr Zeit. Die Konsequenz: Die Tagesthemen, „das viel beschworene Hochamt des
Nachrichtenjournalismus“, werden intensiver, aber in der thematischen Reduktion
„zwangsläufig: subjektiver“.
Die dritte Strategie ist mit dem Berufsethos verbunden, was
bedeutet: Selbstkritische Wachsamkeit insbesondere in sprachlicher Hinsicht.
Die Zuschauer hätten, so der Artikel, ein feines Gespür dafür, wenn Politik zur
Show verkomme oder im Jargon versinke.
Der Gang zu den
Tagesthemen ist aufschlussreich. Auch der Gottesdienst ist eine „Institution“,
der nicht mehr per se Bedeutung zugemessen wird. Er muss attraktiv werden und wird
es nicht vermeiden können, bei zunehmendem Angebot subjektiver und damit
unverbindlicher zu werden. Dennoch, auch das zeigen die Tagesthemen, ist es von
elementarer Bedeutung, für Berufsethos und Inhalte zu kämpfen, mit den Gesetzen des Medienmarkts und
mutig gegen sie (Mut zur
„Langsamkeit“) – ob das gelingt, ist durchaus offen.
II. Zweiter Ausflug: Zurück zur Wiege neuer
Gottesdienstformen
Mein zweiter Ausflug
geht zurück in die jüngere Vergangenheit, gleichsam an die Wiege neuer
Gottesdienstformen. Mein Anliegen ist, in Form einer Gegenüberstellung Profile
zu gewinnen, um das „Neue“ heute besser verstehen zu können.
Alles begann, mit
einer Vorgeschichte in der Zeit der Aufklärung, Anfang der 1960er Jahre mit den
„Jazzgottesdiensten“ im Kino (siehe Friedrichs 2008b). Es war die Zeit des
Aufbruchs und Widerstands gegen restauratives Festhalten an starren Formen und
autoritär empfundenen Ritualen. Im Kirchentag fand dieser Aufbruch sein
öffentliches Forum. Es entstand eine einflussreiche Reformbewegung, die ihren
Höhepunkt im Abendmahl fand – verstanden als Feierabendmahl.
Wer die Berichte
über die Anfänge damals liest, mag erstaunt sein über die zahlreichen
Gemeinsamkeiten mit den „neuen“ Gottesdienstformen heute: Sie sind intensiv
vorbereitet, verwenden vielfältige kulturelle Stilelemente, finden im Kino, in
der Kirche oder anderen Orten statt, verwenden Bilder zur Gestaltung von
Bildmeditationen, machen intensiv Werbung und sehen einen wesentlichen Gewinn
dieses Engagements für das Gottesdienstteam selbst. Die Kritik war klar: Nicht
mehr hingenommen werden sollten die „Verurteilung zur Passivität“, die
„Unangreifbarkeit des Pfarrers“, „der museale Stil der Sprache in Liedern,
Predigt und Gebeten“ und, ganz wesentlich, dass der Gottesdienst keinen Bezug zur
Wirklichkeit zeige.
Deutlich wird: Mit
den „neuen“ Formen heute haben diese Gottesdienste eine grundlegende
Gemeinsamkeit: Sie intensivieren die gemeinsame Arbeit am und im Gottesdienst.
Wo aber sind Differenzen auszumachen? Sie zeigen sich am theologischen
Selbstverständnis der Jazzgottesdienste. Sie verstehen Gottesdienst – in
Anbindung an und unter Mitwirkung von universitärer Theologie – als
christologischen „Aufbruch aus der Unverbindlichkeit“: „Der Gottesdienst“, so
damals programmatisch, „ist nicht die Leiter, auf der ich aus dem grauen Alltag
in höhere Sphären steige. Er erinnert mich daran, dass Christus einst in die
Welt hinabstieg und ich hinter ihm her muss, obwohl ich gern flüchten möchte.“
Unter diesem Vorzeichen entwickelt sich eine Kultur des Gottesdienstes, in dem
„informiert“, „kommentiert“ und „diskutiert“ wird und der in der „Sendung“ in
die Welt gipfelt: Gottesdienst als „Veranstaltung“ und „Leben als Gottesdienst“
sollten erkennbar zusammenrücken.
III. „Neue“ Gottesdienstformen – drei Modelle
Nach meinen beiden
Ausflügen wende ich mich nun den „neuen“ Gottesdienstformen heute zu. Es ist
gar nicht einfach, das Phänomen präzise zu beschreiben: Was gehört dazu? Was
nicht? Ich nehme als Ausgangspunkt den Internet-Gottesdienstatlas der evangelischen
Kirchen in Westfalen und im Rheinland. Er weist sieben Haupt-Navigationspunkte
auf. Es werden genannt: 1. Gottesdienste für bestimmte Altersgruppen, 2.
Gottesdienste für Familien, 3. Gottesdienste für Männer/Frauen, 4.
Gottesdienste für Menschen mit Behinderungen, 5. Gottesdienste für
Kirchendistanzierte, 6, Gottesdienste an besonderen Orten und 7. Gottesdienste
mit besondern Akzenten (Tanz, Musik, Meditation).
Was neu ist, ist
erst zu klären. So ist beispielsweise der Familiengottesdienst nicht „neu“,
sondern diejenige Form, die sich aus der Reformbewegung damals am stärksten hat
etablieren können. „Neu“ im Sinn einer Ausrichtung auf eine neue Zielgruppe
sind Gottesdienstformen für Frauen und Männer, aber auch und insbesondere
Gottesdienste für „Kirchendistanzierte“. Ihnen gehe ich im Folgenden weiter
nach.
Unter der Rubrik
„für Kirchendistanzierte“ sind Modelle zu finden wie: „Talk to heaven: Der
garantiert andere Gottesdienst“; „Die Blaue Stunde“; „GoSpecial“;
„Thomasmesse“; „Atempause“; oder „Kreuzundquer – der andere Gottesdienst“.
Schon an den Namen fällt auf, dass diese Gottesdienste sich anders verstehen
als der herkömmliche am Sonntagmorgen. Die Namen signalisieren individuelles
Profil und Modernität. Sie nehmen Impulse aus der Ökumene auf, insbesondere aus
Finnland (Thomasmesse), den USA und England (GoSpecial) und zeigen sich offen
für Formen überkonfessioneller Spiritualität (Nachteulen). Darin deutet sich
ein weites, unterschiedliche Ziele verfolgendes Spektrum an: Sind die meisten Modelle
Ausdruck einer urbanen Suche nach christlicher Spiritualität, verfolgen andere
explizit missionarisch-evangelistische Ziele und sind in ein spezifisches
Gemeindeaufbaukonzept integriert (Schwark 2006).
Aus dem weiten
Spektrum stelle ich Ihnen drei Grundmodelle vor, die überregional bekannt
geworden sind und Typisches zu erkennen geben (siehe Friedrichs 2007).
Sicherlich hören Sie dabei immer auch das mit, was Sie selbst ausprobiert haben
und ausprobieren wollen.
GoSpecial ist Mitte der 1990er Jahre entstanden. Es ist ein Projekt der
Andreasgemeinde in Niederhöchstadt, das sich ausdrücklich missionarisch
versteht. Der Gottesdienst beginnt mit Pop-Musik und einer unterhaltsamen
Moderation. Konstitutiv ist ein Theaterstück: Es soll Fragen aus der Alltagswelt
aufgreifen, die in der Predigt aufgenommen und beantwortet werden. Die Predigt
selbst wird von einem Bistrotisch aus gehalten: Sie dauert bis zu 25 Minuten.
Der Prediger – Predigerinnen sind selten – trägt keinen Talar. Er beendet seine
Rede mit „Danke, dass Sie mir zugehört haben“. In einem Kreuzverhör muss er
sich dann den Rückfragen aus dem „Publikum“ stellen: Dieses hat Gelegenheit,
bei Musik nach der Predigt Fragen zu notieren, die von einem Moderator
gesammelt und dem Prediger vorgelegt werden. Innerhalb einer Minute muss er auf
die Fragen antworten. Schon diese knappe Skizze lässt das besondere Profil
erkennen: Go Special steht exemplarisch für ein diskursiv-orientierendes Modell
neuer Gottesdienstformen.
Einen deutlich anderen Akzent setzen die Ludwigsburger Nachteulen, auch sie Mitte der 90er Jahre entstanden.
Anders als GoSpecial handelt es sich nicht um ein
missionarisch-evangelistisches, sondern um ein Modell urbaner christlicher
Spiritualität. Die Musik ist anspruchsvoll und professionell (Piano, Oboe und
Cello). Der Gottesdienst beginnt mit einer kleinen Geschichte oder einem
Gedicht: Ein überraschendes Moment soll für das Thema öffnen. Es folgen
Meditation und Entspannungsübung: Religion soll körperlich erlebbar werden,
mystisch ausgerichtet, konfessionell offen, mehr Suchbewegung als Bekenntnis.
Es folgt die „Predigt“, die „Rede vom Leben“ genannt wird: Sie nimmt Fragen der
Lebensmitte auf, Sinnfragen verschiedener Art, populärwissenschaftlich
informativ, nicht unter 30 und nicht über 45 Minuten. Auch hier keine Kanzel,
auch hier kein Talar. Anders als bei GoSpecial aber ist die gottesdienstliche
Gemeinde nicht so sehr Publikum als vielmehr Gemeinde auf Zeit: Es gibt
gemeinsam gesungene, professionell angeleitete Lieder, es gibt auch, in diesem
Sinn, eine Segensgemeinschaft am Schluss des Gottesdienstes. Die Nachteulen
lassen sich als Modell expressiver Sinnsuche verstehen.
Einen noch anderen
Akzent setzen die ökumenischen Thomasmessen. Mit Recht kann gefragt
werden, ob sie überhaupt dem Spektrum alternativer Gottesdienste zuzurechnen
sind. Thomasmessen sind ein Phänomen auf der Grenze, ihre Form ist eine
Mischung aus traditionellen und modernen liturgischen Elementen. So wird
beispielsweise an der Tradition der biblischen Lesungen festgehalten, aber im
Anschluss an die Predigt werden liturgische Stationen angeboten, die dem
modernen Bedürfnis nach individueller Sinnsuche Raum geben. Thomasmessen zeigen
zwar von Stadt zu Stadt unterschiedliches Profil, stehen aber insgesamt für ein
rituell-vergewisserndes Modell liturgischer Kommunikation.
IV.
Gottesdienst als spirituelles Angebot
Worin besteht das „Neue“ dieser Modelle? Es
besteht nur in einem oberflächlichen Sinn in neuen Gestaltungselementen wie
etwa dem Kreuzverhör (GoSpecial), der Yoga-Übung (Nachteulen) oder den
verschiedenen Stationen im Kirchenraum (Thomasmesse). In einem tieferen Sinn
besteht das Neue darin, dass mit Blick auf die Zielgruppe, nämlich Menschen im
Alter zwischen 30 und 50 Jahren („Lebensmitte“), die Form nicht von der Tradition,
sondern von den angenommenen Bedürfnissen der Zielgruppe her gestaltet wird.
Nur so ist zu verstehen, dass auf die
agendarischen Schlüsselsymbole Bibel, Gesangbuch, Kanzel und Talar zumeist
verzichtet wird. Dieser Verzicht soll Niedrigschwelligkeit und religiöse
Offenheit signalisieren. Der herkömmliche Gottesdienst steht für das
„agendarische“ – das kirchenoffizielle – Muster von Spiritualität. Demgegenüber
wird nach anderen Formen gesucht, die offener sind, spielerischer, in jedem
Fall den ganzen Menschen mit seinen Sinnen ernstnehmend und ansprechend. Sie
setzen keine spezifische Gotteserfahrung voraus, sondern verstehen sich als
„Angebot“, sich Gott suchend und probeweise annähern zu können. Nicht zufällig
entdecken diese Gottesdienste neu das Genre der Themapredigten (Friedrichs
2008a).
Das hat Folgen für das theologische
Selbstverständnis: „Neue“ Gottesdienstformen verstehen sich als spirituelles
liturgisches Angebot. In ihren Selbstbeschreibungen greifen sie gern auf den
Begriff der Spiritualität zurück. Er steht für eine offene Form
christlich-religiöser Praxis: „Besondere Bedeutung gewinnt dabei das
Erfahrungsorientierte im Spiritualitätsbegriff. Wo Objektives Geltung verliert,
wird Sicherheit im subjektiven Empfinden erfahren“ (Nüchtern 2003). Bei allen
Unterschieden im Einzelnen fällt auf, dass die „neuen“ Formen Gottesdienst
wesentlich als Weg, als Suchbewegung zu einer Begegnung mit Gott verstehen,
zumeist unmittelbar gedacht, also nicht über Christus vermittelt.
V.
Gottesdienste für Kirchendistanzierte?
„Neue“
Gottesdienstformen richten sich ausdrücklich an „Kirchendistanzierte“. Von
verschiedenen empirischen Studien her wissen wir aber, dass nur begrenzt
erreicht werden kann, was beabsichtigt ist. Das schmälert nicht ihren Erfolg
und ihre Ausstrahlungskraft. Was sich ändert, ist aber ihre „Stoßrichtung“: Es
geht nicht primär um die „Distanzierten“, sondern um die der Kirche
Verbundenen. Es ist aufregend zu sehen, dass – und wie – sich hier
Veränderungen im gottesdienstlichen Teilnahmeverhalten vollziehen.
Mir ist bewusst,
dass diese Frage strittig ist (Nüchtern 2007). Ich kann sie in diesem Vortrag
nicht klären, will aber drei Aspekte zu bedenken geben:
1. Unumstritten ist, dass die neuen Formen
wesentlich von dem Aufbruch und dem Engagement der Ehrenamtlichen leben, die
sich mit ihrer Kirche sehr verbunden fühlen und am herkömmlichen Gottesdienst
oft bis sehr oft teilnehmen.
2. In der
umstrittenen Frage, ob und wie viele „Kirchendistanzierte“ tatsächlich erreicht
werden, muss gesehen werden, dass laut aktueller Mitgliedschaftsstudie der EKD
die Kirchenmitglieder, die sich „kaum“ mit ihrer Kirche verbunden fühlen und
„nur selten“ in den Gottesdienst am Sonntagmorgen gehen, in der Regel Kirche
als eine konventionelle erwarten. Damit wird fraglich, ob „Kirchendistanzierte“
wirklich andere als herkömmliche Formen des Gottesdienstes suchen – oder anders
gefragt: Wer sucht eigentlich Erlebnisalternativen zum herkömmlichen
Gottesdienst? Die, die nur selten oder gar nicht kommen oder die, die oft
teilnehmen?
3. Problematisch ist, dass die „neuen“ Formen
Kirchendistanziertheit in der Regel allgemein verstehen und suggerieren, mit
ihrem Modell „die“ Kirchendistanzierten zu erreichen. Tatsächlich erreichen sie
aber immer nur einen Ausschnitt, je nach Milieu derer, die für den Gottesdienst
verantwortlich zeichnen. Anders ist es bei den „Kasualien“, die, so würde ich
es spitz sagen, die Form des Gottesdienstes für Kirchendistanzierte sind, aber
im Sinn von: „kerngemeindedistanziert“.
VI.
Spielraum Gottesdienst: Fragen, Einsichten und Perspektiven
Ich komme zu Fragen, Einsichten und
Perspektiven. Mein Anliegen ist, Verständnis für das zu wecken, was die „neuen“
Formen leisten – und was nicht. Fünf Aspekte will ich benennen:
1.
Profil: Intensiv und unverbindlich. Mit den „Gottesdiensten in neuer Gestalt“ damals teilen die „neuen“
Formen die Intensivierung der gottesdienstlichen Praxis in Vorbereitung und
Gestaltung. Sie erinnern, indem sie wesentlich von Ehrenamtlichen getragen
werden und verständlich sein wollen, an biblische Grundanliegen des
Gottesdienstes.
Gegenüber den Projekten damals zeigt sich der
Angebotscharakter der neuen Formen heute verschärft. Sie bieten jenseits von
verbindlicher Gemeindezugehörigkeit und bindender Konfession offene Formen liturgischer
Gemeinschaft für Menschen an, „die einen auf ihre Bedürfnisse zugeschnittenen
Gottesdienst suchen und sozusagen im Vorbeigehen daran teilnehmen wollen“
(Bundschuh-Schramm 2003). Sie sind nicht nur spielerischer, sondern darin auch
subjektiver geworden.
Es stellt sich die Frage, ob sich die „neuen“
Formen damit dem Zeitgeist zu stark ausliefern. Muss ihr Angebot nicht stärker
auf Nachhaltigkeit zielen? Die Situation zeigt sich – ich erinnere an die Krise
der Tagesthemen – als Dilemma, weil eine Kirche, die sich ihrer Lebenswelt
öffnet, nicht anders kann, als eben mit den Gesetzen der Lebenswelt mitzugehen.
Nur muss sie es schaffen, auch einen ihrer Botschaft entsprechenden Kontrapunkt
zu setzen: Gelingt das den „neuen“ Formen hinreichend?
2. Stärken und Schwächen. Ein
Vergleich der „neuen“ Gottesdienstformen mit ihren Vorläufern damals ist
aufschlussreich hinsichtlich ihrer Stärken und Schwächen.
Ihre Stärke ist, neuen
spirituellen Bedürfnissen einen Ort in der Kirche zu geben. Ihre Schwäche ist,
dass sie, fokussiert auf das Spielerische, den Zusammenhang von Gottesdienst
und Alltag in der Welt nicht angemessen umsetzen oder umzusetzen versuchen.
Damit droht ein zentrales biblisches Kriterium für ein theologisch angemessenes
Gottesdienstverständnis verloren zu gehen: der Zusammenhang zwischen
Gottesdienst als kultischer „Veranstaltung“ und dem „Gottesdienst im
Lebensalltag“ der Menschen (siehe Röm 12,1f).
Überdeutlich wird
diese Gefahr an der Frage des „Dankopfers“ bzw. der „Kollekte“. Nahmen die „Jazzgottesdienste“
der 1960er Jahre dieses Opfer sehr ernst, so spielt es in den „neuen“ Formen
nach Ausweis der mir vorliegenden Modelle – mit Ausnahmen wie die Blaue Stunde
etwa – eine eher geringe Rolle, oder es ist sogar für die eigene Projektarbeit
bestimmt.
Auch wenn der
Zusammenhang zwischen Gottesdienst und „Lebensgottesdienst“ heute sicher
weiter, nicht zu direkt wie im herkömmlichen Modell gedacht werden muss, ist zu
fragen, ob nicht mit dieser Tendenz zur spirituellen Innerlichkeit die neuen Formen
zu stark auf sich selbst bezogen bleiben.
3.
Potenzial: Produktive Projektion. Die Zielsetzung, Gottesdienste „für Kirchendistanzierte“ anbieten zu
wollen, erweist sich mit Blick auf die, die tatsächlich kommen, als Projektion.
Offensichtlich verhält es sich so, dass die, die der Kirche in ihrer
herkömmlichen Gestalt nahe sind, ihre Bedürfnisse auf eine Fläche des „Fremden“
projizieren, um sich selbst näher zu kommen. Sie erreichen damit zwar nicht ihr
eigentliches (missionarisches) Anliegen. Dennoch sind ihre Projekte und
Projektionen produktiv. Sie geben dem gottesdienstlichen Leben insgesamt eine
neue Ausstrahlungskraft und wirken zudem als kritische Anfrage an herkömmliche
Praxis: So ist beispielsweise zu fragen, ob es der „Sonntagspredigt“ im herkömmlichen
Gottesdienst heute gelingt, die Kommunikation des Evangeliums wirklich
lebenserhellend und lebensdienlich auszurichten.
4. Herausforderung: Neue „Orte“. Die
„neuen“ Gottesdienstformen sind nicht nur von der Zeit (Sonntagabends), sondern
auch vom „Ort“ her anders. Sie zeigen sich als Angebote für Menschen, die sich
nicht ortsgebunden „beheimaten“ möchten. Die „neuen“ Formen zeigen hier etwas
vom sozialen Wandel in der Kirche und realisieren, dass sich in Deutschland
konfessionelle Milieus bis auf Restbestände aufgelöst haben und konfessionelles
Bewusstsein lebensweltlich unverkennbar an Relevanz verloren hat.
Für die Praxis bedeutet dies, dass solche
Formen jenseits gemeindlichen Kirchturmdenkens initiiert sein wollen: Sie
bedürfen einer gemeinsamen Planung auf Ebene des Kirchenkreises oder der
kirchlichen Region.
5. Was ist neu? Die
„neuen“ Gottesdienste ziehen die Aufmerksamkeit stark auf sich und wecken oft
das „missionarische“ Interesse der Kirchengemeinden – es muss jedoch gesehen
werden, dass mit ihnen noch nicht entschieden ist, was in einem theologischen
Sinn neu, was innovativ ist. In einem gewissen Sinn verdecken sie sogar
theologisch Innovatives. Ich denke hier an die Versuche diakonisch-integrativer
Projekte (wie den Hamburger Aids-Gottesdienst) oder solche, die mit einem
gesellschaftskritischen Anliegen versuchen, die „gegenkulturellen“ Impulse der
biblischen Tradition liturgisch umzusetzen, wie das Wilhelmshavener Projekt
„Passionspunkte“ (siehe in: Friedrichs 2007).
Ich meine nicht, ein Gottesdienst müsse oder
könne gar „alles“ leisten: So steht der herkömmliche Gottesdienst eher für
Verlässlichkeit, die neuen Formen hingegen eher für religiöse Suchbewegungen. So
ergänzt sich das Feld im Sinn einer Gottesdienstgesamtkultur – und darin sehe
ich auch das legitime Anliegen, beides nebeneinander zu fördern, um auch
voneinander lernen zu können.
Gottesdienst als
Spielraum zu sehen, hilft, seine menschliche Seite zu beleuchten. Das habe ich
versucht, ansatzweise darzustellen. Gottesdienst hat, sei es die klassische
Form am Sonntagmorgen, sei es eine neue Form am Sonntagabend, immer etwas
Spielerisches: Im „heiligen“ Spiel wird der Alltag unterbrochen, das Andere der
Wirklichkeit wird im Ritual spielerisch erlebt. Die „neuen“ Formen zeigen, dass
gegenwärtig das Moment des Spielerischen in den Vordergrund tritt. Das erinnert
an die Krise der „Tagesthemen“, die nicht anders können als „subjektiver“ zu
werden. Von ihnen aber wäre zu lernen, mutig am Anspruch inhaltlicher Tiefe und
sprachlicher Präzision festzuhalten.
Dr. Lutz Friedrichs
ist Leiter der Arbeitsstelle Gottesdienst der EKD und Privatdozent für
Praktische Theologie an der Universität Münster.
Literatur:
Bundschuh-Schramm,
Christiane u.a.
(Hg.): Eine Zeit zum Suchen. Neue Gottesdienstformen, Ostfildern 2003.
Friedrichs, Lutz (Hg.): Alternative Gottesdienste, Hannover 2007 (Lit.!)
Friedrichs. Lutz: Anders predigen. Beobachtungen zur Predigt in alternativen Gottesdiensten, in: Fechtner, Kristian/Friedrichs, Lutz (Hg.): Normalfall Sonntagsgottesdienst? Gottesdienst und Sonntagskultur im Umbruch, Stuttgart 2008 (a), 167-177.
Friedrichs, Lutz: Intensiv und unverbindlich. Praktisch-theologische Beobachtungen und Überlegungen zu neuen Gottesdienstformen, erscheint in: ThLZ 2008 (b).
Krupa, Matthias: Verschnupft in der
Nachrichtenfabrik. Wer interessiert sich noch für Qualität?, in: Die Zeit Nr.
5, 24. Januar 2008, 10.
Nüchtern, Michael: Spiritualität auf dem
Markt, in: Michael Herbst (Hg.): Spirituelle Aufbrüche. Perspektiven
evangelischer Glaubenspraxis, Göttingen 2003, 9-18, 10.
Nüchtern, Michael: Aufbruch der Engagierten.
Kommentar zu einer empirischen Studie über „Zweitgottesdienste“, in:
Arbeitsstelle Gottesdienst 21 (3-2007), 87-89.
Schwark, Christian: Gottesdienst für
Kirchendistanzierte. Konzepte und Perspektiven, Wuppertal 2006.