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Dieter Just Ameisenbühl 20/5, 71332 Waiblingen |
Das radikale Böse in der menschlichen Natur
Über
Kants Bild vom Juden
Kuno Fischer (1824-1907) war kein
schöpferischer Philosoph. Dennoch hat er in der Wirkungsgeschichte der
deutschen Philosophie eine kaum zu überschätzende Rolle gespielt, weil sich die
meisten Bildungsbürger ihr Bild der
großen Philosophen aus seinen Schriften holten. Selbst Nietzsche hat Spinoza
nachweislich nur aus der Darstellung Kuno Fischers kennen gelernt (KSA 14/646),
über den es im 5. Band der 1961 erschienenen Neuen Deutschen Biographie heißt: „...1850 konnte er sich in
Heidelberg habilitieren. 1853 wurde ihm wegen seiner pantheistischen Gesinnung
die venia legendi entzogen. Die erzwungene Muße nutzte Fischer zu intensiver
schriftstellerischer Tätigkeit [...] 1855 nahm er einen Ruf nach Jena an, wo er
16 Jahre wirkte und in seinen Vorlesungen und Vorträgen wahre
Begeisterungsstürme entfachte. 1861 erschien sein Kant-Buch [...], dessen
Wirkung eine außerordentliche war. [...] Fischers bleibendes Verdienst liegt
auf dem Gebiet der Philosophiegeschichte, die ihm eine Schule des Philosophierens
ist. Es ist ihm in beispielloser Weise gelungen, den Entwicklungsgang des
philosophischen Denkens überhaupt darzulegen, indem er jedes einzelne System
von einem Kernpunkt aus aufrollt, die wesentlichen Gedankengänge gleichsam
schöpferisch nachvollzieht und im Rückblick kritisch beleuchtet. Seinem
Wirken als Schriftsteller und Dozent ist es hauptsächlich zu danken, daß die
Philosophie in Deutschland nach dem auf Hegel folgenden Niedergang und einer
Zeit bloßer Duldung ihren Wert und ihre Anerkennung als allgemeinstes
Bildungsfach wiedergewann.“
Der Anlass, mich mit Kuno Fischers
Kant-Darstellung zu beschäftigen, liegt in einer erschreckenden Bemerkung in
seiner Zusammenfassung von Kants Schrift Die
Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft. Auch ich zitiere der
leichteren Lesbarkeit wegen im Folgenden aus Kuno Fischers Immanuel Kant und seine Lehre, 2. Teil, 4. Band, 3. Auflage, München
1882. Nur wenn unbedingt notwendig, werde ich auf Kants Schrift im Original
zurückgreifen.
1. Ein erster Überblick
Lassen wir uns also durch Kuno Fischer in
Kants Religionsphilosophie einführen:
„[...] Die jüdischen Glaubensgesetze
entbehren alle Bedingungen einer rein moralischen Gesetzgebung, sie sind, was
moralische Gebote nie sein dürfen, Zwangsgesetze und fordern die äußere
Beobachtung, die legale Erfüllung: diese ist ihr hauptsächlicher Zweck. Es gibt
unter den jüdischen Glaubensgeboten keines, dessen Erfüllung nicht erzwungen
werden könnte, dessen äußere Erfüllung nicht dem Gesetze genugtäte. Die Motive
der Gesetzeserfüllung sind keineswegs moralische Triebfedern: der gerechte.
d.h. der legale Mensch wird belohnt, der ungerechte bestraft, Hoffnung auf Lohn
und Furcht vor Strafe sind die Motive des Glaubensgehorsames und der
Gesetzeserfüllung. Es ist nicht die Gerechtigkeit, nicht einmal die des äußeren
Rechts, wonach im Sinne des jüdischen Glaubens gelohnt und gestraft wird. Die moralische
Gerechtigkeit trifft nur den Schuldigen, die jüdische straft auch den
Unschuldigen, sie ist nicht Gerechtigkeit, sondern Rache, maßlose Rache, sie
rächt der Väter Missetat an den Nachkommen bis ins dritte und vierte Glied. Die
Ankündigung einer solchen Strafgerechtigkeit will nicht bessern, sondern
schrecken; eine solche terroristische Weltregierung oder der Glaube daran kann
politische Gründe haben, niemals moralische, er kann eine Maßregel der Zweckmäßigkeit
sein, d.h. eine Maßregel, die unter Umständen gilt. Der religiöse Glaube ist
keine Maßregel, noch ist er abhängig von äußeren Umständen, er fordert die
reine Gesinnung, die vollkommen lautere, ein Ziel, das nur in der Ewigkeit
erreicht werden kann: deshalb fordert er die Unsterblichkeit der Seele. Der
jüdische Glaube macht diese Forderung nicht, denn er hat sie nicht nötig; der
Gesetzgeber des jüdischen Glaubens hat auf das künftige Leben keine Rücksicht
nehmen wollen, weil er nur ein politisches Gemeinwesen unter der Herrschaft des
Glaubens bezweckte. Das sicherste Kennzeichen des religiösen Glaubens ist seine
Universalität, seine unbedingte Gültigkeit für alle Menschen, das sicherste
Kennzeichen des Gegenteils ist der Partikularismus, die ausschließliche Geltung
für eine besondere Nation, der Glaube an ein auserwähltes Volk: daher ist der
jüdische Glaube in seinem innersten Grunde nicht religiös, sondern bloß
theokratisch in politischer Absicht“ (344f.).
Der für Herrn Schäuble interessante Hinweis
auf die terroristische Weltregierung
des biblischen Gottes findet sich bei Kant nicht, aber wir können solche
Nebensächlichkeiten ignorieren und uns auf Wesentliche konzentrieren. Und hier
muss zu einem Punkt unbedingt Stellung bezogen werden, weil er fast wörtlich in
Hitlers Mein Kampf (1935), S. 336,
wiederkehrt. Der Jude habe keinen Religionsglauben, weil er nicht an die Unsterblichkeit
der Seele glaube. Ob es bereits im Alten Testament Belege für das Gegenteil
gibt, ist meines Wissens umstritten. Aber der Kantianer Hermann Cohen hat
darauf hingewiesen, dass die vielen jüdischen Märtyrer[1]
ohne den Glauben an eine unsterbliche Seele gar nicht möglich gewesen wären.
Vor allem einen gravierenden Vorwurf kann man Kant nicht ersparen.
In der Kritik
der reinen Vernunft widerlegt er Mendelssohns Beweis der Beharrlichkeit der
Seele (395b) und zitiert dabei sogar das damals berühmte Werk des allgemein als
Juden bekannten Philosophen Moses Mendelssohn Phädon oder über die Unsterblichkeit der Seele. Also muss Kant vom
Glauben zeitgenössischer Juden an die Unsterblichkeit der Seele gewusst haben.
Ein unbefangener Blick auf die Realität seiner Zeit hätte ihn außerdem belehren
müssen, dass die Juden damals keine Nation, kein Volk mehr darstellten, wie
noch vor mehr als tausend Jahren, sondern eine Religionsgemeinschaft.
Damit zeichnen sich bereits die problematischen Konturen von Kants Bild
vom Juden ab, das Kuno Fischer folgendermaßen bewertet: „In dieser Beurteilung
des jüdischen Glaubens unterscheidet sich Kant sehr charakteristisch von dem
früheren Rationalismus der deutschen Philosophie. Die natürliche Theologie der
Aufklärungszeit stand in ihren deistischen Begriffen dem Judentum näher, als
der christlichen Religion, sie gefiel sich sogar darin, mit ihrer Vorliebe für
die Verständigkeit des jüdischen Gottesbegriffs Staat zu machen gegen die
Mysterien des Christentums. So viel wir
sehen, ist Kant der erste Philosoph der neuen Zeit, der aus rationalen und
kritischen Gründen den Unwert der jüdischen Religion in ihrem Verhältnis zur
christlichen erleuchtet. Der Grund zu dieser merkwürdigen Wendung liegt am Tage
für die wenigen, welche die kantische Lehre verstehen: er liegt nicht, wie bei
Hamann, in einer Vorliebe für die Mysterien des christlichen Glaubens, sondern
in der Lehre vom radikalen Bösen in der Menschennatur, die mit der Lehre vom
intelligiblen Charakter, von der menschlichen Freiheit und dadurch mit den
Grundlagen der gesamten kritischen Philosophie auf das Genaueste und Tiefste
zusammenhängt. Diese Einsicht bestimmt und reguliert Kants Religionslehre,
deren Thema kein anderes ist, als die Auflösung der Frage: wie ist die Erlösung
möglich unter der Bedingung des radikalen Bösen in der Menschennatur? Hier ist
keine andere Glaubensgrundlage denkbar, als die rein moralische, hier sind zur
Erlösung keine anderen Bedingungen möglich, als die Wiedergeburt, das
beharrliche Fortschreiten im Guten, die erlösende Strafe, das stellvertretende
Leiden, der praktische Glaube an das radikale Gute. Wenn man mit diesen
Glaubensvorstellungen die geschichtlichen Religionen vergleicht, so leuchtet
ein, mit welcher von allen die kritische Philosophie im Kern der Sache
übereinstimmen muß: entweder mit keiner oder allein mit der christlichen“ (345).
Der kritische Leser wird im Laufe meiner
Ausführungen bemerken, dass Kuno Fischer im letzten Satz Kants irrationale
Lehre von der angeblichen Christlichkeit seiner kritischen Philosophie sehr
stark abmildert und der Vernunft seiner Leser anpasst. Dennoch hat er eine skandalöse
Information geliefert, welche die meisten Leser – mich selber eingeschlossen –
in Kants Religionsschrift von selbst nicht finden: Der Jude als Inbegriff des radikal Bösen! Dann hätte sich Der Stürmer also auf Kant berufen
können.
Tatsächlich hat Kuno Fischer den Geist von Kants
Spätschrift Die Religion innerhalb der
Grenzen der bloßen Vernunft durchaus erfasst. Er schwächt Kants
Antisemitismus sogar ab, da seine Wendung, Kant habe „den Unwert der jüdischen Religion [...] erleuchtet.“ einen Euphemismus darstellt. Gerade
in Die Religion innerhalb der Grenzen der
bloßen Vernunft (A 177ff.) wird nämlich den Juden jeglicher Religionsglaube
abgesprochen, so dass ein Kantianer von einer jüdischen Religion gar nicht sprechen kann. Und aufmerksame Leser Kuno
Fischers haben das auch bemerkt.
Drei Fragen sind jetzt zu stellen:
1. Was versteht Kant unter dem
„radikalen Bösen in der Menschennatur“ und wie ist er darauf gekommen?
2. Verbindet er das radikale
Böse tatsächlich mit den Juden und wie wird dies begründet?
3. Wie ist Kuno Fischers
Darstellung der kantischen Position zu bewerten?
2. Der Mensch von guten Sitten kann böse
sein
Kant unterscheidet zwischen einem Menschen von guten
Sitten (bene moratus) und einem sittlich guten Menschen (moraliter bonus).
Zwischen beiden ist, was die Übereinstimmung der Handlungen mit dem Gesetz
betrifft, kein Unterschied, ja es darf keiner sein. Worin besteht aber dann der
Unterschied? Beim Menschen von guten Sitten ist das Gesetz nicht immer, vielleicht
nie, beim sittlich guten Menschen ist das Gesetz jederzeit die alleinige und oberste Triebfeder (B24f.).
Hier habe ich Kants Text in sprachlich klarerer Form
wiedergegeben und fasse zusammen: In ihrem äußeren Erscheinungsbild
unterscheiden sich der Mensch von guten Sitten und der sittlich gute Mensch
überhaupt nicht, beide handeln nach dem Sittengesetz. Der Unterschied entsteht
erst ins Kants Metaphysik der Sitten: Der sittlich gute Mensch lässt sich
jederzeit ausschließlich vom Sittengesetz leiten, er handelt nach der Autonomie
des Willens in der Moral, der Mensch guter Sitten ist in Heteronomie befangen.
Über den Menschen guter Sitten heißt es dann: „Die
Maxime, nach deren Güte aller moralischer Wert der Person geschätzt werden muß,
ist also doch gesetzwidrig, und der Mensch ist bei lauter guten Handlungen
dennoch böse“ (B 25).
Damit beginnt ein merkwürdiger moralischer
Niedergang des Menschen guter Sitten. Luther, der immer Gottes Gebote über
Menschengebote gestellt und in seinen Katechismen den Dekalog eingeschärft hat,
lässt sich gewiss nicht für die Lehre von der Autonomie des Willens in der
Moral vereinnahmen. Also wäre ein gottesfürchtiger Lutheraner nach Kant „bei
lauter guten Handlungen“ dennoch böse. Warum? Weil er aus Gottesfurcht handelt
und sich nicht ausschließlich vom Sittengesetz leiten lässt. Aber hier taucht
ein gravierendes Problem auf: Eine rein moralische Handlung kommt in der
Erfahrung gar nicht vor, was Kant übrigens einräumt.[2]
Wenn aber der Mensch guter Sitten bei lauter guten Handlungen böse ist, wer ist
dann moralisch gut? Und wie ist dann der gute Mensch vom bösen zu unterscheiden?
„Also muß der Unterschied, ob der Mensch gut oder
böse sei, nicht in dem Unterschiede der Triebfedern, die er in seine Maxime
aufnimmt (nicht in dieser ihrer Materie), sondern in der Unterordnung (der Form derselben) liegen: welche von beiden er zur Bedingung der andern macht. Folglich ist der Mensch (auch der
beste) nur dadurch böse, daß er die sittliche Ordnung der Triebfedern, in der
Aufnehmung derselben in seine Maximen, umkehrt [...]
Bei dieser Umkehrung der Triebfedern durch seine
Maxime, wider die sittliche Ordnung, können die Handlungen dennoch wohl so
gesetzmäßig ausfallen, als ob sie aus echten Grundsätzen entsprungen wären [...]“ (B 34f.).
Böse wird man also nicht durch irgendwelche bösen
Triebfedern, sondern durch seine Maxime. Wer die Triebfeder der Selbstliebe zur
Bedingung des moralischen Gesetzes macht, ist böse. Wer also das moralische
Gesetz befolgt, weil er berechnend auf irgendeinen Vorteil schielt, ist böse.
Das Problem ist nur: Hier handelt es sich um Maximen, die nur in Kants Metaphysik
der Sitten und in der reinen Innerlichkeit des Menschen vorkommen, so dass im
Grunde niemand genau sagen kann, aus welcher Maxime jemand handelt. Kant räumt
auch an der oben zitierten Stelle nochmals ein, dass „bei dieser Umkehrung der
Triebfedern [...] die Handlungen dennoch wohl so gesetzmäßig ausfallen können,
als ob sie aus echten Grundsätzen entsprungen wären [...]“
Das heißt aber in Klartext: Kant kann auf Grund
seiner metaphysischen Begriffe einem Außenstehenden gar nicht angeben, wer
wirklich böse ist. Es könnte nach seinen Begriffen jemand böse sein, der sich
ganz moralisch verhält.
3. Der Begriff des radikalen Bösen
Dieses Problem verschärft sich bei Kants Begriff des
radikalen Bösen, der nach Kuno Fischer folgendermaßen abgeleitet wird. „Denken
wir uns den Willen unter der Herrschaft der animalischen Triebe, so dass die
menschliche und moralische Natur unter die tierische herabsinken, so entstehen
die sogenannten viehischen Laster,
wie Völlerei, Wollust, wilde Gesetzlosigkeit“ (292).
Aber unter den von tierischer Wollust, Völlerei,
wilder Gesetzlosigkeit Besessenen – d.h. noch tiefer in der moralischen
Rangordnung – existiert noch eine schlimmere, verworfenere Gruppe, wenn ein
solcher Komparativ erlaubt ist: „Denken wir uns den Willen unter der Herrschaft
bloß der natürlichen Vernunft, so ist sein einziges Ziel das eigene Wohl, so
sucht das Individuum nichts anderes als seine Glückseligkeit, seine
größtmögliche Geltung, seine Vorteile auf Kosten und zum Schaden der anderen,
mit seiner Selbstliebe steigen die feindlichen und gehässigen Gesinnungen, wie
Bosheit, Neid, Undankbarkeit, Schadenfreude, sie wachsen ins Unermessliche und
bilden die sogenannten teuflischen
Laster. Also nicht in der Anlage als solcher liegt das Böse, sondern in dem Verhältnis
der Anlage zum Willen: in der Anlage, sofern sie Triebfeder wird, nicht in der Triebfeder als solcher liegt das
Böse, sondern in ihrem Verhältnisse zum Sittengesetz: darin also, daß die
Triebfedern der tierischen Natur oder der klugen Selbstliebe im Menschen mehr
gelten, als das Sittengesetz, daß sie dem letzteren übergeordnet und nicht, wie
es die Pflicht verlangt, schlechterdings untergeordnet sind“ (292f.).
Die teuflische Natur steht im moralischen Rang unter
der tierischen, obwohl sie Vernunft besitzt. Könnte ihr Erscheinungsbild dem
Menschen von guten Sitten ähneln oder gar gleichen? Woran wäre dann die
teuflische Natur zu erkennen?
Kant unterscheidet zwischen dem schwachen Willen,
der juristisch etwa der „culpa“ entspreche und dem bösen Willen, der „dolus“
genannt werden könne: „Der schwache Wille richtet sich auf etwas anderes als
das Sittengesetz, er ist nur auf das Gute nicht gerichtet, der böse richtet
sich auf das Gegenteil des Sittengesetzes“ (298).
„Dieser (böse Wille) ist die eigentliche Tücke des
menschlichen Herzens, die nicht bloß den Keim des Bösen nährt, sondern den des
Guten untergräbt und die Gesinnung in der Selbstsucht verhärtet. Hier gilt die
Selbstliebe als Maxime, als oberstes und alleiniges Motiv des Willens“ (298f.).
Doch nun kommt der entscheidende Punkt: „Das Böse
wird vermieden, nur so weit es schädlich ist oder der Selbstliebe widerspricht,
das Gute wird angenommen als der täuschende Schein, hinter dem sich die
Selbstliebe am wohlsten befindet, es wird angenommen, nur so weit es sich mit
der letzteren verträgt. So wird die Gesinnung im Innersten verdorben“ (299).
Die Selbstliebe ist deshalb teuflisch, weil sie
tückisch ist. Sie vermeidet das Böse, nur weil es schadet, und sie verhält
sich, oberflächlich betrachtet, gut, weil sie sich davon Vorteile verspricht.
Der entscheidende Ausdruck ist: „Das Gute wird angenommen als der täuschende
Schein.“ Mit anderen Worten: Auch die vom bösen Willen angetriebene teuflische
Natur kann dem Menschen von guten Sitten gleichen. Da Kant kein überzeugendes
und nachprüfbares Unterscheidungsmerkmal zwischen dem Menschen von guten Sitten
und der teuflischen Natur angeben kann, lässt sich auch anders formulieren: Der
Mensch von guten Sitten ist durch Kants metaphysische Unterscheidung im
moralischen Rang ganz tief gefallen. Er kann trotz seines guten Verhaltens als
teuflische Natur unter den von sogenannten viehischen Lastern, wie Völlerei,
Wollust, wilde Gesetzlosigkeit Besessenen rangieren, obwohl oder gerade weil er
über Vernunft und sogar über Moral verfügt. Angesichts so gravierender
Beschuldigungen wird die Frage noch dringender, nach welchen Kriterien solche
Beurteilungen erfolgen sollen. Woran zeigt sich die Unterordnung der
Triebfedern unter der Sittengesetz, oder das Umgekehrte? An den Handlungen, am
Verhalten sicher nicht, denn die Maximen betreffen nur die unerkennbare
Innerlichkeit.
Dazu noch einmal Kant: „Man nennt aber einen
Menschen böse, nicht darum, weil er Handlungen ausübt, welche böse
(gesetzwidrig) sind; sondern weil diese so beschaffen sind, daß sie auf böse
Maximen in ihm schließen lassen. Nun kann man zwar gesetzwidrige Handlungen
durch Erfahrung bemerken, auch (wenigstens an sich selbst), daß sie mit
Bewußtsein gesetzwidrig sind; aber die Maximen kann man nicht beobachten, sogar
nicht einmal in sich selbst, mithin das Urteil, daß der Täter ein böser Mensch
sei, nicht mit Sicherheit auf Erfahrung gründen“ (BA 5f.).
Diese Ausführungen lassen jeden pragmatisch
Denkenden ratlos zurück. Woher sollen wir sonst wissen, dass ein Mensch böse
ist, wenn nicht auf Grund von Erfahrung? Wir vermuten, dass Kant unsere
Ratlosigkeit beheben will, aber wie? Ich kehre der Einfachheit halber wieder zu
Kuno Fischers Zusammenfassung zurück. „[...] Mitten im Herzen der Welt lebt
unverwüstlich der alte Naturzustand. Diese sittliche Verfassung der Menschen zu
erklären, reicht die einfache Selbstliebe nicht hin. Es ist die Selbstliebe
nicht in ihrer einfachen, sondern in ihrer übertriebenen Geltung, es ist die
zur Herrschaft, zur Maxime erhobene Selbstliebe: die Selbstsucht, die nicht der Naturtrieb macht, sondern der Wille [...]
So verhält es sich mit dem empirischen Menschencharakter. Wo man ihn immer
findet und so weit man ihn immer verfolgt, erscheint er nicht etwa in seiner
äußeren Handlungsweise, sondern in seiner Denkungsart dem Sittengesetz
abgeneigt, als innerlich auf das Gegenteil des Guten gerichtet, d.h. als böse.
Wie erklärt sich diese allgemeine, von dem gesamten Menschengeschlecht geltende,
von aller Erfahrung bezeugte Tatsache?“ (296)
Doch damit taucht ein Widerspruch auf. Wie kann
plötzlich von einer „von aller Erfahrung“ bezeugten Tatsache gesprochen werden,
wenn der Unterschied zwischen einfacher Selbstliebe und der Selbstsucht oder
zur Maxime erhobenen Selbstliebe, wieder in einer Maxime liegt, die niemals
offen zutage tritt? Denn es handelt sich hier um eine metaphysische Größe aus
Kants Metaphysik der Sitten. Und gerade ein metaphysischer Begriff treibt das
radikale Böse aus sich heraus.
„Das Böse liegt nicht in den Triebfedern, sondern in
der Ordnung der Triebfedern, in der Umkehr der moralischen Ordnung. Die
Herrschaft des Sittengesetzes ist die moralische Ordnung, die Herrschaft der
Selbstliebe ist deren Umkehrung; diese macht nicht die Natur, nicht die Anlage,
nicht die Materie der Triebfedern, sondern einzig und allein der Wille: nur im
Willen und durch ihn können überhaupt die Triebfedern umgekehrt werden. Der
einzige, zureichende Erklärungsgrund des Bösen ist demnach der menschliche
Wille, der in seiner ursprünglichen Richtung die Ordnung der Triebfedern umkehrt,
sich von dem Sittengesetz abwendet und an die Triebfedern der Sinnlichkeit
hängt. Weil dieser Hang den empirischen Charakter des Menschen bedingt, also
nicht zu dessen Wirkungen gehört, darum ist er nicht erworben, sondern angeboren
oder natürlich. Wir verstehen unter ‚natürlich’ an dieser Stelle das Gegenteil
nicht der Willkür (Freiheit), sondern der Bildung. Der Hang zum Bösen ist nicht von außen in die menschliche Natur
eingeführt worden, er ist nicht im Laufe der Zeit erworben, er ist der
menschlichen Natur nicht angebildet, sondern ihr eigen: d.h. er ist angeboren
oder natürlich. Dieser
natürliche Hang entspringt nur im Willen, er ist eine Willenstat, also
moralisch, zurechnungsfähig, schuldig; diese Schuld liegt in der ersten Willensrichtung,
in der Wurzel des Willens, von hier aus ist der letztere im Prinzip verdorben
worden; daher ist jener natürliche und zugleich moralische Hang zum Bösen
radikal: er ist ‚das radikale Böse in
der menschlichen Natur’.“ (297f.)
Besonders gravierend: das radikale Böse beruht auf
einem angeborenen, natürlichen Hang zum Bösen. Hier liegt Rassismus in der
Luft. Doch davon später, weil er bei Kant nicht, noch nicht expressis verbis,
in Erscheinung tritt.
4. Die Hinwendung zur „Theologie“
Kant findet ein anderes sicheres Merkmal, das
radikale Böse eindeutig festzustellen, also nicht die Rasse. Ein für seine
Morallehre wichtiger Begriff ist noch nicht gefallen: Gott. Dass Gott in Kants
Metaphysik der Sitten eine zentrale Rolle zukommt, wenn auch eine extrem
negative, macht Kuno Fischer an anderer Stelle klar: Er gibt Kants Ansatz in
der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten
[3] völlig
korrekt wieder. „Aber in der intelligiblen Welt selbst erhebt sich mit der Idee
Gottes wider die Möglichkeit unserer
Freiheit eine Macht, die ihr den gänzlichen Untergang droht. Ihre Rettung vor
dem Mechanismus der Natur, ihre Unabhängigkeit von der Zeit und der Sinnenwelt,
die von der Zeit beherrscht wird, ihre intelligible Existenz hilft zu nichts,
wenn sie in der Welt der Dinge an sich in die Abhängigkeit von Gott gerät und
in die unwiderstehliche Sphäre der göttlichen Allmacht fällt. [...] Mit der Kausalität Gottes und unserer gänzlichen
Abhängigkeit von ihm ist die menschliche Freiheit unvereinbar, denn der letzte
bestimmende Grund unseres Daseins wie unserer Handlungen liegt in einem Wesen,
das gänzlich außer unserer Gewalt ist“
(87).
Die Idee Gottes vernichtet aber nicht nur die
Freiheit des Menschen, sondern auch jegliche Moral, d.h. die reine moralische
Gesinnung. Gott, und gemeint ist der monotheistische Gott, der moralische
Gesetzgeber der Juden und Christen, avanciert zum eigentlichen Gegner und Feind
des intelligiblen Ichs und damit der „Freiheit“ eines Willens, der sich nach
Kant das moralische Gesetz selbst gibt, ohne sich vor Gottes Strafe zu fürchten
oder auf göttliche Belohnungen in dieser oder jener Welt zu hoffen. Könnte es
einen Zusammenhang zwischen dem radikalen Bösen und der Idee Gottes geben?
Dazu ein kleiner Vorgeschmack: Sittlich gut werden
wir erst durch die moralische Gesinnung, die allerdings in der Innerlichkeit
verborgen bleiben muss. Dennoch macht Kant zwischen Juden und Christen auch in
ihrem Verhältnis zu den Zehn Geboten einen gravierenden Unterschied: „Und
obzwar die zehn Gebote auch, ohne daß sie öffentlich gegeben sein möchten,
schon als ethische vor der Vernunft gelten, so sind sie in jener Gesetzgebung (i.
e.: im Alten Testament) gar nicht mit der Forderung an die moralische Gesinnung in Befolgung derselben (worin nachher das
Christentum des Hauptwerk setzte) gegeben, sondern schlechterdings nur auf die
äußere Beobachtung gerichtet worden [...]“ (B 187).
Kants Begründung ist nicht nachvollziehbar. Wenn es
göttliche Gebote gibt, dann ist die Autonomie des Willens eine Farce. Da aber
jeder weiß, dass die Zehn Gebote auch für Christen gelten und auch die
christliche Religion ihre Einhaltung noch vor gar nicht allzu langer Zeit mit
der Androhung von Höllenstrafen durchzusetzen versuchte, existierte zwischen
Christen und Juden in diesem Punkt kein Unterschied. Kant setzt trotzdem einen
wesentlichen Unterschied zwischen Juden und Christen, ja sogar den einzigen Unterschied,
der zwischen gut und böse unterscheidet, nämlich die Gesinnung. Der Jude ist
offenbar unfähig zur guten Gesinnung, er ist höchstens ein Mensch von guten
Sitten, kein sittlich guter Mensch. Falls er sich aber grundsätzlich von einer
falschen Maxime leiten ließe, wäre er radikal böse. Die falsche Maxime sei die
Selbstliebe. Da aber die Maximen im Innersten verborgen bleiben, ist es unmöglich,
bestimmte Menschen radikal böse zu nennen. Um dennoch kategorische Aussagen
über die moralische Haltung von Menschen, ja Menschengruppen machen zu können,
wechselt Kant scheinbar auf das Gebiet der Religion. Hier wird das Innerste
gewissermaßen nach außen gekehrt, so dass es jetzt nach genauen Kriterien
beurteilt werden kann. Dazu greift der Philosoph und Aufklärer auf primitive
Vorurteile zurück. Selbstliebe sei auch der Ausdruck für das Verhalten des Juden
zu seinem Gott, wie dieser sich Kant darstellt. Dieser jüdische Gott fordere
zwar ein moralisches Verhalten, weshalb Juden nach außen hin oft ganz moralisch
erscheinen mögen, aber nach Kant trotzdem böse sind. Denn Jahwe verspreche für
moralisches Verhalten Belohnung schon im Diesseits,[4]
weshalb dieses moralische Verhalten in Wahrheit Egoismus ist, also Selbstliebe,
so dass der Jude auf Grund seines Gottesverhältnisses nach Kants Kategorie der
Gesinnung nicht nur böse, sondern sogar radikal böse, teuflisch ist. Deshalb
legt Kant so großen Wert auf das Vorurteil, der Jude glaube nicht an die Unsterblichkeit
der Seele und kenne deshalb auch keinen Religionsglauben. Dieser Zusammenhang
wird von Kuno Fischer nur kurz angedeutet. Statt dessen wird eine andere,
leichter nachvollziehbare Begründung der These, Kant habe das radikal Böse mit
dem Judentum identifiziert, gegeben: Sie zeigt deutlich, dass Kant das
Unterscheidungsmerkmal zwischen gut und böse erst in der „Religion“ findet. Der
Mensch sei von Natur aus böse, mit dieser Erkenntnis hat Kant den Abschnitt Vom Ursprunge des Bösen in der menschlichen
Natur beschlossen. Doch im nächsten Abschnitt stellt sich die Frage: „Wie
es nun möglich sei, daß ein natürlicherweise böser Mensch sich selbst zum guten
Menschen mache, das übersteigt alle unsere Begriffe; denn wie kann ein böser
Baum gute Früchte bringen?“ (B 51)
Hier kommen nun scheinbar theologische Begriffe zum
Zuge: „Nun ist die Läuterung des Willens nur durch die Wiedergeburt und diese
nur durch den Kampf mit dem Bösen möglich. Augustin nannte die Tugenden, die
nicht aus der Wiedergeburt entspringen ‚glänzende Laster’, Kant denkt in diesem
Punkte nicht weniger rigoristisch [...]“ (306).
Dennoch wechselt Kant nicht in die Theologie über,
sondern bleibt auf dem Boden der Philosophie: „Das Gute ist der Wille, dessen
alleinige Richtschnur und Maxime das Sittengesetz ausmacht, d.i. der Wille in
völliger Übereinstimmung mit der Pflicht, die Menschheit in ihrer sittlichen
Vollkommenheit. In diesem Zustande ist die letztere kein Gegenstand der
Erfahrung; nicht der empirische, sondern nur der ideale Mensch ist der
vollkommene. Die sittliche Lauterkeit ist die Aufgabe oder Idee des Menschen.
Vorgestellt als ein Individuum, ist diese Idee das Ideal der Menschheit. Die vernünftigen Wesen in der Welt haben keinen
höheren Zweck, als diesem Ideale gleichzukommen, die Welt keinen höheren Zweck,
als vernünftige Wesen zu erzeugen: ihr Zweck ist die Menschheit, ihr Endzweck
die sittlich geläuterte Menschheit oder die Herstellung des moralischen Ideals“
(307).
Die Metaphysik der Sitten, die im Empirischen
scheitern musste, erhält einen scheinbar religiösen Sinn: „Es kann von keinem
moralischen Weltzweck geredet werden ohne die Voraussetzung eines moralischen
Welturhebers. Gilt das moralische Ideal als der Weltzweck, so muß Gott als der
moralische Welturheber gelten: er hat die Welt erschaffen, damit sie seinen
Zweck erfülle, er hat sie um des moralischen Ideals willen erschaffen. Dieses
selbst ist demnach nicht geschaffen, sondern ewig, wie Gott. Die Idee
der Menschheit ist unmittelbar göttlichen Ursprungs: sie ist, symbolisch
ausgedrückt, ‚der ewige und eingeborene
Sohn Gottes’. Diese Idee ist der Zweck, zu dem die Welt geschaffen worden,
sie ist der göttliche Beweggrund der Schöpfung, das Schöpfungsmotiv, der Logos oder ‚das Wort, durch welches alle
andern Dinge sind, und ohne das nichts existiert, was gemacht ist’“ (307, Zitat aus Kants Religion
innerhalb der Gr. D.bl.V.).
Hier scheint sich die idealistische Philosophie der Theologie
anzunähern. Es ist die Rede von Gott, von der Schöpfung der Welt, ein Begriff,
den Kant und Fichte abgelehnt hatten. Andererseits ist nicht Gott der Anfang
und Urheber der Welt und der Moral, vielmehr ist das moralische Ideal ewig wie
Gott, also Gott gleichgeordnet oder gar übergeordnet. Sogar der Begriff der
göttlichen Gnade taucht ganz im Widerspruch zum eigentlichen Ansatz in der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten
auf. Die idealistische These von der Autonomie des Sittengesetzes bleibt also
aller scheinbaren Angleichung an die christliche Theologie zum Trotz bestehen.
Christus war nach Kant kein Gott im Sinne der Theologie: „Das moralische Ideal
ist die Idee der Menschheit in Individuo, dieses ideale Individuum ist ein
vollkommener d.h. göttlich gesinnter Mensch, es ist, symbolisch zu reden, ‚das
vom Himmel zu uns herabgestiegene Ebenbild Gottes oder Urbild der Menschheit:
der menschgewordene Sohn Gottes’. In
der göttlichen Gesinnung allein [also nicht in der göttlichen Natur; D.J.]
liegt die Vollkommenheit“ (308).
Im Folgenden wird dem Wunderglauben eine Absage
erteilt. Christus sei kein übernatürlicher Mensch gewesen, er sei nicht von
göttlicher Natur, sondern von göttlicher Gesinnung gewesen. Und diese zeige
sich vor allem im Leiden für andere. Christus
wird von Kant Die personifizierte Idee
des guten Prinzips genannt.
Entscheidend ist nun folgende Passage aus dem
Original-Kant-Text: „Zu diesem Ideal der moralischen Vollkommenheit, d.i. dem
Urbilde der sittlichen Gesinnung in ihrer ganzen Lauterkeit uns zu erheben,
ist nun allgemeine Menschenpflicht, wozu uns auch diese Idee selbst, welche von
der Vernunft uns zur Nachstrebung vorgelegt wird, Kraft geben kann“ (ebenda B 74).
Hier überwindet Kant das extrem negative
Menschenbild, das ihm auf Grund seiner Forderung nach der reinen Moral vor
seinem inneren Blick für metaphysische Zusammenhänge entstanden war. Mit einem
Male erscheint ihm die Menschheit in strahlendem Licht. Es ist, als glaube Kant
an die Erlösung der Menschheit durch Christus. In Wahrheit hat er sich selbst
aus seinem abgrundtiefen Pessimismus erlöst, was noch deutlicher wird. Die
Vorstellung, dass eine Idee uns Kraft gibt, ist nicht ungewöhnlich, zumal, wenn
es heißt, dass sie uns diese Kraft geben kann.
Die Frage ist, ob sie es muss oder
wir es auch ohne diese Kraft schaffen würden. Bleibt Kant in den Grenzen der
Philosophie, dann entscheidet der Wille. Geht er aber zur Theologie über, dann
bedarf es göttlicher Gnade und der Wille ist sekundär. Damit hätte er einen
Bruch mit seiner Philosophie vollzogen.
„Eben darum aber, weil wir von ihr [der oben
erwähnte Idee; D.J.] nicht die Urheber sind, sondern sie in dem Menschen Platz
genommen hat, ohne daß wir begreifen, wie die menschliche Natur für sie auch
nur habe empfänglich sein können, kann
man besser sagen: daß jenes Urbild vom Himmel zu uns herabgekommen sei, daß
es die Menschheit angenommen habe (denn es ist nicht eben sowohl möglich, sich
vorzustellen, wie der von Natur böse Mensch das Böse von selbst ablege), und
sich zum Ideal der Heiligkeit erhebe, als daß das letztere die Menschheit (die
für sich nicht böse ist) annehme, und sich zu ihr herablasse. Diese Vereinigung
mit uns kann also als ein Stand der Erniedrigung des Sohnes Gottes angesehen
werden, wenn wir uns jenen göttlich gesinnten Menschen, als Urbild für uns,
so vorstellen, wie er, ob zwar selbst heilig, und als solcher zu keiner
Erduldung von Leiden verhaftet, diese gleichwohl im größten Maße übernimmt, um
das Weltbeste zu befördern“ (B75).
Kants Rede ist bewusst unklar und gewunden.
Bezeichnend sind Ausdrücke wie: „kann
man besser sagen“, „kann also
angesehen werden“ etc. Frei nach dem Motto: Hier
stehe ich, ich kann auch anders, treibt er ein unlauteres Spiel, indem er
unstet zwischen Philosophie und Theologie hin und her vagabundiert. Als
Philosoph der Autonomie des Willens in der Moral muss er sagen, allein der
menschliche Wille ist gut, er allein kann sich von radikal Bösen befreien. Aber
Kant deutet sehr vage die theologische Lösung an. Es scheint, als sei die
Menschheit so vollkommen verdorben, dass sie nur durch „göttliche Gnade“
errettet werden kann. So wird symbolisch die Idee des Guten personifiziert, sie
erscheint als der Mensch göttlicher Gesinnung, der vom Himmel herabgestiegen
ist, um die Menschheit zu erlösen. Und jetzt greift das alte christliche Denkmuster,
dass alle Völker außer den Juden Jesus Christus als Erlöser akzeptierten; also
ist nach der Erscheinung Christi allein der Jude vom radikalen Bösen besessen,
das zuvor die ganze Menschheit beherrscht hatte.
5. Die Revolution gegen den jüdischen
Gott
Dann ist letzten Endes doch wieder das
Christentum an allem Antisemitismus schuld? Wer zu diesem Ergebnis kommt, hat
Kants falsches Spiel nicht durchschaut. Er bedient sich christlicher
Vorstellungen, schmuggelt in sie jedoch die Begriffe seiner Metaphysik der Sitten
hinein, anders ausgedrückt: Er vermischt seine metaphysische Vorstellung von
reiner Moral mit dem historischen Christentum. Es ist, als projiziere er, da er
die Zeit als apriorische Anschauungsform des inneren Sinnes versteht, seine Vorstellung
von reiner Moral aus der reinen Innerlichkeit in die Zeit, einerseits in die
Geschichte, in die Religionsgeschichte, in die Geburtsstunde des Christentums,
so dass jetzt eindeutige Urteile über gute und böse Menschen möglich werden,
andererseits, wie gleich gezeigt wird, in die Zukunft. Damit ist er aus dem
metaphysischen Bereich im Reich der Erscheinungen angekommen. Aber seine
Vermischung von Philosophie und scheinbarer Theologie führt zu einer besonders
krassen Verwerfung des Judentums, was aus folgenden Passagen deutlich wird: „Nun
erschien in eben demselben Volke zu einer Zeit, da es alle Übel einer
hierarchischen Verfassung im vollen Maße fühlte, und das sowohl dadurch, als
vielleicht durch die den Sklavensinn erschütternden moralischen Freiheitslehren
der griechischen Weltweisen, die auf dasselbe allmählich Einfluß bekommen
hatten, großenteils zum Besinnen gebracht, mithin zu einer Revolution reif war,
auf einmal eine Person, deren Weisheit noch reiner als die der bisherigen
Philosophen, wie vom Himmel herabgekommen war“ (B 108f.).
Daraus zieht Kant den Schluss: „Wir können
also die allgemeine Kirchengeschichte, sofern sie ein System ausmachen soll,
nicht anders, als vom Ursprunge des Christentums anfangen, das, als eine völlige Verlassung des Judentums,
worin es entsprang, auf einem ganz neuen Prinzip gegründet, eine gänzliche
Revolution in Glaubenslehren bewirkte. Die Mühe, welche sich die Lehrer des
erstern geben, oder gleich zu Anfange gegeben haben mögen, aus beiden einen
zusammenhängenden Leitfaden zu knüpfen, indem sie den neuen Glauben nur für
eine Fortsetzung des alten, der alle Ereignisse desselben in Vorbildern
enthalten habe, gehalten wissen wollen, zeigen gar zu deutlich, daß es ihnen
hiebei nur um die schicklichsten Mittel zu tun sei, oder war, eine
rein moralische Religion statt eines alten Kultus, woran das Volk gar zu
stark gewöhnt war, zu introduzieren,
ohne doch wider seine Vorurteile gerade zu verstoßen“ (B 189f.).
Die „Revolution“ Jesu Christi, worunter Kant
einen radikalen Bruch mit allem Jüdischen versteht, nämlich „die völlige
Verlassung des Judentums“, sei „vielleicht durch die den Sklavensinn
erschütternden moralischen Freiheitslehren der griechischen Weltweisen“ (B108)
oder, wie es später heißt, vermutlich durch „viel fremde (griechische)
Weisheit“ möglich geworden (B191f.). Doch Kant spricht nicht nur von der
Revolution Jesu Christi, sondern auch von seiner
philosophischen Revolution gegen (den jüdischen) Gott, durch die er in der
Geschichte des menschlichen Denkens einen einmaligen Rang einzunehmen glaubt.
Denn wenn er das Christentum als eine „rein moralische Religion“ ansieht, meint
er in Wahrheit seine Philosophie. So ist auch seine Rede vom wachsenden
Einfluss der moralischen Freiheitslehren der griechischen Philosophie zu
verstehen. Sie sind gewissermaßen nur Vorboten seiner moralischen
Freiheitslehre. Kant hat sich also keineswegs vorbehaltlos den Theologen in die
Arme geworfen, sondern seine philosophische Grundthese gehalten. Dass aber
gerade diese „Synthese“, dieses Sowohl
als Auch verhängnisvoll wirkte, sei kurz gezeigt. Während eine rein
theologische Deutung der Heilsgeschichte das Erscheinen Jesu Christi auch mit
jüdischem Gedankengut selbst verbindet, auf bestimmte Weissagungen der
Propheten zurückführt – was Kant oben ausdrücklich verwirft –, impliziert seine
Vermischung beider Disziplinen eine prinzipielle Abwertung des Judentums,
radikaler als sie einem Theologen jemals möglich war: Selbst im gemeinhin nicht
zu Unrecht antijüdisch geltenden Johannesevangelium steht immerhin der Satz:
„Denn das Heil kommt von den Juden“ (Joh. 4,22). Davon ist jetzt keine Rede
mehr, sondern von der „völligen
Verlassung des Judentums“ (B 189). Der Wert des moralisch Guten, die gute
Gesinnung, sei in der griechischen Weisheit entstanden. Hier zeigt sich
deutlich, wie der rein metaphysische Begriff der Maxime, der sich in der
Erfahrung des täglichen Lebens nicht nachweisen lässt, durch eine
geschichtsmetaphysische Konstruktion plötzlich konkrete Aussagen ermöglicht:
Die reine Moralität wird mit dem Christentum in Beziehung gesetzt, das radikale
Böse mit dem vom Christentum überwundenen Judentum.
Kant übersieht, dass die von ihm geschmähte
jüdische Theokratie selbst den philosophisch und allgemein kulturell einmalig
begnadeten Griechen in einigen Punkten moralisch weit überlegen war. Das
Tötungsverbot galt mit Ausnahme von Kriegen unter der Herrschaft des mosaischen
Gesetzes für alle Menschen, während in Rom und in Griechenland selbst noch in
klassischer Zeit das Aussetzen unerwünschter Kinder häufig vorkam. Noch
Augustus hat in großem Stil Menschenopfer darbringen lassen, schließlich waren
die von den christlichen Kaisern abgeschafften Gladiatorenspiele mit meist
tödlichem Ausgang nichts anderes. Und welches Leid die antike Sklaverei, die
sich mit dem jüdischen Gesetz zumindest nicht in diesem Ausmaß und nicht in
dieser Konsequenz vereinbaren ließ, mit sich brachte, vor allem in Bergwerken
und auf den Galeeren, ist heute kaum mehr vorstellbar. Aber Kant spricht nur
davon, dass griechische Philosophie „den Sklavensinn erschüttert“ habe. Und last not least sei der dunkelste Schatten
der antiken Kultur erwähnt: ihre Verherrlichung des Krieges, wobei zwischen
Sklaverei und Krieg ein Zusammenhang besteht. Vier Fünftel der antiken Geschichtsschreibung
sind Schilderungen von Kriegen. Und dass der entscheidende Wert der antiken
Moralphilosophie, die andreia (gr.)
oder die virtus (lat.) ursprünglich Männlichkeit hieß und sich vor allem in
der Schlacht bewährte, wird in der stoischen Philosophie, ja selbst in der
platonischen immer wieder deutlich. Wenn Kant das Christentum „eine rein moralische
Religion“ nennt, im Gegensatz zum Judentum, mag dies vielen Christen einleuchten,
weil sie an jüdische Zeremonialgesetze denken und an die Konflikte Jesu mit den
Pharisäern. Übersehen werden dabei einige Konsequenzen der konstantinischen
Wende. Als das Christentum Staatsreligion wurde, gab es notwendigerweise
christliche Soldaten und christliche Richter, die Foltern anordneten und die
Todesstrafe verhängten. Da die Juden diese Wende nicht mitgemacht haben,
blieben sie vielleicht die eigentlichen Nachfolger Christi, ohne sicheren
Rückhalt an der staatlichen Macht, bereit zum Martyrium.
Aber wird damit der Text nicht
überinterpretiert? Keineswegs, denn er besteht aus zwei Schichten. Kants
doppelte Bedeutung des Begriffs Christentum,
nämlich einmal „historisches Christentum“, zum andern „Vernunftglaube der
Philosophie“, hat zur Folge, dass er in seiner Religionsschrift nicht nur die
Geburt des Christentums vor fast 2000 Jahren beschreibt, sondern zugleich eine
neue, unmittelbar bevorstehende Ära der Gründung eines sichtbaren Gottesreichs
auf Erden heraufbeschwört (B197f.), das die ganze Menschheit umfassen sollte.
So entwickelte sich aus der Metaphysik der Sitten und ihrer überzogenen
Vorstellung von der Freiheit des Willens die Philosophie der Tat und des
„Reiches“, das schon durch Fichte national verengt wurde. Von hier aus geht
dann die Entwicklung weiter zu den Antisemiten Eugen Dühring und Houston Stewart
Chamberlain. Zu kritisieren wäre vor allem der für die deutsche Rechte wie
Nietzsche oder Moeller van den Bruck typische jähe Sprung aus der reinen
Innerlichkeit in die Politik, ja in die „große Politik“, wobei der Bereich der
Kommunikation und der Diskussion, der konkrete, leicht überprüfbare Begriffe
verlangt und politisch durch die Presse, das Parlament und die Parteien
vertreten wird, übersprungen wird. Der metaphysische Freiheitsbegriff, der im
Denken der deutschen Rechten zum Zuge kommt, greift politisch viel zu kurz, er
verengt sich zunehmend auf Vorstellungen wie „starker Wille“ und „entschlossene
Tat“, Begriffe, die schon in Fichtes Reden
an die deutsche Nation eine militärische Bedeutung annahmen.
Bereits Kants Religionsschrift eröffnete also,
wie schon erwähnt, eine politische Perspektive. Die Vision der „völligen
Verlassung des Judentums“, das nur noch als dunkler Hintergrund wirkt, vor dem
die neue Moral nur um so strahlender erscheint, die Art, wie Kant die Griechen
und (an anderer Stelle) die Römer, mit denen sich die Deutschen später auf der
Grund der Indogermanistik sprachlich und bald auch rassisch verwandt fühlen
sollten – Achill hatte bekanntlich blonde Locken –, gegen das Judentum
ausspielt, hatte weitreichende politische Konsequenzen, die der Philosoph
natürlich niemals mitgetragen hätte.
Wenn die deutsche Geschichte eines lehrt,
dann das klägliche Scheitern von Kants Versuch, die Moral autonom, d.h. unter
Ausschaltung eines obersten göttlichen Gesetzgebers zu begründen. Dieser Denker
erlag der Verführung der deutschen Sprache mit ihrer außergewöhnlichen
Abstraktionskraft. Der Satz „Das Ich legt
sich in Freiheit das allgemeine Sittengesetz selbst auf“ erscheint als
synthetischer Satz: Es wird scheinbar zum Begriff des Ichs eine Aussage
gemacht, die im Begriff des Ichs nicht enthalten sei, nämlich, dass es sich das
allgemeine Sittengesetz auferlege. In Wahrheit ist Kants zentraler Satz unecht
analytisch, unecht, weil vor allem in der deutschen Sprache überzeugend. Das Ich stellt in diesem Fall jedoch
eine Mystifikation dar, was eine kurze Überlegung klarmachen soll.
Wer moralisch handelt, beugt sich einer
höheren Macht. Man ist versucht zu sagen, dem Einfluss der Gesellschaft. Doch
diese ist bekanntlich alles andere als moralisch. Sokrates wies auf eine
prophetische, innere Stimme hin, die ihn vor bestimmten Handlungen warnte. Noch
Freud sprach vom Über-Ich, womit er
trotz seiner prinzipiell atheistischen Einstellung eine Instanz über dem Ich
bezeichnet haben wollte, die ihm das moralische Gesetz auferlege, jedenfalls
nicht das Ich selbst. Nur in der deutschen Philosophie ging durch Kant diese
elementare Erfahrung verloren. Das Ich selbst lege sich das allgemeine
Sittengesetz auf (Autonomie). Warum ist dies eine Mystifikation? Wie kommt sie
zustande?
Das Ich bedeutet einmal jeder
Einzelne, zum andern aber speziell bei Kant auch die Gesamtheit aller Sprecher
in allen Sprachen der Welt (Vergl. 1. Ich
denke – also bin ich nicht (1)
Stichwort: Anthropologie). Daher
Kants Ziel der Gründung eines Reiches der ganzen Menschheit. Wer die Belange
der Menschheit in all seinem Tun berücksichtigen will, handelt nach dem
kategorischen Imperativ und damit gewiss hochmoralisch. Doch woher kommt die
Illusion, dass er sich diesen „Imperativ“, wie er bezeichnenderweise genannt
wird, „in völliger Freiheit auferlege“? Diese Illusion wird vor allem durch die
abstrakte deutsche Sprache möglich, in der das
Ich a) jeder Einzelne und b) die ganze Menschheit bedeuten kann. Dass aber
die ganze Menschheit eine moralische Bedeutung erhält, war nur durch die
Vorarbeit des jüdischen und christlichen Monotheismus möglich, was ein
Vergleich mit den moralischen Werten von Platon und Aristoteles klar macht.[5]
Moral und Freiheit zu verbinden, ist also
eine Mystifikation, die vor allem in der abstrakten deutschen Sprache möglich
wird, und dieser Schimäre wegen hat sich Kant auf einen Machtkampf mit dem
biblischen Gott eingelassen, der zur Verteufelung „des Juden“ führte. Dass aber
später seine Forderung nach Autonomie des Willens in der Moral nur noch zur
Begründung von Immoralismus herhalten musste, wurde in meinem Aufsatz über den Stürmer bereits angedeutet.
Die deutschen Philosophen haben die Sprache bis auf
den heutigen Tag verdorben, was sich z.B. an Eduard Sprangers Geleitwort zu
einer 1943 erschienenen Ausgabe von Fichtes Reden an die deutsche Nation zeigt. Betroffen sind vor allem
zentrale Begriffe wie Christentum, Reformation und vor allem Freiheit. Bei
Spranger heißt es: „Wie später Hegel, behauptet schon Fichte, daß die
germanischen Stämme und die als Religion der Freiheit verstandene echte, ewige
Religion[6]
füreinander vorbestimmt gewesen seien. Sich selbst aber betrachtet er (Fichte)
als den Propheten dieser einen, im Wesen deutschen Urreligion, die in dem
Glauben an Freiheit und unendliche schöpferische Tätigkeit gipfelt“ (XI). Und: „Es
ist die Vollendung der Reformation, der Anbruch der endgültigen, mittlerlosen
Freiheitsreligion, das nicht mehr auf das bloß historische Faktum der
Offenbarung gestellte Christentum,[7]
was Fichte aus den Tiefen des deutschen Wesens herauszuholen gewiß ist“ (XIIIf.).
Spranger schließt mit einem Satz Heinrich von
Treitschkes: „Wir Lebenden werden Fichtes Geist dann am treuesten bewahren,
wenn alle edleren Köpfe unter uns dahin wirken, daß in unseren Bürgern wachse,
reife der ‚Charakter des Kriegers’, der sich zu opfern weiß für den Staat“
(XIV).
Mit dem Schlusssatz hat es folgende Bewandtnis:
Nachdem Kant die „personifizierte Idee des guten Prinzips“ vom historischen
Jesus abgelöst hatte und in ihm nur noch das Ideal der moralischen
Vollkommenheit sah, die sich in der Bereitschaft zeige „alle Leiden bis zum
schmählichsten Tode um des Weltbesten willen und selbst für seine Feinde zu
übernehmen“ (B75), war der Weg für die „unendlich schöpferische Tätigkeit“ des
deutschen Geistes frei, noch kühnere Umgestaltungen der idealen Jesusgestalt zu
wagen. Der junge Hegel hat schon um 1800 klar gesehen, dass das neue Reich der
Deutschen nur durch eine starke Militärmacht zu gründen sein werde, wobei er wohl
bereits an Preußen dachte. Der neuen Generation deutscher Philosophen war das
Interesse des deutschen Volkes wichtiger als das Weltbeste. Also verschmolz
Jesus Christus während des neunzehnten Jahrhunderts im Denken der politischen
Rechten in Deutschland mit der Gestalt des Kriegers, der bereit ist, sein Leben
fürs Vaterland zu opfern. In Chamberlains germanischer Weltanschauung blieb
Christus der Dreh- und Angelpunkt der Weltgeschichte, aber er war nicht mehr
der fromme Jude, der das mosaische Gesetz nicht abschaffen wollte, sondern ein
wilder, entschlossener arischer Kämpfer.
Am hemmungslosesten hat, so weit ich sehe, Paul de
Lagarde, der „deutsche Prophet“ in seinen Deutschen
Schriften Christus in einen Soldaten verwandelt, wobei diese Bezeichnung insofern
nicht ganz korrekt wird, als sich der Menschensohn gewissermaßen auflöst.
„Ihr, die ihr klagt, der
Jugend fehle der Idealismus, seid sehr ungerecht, gerade das der Jugend
vorzuenthalten, was allein ihren Idealismus zur Tat und Wahrheit werden lassen
kann, den Sohn Gottes, den Idealmenschen. Es
soll Menschwerdungen Gottes so viele geben, wie es Menschen gibt, und ihr
habt, die einen diesen, die anderen jenen Menschen ausgesucht, den ihr als non
plus ultra von ganzer und halber oder sonstwie geteilter Gottmenschlichkeit
anpreist, und nach diesem wünscht ihr unsere Jugend zu modeln. Schablonen
verkauft ihr: ihr unterlasset, die Probe auf eurer Forderungen Durchführbarkeit
zu machen, denn ihr unterlasset, selbst Gottmenschen irgend welcher, auch
eurer, Art zu sein. Die Ideale der Jugend sind aber zunächst Männer, aus denen
eine Idee leuchtet und kämpft“ (DS435).
Aus dem Zusammenhang wird klar: Bei dieser
merkwürdigen Art der Inkarnation Gottes im Menschen geht es um Soldaten. Damit
war der Weg in den Immoralismus beschritten, denn das Geschäft des Soldaten ist
das Töten.
Hinzu kam ein Problem dieses Denkens selbst: Wenn
jemand ein Weltbild entwirft, eine „Weltanschauung“ – um einen Ausdruck zu
verwenden, den es nur im Deutschen gibt, weil das Phänomen selbst nur in
Deutschland auftrat –, wenn er also eine rein subjektive Weltanschauung
entwirft, die von der historischen Wirklichkeit erheblich abweicht, wenn er uns
z.B. ein völlig falsches Bild von Jesus Christus zumutet, wird man annehmen, er
sei sich seiner Unwahrhaftigkeit bewusst. Da aber der phantasievolle Schöpfer
eines solchen falschen Weltbilds von der Wahrheit seiner falschen Schöpfung
felsenfest überzeugt ist, muss er notwendigerweise eine Gegenmacht erfinden,
einen Doppelgänger seiner selbst, auf dessen unlautere Wirkung er die
allgemeine Gültigkeit der historischen Wahrheit zurückführen kann, die natürlich
in seiner falschen Optik als gemeine Lüge erscheint. Nun geht es im Kampf
zwischen historischer Wahrheit und falschem Weltbild vorrangig um den Wert des
„Judentums“; also steht der Feind der germanischen Weltanschauung fest: der
ewige Jude. Deshalb kam es immer, wenn sich das „germanische Christentum“
vom historischen oder „jüdischen“ Christentum, d.h. vom einzig wahren
Christentum gewaltsam löste, zu heftigen antisemitischen Geburtswehen. So
wollte Paul de Lagarde in kühner Verdrehung der Tatsache, dass gerade Juden die
christliche Lehre von der Inkarnation Gottes niemals akzeptiert haben, das
„jüdische Gift“ aus unseren Dogmen entfernen.[8]
Und schon dieser „deutsche Prophet“ nahm den
Holocaust geistig vorweg. So heißt es über die Juden in seinen unter dem Titel Juden und Indogermanen zusammengefassten
Mitteilungen: „Mit Trichinen und Bazillen wird nicht verhandelt, Trichinen und
Bazillen werden auch nicht erzogen, sie werden so rasch und so gründlich wie
möglich vernichtet.“[9]
Natürlich hat Kant diese Entwicklung nicht gewollt.
Aber dass die auf ihn zurückgehende Gedankenverbindung von Judentum und radikal
Bösem nicht ohne böse Folgen bleiben würde, hätte „der größte deutsche Denker“
vielleicht ahnen können.
6. Die Lehre vom radikalen Bösen bei den
Antisemiten
Kants komplizierte metaphysische Konstruktion des
radikalen Bösen konnte nicht popularisiert werden. Hinzu kam, dass, als sich
Ende des neunzehnten Jahrhunderts in Deutschland antisemitische
Weltanschauungen formierten, die Philosophen insgesamt zwar im Bildungsbürgertum
ein hohes Ansehen genossen, aber der Zeitgeist bereits nach Wissenschaftlichkeit
verlangte, während gleichzeitig der Einfluss des Christentums zurückging. So
haben sich auch die Antisemiten auf ihre „Wissenschaft“ berufen. Und man meint
fälschlicherweise auf die Biologie. Im folgenden Auszug aus dem Antisemiten-Katechismus von Thomas Frey,
alias Theodor Fritsch, Leipzig 1887, wird ein – gelinde gesagt – sehr
einseitiger Blick auf den Talmud geworfen: „Was den talmudischen Schriften ihr
besonderes Gepräge gibt, daß (sic!) ist der
absolute Mangel eines sittlichen Bewußtseins.
Es geht aus diesen Schriften deutlich hervor, daß
dem jüdischen Geiste die Begriff von ‚sittlich’
und ‚unsittlich’, ‚gut’ und ‚böse’ völlig unverständlich sind. Sittlich und gut erscheint dem
Juden alles, was ihm Nutzen bringt; eine Rücksichtnahme auf die übrige Menschheit
gibt es dabei für ihn nicht. Das Bewußtsein einer sittlichen Welt-Ordnung ist
bei den Juden auch nicht spurweise vorhanden; sie ordnen vielmehr Alles dem in
ihnen mächtigsten Triebe, dem Egoismus unter. Da aber der Begriff der sittlichen
Welt-Ordnung den Grundzug jeder Religion ausmachen muß, so ist es eigentlich
ein Unding, von einer ‚jüdischen Religion’ zu sprechen. Die Juden haben
vielmehr an Stelle der Religion ein
menschenfeindliches Stammes-Gesetz,[10]
worin Unrecht und Unsittlichkeit zur Tugend erhoben werden, – also das gerade Gegenteil einer Religion“ (147f.).
Doch der Antisemiten-Katechismus legt noch nach:
„Mag man heute zehnmal sagen: ‚Der Talmud hat keine Giltigkeit mehr für die
Juden’, ‚die gebildeten Juden haben sich vom Talmud losgesagt’ usw., das ändert
an einer Tatsache nichts: Ein Volk,
das jemals fähig war, so verruchte und unsittliche Lehren niederzuschreiben und
anzuerkennen, wie sie der Talmud enthält, hat dadurch den Grundzug seines
Wesens verraten, den es niemals ganz wird verleugnen können. In den Verbrecher-Lehren des Talmud hat sich
der Judengeist ein Denkmal gesetzt und sich einen Stempel aufgebrannt für ewige
Zeiten“ (149).
Aus dem letzten Zitat geht eindeutig hervor: Die
Rassenlehre der Antisemiten stammt nicht aus der Biologie, nicht aus dem
Darwinismus, der bekanntlich von einem steten Wandel aller Arten und Lebewesen
ausgeht, von ihrer permanenten Anpassung an die Verhältnisse, ohne diese
moralisch zu bewerten. Vielmehr kommt das Stereotyp vom „ewigen Juden“, der
sich im Laufe der Geschichte nicht verändern kann, zum Tragen, auf das ich in
meinem Aufsatz über Schillers Schrift Die
Sendung Moses hingewiesen habe. Im weiter oben stehenden Zitat aus dem Antisemiten-Katechismus finden sich die
entscheidenden Punkte von Kants Religionsschrift in stark vergröberter Form.
Kants Lehre vom radikalen Bösen wird gewissermaßen an den Zeitgeist angepasst.
Der metaphysische, keinem rational Denkenden einsichtige Tiefsinn, der radikal
Böse könne sich durch lauter gute Handlungen auszeichnen, findet sich beim
Antisemiten nicht, er sucht vielmehr nach einem handfesten Beleg für „richtige
Verbrechen“ dieser „Schurken“. Man muss dies auf den im neunzehnten Jahrhundert
immer stärker vordringenden Positivismus zurückführen. Um von der Innerlichkeit
der Maximen in die gesellschaftliche Realität der moralischen Urteile zu
gelangen, haben die Antisemiten anders als Kant nicht mehr die christliche
Religion oder Begriffe wie Erlösung benutzt, sondern auf eine andere, bei Kant
zwar schon vorhandene, aber noch nicht begrifflich gefasste Vorstellung zurückgegriffen,
auf die ich gleich zu sprechen komme. Trotzdem ist die Abhängigkeit der Antisemiten
von Kant unübersehbar: Die Juden hätten kein Bewusstsein einer sittlichen
Weltordnung – Kant sagte noch, sie glaubten nicht an ein Leben nach dem Tode –,
weshalb sie auch keine Religion hätten und deshalb hoffnungslos dem radikalen
Bösen verfallen seien. Zwar hat Hitler in Mein
Kampf (1935) den Unterschied zwischen dem prinzipiell nur egoistischen
Juden und dem Arier mit den kantischen Begriff der Gesinnung (S.326f.) begründet. Dennoch wird der Name Kants weder
von Theodor Fritsch noch von Hitler in diesem Zusammenhang erwähnt. Tatsächlich
haben die Antisemiten Kant genauso wenig „sklavisch“ übernommen, wie seine philosophischen
Schüler, allen voran Fichte dies taten, sondern „in Freiheit weiterentwickelt“,
wie denn überhaupt das Denken in deutscher Philosophie und Weltanschauung von
einer musikalischen Struktur bestimmt war. Ein Thema wurde ohne Debatte
übernommen und variiert, so dass es als eigenes Produkt erschien. Die
Entwicklung von Kant zu Fritsch zeigt sich, wie bereits erwähnt, im
Zurücktreten des „Christentums“, hinter dem sich jedoch, wie das Studium von
Kants Religionsschrift zeigt, seine idealistische Metaphysik der Sitten
verbarg. Stattdessen werden im Antisemiten-Katechismus zwei „Rassen“ einander
gegenübergestellt, nämlich die Semiten auf der einen und die Indogermanen oder
Arier auf der anderen Seite. Von Kant blieben die Fixierung auf den Juden und
die einseitige Verteilung von moralisch und unmoralisch auf beide Gruppen, was
bis hin zu Hitler so bleiben sollte. Die Arier seien durch ihren „Aufopferungstrieb“
(Mein Kampf, 1935, S.326ff.) dem grundsätzlich nur egoistischen Juden
überlegen. Dass hier der deutsche Militarismus als graue Eminenz im Hintergrund
wirkte, liegt auf der Hand.
Dazu eine grundsätzliche Bemerkung: Die Begriffe semitisch und indogermanisch stammten aus der Sprachwissenschaft. Sprachliches
Denken bewegt sich immer in Gegensätzen, zwischen „gut“ und „böse“, „hell“ und
„dunkel“, „Autonomie“ und „Heteronomie“, etc. Jeder Begriff hat seinen
Gegenbegriff. Die Naturwissenschaften haben diese Gegensätze durch die Zahl
überwunden, da gibt es z.B. weder „heiß“ noch „kalt“, sondern nur bestimmte
Wärmegrade. Aber die Sprache bleibt an sie gebunden. Solange sprachliches
Denken dazu dient, Phänomene außerhalb der Sprache selbst, also die sogenannte
Wirklichkeit zu beschreiben, wie die menschliche Natur (Hume), die sittlichen
Gefühle (Adam Smith) – wozu man eine Situation schildern und den Leser bitten
kann, auf die Gefühle zu achten, die er dabei empfindet –, halten sich negative
Auswirkungen dieser Dichotomie in Grenzen. Wenn aber die Sprache selbst durch
Appelle an das Pflichtgefühl etc. eine soziale Wirklichkeit nicht beschreiben,
sondern erst schaffen will, wie etwa ein moralisches Reich aller Deutschen,
dann ergeben sich aus Begriff und Gegenbegriff äußerst negative soziale
Konsequenzen. Und der deutsche Idealismus setzte die Sprache ganz bewusst zur
Konstruktion einer idealen Wirklichkeit ein, woraus sich die Schattenseite des
Idealismus ergab, wie ich in Ich denke –
also bin nicht (1) zeigte: Fichtes Philosophieren war nicht ohne den
Doppelgänger des Dogmatisten oder Dogmatikers möglich, der meistens mit dem
Juden Spinoza identifiziert wurde.
Aber hat nicht auch die christliche Religion dem Gläubigen ganz hart den Ungläubigen gegenübergestellt? Der eine
werde erlöst und der andere verdammt, angeblich sogar für alle Ewigkeit in der
Hölle. Vor allem im Mittelalter waren die daraus für Juden und Ketzer resultierenden
Folgen sehr oft katastrophal. Aber war die Moderne wirklich so hell und
makellos, und das Mittelalter wirklich so finster, wie der moderne Mensch
glaubt? Wenn sich nämlich allmählich die Erkenntnis durchsetzt, dass einer der
prominentesten Aufklärer das übelste aller Vorurteile in die Welt gesetzt hat,
aus dem weit schlimmere Verbrechen resultierten, als sie das „finstere“
Mittelalter jemals erlebte, nämlich die Lehre vom radikalen Bösen, wird man
auch das Christentum wieder anders sehen. Denn die christliche Religion wird
von der jüdischen Idee des einen und einzigen Gottes getragen, der die Liebe
ist. Dieser Gedanke ist so groß, dass ihn selbst die bedeutendsten Theologen
(Luther inbegriffen) nicht immer verstanden haben. In philosophisch reinster
Form findet er sich in der Ethik Spinozas (V/36 Folgesatz). Das Böse existiert
nicht mehr. Nun hat kein Philosoph die Gottesidee so konsequent bekämpft wie
Kant, da seine „kopernikanische Wende“ sowohl den Weltschöpfer als auch
den moralischen Gesetzgeber überflüssig machen sollte, was laut Schopenhauer
„der ernsteste Angriff auf den Theismus (war), der je gewagt worden.“[11]
Aber der Glaube, dass alles, auch das „Böse“, eine Schöpfung dieses einen
Gottes ist, war vielleicht einer der stärksten Antriebe, menschliche Toleranz
zu entwickeln.[12]
In der Moderne jedenfalls konnte sich der Ungeist
der Dichotomie nur durch die von Horkheimer und Adorno erstmals angedeutete Dialektik der Aufklärung entfalten:
Kant, der berühmteste deutsche Aufklärer, hat tatsächlich ein Thema
angeschlagen, das von den Antisemiten und Faschisten nur noch variiert werden
musste, um die „Rassenlehre“ der Nationalsozialisten hervorzuzaubern. Der
verhängnisvolle Gegensatz, der zur Verteufelung des Juden führte, stammte nicht
aus der Biologie, nicht aus dem Darwinismus, auch nicht aus dem Christentum –
schließlich wurden katholische Sinti-Roma genauso vernichtet, nur werden sie
meist vergessen –, sondern aus der uralten, rein metaphysischen Struktur des
sprachlichen Denkens und seiner Antagonismen, auf das Kant in seiner Religionsschrift
zurückgriff[13] und
das Fichte 1813 zur Forderung nach einem totalen Krieg des Guten bis zur
endgültigen Vernichtung des Bösen inspirierte.
7. Die Grenzen Kuno Fischers
Kuno Fischer hat die eigentlichen Intentionen
Kants in seiner Schrift Die Religion innerhalb
der Grenzen der bloßen Vernunft korrekt wiedergegeben. Aber diese nach dem
Tode Friedrichs des Großen niedergeschriebenen Spätschrift ist bereits unter
dem Druck einer christlichen Obrigkeit entstanden. Kant sah sich aus Furcht vor
der Zensur Berliner Behörden veranlasst, diese Schrift der Königsberger
theologischen Fakultät zur „Überprüfung“ vorzulegen.[14]
Schließlich hatte der preußische Absolutismus Angst vor einem Überschwappen der
französischen Revolution nach Deutschland. Also herrschte unter Friedrich
Wilhelm II., dem Nachfolger Friedrichs des Großen, wieder eine strenge
kirchliche Zensur, was nicht ohne Einfluss auf den Inhalt von Kants Schrift
war. Denn dass die theologische Fakultät in Königsberg keinen Einwand gegen das
Imprimatur von Religion innerhalb der
Grenzen der bloßen Vernunft erhob, verdankte die Schrift
höchstwahrscheinlich nur einer Falschmünzerei des damals schon weltberühmten
Philosophen. Er hat sein im Grunde atheistisches System einfach für christlich
erklärt und so die Kluft zu seinen theologischen Gegnern zu überwinden
versucht. Dennoch soll man der Zensur nicht die Alleinschuld an dieser
Entwicklung geben. Kant hätte auch schweigen und sich auf seinen Lorbeeren
ausruhen können, womit er der Menschheit einen großen Dienst erwiesen hätte.
Das wohl entscheidende Motiv Kants, seine Vorstellung von reiner Moral mit dem
Christentum gleichzusetzen, war der Wille zur Macht dieses Denkers. Denn erst
über die falsche Identifizierung mit seinem Christus brach er aus seiner
Innerlichkeit aus.
Dazu eine Erläuterung: Wer Kants Philosophie mit den
Erörterungen eines Hume, Locke oder Adam Smith vergleicht, dem fällt sofort die
Bescheidenheit der englischen Denker auf. Sie analysieren die menschliche
Natur, die sittlichen Empfindungen, die moralischen Urteile etc. Nirgends
findet sich ein anmaßender Satz wie derjenige Kants: „Die Handlung, die mit der
Autonomie des Willens zusammen bestehen kann, ist erlaubt, die nicht damit stimmt, unerlaubt“ (Grundlegung BA 86). Mit Worten wie erlaubt und nicht erlaubt
tritt Kant gewissermaßen in Konkurrenz zu Moses als neuer moralischer Gesetzgeber
der Menschheit auf. Und bis heute wird er als der Denker gefeiert, der die Moral
erstmals ganz von Gott und von der Theologie emanzipiert habe. Also gehört er
wohl zu dem Typ Philosophen, von dem Nietzsche sagte: „Die eigentlichen Philosophen
aber sind Befehlende und Gesetzgeber,
sie sagen: so soll es sein!“ (KSA
11/612) Zwar war Kant insofern noch bescheiden, als er nur die bestehende Moral
auf eine neue Grundlage stellen wollte, nämlich auf die Autonomie des Menschen,
während der späte Nietzsche der Menschheit eine ganz neue „Moral“ aufdrängen
wollte, womit die vorläufig höchste Steigerung des philosophischen Machtwillens
erreicht wurde. Aber auch Kants Altersweisheit hat es in sich. Böse ist, wer
Kants Gebot: „Du sollst sittlich autonom sein und das Sittengesetz um seiner
selbst willen, ohne Furcht vor Strafe oder Hoffnung auf Belohnung befolgen!“,
nicht befolgt. Da es aber nach der Grundlegung
vielleicht noch niemals eine wahrhaft sittliche Tat gab, ist der Stifter dieser
neuen Religion hoffnungslos isoliert, ja er sieht sich geradezu von einem Ozean
der allgemeinen Bosheit verschlungen. In dieser höchsten Bedrängnis greift er
zu einem Mittel, mit dem später in deutscher Philosophie und Weltanschauung
sehr viel Unfug angerichtet wurde. Eugen Dühring nannte es „die denkerische Politik“.
Und „Politik“ bedeutet: Jetzt wird die Wahrheit Nebensache. Kant verbündet sich
in seiner Isolierung mit einem Gott, den er allerdings nach seinem Bilde erst noch schaffen musste,
mit Christus.
Kuno Fischer muss man vorwerfen, dass er Kants
Religionsschrift trotz seiner Einsicht in ihre problematische
Entstehungsgeschichte gleichsam mit Kants Philosophie identifizierte, als sei
in ihr sein ganzes Lebenswerk abgerundet. Dazu mag ihn der Trugschluss
verleitet haben, ein Philosoph ziehe in einem Alterswerk die endgültige Bilanz
seines Denkens. Mehr ins Gewicht fiel wahrscheinlich, dass die Verschmelzung
von Philosophie und „Christentum“ dem ungeheuren Harmoniebedürfnis einer
konfessionell gespaltenen Nation entgegenkam. Diese Spaltung erklärt u.a. auch
die Bereitschaft vieler Deutscher, Kants falsches Spiel hinzunehmen.
Übrigens sollte man nicht glauben, Kants
pazifistische Schrift Zum ewigen Frieden
habe seiner Reputation unter den zunehmend militaristischen Deutschen
geschadet, was Bertrand Russel annahm. Natürlich hat die deutsche Rechte Kants
Pazifismus verschwiegen, doch sah man die Philosophie als „freie schöpferische
Tätigkeit“ an, göttlich, sich stets verändernd und in sich widersprüchlich wie
das Leben selbst (frei nach Fichtes 7. Rede an die dt. Nation). An der
„Göttlichkeit“ dieser Philosophie sind heute Zweifel erlaubt, ihre
„Lebendigkeit“, d.h. ihre Widersprüchlichkeit lässt sich indes kaum bestreiten.
So weist Kuno Fischer darauf hin, dass sich bereits
in Kants Ästhetik unter dem Begriff des Erhabenen die spätere
Kriegsverherrlichung deutscher Denker (Fichtes, Hegels, Lagardes, Nietzsches,
Schelers, Sombarts etc.) zaghaft andeutete: „Denn was ist das, was selbst dem
Wilden ein Gegenstand der größten Bewunderung ist? Ein Mensch, der nicht
erschrickt, der sich nicht fürchtet, also der Gefahr nicht weicht, zugleich
aber mit völliger Überlegung rüstig zu Werke geht [...] Selbst der Krieg, wenn
er mit Ordnung und Heiligachtung der bürgerlichen Rechte geführt wird, hat
etwas Erhabenes an sich, und macht zugleich die Denkungsart des Volkes, welches
ihn auf diese Weise führt, nur um desto erhabener, je mehreren Gefahren es
ausgesetzt war, und sich mutig darunter hat behaupten können: da hingegen ein
langer Frieden den bloßen Handlungsgeist, mit ihm aber den niedrigen Eigennutz,
Feigheit und Weichlichkeit herrschend zu machen, und die Denkungsart des Volkes
zu erniedrigen pflegt“ (Kant, Kritik
der ästhetischen Urteilskraft A105f.).
Diesen Widerspruch hat Kuno Fischer entdeckt, aber
er hat die extrem antisemitische Tendenz in Kants letzter Schrift erkannt und
publik gemacht, ohne die gravierenden Denkfehler aufzudecken, aus denen sie
resultierte. Kant und Denkfehler ist bis heute ein fast
logischer Widerspruch geblieben. Auch heute noch tun Studenten der Philosophie,
falls sie sich mit Kant beschäftigen müssen – und an Kant kommt kein Philosoph
vorbei –, gut daran, dessen „Wahlspruch der Aufklärung“: „Habe Mut, dich deines
eigenen Verstandes zu bedienen“
möglichst schnell zu vergessen. Am Bild eines großen Denkers darf nicht
gekratzt werden, weshalb die Philosophie, wie sie heute betrieben wird, eher
zur Unterdrückung des Verstandes führt.
[1] Dass es vor allem im christlichen Mittelalter viele jüdische Märtyrer gab, ist den meisten Christen nicht bekannt. Aber oft hätten verfolgte Juden damals – im Gegensatz zur Hitlerzeit – ihr Leben durch die Taufe retten können. Wer jedoch selbst angesichts des Todes nicht Christ werden wollte, starb als Märtyrer seines jüdischen Glaubens.
[2] „In der Tat ist es schlechterdings unmöglich, durch Erfahrung einen einzigen Fall mit völliger Gewißheit auszumachen, da die Maxime einer sonst pflichtgemäßen Handlung lediglich auf moralischen Gründen und auf der Vorstellung seiner Pflicht geruhet habe.“ Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, BA27
[3] Vergl Dieter Just, Der Antisemitismus der „Vernunft“: Suchwörter: Das Ich ist frei, wenn es sich von der Macht, ja vom Gesetz Gottes befreit
[4] Auch Kant verspricht dem wahrhaft sittlichen Menschen Belohnung schon im Diesseits, nämlich das Selbstwertgefühl, ein wahrhaft göttlicher Mensch zu sein, woraus sich dann die in der Tat teuflische Lehre des Herrenmenschen entwickelte. Vergl. Dieter Just, Ich denke – also bin ich nicht (1) Stichwort: Belohnung und Das Paradies ist unter dem Schatten der Schwerter.
[5] Der antike Mensch besaß zweifellos Vernunft, dennoch hat ihm diese weder den Selbstmord, noch das Aussetzen ungesunder oder unerwünschter Neugeborener verboten. Selbst Platon und Aristoteles haben diese Praxis gebilligt (Platon Politeia 460C, 461C, Aristoteles Politik IV, Kap.16, 1335b).
[6] Er meint den deutschen Idealismus mit seinem Autonomiegedanken.
[7] Man vergleiche dazu die folgenden Ausführungen über Lagarde, den „deutschen Propheten“.
[8] „Um die Dogmen der Kirche religiös verwendbar zu machen, muß man das jüdische Gift von ihnen entfernen, den grundsätzlichen Irrtum vom Werte des einmaligen Faktums. Nichts ist für den Menschen von Segen, als das, was sich jeden Augenblick wiederholen kann. Ein Sohn Gottes, welcher mit der Uhr in der Hand am 1. Januar des Jahres eins, fünftausendfünfhundert oder viertausend Jahre nach der Schöpfung, in Bethlehem oder Nazareth das Licht der Welt erblickt hat, hilft niemandem etwas“ (Die Religion der Zukunft, Deutsche Schriften, München 1924, S.270).
[9] Paul de Lagarde, Ausgewählte Schriften, Hrsg.: Paul Fischer, München 1924, S.209
[10] In Kants Religionsschrift heißt es dazu wörtlich: „Das letztere (das Judentum) ist eigentlich gar keine Religion, sondern bloß Vereinigung einer Menge Menschen, die, da sie zu einem besonderen Stamm gehörten, sich zu einem gemeinen Wesen unter bloß politischen Gesetzen, mithin nicht zu einer Kirche formten“ B 186.
[11] Über die vierfache Wurzel § 34
[12] Auch andere Menschenrechte sind im Dekalog schon enthalten: Aus Du sollst nicht töten! folgt das Recht auf Leben, aus Du sollst nicht stehlen! folgt das Recht auf Eigentum.
[13] „Es ist eine Eigentümlichkeit der christlichen Moral: Das Sittlichgute vom Sittlichbösen nicht wie den Himmel von der Erde, sondern wie den Himmel von der Hölle unterschieden vorzustellen; eine Vorstellung, die zwar bildlich, und als solche empörend, nichtsdestoweniger aber, ihrem Sinn nach, philosophischrichtig ist. – Sie dient nämlich dazu, zu verhüten: daß das Gute und Böse, das Reich des Lichts und das Reich der Finsternis, nicht als an einander grenzend, und durch allmähliche Stufen (der größeren und mindern Helligkeit) sich ineinander verlierend gedacht, sondern durch eine unermeßlich Kluft von einander getrennt vorgestellt werde...“ ( Anm. B 72f.) Gut und Böse, Licht und Finsternis als ewige Gegensätze. Die meisten Christen wissen nicht, dass Paulus, der eigentliche Gründer des Christentums, die Hölle geistig-moralisch überwunden hat, und zwar durch seine Lehre von der Allversöhnung: „Und gleichwie in Adam alle sterben, so werden auch in Christus alle belebt werden. Ein jeder aber, wenn die Reihe an ihm ist“ (1. Kor. 15, 22f.).