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Dr. Martin Schuck
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Editorial
Islam, historisch-kritisch

In den vergangenen Jahren gab es unübersehbar viele Versuche, den Islam in die öffentliche Kultur des bundesdeutschen Gemeinwesens zu integrieren; am deutlichsten sichtbar wird dies an der probeweisen Einführung eines islamischen Religionsunterrichts in verschiedenen Bundesländern, verbunden mit der Schaffung von Studiengängen für islamische Religionslehrer an deutschen Universitäten. Diese Art der Integration sollte aber auch voraussetzen, dass die Vertreter des offiziellen Islam Bereitschaft zeigen, ihre Religion dem Diskurs der säkularen Gesellschaft zu öffnen. Genau das wird aber beharrlich verweigert.

Die Möglichkeitsbedingung für eine offene Diskussion mit Vertretern des Islam bestünde darin, dass die wissenschaftliche Erforschung des Islam nicht mehr länger tabuisiert wird. Dass es in Ägypten, Saudi Arabien und Afghanistan keine universitären Einrichtungen zur kritischen Erforschung der Geschichte des Islam gibt, verwundert nicht weiter. Dass sich aber die europäische Orientalistik und Islamwissenschaft auf dieses Spiel einlässt und eine historisch-kritische Erforschung des Islam und seiner literarischen Grundlagen beharrlich ablehnt, stattdessen aber die orientalischen Mythen und Legenden des 9. Jahrhunderts weitgehend ungeprüft als historische Wahrheit akzeptiert, ist – gelinde gesagt – ein Armutszeugnis.

Zwar liest man immer mal wieder von Absichten unter den Orientalisten, eine historisch-kritische Koranausgabe zu erstellen; jedoch scheint dieses Projekt noch einen langen Weg bis zur Realisierung vor sich zu haben. Das liegt nicht zuletzt daran, dass es kaum islamische Wissenschaftler gibt, die sich, analog den christlichen Exegeten, quasi von Innen heraus, die „heilige Schrift“ ihrer eigenen Religion zum Objekt einer kritischen Forschung machen. Voraussetzung einer solchen Unternehmung wäre die Fähigkeit, sich selbst als Wissenschaftler in Distanz zu seinem Forschungsobjekt zu setzen. Christliche Theologen wurden durch die philosophische Aufklärung, die eine spezifische Form der Rationalität etablierte, einerseits methodisch dazu in die Lage versetzt, andererseits aber auch aufgrund der Erwartungshaltung der gebildeten Stände ihrer jeweiligen Konfessionen zu einer solchen Haltung geradezu genötigt. Diese Form der Rationalität, die man als „methodischen Säkularismus“ bezeichnen könnte, lassen die Autoritäten des Islam jedoch nicht an ihre Religion heran. Wissenschaftler, die sich dieses „methodischen Säkularismus“ dennoch bedienen, treten in einen offenen Gegensatz zu den islamischen Rechtsschulen und müssen mit einer Todes-Fatwa rechnen; wie gefährlich das werden kann zeigen die einschlägigen Beispiele etwa des ägyptischen Wissenschaftlers Faruq Foda, der auf offener Straße erschossen worden ist, oder des palästinensischen Professors Suliman Basheer, den islamische Fundamentalisten aus dem Fenster geworfen haben.

Fast noch gefährlicher als die exegetische Arbeit am Koran ist jedoch die Erforschung der Frühgeschichte des Islam. Hier geht es wirklich ans Eingemachte, denn plötzlich bekommen einige Einsichten aus der späten Phase der Patristik neue Plausibilität, wie etwa die Position des Johannes von Damaskus, der den Islam als christliche Häresie betrachtete. Sogar die Historizität der Person des Mohammed scheint plötzlich alles andere als gesichert.

Man muss schon solche abgelegenen Publikationen wie die Zeitschrift „imprimatur“ lesen, die sich selbst im Untertitel „Nachrichten und kritische Meinungen aus der katholischen Kirche“ nennt, um auf Erkenntnisse aus dieser Nische der historischen Forschung zu stoßen. In der Ausgabe 3/2008 gibt es einen Bericht über ein Internationales Kolloquium von Koranforschern, das unlängst in der Europaakademie Otzenhausen an der Saar stattfand. Federführend waren die Koranforscher der Arbeitsstelle für Religionswissenschaft an der Universität Saarbrücken, die von dem katholischen Theologen Karl Heinz Ohlig geleitet wird.

Ohlig hat in der Vergangenheit immer wieder durch kritische Beiträge die Harmonie unter den Islamwissenschaftlern gestört, indem er nachzuweisen versucht hat, dass der Name Mohammed ursprünglich eine Ehrenbezeichnung für Jesus Christus war (MHMT/muhammad bedeutet der Gepriesene, der Gelobte und dürfte eine arabische Übersetzung des „benedictus“ sein). Die arabischen christlichen Herrscher des 7. Jahrhunderts hoben sich von den byzantinischen durch eine andere Christologie ab, in der die Lehre von der Trinität und der Gottessohnschaft Jesu abgelehnt wurden. Ohligs Einleitungsreferat auf den Kolloquium gipfelt jedenfalls in der These, dass der Begriff „muhammad“ erst im Laufe des 9. Jahrhunderts von der Person Jesu abgelöst und mit eigenen biographischen Inhalten gefüllt worden ist. Der „Prophet Mohammed“ wäre, wenn Ohlig recht hat, erst eine nachträgliche biographische Konstruktion, die in die Zeit eines 622 in Syrien erfolgten Herrscherwechsels rückprojiziert worden ist. In diesem Jahr begann nach einem Sieg der Byzantiner und ihrer arabischen Verbündeten über das Sassanidenreich eine arabische Alleinherrschaft über Syrien. Mohammed bekommt dann einen ähnlichen historischen Status wie die biblischen Figuren Abraham und Moses.

Wenn es Mohammed aber nicht gegeben hat, wird es ernst. Was ist dann mit dem ihm geoffenbarten Buch, dem Koran? Hier wagte auf dem Kolloquium der Koranforscher Christoph Luxenberg, der im Jahr 2000 mit seinem Buch über die „Syro-aramäische Lesart des Koran“ großes Aufsehen erregt hatte, eine interessante These. Anhand von Vergleichen der in manchen Suren auftauchenden sog. „geheimen Buchstaben“ mit der Verwendung der gleichen Buchstaben in dem siebenbändigen aramäischen Liturgiebuch, „die sich teilweise auf die Zahl eines bestimmten Psalms beziehen, teilweise auf bestimmte Abkürzungen, Anweisungen oder Tonarten“, könne auf „eine frühere Funktion eines Teils der koranischen Texte im christlichen Gottesdienst“ geschlossen werden. Andere Suren können unter Zurhilfenahme des Aramäischen als Regeln für das Mönchsleben gelesen werden.

Ob diese Thesen stimmen, kann beim derzeitigen Stand der Forschung natürlich niemand mit Sicherheit behaupten. Das Problem besteht aber darin, dass es auf absehbare Zeit keine Möglichkeit gibt, in einem offenen Diskurs unter Wissenschaftlern über den Wahrheitsgehalt solcher Aussagen zu debattieren. Christoph Luxenberg kann seine Thesen in Büchern und Aufsätzen äußern, aber er wird keinen Islamwissenschaftler finden, der sich wirklich ernsthaft damit auseinandersetzt. Die Gefahr für sein Leben wäre zu groß, wenn er zu dem Schluss käme, dass Luxenberg recht hat oder zumindest eine brauchbare Hypothese liefert.

Darauf kann man natürlich einwenden: So gefährlich kann es aber doch nicht sein; immerhin äußert Christoph Luxenberg ja seine Meinung seit fast einem Jahrzehnt und lebt noch immer. Diesen Einwand kann man relativ leicht entkräften. Christoph Luxenberg ist ein Pseudonym. Wäre der Autor identifizierbar, wäre vielleicht schon lange die Fatwa gegen ihn vollstreckt worden. Drohungen gibt es wahrlich genug!

Martin Schuck


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