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Ägypter,
Riminesen, Nortonianer, Montpellianer
Ein Blick in die
Nachkriegsgeschichte der pfälzischen Pfarrerschaft
„Versuch einer unterlassenen Chronik“ – unter diesem Motto übergaben die vier Mitarbeiter im Landeskirchenarchiv Helge Wenger, Franz Sohn, Walter Jörger und Dr. Wolfgang Eger am 3. April 1963, dem damaligen Oberkirchenrat Willi Hussong mit den besten Wünschen und Grüßen ein hundert Seiten umfassendes Papier als Geschenk zum 60. Geburtstag. Dort sind auch die Zahlen über die „inneren und äußeren landeskirchlichen Verhältnisse bei Kriegsende (1945/1946)“ aus der Pfalz zusammengetragen:
Seelenzahl 542 052
Pfarrstellen (1945) 289, 23 Vikariate, zwei Aushilfsstellen, ein selbständiges Vikariat, zwei Katechetenstellen. Summe: 317. Davon besetzt: 250 (197 Pfarrer, 53 Vikare und Verweser). Verluste: 46 Pfarrer und Vikare gefallen; 20 vermisst (33,6%), 34 in Kriegsgefangenschaft (25%).
Personalstand des Landeskirchenrates (bis Ende 1945): 14 Personen: Diehl (bis 1. Juni), Stichter, Roland, Hussong, Kimmel, Basters, Ofer O., Ofer, F., Franz, Schemel, Thomas, Jung, Leppla.
Auf den beiden Totentafeln aus Bronze, die im 1. Obergeschoss des Treppenhauses im Landeskirchenrat Speyer am Domplatz 5 hängen, sind die Verluste höher bezeichnet: Fast 90 Namen sind dort eingegossen. Die Pfälzische Pfarrerschaft hat im Zweiten Weltkrieg große Kriegsverluste zu verkraften gehabt. 6 Millionen Kriegstote und 11 Millionen deutsche Kriegesgefangene (davon 7,2 Millionen in westlichem Gewahrsam), das hatte auch in der evangelischen Kirche der Pfalz und ihrer Mitarbeiterschaft schmerzhafte Spuren hinterlassen.
In der Folge des Zweiten Weltkrieges entwickelten sich neue Strukturen. Nicht nur die Zahlen entwickelten sich. Auch in die pfälzische Kirchenleitung zogen als Oberkirchenräte und Beamte in ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg viele ehemalige Offiziere und ehemalige Soldaten ein: z. B. Hans Stempel, Richard Bergmann, sie waren stolz auf ihre Kriegserfahrungen im Ersten Weltkrieg, Walter Ebrecht (seit 1954 Oberkirchenrat), Eugen Mayer (seit 1961), Otto Mehringer (seit 1964), Heinz Kronauer (seit 1969), Heinrich Kron (seit 1974). Und damit waren für alle Jüngeren aus den „weißen Jahrgängen“, die nicht im Krieg gedient hatten, klare Gehorsamsstrukturen und eine protestantische Kryptohierarchie vorgegeben, scheinbar biblisch begründet durch die paulinische Gehorsamsethik (hypotassesdai z.B. Röm. 6,16f; 10,16; 2. Kor.10,5f. 2. Thess. 3,14) und in den alten nationalliberalen Rechtsstrukturen tradiert. Entscheidungen in den Führungsriegen liefen bis 1978, der Veränderung der Kirchenverfassung, in kleinen Gremien.
Aber, das darf nicht vergessen werden: in Ägypten, im oberitalienischen Rimini, in Norton (Nottinghamshire) und in Montpellier wuchs damals bereits eine neue Theologenschaft heran. Auch hier gab es mit Askese, Gehorsam, Disziplin und Ordnungssinn, Erziehung zur Bescheidenheit, Gemeinschaftsgeist und Überlebenswillen Strukturen, die sich später im zivilen kirchlichen Alltag auswirken sollten. Aber auch Demokratisches war dort zum Teil im Rahmen der „Umerziehung“ oder „Re-education“ schon eingeübt worden.
Ägypter
Von 1944-1948 gab es am Suezkanal unter den fast 250.000
deutschen Kriegsgefangenen dort eine evangelische „Wüstenuniversität“. Unter
der Leitung des Pfarrers Reinhard Heinrich Wester (1947-1967 Landesbischof in
Schleswig) und seinem Team wurden hier ca. 30-50 junge Theologen in den alten
Sprachen, AT, NT und Kirchengeschichte in 3-5 Semestern planmäßig ausgebildet.
Der Pfälzer Pfarrer und Dekan Martin Lugenbiehl (Jahrgang 1924) ist einer von
ihnen gewesen. Literatur und ökumenische Kontakte, Lehrmittel, Papier und
Schreibwaren lieferte der YMCA. Der hatte am 3. September 1939 mit den westlichen
kriegführenden Staaten (englisches Kriegsministerium, deutsches und
französisches Außenministerium) ein Abkommen über die kulturelle Betreuung der
alliierten Kriegsgefangenenlager getroffen. Das Rote Kreuz war für die
medizinische und soziale Unterstützung zuständig. Zu einem sechswöchigen Besuch
bei den von der Heimat isolierten
„Afrikanern“ erschien nach dem Kriege 1946 Reinhold von Thadden-Trieglaff, selbst heimatvertriebenes
Mitglieder der Bekennenden Kirche und später langjährig Präsident des Deutschen
Evangelischen Kirchentages, als gefeierter Verbindungsmann der Ökumene.
Nortonianer
In britischem Gewahrsam waren 1945 insgesamt 3,7 Millionen deutsche Kriegsgefangene, d. h. 500.000 mehr als in der damaligen Sowjetunion. Allein auf der Insel Großbritannien lebten eine Million. Der Theologieprofessor Jürgen Moltmann, am 8. April 1926 in Hamburg geboren, schildert in seiner Lebensgeschichte „Weiter Raum“ auf 16 Seiten seine Jugend und die Geburt der „Theologie der Hoffnung“ in Norton Camp/Großbritannien. Er spricht darüber im Bild der Jakobsgeschichte (Genesis 22) als von einer „Wende vom verborgenen zum leuchtenden Angesicht Gottes“. „Wir kamen dorthin mit schwer verwundeten Seelen, und als wir gingen, war meine Seele genesen“ (Jürgen Moltmann, Weiter Raum. Eine Lebensgeschichte, Gütersloh 2006, S. 45). „Es war ein Ausbildungslager für Lehrer und evangelische Pfarrer für das Nachkriegsdeutschland. Eingerichtet vom britischen YMCA und finanziert von dem amerikanischen Geschäftsmann John Barwick, ein großzügiges Geschenk Englands an deutsche Kriegsgefangene.“ Die Theologische Schule im Camp 174 war am 16. August 1945 mit 100 Studenten gegründet worden. Es herrschte strenge Disziplin: Morgens 6.30 Uhr Wecken mit Trompetenschall. Abends 22.30 Licht aus. Dort konnte nicht nur die Ergänzungsreifeprüfung abgelegt werden, sondern – so Moltmann (S. 43) – „bei Dr. Dammann und Gerhard Noller lernte ich Hebräisch. Gerhard Friedrich, später Professor für Neues Testament in Erlangen, führte uns in eben dieses ein, Fritz Blanke aus Zürich trug ausgewählte Kapitel aus der Kirchengeschichte vor. Werner Milch, später Germanist in Marburg, stellte auf hinreißende Weise die Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts dar. Matthew Black kam aus Schottland, Karl Ludwig Schmidt aus Basel usw. Norton Camp war auch ein Vorzeigelager und so besuchten uns unter anderem John Mott, Willem Visser’t Hooft sowie Martin Niemöller und sprachen zu uns.“
In Norton Camp waren als Kriegsgefangene auch die Pfälzer Theo Seifert (1913-1992) aus Landau, später Pfarrer und Dekan in Ludwigshafen, und Heinz Kronauer (1919-2002), später Pfarrer und Oberkirchenrat in Speyer und der spätere pfälzische Landeskirchenmusikdirektor Markus Göttsche. Viele der 144 Nortonianer rückten nach dem Zweiten Weltkrieg in einflussreiche kirchliche und staatliche Funktionen ein: Helmut vom Berg wurde Landesjugendpfarrer an der Saar, Friedrich von Bodelschwingh der Jüngere war als Prüfer in Norton Camp tätig. Ernst Dammann, Professor für Religionsgeschichte in Marburg, Otto Fricke, OKR in Darmstadt, Gerhard Leibholz, Bundesverfassungsrichter in Karlsruhe, Jürgen Moltmann, Professor in Tübingen., Hansjürgen Rampe, Konsistorialpräsident in Berlin, Julius Rieger, Superintendent Berlin usw.
Zu den wichtigsten Erfahrungen der Hochschule hinter Stacheldraht zählt sicherlich die breite ökumenische Kooperation, das große internationale Interesse, die Annährung der Konfessionen, eine Theologie, die ihre Nähe in der Seelsorge zu bewähren hatte, die Nähe zur Jugendarbeit und die Öffnung zu einem bisher verschlossenen kulturellen Leben (Zeitschriften, Theater, Literatur). Noch heute treffen sich die alten, noch überlebenden Nortonianer der ganzen Bundesrepublik.
Montpellianer
Die für den südwestdeutschen Raum am bedeutsamsten sich auswirkende kirchlich- theologische Ausbildungssituation geschah katholischerseits in der Stacheldraht Hochschule in Chartres. Hier wurden unter der Regie des Abbe Franz Stock (1904-1948) über 380 Studenten in Liturgie, Kirchengeschichte, Dogmatik, Exegese, Moral, Philosophie, Pädagogik, Latein, Griechisch und Hebräisch ausgebildet und später in der Diözese bzw. an der Universität Freiburg zu Priestern herangebildet. Abbe Franz Stock war vor und während des Zweiten Weltkrieges in Paris als Priester für die deutsche Auslandgemeinde und als Gefängnisseelsorger tätig. Er kooperierte mit der Resistance, rettete vielen Franzosen das Leben und wurde nach seinem plötzlichen Tode in Paris beigesetzt und als bisher einziger Deutscher im Pariser Invalidendom hoch geehrt.
Eine
ähnliche, und nicht weniger interessante Entwicklung machte die Ausbildung
evangelischer Theologen in Montpellier: Der spätere pfälzische Diakoniepfarrer
Walter Ohler (1927-2007), der spätere Kirchenpräsident Heinrich Kron
(1923-2007) und der spätere Dekan Rudi Weber (geb.1924) von Bad Dürkheim sind
Montpellianer. Leider ist selbst die Tatsache, dass zwischen 1945-1947 über 250
junge deutsche Soldaten nach dem Zweiten Weltkrieg eine theologische Grundausbildung in
Montpellier erhielten, weitgehend vergessen. Walter Ohler hat wenige Jahre vor
seinem Tode mit Hilfe von Christophe Baginski und Christine Lauer 1999 unter
dem Thema „Der Herr hat uns hierher gebracht...“ sein Tagebuch über
Gefangenschaft und Theologiestudium in den französischen Lagern Chartres und
Montpellier herausgebracht; und Jörg Thierfelder und Michael Losch haben 1999
in den Blättern für württembergische Kirchengeschichte den Patron der
protestantischen „Stacheldraht- Hochschule“ in Montpellier, den „Feldbischof
Marcel Sturm“ (1905-1950) als „Brückenbauer zwischen den evangelischen Christen
Deutschlands und Frankreichs“ sorgfältig und liebevoll beschrieben.
Im
Theologischen Seminar des Lagers Montpellier waren 12 Dozenten tätig. Leiter
war der spätere Bonner Kirchenhistoriker, Religiöse Sozialist und Mitglied der
Bekennenden Kirche Ernst Bizer (1904-1975). An seiner Seite standen Dr.
Friedrich Lang, Assistent an der Tübinger Universität und zehn andere Dozenten.
Das
Vorlesungsverzeichnis, jeder Student musste 25 Stunden belegen, weist einen
vollen Lehrbetrieb für ein theologisches Grundstudium aus: Griechisch,
Hebräisch und Latein für Anfänger und für Fortgeschrittene (je 5 Stunden),
Einführung in die griechische Philosophie, 1. Korintherbrief, 1.
Thessalonicherbrief (Proseminar), Markus (Bibelkunde), Das Wesen des
Christentums, Descartes (Philosophisches Seminar), Kirchengeschichte. Bizer
führte eine strenge Regie. Sein Motto: „Arbeiten, arbeiten, arbeiten“, konnten
nicht alle Studenten akzeptieren. 1946 wurde von den Studenten seine Ablösung durch
den Dozenten Friedrich Lang vorgeschlagen. Nach Ablegen der Sprachprüfungen im
März 1947 und nach Feststellung der „politischen Reife“, die im Rahmen der
„Umerziehung“ durch die französischen Behörden geschah, waren die Studenten zum
Studium an jeder deutschen Universität berechtigt. Die Mehrzahl studierte an
der Tübinger theologischen Fakultät ab Wintersemester 1947/48. Eine kleine
Gruppe von Montpellianern konnte auf der ersten EKD-Synode in Bethel dem
„Feldbischof Sturm“ für seine Hintergrundarbeit beim Aufbau und Betrieb der
Hochschule danken.
Die
reformierte Gemeinde Montpellier und auch die heutige Hochschule haben sich
völlig von der Entwicklung der Montpellianer fern gehalten. 2007, als eine
Gruppe von Theologiestudenten aus Montpellier die Pfalz und Speyer besuchten,
stand der Ex-Montpellianer Walter Ohler, 80jährig, verloren zwischen ihnen vor
der Gedächtniskirche. Auch beim Tode von Heinrich Kron, Kirchenpräsident der
Pfalz (1975-1988), wurde an seine Studienzeit in Montpellier kaum gedacht. Und
Rudi Weber (geb. 1924), lange Jahre mein Kollege in Ludwigshafen und später
Dekan in Bad Dürkheim, hat uns über seine Zeit als Theologiestudent hinter
Stacheldraht 1945/46 in Montpellier nie etwas erzählt.
Aber
die Wirkungen der Montpellianer auf die Struktur der deutschen Nachkriegskirche waren nicht weniger groß als
die der Nortonianer. Sie brachten ein solides theologisches Grundwissen in
ihren Beruf. Sie hatten eine mehrjährige Erfahrung als Gemeinschaft mit all
ihren Höhen und Tiefen hinter sich und auch demokratische Grundstrukturen
eingeübt. Sie hatten sich alle intensiv mit der deutschen Schuldfrage
auseinander gesetzt. Opferbereitschaft, Sparsamkeit und Bescheidenheit waren
notwendige und gründlich erlernte Grundtugenden zum Überleben in den „cages“
der Lager. Viele (wie z.B. Walter Ohler) schrieben ein Leben lang ihre
Predigten auf Briefumschläge, die Rückseite von Plakaten und Etiketten von
Konservendosen. Die materielle Not hatte gelehrt: Du kannst in jeder Situation
mit Wenigem auskommen und Freude an den kleinen Dingen haben. Widerständigkeit
wurde nicht in lautem Protest, sondern eher in hinhaltender Kritik geäußert. Die
Aussöhnung und Annäherung zwischen den Völkern Europas, insbesondere mit
Frankreich war Lebensthema geworden. Ökumenische Gesprächsbereitschaft, Offenheit
und der Wille zur Diakonie der Kirche war allen Montpellianern wichtig. Auf dem
„langen Weg von Montpellier nach Hause“ organisierten die Montpellianer
regelmäßige Treffen (z.B. noch 1997 auf der Ebernburg und zuletzt noch – 60
Jahre danach – 2007 im Harz mit 25 Teilnehmern), um diesen Geist für unsere
Kirche wach zu halten.
Fazit
Addiert man die Zahlen, der in den vier Hochschulen
hinter Stacheldraht ausgebildeten Theologen, kommt man auf die stattliche Zahl
von über 500 Personen. Das ist ein erheblicher Prozentsatz der
Nachkriegspfarrerschaft, die das Leben der Kirche in der zweiten Hälfte des 20.
Jahrhunderts bestimmte. Auch in der Evangelischen Kirche der Pfalz sind
wichtige Spuren davon noch heute dankbar zu entdecken.
Quellen:
Baginski,
Christoph/Lauer, Christine (Hrsg.): Walter Ohler „Der Herr hat uns
hierhergebracht...“. Gefangenschaft und Theologiestudium in den französischen
Lagern Chartres und Montpellier 1945-1947, Landau 1999
Thierfelder,
Jörg und Losch, Michael: Der evangelische „Feldbischof“ Marcel Sturm – ein
„Brückenbauer“ zwischen evangelischen Christen Deutschlands und Frankreichs, in:
Blatter für Württembergische Kirchengeschichte 99. Jahrg. 1999, S. 208-251
Moltmann,
Jürgen: Weiter Raum. Eine Lebensgeschichte, Gütersloh 2006
Weindel,
Matthias: Leben und Lernen hinter Stacheldraht. Die Evangelischen
Lagergemeinden und Theologischen Schulen in England, Italien du Ägypten,
Göttingen 2001
Böhme,
Kurt W.: Die deutschen Kriegsgefangenen in französischer Hand, München 1971 (Zur
Geschichte der deutschen Kriegsgefangenen des Zweiten Weltkrieges Bd. 13 ed. Erich Maschke)
Böhme,
Kurt W.: Geist und Kultur der deutschen Kriegsgefangenen im Westen, München
1968 (Zur Geschichte der deutschen Kriegsgefangenen des Zweiten Weltkrieges Bd.
14 ed. Erich Maschke)
Maschke,
Erich: Die deutschen Kriegsgefangenen des Zweiten Weltkrieges. Eine
Zusammenfassung, München 1974 (Zur Geschichte der deutschen Kriegsgefangenen
des Zweiten Weltkrieges ed. Erich Maschke)
Lauer,
Christine: Zentralarchiv der Evangelischen Kirche der Pfalz Speyer (ZASP).