![]() |
|
Dr. Martin Schuck Lindenstraße 19, 67346 Speyer |
Editorial
Antikapitalistischer Katholizismus?
Kaum war der diesjährige Katholikentag in Osnabrück zu Ende gegangen, erreichte mich eine Pressemitteilung mit folgendem Titel: „Laien und Bischöfe tragen Antikapitalismus wie eine Monstranz vor sich her – KCP Executives-Chef Marc Emde kritisiert marktfeindliche Botschaften des 97. Deutschen Katholikentages“. Nun muss man den „Kölner Wirtschaftsexperten Marc Emde“ und sein „Personaldienstleistungsunternehmen KCP Executives“, das „sich 2001 als spin-off zweier internationaler Personalberatungen“ gründete [solche Unternehmen werden nicht gegründet, sondern „gründen sich“], nicht kennen, aber das, was dieser Experte zu sagen hat, ist höchst interessant. „Das Treffen hat wieder einmal gezeigt, dass katholische Laienverbände und Bischöfe oft ein gestörtes Verhältnis zum Markt haben. Eigentlich wäre es die Aufgabe einer solchen Massenveranstaltung, die Botschaft Jesu Christi unter die Leute zu bringen. Leider aber tragen viele Laien und Würdenträger ihren Antikapitalismus wie eine Monstranz vor sich her.“
Stein des Anstoßes war, dass der Münchner Erzbischofs Reinhard Marx, der, wie der Wirtschaftsexperte richtig bemerkt hat, „auch Vorsitzender der Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen der Deutschen Bischofskonferenz ist“, „laut einem Zeitungsbericht“ sagte, er habe noch „nie eine Sympathie für Hartz IV“ als Dauerlösung gehabt. Schlimmer noch trieb es der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, seines Zeichens neuer Vorsitzender der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, der „einer offiziellen Pressemitteilung zufolge“ begrüßte, „dass sich immer mehr Katholiken bei den Sozialdemokraten engagieren“.
Das verlangt nach Satisfaktion. Der Experte wörtlich: „Was würde die Kirche eigentlich dazu sagen, wenn Vertreter der Wirtschaft permanent Vorschläge unterbreiten würden, wie dem Priestermangel abzuhelfen sei, wie Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche zu behandeln seien, in welcher Form Pfarrgemeinden zusammengelegt werden sollen und ob der Klerus eine konservativere oder liberalere Richtung einschlagen sollte. Zugegeben, das klingt absurd. Aber ebenso absurd ist es, wenn Leute, welche die nötige Sachkenntnis nicht mitbringen, ein Forum wie den Katholikentag dazu missbrauchen, um Stimmung gegen den Kapitalismus zu betreiben.“
Man kann die Frage zwischendurch wirklich mal stellen: Was sagt die römisch-katholische Kirche denn tatsächlich dazu, dass ihr tagaus, tagein in allen möglichen Blättern und auf allen möglichen Kanälen von „Leuten, welche die nötige Sachkenntnis nicht mitbringen“, erklärt wird, wie sie ihr Priesterproblem, ihre Missbrauchsfälle und ihre Strukturfragen regeln soll?
Weil es richtig krachen sollte, legte der „Experte“ in der Pressemitteilung aber noch eins nach: „Falls es zutreffe, dass ein Friedensaktivist in einem Gottesdienst vor rund 100 Gläubigen die gewalttätigen Proteste ‚des zivilen Ungehorsams’ vom G 8-Gipfel in Heiligendamm verteidigt habe, dann sei dies ein Skandal. ‚Chaoten haben damals mehrere hundert Polizisten teilweise schwer verletzt. Hier muss sich die Kirche scharf distanzieren. Gewalttätiger Antikapitalismus darf in Deutschland keine Chance haben und ist mit der Botschaft der Liebe, welche die Christen predigen, schon gar nicht kompatibel’, so Emde.“
Will man das ganze nicht als Satire lesen, muss man als Protestant eigentlich neidisch werden. Was machen die führenden Katholiken denn so viel anders als unsere kirchenleitenden Personen, dass ihnen so viel Ehre zuteil wird? Wann wurden, um im Vergleich zu bleiben, das letzte Mal ein EKD-Ratsvorsitzender und ein weiterer leitender Geistlicher einer EKD-Gliedkirche von Wirtschaftsvertretern aus der dritten bis vierten Reihe öffentlich so abgewatscht wie Zollitsch und Marx?
Fragt man nach, ob die beiden das wenigstens verdient haben, muss man sagen: Nein, sie sind ziemlich unverdient zu diesem Lob gekommen. Zollitsch hat nur die offizielle Linie der Bischofskonferenz bestätigt, die seit über einem Jahrzehnt politisch eben nicht mehr nur auf die CDU/CSU fixiert ist, sondern den Kontakt zu den Grünen und, etwas zaghaft, auch zur SPD sucht. Da die traditionellen katholischen Milieus bereits weitgehend erodiert sind, was sich nicht zuletzt in immer stärker sich durchsetzenden laizistischen Tendenzen selbst in der CDU manifestiert, ist es nur konsequent, wenn der Aufruf des organisierten Katholizismus zur Mitarbeit in politischen Parteien eben mehrere Parteien explizit benennt und nicht nur die christdemokratischen. Da der derzeitige SPD-Vorsitzende Katholik ist, war Zollitschs Aufruf eher ein Ausdruck von Normalität als von „antikapitalistischer“ Gesinnung (als ob die in der derzeitigen SPD einen Platz hätte!).
Was Marx angeht, ist die Aufregung des Experten mehr als absurd. Keine Sympathie für „Hartz IV“ zu haben, ist noch weniger Ausweis einer „antikapitalistischen“ Gesinnung, als zur Mitarbeit in der SPD aufzurufen. Immerhin kritisieren sogar CDU-Ministerpräsidenten und ehemalige CDU-Generalsekretäre das „Arbeitslosengeld II“ in seiner derzeitigen Form. Was bei Marx allenfalls einem „Wirtschaftsexperten“ suspekt erscheinen könnte, ist die Art und Weise, wie er mit seinem Namen kokettiert. Im Mai ist im Düsseldorfer Pattloch-Verlag ein Buch von ihm erschienen, das tatsächlich den Titel „Das Kapital“ trägt. Muss der Wirtschaftsexperte davor Angst haben? Eher nicht, denn die Botschaft von Reinhard schrammt haarscharf an der seines Namensvetters Karl vorbei. Reinhard Marx betont – damit ganz in der Tradition der älteren katholischen Soziallehre, aber auch der Sozialenzyklika Johannes Pauls II. „Laborem exercens“ von 1981 – den Vorrang der Arbeit (und des Arbeiters) vor dem Kapital, Karl Marx dagegen ging es um das Gegenteil: durch die genaue Analyse der Produktionsbedingungen im entstehenden industriellen System zu zeigen, dass und wie in der kapitalistischen Verwirklichung dieses Systems sämtliche sozialen Beziehungen eine dingliche Form annehmen und somit Waren, Geld und Kapital Macht über den Menschen erlangen.
Bezogen auf den von „Wirtschaftsexperten“ wie Marc Emde gefürchteten kirchlichen „Antikapitalismus“ macht Reinhard Marx in seinem Buch dagegen nichts anderes als das, was in den letzten Jahren sämtliche Kritiker des derzeitigen „Turbokapitalismus“ gemacht haben: Auch er schreibt eine Art Kapitalismuskritik light, also eine Kritik am Kapitalismus, der jeglicher Kapitalbegriff und damit jegliches analytisches Instrumentarium abhanden gekommen ist. Damit wird dieses Buch genauso wie viele andere auch seine Wirkung verfehlen, wenn man es als Kapitalismuskritik missversteht. Reinhard Marx fördert keinen Antikapitalismus, sondern diagnostiziert das Versagen des Kapitals am Menschen dort, wo es im Sinne des Kapitalismus (wie ihn Karl Marx analysiert hat) nur zu gut funktioniert. Von daher kann man den Einfluss von Hedge-Fonds auf die Börse genauso gut kritisieren wie den Einfluss von „Hartz IV“ auf die Sozialpolitik; beides ist gut gemeint, ist aber eben nicht „antikapitalistisch“. Letztlich geht es Reinhard Marx, wie schon der traditionellen katholischen Soziallehre, darum, dem Kapitalismus ein humanes Gesicht zu geben. Das allerdings könnte gerade heute aktueller sein denn je: drückt es doch eine Art Minimalkonsens der gegenwärtigen Gesellschaft aus.
Dem Kölner Wirtschaftsexperten von „KCP Executives“ geht das allerdings schon zu weit. Was er und seine Kreise wollen, ist ein hemmungsloses Profitmachen, das weder von kirchlichen Moralpredigten noch von sozialdemokratischen Sonntagsreden gestört wird. Das allerdings wird schwer zu haben sein – zumindest solange es Kirchen gibt, die tatsächlich ein gestörtes Verhältnis zu einem unregulierten Markt haben, dessen Vertreter mit dem Anspruch auftreten, alle Lebensbereiche marktförmig ordnen zu wollen.
Martin Schuck