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Michael Behnke
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Europa: Vielfalt der Nationen - Einheit der christlichen Kultur

Jaques Le Goff: Die Geburt Europas im Mittelalter. Aus dem Französischen von Grete Osterwald (= Europa bauen), München: C.H. Beck 2004, 344 S., 2 Karten, ISBN 3-406-51762-5, 24,90 €.

 

Die schöne Europa war aus Tyros oder Sidon. So genau weiß man es nicht mehr. Damit kam sie aus einer Gegend, die sich in unmittelbarer Nähe zu den biblischen Landen befand. Der Prophet Elia weilte hier eine zeitlang bei einer armen Witwe (1.Kön 17,8-24). Jesus hielt sich ebenfalls einmal in diesen Gefilden auf und heilte bei der Gelegenheit das Kind einer syro-phönizischen Frau, die nicht eher locker ließ, bis er ihr ihren Wunsch erfüllte (Mt 15,21-28 par). Darüber hinaus kamen nicht gerade wenige Menschen aus dieser Gegend nach Galiläa, angelockt von den Taten Jesu (Mk 3,8). Selbst bei der lukanischen Feldpredigt sollen Leute aus Tyros und Sidon dabei gewesen sein (Lk 6,17).

Einige Jahrzehnte später besuchte Paulus auf seiner dritten Missionsreise die Jünger in Tyros, wo er sieben Tage blieb, bevor er sich auf seinen folgenschweren Weg nach Jerusalem machte.

Doch zurück zu Europa. Also die schöne Europa kam aus Tyros oder Sidon, wo ihr Papi König war. Er hieß Agenor, ihre Mutter Telephassa. Doch das ist nicht so wichtig. Als nun der Göttervater Zeus, dieser wohl bekannte Schwerenöter, sie sah, verliebte er sich Hals über Kopf in sie. Um sich ihr unauffällig nähern zu können, verwandelte er sich in einen schönen weißen Stier und gesellte sich zu den Herden, die man zum Strand des Meeres herab getrieben hatte. Just zu der Stelle, wo Europa spielte (sie muss wohl noch sehr jung gewesen sein!). Ach, wie war er so sanft und knuffig, dieses weiße Rindvieh, so zutraulich und lieb. Wie grunzte er so niedlich und sabberte ihr die Hände voll mit seiner riesigen Zunge. Europa war ganz aus dem Häuschen und fühlte sich in seiner Nähe vollkommen sicher. Schließlich voll des Übermuts kletterte sie vollkommen unbekümmert auf seinen mächtigen Rücken. Doch bevor sie wusste, wie ihr geschah, rannte der Stier flugs mit ihr ins Meer und schwamm nach Kreta. Dort nun offenbarte sich der Göttervater und machte Europa zu seiner Geliebten, mit der er drei Söhne zeugte[1].

Europa, die schöne Königstochter aus Asien, und der griechische Göttervater verbunden in einer Liebesgeschichte. Europa, eine Asiatin, gab über den Umweg einer Affäre unserem Kontinent seinen Namen.

Einige Jahrhunderte danach sollte wieder eine göttliche Bewegung aus Asien kommen und mit Europa eine folgenreiche Beziehung eingehen. Auf seiner zweiten Missionsreise kam Paulus in das kleinasiatische Troas, wo er in der Nacht eine Erscheinung hatte: „Ein Mazedonier stand da und bat ihn: ‚Komm herüber nach Mazadonien und hilf uns!’“ (Apg 16,9). Bald darauf segelten die Missionare über Samothrake und Neapolis nach Philippi, wo sie zum ersten Mal europäisches Festland betraten und wo sich ausgerechnet eine Frau als erste Europäerin zum Christentum bekehrte. Lydia, die unabhängige, emanzipierte und reiche Purpurhändlerin ließ sich und ihren ganzen „oikos“ taufen und stellte ihr Haus als Hauskirche der bald wachsenden Gemeinde in Philippi zur Verfügung (Apg 16,11-15+40). Man darf darum mit einiger Sicherheit annehmen, dass sie auch deren erster Vorsteher oder Bischof gewesen ist. Der erste europäische Christ: eine Frau und Bischöfin!? Was für eine Geschichte! Wieder eine Liebesgeschichte? Diesmal zwischen einem asiatische Gottessohn und einer Europäerin? Wie auch immer die Antwort ausfallen mag, das Christentum in Europa beginnt nach der Bibel mit dieser Erzählung. Europa, eine Frau gab unserem Kontinent seinen Namen, Lydia, eine Frau, nahm als erste Europäerin das Christentum an und eröffnete damit eine Geschichte, die diesen Kontinent wie keinen andern prägen sollte.

Das moderne Europa sieht es anders: Nicht mehr von den christlichen Wurzeln her, vielmehr definiert sich der Europa-Gedanke von der Aufklärung her, also vom 17. und 18. Jahrhundert. Vernunftprinzip, Säkularität, Trennung von Religion und Staat, Gewaltenteilung, Demokratie und die plurale offene Gesellschaft, Fortschritt, die Betonung des Individuums und das Prinzip der Subjektivität benennen die wichtigsten Stichworte.

Jaques le Goff, der große französische Mediävist, hat 2003 (in Deutschland 2004) ein Buch, in der von ihm heraus gegebenen Reihe „Europa bauen“, veröffentlicht, das dieses Verständnis im wahrsten Sinne des Wortes in Frage stellt, denn der Titel seines Buches lautet: „L'Europe est-il née au Moyen Age?“ (Wurde Europa im Mittelalter geboren?) Dieser Arbeitsansatz wird leider in der deutschen Übersetzung umgeformt zur Affirmation: „Die Geburt Europas im Mittelalter“. Für meine Begriffe eine unglückliche Entscheidung, denn die offene Frage erlaubte es dem Leser, nach Beendigung der Lektüre selbst darauf die Antwort zu geben.

Wie dem auch sei, dieser neue Frageansatz nimmt es sich vor, tiefer zu graben, um zurück zu den europäischen Wurzeln zu gelangen und zu belegen, dass viele der o.a. Schlagwörter des modernen Europas im MA ihren Ursprung gefunden haben. Dabei wird die prägende Rolle des Christentums in diesem langen Prozess, der sich vom 4. bis zum 15. Jahrhundert erstreckte, ausführlich gewürdigt. Schon allein aus diesem Grund ist dieses Buch eine Bereicherung in der Hand des interessierten Theologen.

Eingerahmt von einer Einleitung und einem Resümee, entfaltet der Autor die Entwicklung seines Themas in sechs Kapiteln. Obwohl sich sein Buch popularwissenschaftlich an den interessierten Laien wendet und „nicht für die Gelehrten bestimmt ist ... und erst recht nicht ins Detail geht“ (S. 13), versieht es Le Goff mit einem ausführlichen Anhang: Karten, Zeittafel, Anmerkungen, Literaturhinweise und ein Personenregister. Das Werk ist sehr anschaulich geschrieben und verbindet reiches Faktenwissen mit brillanter Erzählkunst.

 

Vom 4. - 10. Jahrhundert

Das MA begann mit der Christianisierung Europas ab dem 4. Jahrhundert. Dabei prägten die Kirchenväter Hieronymus (Vulgata), Augustinus (Bekenntnisse, Gottesstaat), Boethius (Personenbegriff), Cassiodor (Bibliotheken), Isidor von Sevilla (Begriffe und weltliche Bildung), Gregor der Große (Gregorianik) entscheidend die beginnende europäische Kultur. Allerdings tradierte das Christentum auch das antike Erbe und formte es um: Aus den griechischen Helden wurden die Märtyrer und Heiligen, der antike Humanismus lebte im Christentum weiter, aus den Tempeln wurden Kirchen, der Wein wurde zum liturgischen Getränk[2]. Aus dem römischen Erbe lebte die Sprache fort im Kirchenlatein, die Architektur in der romanischen Kunst, das Recht wurde zum kanonischen Recht und die Schulen (7 Künste) lebten in den Kirchen und Klöstern weiter. Durch die Mönche erfuhr Europa seine neue Zeiteinteilung: Im „ora et labora“, den Glocken, die die Tageszeiten einläuten, der biblischen Woche, dem christlichen Kalender, den Dionysius Exiguus 532 auf die Geburt Christi zurück rechnete, eröffnete sich ein neuer Rhythmus im Wechsel zwischen Arbeit, Ruhe und Gebet. Genauso kam es durch Kirche und Mönchstum zu einer neuen europäischen Raumordnung: Durch die Einteilung der Regionen und Länder in Diözesen, durch die Mönchsorden, die Pilgerfahrten entstand ein christliches Netzwerk, das den Raum durchdrang.

Mit den Karolingern verband sich das Christentum endgültig mit der politischen Macht. Die Salbung Pippins, 754, in Saint-Denis erneuerte das Ritual des biblischen Königtums. Die Person des Königs wurde als Oberhaupt des Christentums sakralisiert. In der Salbung Karls zum römischen Kaiser (800) entstand ein neues römisches abendländisches Reich in der Abgrenzung zu Byzanz.

 

Karl, der den Wert der Bildung für den Erhalt des Staates erkannte, übergab den Kirchen das Bildungsmonopol, vereinheitlichte das Recht, das Geld (Silberdenar), die Schrift (karolinigische Minuskel), schrieb die benediktinische Regel für die Mönchsorden vor und förderte die religiöse Architektur. Allerdings dachte Karl nicht in europäischer Dimension. Darum nennt Le Goff diesen ersten Abschnitt „das fehlgeborene Europa“.

 

11. - 12. Jahrhundert: Das feudale Europa

Das Reich Ottos des Großen erfolgte dagegen unter europäischem Gesichtspunkt (es wird bis 1806 bestehen). Als „Heiliges römisches Reich deutscher Nationen“ zeigte es den sakralen Charakter des Reiches an, verwies auf das Erbe des römischen Reiches und rief in Erinnerung, dass Rom seine Hauptstadt war und welche herausragende Rolle die Deutschen darin spielten (63). Unter den Ottonen kam es zum Eintritt der slawischen Welt ins Christentum. Für Le Goff das Zeichen, dass die Völkervermischung die Grundlage des christlichen Europas darstellte. Um das Jahr 1000 wurden überall Kirchen gebaut, was zu einem wirtschaftlichen Aufschwung führte. Ortschaften bekamen ab nun christliche Namen. Dazu entwickelte sich eine christliche Friedensbewegung, die sich im Reliquien- und Wunderkult äußerte und im Schutz der Schwachen und in der Vorstellung vom Gottesfrieden. Nachdem Skandinavien das Christentum angenommen  hatte, vereinigte sich Europa vollends mit dieser Religion. Das Eheverständnis wurde christianisiert (monogam, unauflöslich, Sakrament, consensus und Aufgebotspflicht zur Vermeidung von Inzest). Dabei wurde das Verständnis der lebenslangen Treue auch zum Strukturelement im Verhältnis von Lehensherr und Vasall sowie Ritter und Dame.

Durch die gregorianische Reform kam es zum erstenmal zu einem Konflikt zwischen Staat und Kirche. Allerdings wollte sich hier nicht der Staat von der Kirche befreien, vielmehr die Kirche vom Staat, indem der Papst für sich allein das Recht der Bischofsinvestitur reklamierte. Auch wenn es hier auch um politische Macht ging („dictatus papae“ von Gregor VII), so entsprach für Le Goff die Trennung von weltlicher und religiöser Sphäre der neutestamentlichen Vorgabe (Mk 12,17 parr). Die Entwicklung hin zum Laizismus nach der französischen Revolution wurde hier vorgeprägt. Allerdings kam es im 12. Jahrhundert auch zu anderen kritischen Bewegungen, die diesmal die Befreiung der Laien von klerikaler Vormachtstellung betonten (Katharer, Valdenser) und in kirchlicher Verfolgung und der Gründung der Inquisition endeten. Im 14. und 15. Jahrhundert sollten diese Ansprüche von Wicliff und den Lollarden und von Jan Hus und den Hussiten  erneut erhoben werden. In den Hussitenkriegen (1421-1431 wurden diese Forderung zum erstenmal mit Erfolg gegen Reich und Kirche durchgesetzt. Le Goff: „Die Hussitenbewegung war die erste große revolutionäre Bewegung in Europa.“ (235) Die evangelische Reformation des 16. Jahrhunderts übernahm zum Teil deren Forderungen und führte zur großen abendländischen Glaubensspaltung.

Infolge der Kreuzzüge kam es zu einer Verchristlichung des Krieges. Die Betonung der „Theorie vom gerechten Krieg“, die Gründung von Ritterorden, die Bezeichnung der Kreuzzüge als „Heilige Kriege“, die Segnung von Waffen führten zur Pervertierung der Botschaft Jesu. Interessant ist das Fazit Le Goffs bezüglich der Kreuzzüge: Die Einheit zwischen Christentum und Europa ist für lange Zeit festgeschrieben, die Kluft zwischen Byzanz und Rom wurde vertieft und die Rivalität zwischen den europäischen Staaten wurde geschürt. Dazu verlor Europa viele Menschen und Ressourcen.

 

13. Jahrhundert: Das „schöne“ Europa

Das 13. Jahrhundert nennt Le Goff das „schöne Europa“. Es kam in dieser Zeit zu vier folgenreichen Entwicklungen: Die Urbanisierung, der Aufstieg von Handel und Geldwesen, die Wissensverbreitung durch die städtischen Schulen und Universitäten, die Aufbereitung enzyklopädischen Wissens (Summen) und der Verbreitung des Buches sowie die Gründung von Bettelorden (zunächst Laienorden), die sich in den Städten ansiedelten, die die Predigt, die christliche Armut und Demut betonten und die Werke der Barmherzigkeit pflegten (Hospize).

Die entscheidende Entwicklung im Hochmittelalter sieht Le Goff darin, dass die christlichen Werte vom Himmel auf die Erde herunterstiegen. „Auch im frühen MA hatten die Menschen für das Leben auf Erden gearbeitet ..., aber die Werte, in deren Namen sie es taten, waren übernatürliche Werte: Gott, der Gottesstaat, das Paradies, die Ewigkeit, die Verachtung der Welt ... Vom 13. Jahrhundert an sind die Christen immer noch zutiefst um ihr Seelenheil besorgt, aber sie erlangen dieses Heil durch ein doppeltes Engagement, auf Erden wie im Himmel“ (205). Arbeit war jetzt nicht nur Buße, sondern auch cooperatio Dei. Die Geschichte ging nicht auf das Ende der Welt zu, sondern auf ihre Vollendung. Das wirtschaftliche Wachstum, die technischen Fortschritte, die höhere Produktivität in der Landwirtschaft, die positive Sicht von Geld- und Zinsgeschäften führten zu einer Aufwertung des Handels und der irdischen Arbeit. Der Appell an die ratio in allen Bereichen (Abaelard erfand das Wort „Theologie“ und machte die Offenbarung zur Wissenschaft), die beginnende Buchführung für Besitzstände, die Bedeutung der Uhren durchdrangen alle Gesellschaftsschichten. Die Erfindung des Fegefeuers, die eine individuelle Sündenberechnung erlaubte,  nahm Gott einen Teil seiner Souveränität und eröffnete dem Sünder die Möglichkeit, durch Fürbitten und Buße Einfluss auf sein persönliches Heil zu nehmen. „Am Ende des Erdenweges war das Fegefeuer ein individuelles Jenseits vor dem Übergang zum kollektiven Jenseits des Jüngsten Gerichts“ (209). Das Ideal des „Prud'homme“, der die christlichen Ideale des Heiligen mit weltlichen Idealen verband, zeigte, dass der Mensch das Seelenheil auf Erden wie im Himmel erlangte (Rolandslied). Der neue Blick auf das Individuum kam auch in der Literatur zum Ausdruck und führte den Wert der Subjektivität zum Durchbruch.

 

Der Herbst des Mittelalters (14. + 15. Jahrhundert)

War das Hochmittelalter eine Zeit des wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Aufschwungs gewesen, so war das 14. Jahrhundert geprägt von den drei „apokalyptischen Reitern“ Hunger, Krieg und Seuche. Nach der allgemeinen Klimaverschlechterung kam es zu ausgeprägten Hungersnöten. Nicht enden wollende Kriege (z.B. 100-jähriger Krieg zwischen England und Frankreich), die durch die neuen Geschütze und Feuerwaffen und den Söldnerheeren an Härte ungemein zunahmen, ließen eine tiefe Friedenssehnsucht in Europa entstehen. Ab 1347 überzog die Pest in immer neuen Wellen den Kontinent, der ein Drittel seiner Bevölkerung verlor (England büßte 70% seiner Bevölkerung ein!). Es kam zu Judenpogromen und Vertreibungen, Hexenprozessen und Bauernaufständen in Frankreich und England. In den Städten verelendeten wegen sinkender Löhne und großer Arbeitslosigkeit die Masse der Arbeiter. Das kirchliche Schisma von 1309 bis 1367/78 verunsicherte die Christenheit und ließ die ersten Nationalkirchen entstehen, die sich von Rom distanzierten. In der Frömmigkeit rückte der Tod in den Mittelpunkt im „memento mori“; Skelette und Totentänze fügten sich der „vanitas“, sahen aber im Tod auch den Gleichmacher, der König und Bettelmann einander vereinte.

Das 15. Jahrhundert stand demgegenüber wieder unter einem besseren Stern. So entwickelte sich von Antwerpen aus eine beginnende Weltwirtschaft, es kam zu einer gesellschaftlichen Aufwertung des Kindes (das neue Interesse am Jesuskind), der Frau, des Individuums; Spiel, Tanz, Gesang, Kunst und weltliche Literatur erfreuten sich einer immer größerer, von der Kirche tolerierter Beliebtheit.

Da das Mittelmeer immer mehr durch die Türken gefährdet wurde, wendete sich Europa dem Atlantik zu; es begann das Zeitalter der Entdeckungen in Afrika und Amerika und damit die Aufteilung der noch unentdeckten Welt durch die europäischen Mächte (1494 Vertrag von Tordesillas).

Le Goff sieht in der Türkengefahr das große Bindemittel der europäischen Mächte, die zwar begannen, sich in Nationen auseinander zu differenzieren, doch im Christentum eine gemeinsame kulturelle Einheit fanden. Außergewöhnlich ist die Sicht Le Goffs auf den Fall Konstantinopels, 1453: Die Einnahme Konstantinopels bedeutete „auf lange Sicht auch die Beseitigung eines Hindernisses für die europäische Einheit“ (266). Dass das zweite religiöse und politische Machtzentrum unterging und nur noch Rom übrig blieb, bedeutete die künftige Vormacht des lateinisch abendländischen Europas.

Auch in politischer Hinsicht kommt eine neue Weite in das europäische Denken. So schlägt der König von Böhmen, Georg Podiebrad, 1464 vor, eine europaweite Ratsversammlung aller christlichen Staaten einzuberufen, um der Türkengefahr Herr zu werden. Für Le Goff ist dies der erste „Plan eines vereinigten Europarates“ (253). In seinem „universitas“ genannten Text entwickelte Podiebrad sehr moderne Ideen: Die europäischen Staaten sollten auf gegenseitige Kriege verzichten, bei Konflikten sollte ein  Schiedsgericht eingerichtet werden, die Kosten sollten durch eine Sondersteuer gedeckt werden und die Versammlungen sollten im Fünfjahresrhythmus in verschiedenen europäischen Städten abgehalten werden. Daneben sollte es ein gemeinsames Wappen, ein Siegel, eine Kasse und einen Beamtenstab geben. Bei Abstimmungen hatte jede Nation eine Stimme.

In theologischer Hinsicht sieht Le Goff diese geistige Weite bei Nikolaus von Cues. In seiner „docta ignorantia“ betonte er zwar des Menschen Unfähigkeit Gott vollkommen zu erkennen, trotzdem sei der Erwerb umfassenden Wissens notwendig. Seine Theologie hatte Auswirkungen auf das neuzeitliche Weltbild: Cusanus schlug im Gegensatz zu den gültigen Vorstellungen von Aristoteles und Ptolemäus ein unendliches Weltall vor, „dessen Mittelpunkt überall und dessen Umfang nirgends sei und das er als die kosmologische Grundlage der Subjektivität verstand“ (247).

Cusanus formulierte dazu noch vor der konfessionellen Spaltung eine Religionsphilosophie, die auf einen Frieden aller Glaubensrichtungen zielte. In seiner Sicht betrafen die Unterschiede zwischen Islam, Judentum und Heidentum nur den Bereich der Riten. „Der gemeinsame Glaube, der all diese Religionen in der Tiefe verband, war das Christentum“ (247). Obwohl er am Primat der christlichen Religion festhielt, weisen seine Gedanken weit in die Neuzeit und kündigen die religiöse Toleranz und die Ökumene an – weit vor ihrer Zeit!

 

Resümee[3]

Die wichtigsten Kräfte zum Aufbau Europa bis zum Ende des 15.Jahrhundert sieht Le Goff in dem abendländischen, lateinischen Christentum. Doch erschöpfe sich deren Dynamik nicht an dieser Zeitschwelle, vielmehr wirke es bis in den Aufbau des modernen Europa hinein.

Seine wichtigsten Thesen:

1. Der Weg Europas hin zu einer Trennung von Staat und Religion nahm im mittelalterlichen Investiturstreit seinen Anfang und entsprach damit den Forderungen Jesu, wonach ein jeder dem Kaiser gebe, was des Kaisers, und Gott, was Gottes ist. Die theokratischen Modelle des byzantinischen Christentums und des Islam hat das abendländische Christentum bereits seit dem Mittelalter abgelehnt.

2. Am Ende des 15. Jahrhunderts war der europäische Raum vollkommen christianisiert. Es gab keine Heiden mehr. Ausnahme waren die von Türken eroberten Gebiete, die einerseits eine bleibende Gefahr darstellten, andererseits die europäischen Staaten bis in die Neuzeit zusammen schweißte, bis hin zur Vorstellung einer europäischen Ratsversammlung (König Podiebrad).

3. Die von Le Goff geprägte Formel für den Aufbau Europas heißt: „Vielfalt der Nationen und Einheit der christlichen Kultur“, die auch nach der Glaubensspaltung erhalten blieb. Die stete Gefahr der Europäer sei dagegen ihr „kriegerischer Charakter“. Christliche europaweite Einrichtungen waren das im Mittelalter entstandene Bildungssystem und besonders die Universitäten, die in ihrem Selbstverständnis bis zur französischen Revolution unverändert blieben und der christliche Humanismus, der „die europäische Kultur von Schweden bis Sizilien“ durchdrang (265).

4. Entgegen der gängigen Vorstellung, wonach das Fortschrittsdenken erst mit Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts anfing, belegt Le Goff überzeugend, dass die Keime dieses Denkens bereits im Hochmittelalter gelegt wurden. Obwohl damals alle Phänomene vom Religiösen umgeben waren, begann man die himmlischen Werte auch auf der Erde anzuwenden, was zu technischen Fortschritten, wachsender Wirtschaft und zu einem allgemeinen Klima führte, das die Dinge und das Leben stets verbessern wollte. Die Dynamik dieses Fortschreitens ergab sich aus der Dialektik von Fortschritt und Reaktion: Z.B hielten sich die neuen Bettelorden des 13. Jh. für die besseren Kongregationen, wohingegen die alten Orden in dieser Neuheit eine Sünde sahen (269).

5. Das Fortschrittsdenken gründet nach Le Goff fundamental in dem biblisch-christlichen Geschichtsverständnis, das der Geschichte einen Sinn gegeben und „den antiken Mythos von der ewigen Wiederkehr ... hinfällig gemacht hat“ (268). Dem entspricht das christliche Zeitverständnis, das Europa seinen bleibenden Stempel aufgedrückt hat: Die vergangene Zeit, die in Chroniken gepflegt und festgehalten wurde, öffnete Wege in die Zukunft; der christliche Kalender und die Strukturierung des Jahres im biblischen Wochenrhythmus, „der Arbeitszeit und Ruhezeit in ein Verhältnis setzt, das nicht nur die religiöse Zeit der Andacht garantiert, sondern auch die beste Nutzung der menschlichen Kräfte erlaubt“ (270).

 

Bewertung

Für einen Theologen ist es erfrischend zu sehen, wie Le Goff das historische Material in neuer Weise ordnet und bewertet. Der Autor führt dem Leser kenntnisreich vor Augen, dass viele Errungenschaften, die die Moderne ganz selbstverständlich als Verdienste der Aufklärung zuordnet,  bei genauerem Lichte aus  Keimen des christlichen Mittelalters gewachsen sind. In seinem Resümee unterstreicht Le Goff dies für die Trennung von Kirche und Staat, für den Fortschrittsgedanken, den linearen Zeitbegriff und den politischen und gesellschaftlichen Pluralismus. Ich will hier noch ein paar weitere Schlagworte der Moderne anfügen, die der Autor zwar bearbeitet, aber nicht dezidiert in seinem Resümee herausgestellt hat:

1. Das Prinzip der abendländischen Rationalität entwickelt sich nicht während der Aufklärung, sondern in der mittelalterlichen Scholastik. Die rationale Analyse durch Dialektik, Logik und Conclusio wurde an den Universitäten gelernt und eingeübt. Abaelard hat das beharrliche Fragen und den Zweifel an allem Gegebenen in die Methode eingeführt und weit vor Descartes systematisiert. Darüber hinaus hatte schon für Abaelard die Vernunft mehr Gewicht als der Hinweis auf die „Autoritäten“ (Schrift, Kirchenväter, 181). Anselm von Canterbury, Albertus Magnus, Thomas von Aquin, Abaelard etc. waren die ersten Intellektuellen Europas. Und die mittelalterliche „Universitas“ wurde zum abendländischen und heute weltweiten Erfolgsmodell schlechthin.

2. Die Geburt des Individuums und die Betonung der Subjektivität finden sich bereits in der hochmittelalterlichen Literatur (chanson de geste), in der höfischen „courtoisie“, in der Vorstellung vom Fegefeuer und dem individuellen Gericht vor Gott sowie in den Gedanken des Nikolaus von Cues, der darüber hinaus auch schon die Anfänge einer religiösen Toleranz und Pluralität durchdachte.

3. Der Begriff der „Nation“ kam von den „nationes“: Das waren landsmannschaftliche Zusammenschlüsse an den Universitäten und später auf den Konzilen des 14. Jahrhunderts. Die „nationes“ an den Universitäten hatten in der Regel nichts mit konkreten Volksgruppen zu tun; ausnahmsweise stimmten sie nur an der Prager Universität mit den wirklichen Volksgruppen überein.

4. Die Entwicklung eigenständiger Volkssprachen kann sich ebenfalls auf eine theologische Entscheidung berufen: Obwohl Latein die Sprache der Schulen, der Universitäten und der Liturgie noch lange Zeit bleiben sollte, hatten aber nach Augustinus alle Sprachen den gleichen Rang. Der Kirchenvater bezog sich hier auf das Pfingstwunder, „als der Heilige Geist die Apostel mit der Gabe erfüllte, sich unterschiedslos und ohne Wertung in allen Sprachen zu verständigen“ (182). Entsprechend entschied die Frankfurter Reichssynode von 794: „Es wird in allen Sprachen zu Gott gebetet und der Mensch wird erhört“ (183). Die „Geburtsurkunde der Nationalsprachen“ meint Le Goff auf der Synode von Tour, 813, entdeckt zu haben, in der die Prediger aufgefordert wurden, ihre Predigten in der jeweiligen Umgangssprache zu halten, „damit alle leicht verstehen können, was gesagt wird“ (183).  

5. Es mag zunächst befremden, wenn Le Goff den Untergang Konstantinopels, 1493, als positiven Aspekt für die europäische Einigung ansieht. Doch hat er nicht so ganz Unrecht damit, denn sieht man sich Russland nach dem Zusammenbruch des Kommunismus an, so hat sich gerade in der Ära Putin wieder eine Annäherung von Staatsapparat und orthodoxer Kirche ereignet, die dem cäsaropapistischem Modell des orthodoxen Konstantinopels wieder sehr nahe kommt und Moskau in absehbarer Zeit zum neuen Byzanz werden lässt. So gewährte Putin für die Erbauung eines orthodoxen Klosters in der Uckermark reichlich finanzielle Unterstützung und sagte: „Jede orthodoxe Pfarrei im Ausland mit russischen Wurzel muss eine Repräsentanz der Russischen Förderation werden.“[4] Dazu ist gleichzeitig anzunehmen, dass Moskau sich nicht für eine europäische Mitgliedschaft bewerben wird. Der mittelalterliche Dualismus zwischen Rom und Byzanz dürfte in dem Antagonismus zwischen Brüssel und Moskau eine Auferstehung erleben.

6. Die größte Kraft, die im Spätmittelalter die europäischen Nationen einander näher brachte, waren die Türken, die im Balkon viele christliche Staaten erobert hatten. Heute leben über drei Millionen Türken im Großen und Ganzen friedlich unter uns. Doch ist es ungemein schwerer, sie in unser Land zu integrieren, als die anderen ehemaligen Gastarbeitergemeinschaften. Dies hat gerade wieder die Brandkatastrophe von Ludwigshafen bewiesen. Obwohl schon seit Jahrzehnten im Lande, eilte der Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan nach Deutschland, um „seinen Türken“ beizustehen. Seine Kölner Formel, die besagt, dass Assimilation ein Vergehen gegen die Menschlichkeit sei, und die Einlassungen eines seiner Minister, wonach ein Türke, wo immer er geboren wird, ein Türke bleibe[5],  haben nicht dazu beigetragen, in der Türkei ein künftiges Mitglied der europäischen Gemeinschaft zu sehen. Nationalistische Töne vereint mit islamischen Integrismus weisen eher auf ein kollektivistisches Menschenbild[6] hin, verbunden mit latenter Intoleranz gegenüber Minderheiten. Denn können z.B. die seit über 70 Jahren unterdrückten Kurden nun darauf pochen, dass „Assimilation ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ sei? Le Goff macht in seinem Buch deutlich, wie schwer es doch sein wird, ein Land in die EU aufzunehmen, das von seinem kulturellen Selbstverständnis auf einem andern Stern zu leben scheint und dem die historische Kontinuität mangelt, die die europäischen Staaten auszeichnet. Diese Aussage trifft  natürlich nicht auf die türkischen Mitbewohner zu, die sich in unsere Gemeinschaft integriert haben.

7. Die Ablehnung eines Gottesbezuges in der EU-Verfassung wurde besonders vom laizistischen Frankreich betrieben. Wenn nun der Franzose Le Goff in seinem Buch die Fundamente Europas im christlichen Mittelalter verortet, dann steht das der allgemeinen Staatsdoktrin diametral entgegen. Für uns Christen sollte dieses Buch darum Ansporn sein, mit größerem Selbstbewusstsein auch im politisch-gesellschaftlichen Bereich auf die christlichen Wurzel der europäischen Kultur hinzuweisen und sich nicht kleinmütig einem immer stärker werden Säkularismus anzubiedern, mit der Absicht ihm hier und da noch ein paar religiöse Schleifchen angedeihen zu lassen. Für die Kirchen Europas ergibt sich aus dem christlichen Erbe die Verpflichtung, in stärker werdender ökumenischer Zusammenarbeit diese Hinterlassenschaft nicht nur zu bewahren, sondern auch zu neuem Leben zu erwecken. Die Lektüre des Werkes von Le Goff wird hier eine große Hilfe sein. In Französisch würde ich sagen: „Ca vaut le coup!“



[1] Art. Europa, in: Reclams Lexikon der antiken Mythologie, Stuttgart 5. Aufl. 1991, S.189f.

[2] Klaus Berger macht darauf aufmerksam, dass viele Weinlagen christliche Namen tragen: „Paradiesgärtlein“, „Himmelreich“, „Mannagarten“, „Herrgottsacker“, Liebfrauenmilch“, „Bischofskreuz“ usw. In: Klaus Berger, Jesus,  München 2007, S.440.

[3] Siehe dazu auch: Klaus Oschema: Rezension von: Jacques Le Goff: Die Geburt Europas im   Mittelalter. Aus dem  Französischen von Grete Osterwald, München: C.H.Beck 2004, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 7/8 [15.07.2004], URL: <http://www.sehepunkte.de/2004/07/6044.html>

[4] P. Wensierski, Zwiebelturm statt Minarett, Art. in: DER SPIEGEL 6/2008, S.41. Interessant ist in dieser Angelegenheit noch die Bemerkung von Bischof Wolfgang Huber, der in diesem Projekt auch eine Annäherung zwischen Katholizismus und Orthodoxie vermutet und dies mit Unbehagen verfolgt. Denn er sieht in beiden Kirchen eine Tendenz, „die mit der Aufklärung nichts zu tun hat“. Einfach köstlich! Seit wann sind denn evangelische Kirchenführer nun auch noch besorgte Wächter der säkularen Aufklärung?

[5] M. Thumann, C. Denso: Wie der türkische Nationalismus von Ankara nach Ludwigshafen kam. Art. in: DIE ZEIT 8/2008, S.4.

6 Ähnlich argumentiert Thomas Darnstädt (Identität als Gefängnis. Art. in: DER SPIEGEL 8/2008, S.46), der in dem Auftreten Erdogans das Bemühen sieht, die hier lebenden Türken auf ihr Türkentum zu verpflichten und sie in ihrer Identität einzusperren: „Wer mit den Deutschen geht, ist ein Kollaborateur, so klingt das. Das ist die Aufforderung an die Väter, ihren Töchtern die westlichen Freiheiten zu verwehren und die deutsche Lehrerin, die vorbeikommt, um über das Kopftuch zu sprechen, hochkant hinaus zuwerfen. Es ist die Aufforderung zu ethnischer Separierung. Denn: 'Assimilation ist ein Verbrechen'.“ Erdogan mache die Deutsch-Türken zu Geiseln ihrer Abstammung. Zur Integration gehöre aber auch die Freiheit, sich für oder gegen eine Lebensweise zu entscheiden. Doch setzt dies einen auf das Individuum gegründeten Freiheitsbegriff voraus. Mit einem ähnlichen Problem hatte es die Herbert-Hoover-Oberschule in Berlin zu, als diese 2006 verbindlich vorschrieb: „Die Schulsprache unserer Schule ist Deutsch.“ Als die türkische Zeitung „Hürriyet“ dies mitbekam, wurde daraus ein Türkischverbot. Andere Ausländervertreter sprachen gar von „Zwangsgermanisierung“ (Juan Moreno, Sprechen sie Deutsch? Art. in: DER SPIEGEL 8/2008, S.70). Auch wird das Thema Integration vor dem Hintergrund bedrohter Ethnien verhandelt. Ein klassischer Widerspruch zwischen kollektivistischen Vorstellungen und dem abendländischen individuellen Freiheitsverständnis.


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