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Priv. Doz. Dr. Lutz Friedrichs
Herrenhäuserstraße 12, 30419 Hannover


Spielraum Gottesdienst>[1]

Chancen und Grenzen alternativer Gottesdienstformen

In der Gottesdienstlandschaft ist zurzeit viel in Bewegung. Es gibt eine lebendige Praxis vor Ort. Und es gibt eine lebhafte Debatte über Gottesdienst im Rahmen des kirchlichen Reformprozesses.

Zur Lebhaftigkeit tragen auch „neue“ bzw. „alternative“ Gottesdienste bei: Sie sind ein Spielraum kreativer Gottesdienstgestaltung. Das Spielerische kommt ebenso zum Zug wie der Raum im konkreten Sinn: Ob Kirche, Kino oder ein anderer Raum, er wird bewusst ausgesucht, gestaltet und begangen.

Entstanden ist so etwas wie eine neue liturgische Bewegung, ein Aufbruch insbesondere Ehrenamtlicher, der nun auch zunehmend kirchenleitend Unterstützung findet. Dieser Aufbruch hat eine Ausstrahlungskraft, die Mut macht, neue Wege auszuprobieren. Gemeinden sind neugierig, lassen sich anstecken, entdecken für sich neu die Vielfalt gottesdienstlichen Lebens.

Was kann ich beitragen? Als Leiter der Arbeitsstelle Gottesdienst der EKD befasse ich mich schon länger mit neuen Formen des Gottesdienstes, habe Projekte besucht und versucht zu verstehen: Was hat es mit diesen Projekten auf sich? Was ist das „Neue“? Erreichen sie, was sie beabsichtigen? Was ist ihr spezifisches Potenzial? Im Folgenden will ich auf diese Fragen Antwort geben. Dazu unternehme ich zunächst zwei Ausflüge.

 

I. Erster Ausflug: Die Welt der Medien

Ich beginne mit dem Ausflug in die Medienwelt, die Welt der „Tagesthemen“. Wer sich mit Fragen des Gottesdienstes befasst, wird sagen: Was hat das miteinander zu tun? Es wirkt wie ein Ausflug in die Fremde. Und doch ist diese Fremde der Alltag in unserer Mediengesellschaft. Und wenn auch Gottesdienst und „Tagesthemen“ sehr verschieden sind, lässt doch der Blick in die Fremde das Eigene schärfer sehen – zumal die „neuen“ Formen ihrem Anspruch nach kulturoffen und medienbezogen sind.

Die Wochenzeitung „Die Zeit“ berichtete kürzlich über die Krise der Tagesthemen anlässlich ihres 30-jährigen Bestehens (Die Zeit Nr. 5, 24. Januar 2008). Diese zeige sich in der sinkenden Quote, also an den zurückgehenden Zahlen der Zuschauerinnen und Zuschauer (derzeit bei etwa 10%). Die Tagesthemen galten als Klassiker des Nachrichtenjournalismus. Das hat sich verändert: „Die Zeiten, in denen man die Tagesthemen gesehen haben muss, sind lange vorbei.“

Hinter den sinkenden Einschaltquoten steckt ein grundlegendes Problem: Wie können Menschen für politische Themen in einer Zeit interessiert werden, in der Öffentlichkeit immer zerstreuter, Zuschauer ungeduldiger und Politik verlogener wird?

Interessant für unseren Zusammenhang ist, wie die Tagesthemen mit dieser Krise umgehen. Drei Handlungsstrategien sind erkennbar:

Erste Strategie: Ausdifferenzierung des Zeitrhythmus. Der Klassiker, das waren die Tagesschau um 20.00 Uhr und die Tagesthemen um 22.30 Uhr. Das war ein verlässlicher Rahmen, so verlässlich, dass manche darin die Religion des Medienzeitalters vermutet hatten. Heute kümmert sich ein Stab von 240 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern darum, ein Nachrichtenangebot rund um die Uhr anzubieten: Die Redaktion ist zur „Nachrichtenfabrik“ geworden, in der täglich 22 Ausgaben produziert werden. Im Zug der Aufsplitterung des Marktes lautet die – durchaus zwiespältige – Strategie: Je weniger zuschauen, desto mehr wird geboten. Als Folge zerbricht der verlässliche Zeitrahmen.

Die zweite Strategie versucht, inhaltlich gegenzusteuern. Programmatisch formuliert der Chef der Tagesthemen, Thomas Hinrichs: „Die Welt wird komplexer, wir müssen langsamer werden.“ Das bedeutet: Es wird stärker ausgewählt, es wird stärker gewichtet, Inhalte bekommen mehr Substanz – und mehr Zeit. Die Konsequenz: Die Tagesthemen, „das viel beschworene Hochamt des Nachrichtenjournalismus“, werden intensiver, aber in der thematischen Reduktion „zwangsläufig: subjektiver“.

Die dritte Strategie ist mit dem Berufsethos verbunden, was bedeutet: Selbstkritische Wachsamkeit insbesondere in sprachlicher Hinsicht. Die Zuschauer hätten, so der Artikel, ein feines Gespür dafür, wenn Politik zur Show verkomme oder im Jargon versinke.

Der Gang zu den Tagesthemen ist aufschlussreich. Auch der Gottesdienst ist eine „Institution“, der nicht mehr per se Bedeutung zugemessen wird. Er muss attraktiv werden und wird es nicht vermeiden können, bei zunehmendem Angebot subjektiver und damit unverbindlicher zu werden. Dennoch, auch das zeigen die Tagesthemen, ist es von elementarer Bedeutung, für Berufsethos und Inhalte zu kämpfen, mit den Gesetzen des Medienmarkts und mutig gegen sie (Mut zur „Langsamkeit“) – ob das gelingt, ist durchaus offen.

 

II. Zweiter Ausflug: Zurück zur Wiege neuer Gottesdienstformen

Mein zweiter Ausflug geht zurück in die jüngere Vergangenheit, gleichsam an die Wiege neuer Gottesdienstformen. Mein Anliegen ist, in Form einer Gegenüberstellung Profile zu gewinnen, um das „Neue“ heute besser verstehen zu können.

Alles begann, mit einer Vorgeschichte in der Zeit der Aufklärung, Anfang der 1960er Jahre mit den „Jazzgottesdiensten“ im Kino (siehe Friedrichs 2008b). Es war die Zeit des Aufbruchs und Widerstands gegen restauratives Festhalten an starren Formen und autoritär empfundenen Ritualen. Im Kirchentag fand dieser Aufbruch sein öffentliches Forum. Es entstand eine einflussreiche Reformbewegung, die ihren Höhepunkt im Abendmahl fand – verstanden als Feierabendmahl.

Wer die Berichte über die Anfänge damals liest, mag erstaunt sein über die zahlreichen Gemeinsamkeiten mit den „neuen“ Gottesdienstformen heute: Sie sind intensiv vorbereitet, verwenden vielfältige kulturelle Stilelemente, finden im Kino, in der Kirche oder anderen Orten statt, verwenden Bilder zur Gestaltung von Bildmeditationen, machen intensiv Werbung und sehen einen wesentlichen Gewinn dieses Engagements für das Gottesdienstteam selbst. Die Kritik war klar: Nicht mehr hingenommen werden sollten die „Verurteilung zur Passivität“, die „Unangreifbarkeit des Pfarrers“, „der museale Stil der Sprache in Liedern, Predigt und Gebeten“ und, ganz wesentlich, dass der Gottesdienst keinen Bezug zur Wirklichkeit zeige.

Deutlich wird: Mit den „neuen“ Formen heute haben diese Gottesdienste eine grundlegende Gemeinsamkeit: Sie intensivieren die gemeinsame Arbeit am und im Gottesdienst. Wo aber sind Differenzen auszumachen? Sie zeigen sich am theologischen Selbstverständnis der Jazzgottesdienste. Sie verstehen Gottesdienst – in Anbindung an und unter Mitwirkung von universitärer Theologie – als christologischen „Aufbruch aus der Unverbindlichkeit“: „Der Gottesdienst“, so damals programmatisch, „ist nicht die Leiter, auf der ich aus dem grauen Alltag in höhere Sphären steige. Er erinnert mich daran, dass Christus einst in die Welt hinabstieg und ich hinter ihm her muss, obwohl ich gern flüchten möchte.“ Unter diesem Vorzeichen entwickelt sich eine Kultur des Gottesdienstes, in dem „informiert“, „kommentiert“ und „diskutiert“ wird und der in der „Sendung“ in die Welt gipfelt: Gottesdienst als „Veranstaltung“ und „Leben als Gottesdienst“ sollten erkennbar zusammenrücken.

 

III. „Neue“ Gottesdienstformen – drei Modelle

Nach meinen beiden Ausflügen wende ich mich nun den „neuen“ Gottesdienstformen heute zu. Es ist gar nicht einfach, das Phänomen präzise zu beschreiben: Was gehört dazu? Was nicht? Ich nehme als Ausgangspunkt den Internet-Gottesdienstatlas der evangelischen Kirchen in Westfalen und im Rheinland. Er weist sieben Haupt-Navigationspunkte auf. Es werden genannt: 1. Gottesdienste für bestimmte Altersgruppen, 2. Gottesdienste für Familien, 3. Gottesdienste für Männer/Frauen, 4. Gottesdienste für Menschen mit Behinderungen, 5. Gottesdienste für Kirchendistanzierte, 6, Gottesdienste an besonderen Orten und 7. Gottesdienste mit besondern Akzenten (Tanz, Musik, Meditation).

Was neu ist, ist erst zu klären. So ist beispielsweise der Familiengottesdienst nicht „neu“, sondern diejenige Form, die sich aus der Reformbewegung damals am stärksten hat etablieren können. „Neu“ im Sinn einer Ausrichtung auf eine neue Zielgruppe sind Gottesdienstformen für Frauen und Männer, aber auch und insbesondere Gottesdienste für „Kirchendistanzierte“. Ihnen gehe ich im Folgenden weiter nach.

Unter der Rubrik „für Kirchendistanzierte“ sind Modelle zu finden wie: „Talk to heaven: Der garantiert andere Gottesdienst“; „Die Blaue Stunde“; „GoSpecial“; „Thomasmesse“; „Atempause“; oder „Kreuzundquer – der andere Gottesdienst“. Schon an den Namen fällt auf, dass diese Gottesdienste sich anders verstehen als der herkömmliche am Sonntagmorgen. Die Namen signalisieren individuelles Profil und Modernität. Sie nehmen Impulse aus der Ökumene auf, insbesondere aus Finnland (Thomasmesse), den USA und England (GoSpecial) und zeigen sich offen für Formen überkonfessioneller Spiritualität (Nachteulen). Darin deutet sich ein weites, unterschiedliche Ziele verfolgendes Spektrum an: Sind die meisten Modelle Ausdruck einer urbanen Suche nach christlicher Spiritualität, verfolgen andere explizit missionarisch-evangelistische Ziele und sind in ein spezifisches Gemeindeaufbaukonzept integriert (Schwark 2006).

Aus dem weiten Spektrum stelle ich Ihnen drei Grundmodelle vor, die überregional bekannt geworden sind und Typisches zu erkennen geben (siehe Friedrichs 2007). Sicherlich hören Sie dabei immer auch das mit, was Sie selbst ausprobiert haben und ausprobieren wollen.

GoSpecial ist Mitte der 1990er Jahre entstanden. Es ist ein Projekt der Andreasgemeinde in Niederhöchstadt, das sich ausdrücklich missionarisch versteht. Der Gottesdienst beginnt mit Pop-Musik und einer unterhaltsamen Moderation. Konstitutiv ist ein Theaterstück: Es soll Fragen aus der Alltagswelt aufgreifen, die in der Predigt aufgenommen und beantwortet werden. Die Predigt selbst wird von einem Bistrotisch aus gehalten: Sie dauert bis zu 25 Minuten. Der Prediger – Predigerinnen sind selten – trägt keinen Talar. Er beendet seine Rede mit „Danke, dass Sie mir zugehört haben“. In einem Kreuzverhör muss er sich dann den Rückfragen aus dem „Publikum“ stellen: Dieses hat Gelegenheit, bei Musik nach der Predigt Fragen zu notieren, die von einem Moderator gesammelt und dem Prediger vorgelegt werden. Innerhalb einer Minute muss er auf die Fragen antworten. Schon diese knappe Skizze lässt das besondere Profil erkennen: Go Special steht exemplarisch für ein diskursiv-orientierendes Modell neuer Gottesdienstformen.

Einen deutlich anderen Akzent setzen die Ludwigsburger Nachteulen,  auch sie Mitte der 90er Jahre entstanden. Anders als GoSpecial handelt es sich nicht um ein missionarisch-evangelistisches, sondern um ein Modell urbaner christlicher Spiritualität. Die Musik ist anspruchsvoll und professionell (Piano, Oboe und Cello). Der Gottesdienst beginnt mit einer kleinen Geschichte oder einem Gedicht: Ein überraschendes Moment soll für das Thema öffnen. Es folgen Meditation und Entspannungsübung: Religion soll körperlich erlebbar werden, mystisch ausgerichtet, konfessionell offen, mehr Suchbewegung als Bekenntnis. Es folgt die „Predigt“, die „Rede vom Leben“ genannt wird: Sie nimmt Fragen der Lebensmitte auf, Sinnfragen verschiedener Art, populärwissenschaftlich informativ, nicht unter 30 und nicht über 45 Minuten. Auch hier keine Kanzel, auch hier kein Talar. Anders als bei GoSpecial aber ist die gottesdienstliche Gemeinde nicht so sehr Publikum als vielmehr Gemeinde auf Zeit: Es gibt gemeinsam gesungene, professionell angeleitete Lieder, es gibt auch, in diesem Sinn, eine Segensgemeinschaft am Schluss des Gottesdienstes. Die Nachteulen lassen sich als Modell expressiver Sinnsuche verstehen.

Einen noch anderen Akzent setzen die ökumenischen Thomasmessen. Mit Recht kann gefragt werden, ob sie überhaupt dem Spektrum alternativer Gottesdienste zuzurechnen sind. Thomasmessen sind ein Phänomen auf der Grenze, ihre Form ist eine Mischung aus traditionellen und modernen liturgischen Elementen. So wird beispielsweise an der Tradition der biblischen Lesungen festgehalten, aber im Anschluss an die Predigt werden liturgische Stationen angeboten, die dem modernen Bedürfnis nach individueller Sinnsuche Raum geben. Thomasmessen zeigen zwar von Stadt zu Stadt unterschiedliches Profil, stehen aber insgesamt für ein rituell-vergewisserndes Modell liturgischer Kommunikation.

 

IV. Gottesdienst als spirituelles Angebot

Worin besteht das „Neue“ dieser Modelle? Es besteht nur in einem oberflächlichen Sinn in neuen Gestaltungselementen wie etwa dem Kreuzverhör (GoSpecial), der Yoga-Übung (Nachteulen) oder den verschiedenen Stationen im Kirchenraum (Thomasmesse). In einem tieferen Sinn besteht das Neue darin, dass mit Blick auf die Zielgruppe, nämlich Menschen im Alter zwischen 30 und 50 Jahren („Lebensmitte“), die Form nicht von der Tradition, sondern von den angenommenen Bedürfnissen der Zielgruppe her gestaltet wird.

Nur so ist zu verstehen, dass auf die agendarischen Schlüsselsymbole Bibel, Gesangbuch, Kanzel und Talar zumeist verzichtet wird. Dieser Verzicht soll Niedrigschwelligkeit und religiöse Offenheit signalisieren. Der herkömmliche Gottesdienst steht für das „agendarische“ – das kirchenoffizielle – Muster von Spiritualität. Demgegenüber wird nach anderen Formen gesucht, die offener sind, spielerischer, in jedem Fall den ganzen Menschen mit seinen Sinnen ernstnehmend und ansprechend. Sie setzen keine spezifische Gotteserfahrung voraus, sondern verstehen sich als „Angebot“, sich Gott suchend und probeweise annähern zu können. Nicht zufällig entdecken diese Gottesdienste neu das Genre der Themapredigten (Friedrichs 2008a).

Das hat Folgen für das theologische Selbstverständnis: „Neue“ Gottesdienstformen verstehen sich als spirituelles liturgisches Angebot. In ihren Selbstbeschreibungen greifen sie gern auf den Begriff der Spiritualität zurück. Er steht für eine offene Form christlich-religiöser Praxis: „Besondere Bedeutung gewinnt dabei das Erfahrungsorientierte im Spiritualitätsbegriff. Wo Objektives Geltung verliert, wird Sicherheit im subjektiven Empfinden erfahren“ (Nüchtern 2003). Bei allen Unterschieden im Einzelnen fällt auf, dass die „neuen“ Formen Gottesdienst wesentlich als Weg, als Suchbewegung zu einer Begegnung mit Gott verstehen, zumeist unmittelbar gedacht, also nicht über Christus vermittelt.

 

V. Gottesdienste für Kirchendistanzierte?

„Neue“ Gottesdienstformen richten sich ausdrücklich an „Kirchendistanzierte“. Von verschiedenen empirischen Studien her wissen wir aber, dass nur begrenzt erreicht werden kann, was beabsichtigt ist. Das schmälert nicht ihren Erfolg und ihre Ausstrahlungskraft. Was sich ändert, ist aber ihre „Stoßrichtung“: Es geht nicht primär um die „Distanzierten“, sondern um die der Kirche Verbundenen. Es ist aufregend zu sehen, dass – und wie – sich hier Veränderungen im gottesdienstlichen Teilnahmeverhalten vollziehen.

Mir ist bewusst, dass diese Frage strittig ist (Nüchtern 2007). Ich kann sie in diesem Vortrag nicht klären, will aber drei Aspekte zu bedenken geben:

1. Unumstritten ist, dass die neuen Formen wesentlich von dem Aufbruch und dem Engagement der Ehrenamtlichen leben, die sich mit ihrer Kirche sehr verbunden fühlen und am herkömmlichen Gottesdienst oft bis sehr oft teilnehmen.

2. In der umstrittenen Frage, ob und wie viele „Kirchendistanzierte“ tatsächlich erreicht werden, muss gesehen werden, dass laut aktueller Mitgliedschaftsstudie der EKD die Kirchenmitglieder, die sich „kaum“ mit ihrer Kirche verbunden fühlen und „nur selten“ in den Gottesdienst am Sonntagmorgen gehen, in der Regel Kirche als eine konventionelle erwarten. Damit wird fraglich, ob „Kirchendistanzierte“ wirklich andere als herkömmliche Formen des Gottesdienstes suchen – oder anders gefragt: Wer sucht eigentlich Erlebnisalternativen zum herkömmlichen Gottesdienst? Die, die nur selten oder gar nicht kommen oder die, die oft teilnehmen?

3. Problematisch ist, dass die „neuen“ Formen Kirchendistanziertheit in der Regel allgemein verstehen und suggerieren, mit ihrem Modell „die“ Kirchendistanzierten zu erreichen. Tatsächlich erreichen sie aber immer nur einen Ausschnitt, je nach Milieu derer, die für den Gottesdienst verantwortlich zeichnen. Anders ist es bei den „Kasualien“, die, so würde ich es spitz sagen, die Form des Gottesdienstes für Kirchendistanzierte sind, aber im Sinn von: „kerngemeindedistanziert“.

 

VI. Spielraum Gottesdienst: Fragen, Einsichten und Perspektiven

Ich komme zu Fragen, Einsichten und Perspektiven. Mein Anliegen ist, Verständnis für das zu wecken, was die „neuen“ Formen leisten – und was nicht. Fünf Aspekte will ich benennen:

1. Profil: Intensiv und unverbindlich. Mit den „Gottesdiensten in neuer Gestalt“ damals teilen die „neuen“ Formen die Intensivierung der gottesdienstlichen Praxis in Vorbereitung und Gestaltung. Sie erinnern, indem sie wesentlich von Ehrenamtlichen getragen werden und verständlich sein wollen, an biblische Grundanliegen des Gottesdienstes.

Gegenüber den Projekten damals zeigt sich der Angebotscharakter der neuen Formen heute verschärft. Sie bieten jenseits von verbindlicher Gemeindezugehörigkeit und bindender Konfession offene Formen liturgischer Gemeinschaft für Menschen an, „die einen auf ihre Bedürfnisse zugeschnittenen Gottesdienst suchen und sozusagen im Vorbeigehen daran teilnehmen wollen“ (Bundschuh-Schramm 2003). Sie sind nicht nur spielerischer, sondern darin auch subjektiver geworden.

Es stellt sich die Frage, ob sich die „neuen“ Formen damit dem Zeitgeist zu stark ausliefern. Muss ihr Angebot nicht stärker auf Nachhaltigkeit zielen? Die Situation zeigt sich – ich erinnere an die Krise der Tagesthemen – als Dilemma, weil eine Kirche, die sich ihrer Lebenswelt öffnet, nicht anders kann, als eben mit den Gesetzen der Lebenswelt mitzugehen. Nur muss sie es schaffen, auch einen ihrer Botschaft entsprechenden Kontrapunkt zu setzen: Gelingt das den „neuen“ Formen hinreichend?

2. Stärken und Schwächen. Ein Vergleich der „neuen“ Gottesdienstformen mit ihren Vorläufern damals ist aufschlussreich hinsichtlich ihrer Stärken und Schwächen.

Ihre Stärke ist, neuen spirituellen Bedürfnissen einen Ort in der Kirche zu geben. Ihre Schwäche ist, dass sie, fokussiert auf das Spielerische, den Zusammenhang von Gottesdienst und Alltag in der Welt nicht angemessen umsetzen oder umzusetzen versuchen. Damit droht ein zentrales biblisches Kriterium für ein theologisch angemessenes Gottesdienstverständnis verloren zu gehen: der Zusammenhang zwischen Gottesdienst als kultischer „Veranstaltung“ und dem „Gottesdienst im Lebensalltag“ der Menschen (siehe Röm 12,1f).

Überdeutlich wird diese Gefahr an der Frage des „Dankopfers“ bzw. der „Kollekte“. Nahmen die „Jazzgottesdienste“ der 1960er Jahre dieses Opfer sehr ernst, so spielt es in den „neuen“ Formen nach Ausweis der mir vorliegenden Modelle – mit Ausnahmen wie die Blaue Stunde etwa – eine eher geringe Rolle, oder es ist sogar für die eigene Projektarbeit bestimmt.

Auch wenn der Zusammenhang zwischen Gottesdienst und „Lebensgottesdienst“ heute sicher weiter, nicht zu direkt wie im herkömmlichen Modell gedacht werden muss, ist zu fragen, ob nicht mit dieser Tendenz zur spirituellen Innerlichkeit die neuen Formen zu stark auf sich selbst bezogen bleiben.

3. Potenzial: Produktive Projektion. Die Zielsetzung, Gottesdienste „für Kirchendistanzierte“ anbieten zu wollen, erweist sich mit Blick auf die, die tatsächlich kommen, als Projektion. Offensichtlich verhält es sich so, dass die, die der Kirche in ihrer herkömmlichen Gestalt nahe sind, ihre Bedürfnisse auf eine Fläche des „Fremden“ projizieren, um sich selbst näher zu kommen. Sie erreichen damit zwar nicht ihr eigentliches (missionarisches) Anliegen. Dennoch sind ihre Projekte und Projektionen produktiv. Sie geben dem gottesdienstlichen Leben insgesamt eine neue Ausstrahlungskraft und wirken zudem als kritische Anfrage an herkömmliche Praxis: So ist beispielsweise zu fragen, ob es der „Sonntagspredigt“ im herkömmlichen Gottesdienst heute gelingt, die Kommunikation des Evangeliums wirklich lebenserhellend und lebensdienlich auszurichten.

4. Herausforderung: Neue „Orte“. Die „neuen“ Gottesdienstformen sind nicht nur von der Zeit (Sonntagabends), sondern auch vom „Ort“ her anders. Sie zeigen sich als Angebote für Menschen, die sich nicht ortsgebunden „beheimaten“ möchten. Die „neuen“ Formen zeigen hier etwas vom sozialen Wandel in der Kirche und realisieren, dass sich in Deutschland konfessionelle Milieus bis auf Restbestände aufgelöst haben und konfessionelles Bewusstsein lebensweltlich unverkennbar an Relevanz verloren hat.

Für die Praxis bedeutet dies, dass solche Formen jenseits gemeindlichen Kirchturmdenkens initiiert sein wollen: Sie bedürfen einer gemeinsamen Planung auf Ebene des Kirchenkreises oder der kirchlichen Region.

5. Was ist neu? Die „neuen“ Gottesdienste ziehen die Aufmerksamkeit stark auf sich und wecken oft das „missionarische“ Interesse der Kirchengemeinden – es muss jedoch gesehen werden, dass mit ihnen noch nicht entschieden ist, was in einem theologischen Sinn neu, was innovativ ist. In einem gewissen Sinn verdecken sie sogar theologisch Innovatives. Ich denke hier an die Versuche diakonisch-integrativer Projekte (wie den Hamburger Aids-Gottesdienst) oder solche, die mit einem gesellschaftskritischen Anliegen versuchen, die „gegenkulturellen“ Impulse der biblischen Tradition liturgisch umzusetzen, wie das Wilhelmshavener Projekt „Passionspunkte“ (siehe in: Friedrichs 2007).

Ich meine nicht, ein Gottesdienst müsse oder könne gar „alles“ leisten: So steht der herkömmliche Gottesdienst eher für Verlässlichkeit, die neuen Formen hingegen eher für religiöse Suchbewegungen. So ergänzt sich das Feld im Sinn einer Gottesdienstgesamtkultur – und darin sehe ich auch das legitime Anliegen, beides nebeneinander zu fördern, um auch voneinander lernen zu können.

Gottesdienst als Spielraum zu sehen, hilft, seine menschliche Seite zu beleuchten. Das habe ich versucht, ansatzweise darzustellen. Gottesdienst hat, sei es die klassische Form am Sonntagmorgen, sei es eine neue Form am Sonntagabend, immer etwas Spielerisches: Im „heiligen“ Spiel wird der Alltag unterbrochen, das Andere der Wirklichkeit wird im Ritual spielerisch erlebt. Die „neuen“ Formen zeigen, dass gegenwärtig das Moment des Spielerischen in den Vordergrund tritt. Das erinnert an die Krise der „Tagesthemen“, die nicht anders können als „subjektiver“ zu werden. Von ihnen aber wäre zu lernen, mutig am Anspruch inhaltlicher Tiefe und sprachlicher Präzision festzuhalten.

 

Dr. Lutz Friedrichs ist Leiter der Arbeitsstelle Gottesdienst der EKD und Privatdozent für Praktische Theologie an der Universität Münster.

 

Literatur:

Bundschuh-Schramm, Christiane u.a. (Hg.): Eine Zeit zum Suchen. Neue Gottesdienstformen, Ostfildern 2003.

Friedrichs, Lutz (Hg.): Alternative Gottesdienste, Hannover 2007 (Lit.!)

Friedrichs. Lutz: Anders predigen. Beobachtungen zur Predigt in alternativen Gottesdiensten, in: Fechtner, Kristian/Friedrichs, Lutz (Hg.): Normalfall Sonntagsgottesdienst? Gottesdienst und Sonntagskultur im Umbruch, Stuttgart 2008 (a), 167-177.

Friedrichs, Lutz: Intensiv und unverbindlich. Praktisch-theologische Beobachtungen und Überlegungen zu neuen Gottesdienstformen, erscheint in: ThLZ 2008 (b). 

Krupa, Matthias: Verschnupft in der Nachrichtenfabrik. Wer interessiert sich noch für Qualität?, in: Die Zeit Nr. 5, 24. Januar 2008, 10.

Nüchtern, Michael: Spiritualität auf dem Markt, in: Michael Herbst (Hg.): Spirituelle Aufbrüche. Perspektiven evangelischer Glaubenspraxis, Göttingen 2003, 9-18, 10.

Nüchtern, Michael: Aufbruch der Engagierten. Kommentar zu einer empirischen Studie über „Zweitgottesdienste“, in: Arbeitsstelle Gottesdienst 21 (3-2007), 87-89.

Schwark, Christian: Gottesdienst für Kirchendistanzierte. Konzepte und Perspektiven, Wuppertal 2006.



[1] Eröffnungsvortrag vor dem Symposion „Gottesdienst feiern – so und anders“ des Missionarisch-Ökumenischen Dienstes der Evangelischen Kirche der Pfalz am 15. Februar 2008 in Landau. Der Vortragsstil ist beibehalten.


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