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Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm
Markusplatz 3, 96045 Bamberg


Diakonie in der Perspektive „öffentlicher Theologie“[1]

1. Zur Situation – wo liegen die Herausforderungen?

Die Zeiten, in denen Sie sich hier in Münster zur Diakonischen Konferenz treffen, sind Zeiten des Umbruchs. Die Erkenntnis, dass eine sich verändernde Gesellschaft auch neuer Ideen und Strukturen in der Kirche bedarf, beschäftigt die Diakonie nun schon seit einigen Jahren, das Nachdenken darüber hat in der Diakonie begonnen lange bevor der EKD-Reformprozess auf den Weg gebracht wurde. Die Notwendigkeit, sich im wirtschaftlichen Wettbewerb am Markt zu behaupten, führt zu Dilemmasituationen, die zuweilen bis an die Schmerzgrenze gehen. Umso dringlicher stellt sich die Frage. Welchen Weg soll die Diakonie gehen – und auf welcher Grundlage?

In dem EKD-Impulspapier „Kirche der Freiheit“ wird der Diakonie – und man muss sagen „natürlich“! – ein eigener Abschnitt gewidmet. In der Beschreibung des  8. von 12 Leuchtfeuern, die die Evangelische Kirche im 21. Jahrhundert prägen sollen, heißt es: „Im Jahre 2030 ist die Diakonie ein zentrales Handlungsfeld der sich auf ihre Stärken konzentrierenden evangelischen Kirche. Jede diakonische Aktivität hat ein deutlich wahrnehmbares evangelisches Profil und steht in einer guten Relation zu einem Handlungsfeld der evangelischen Kirche. Die Verbindung zwischen verfasster Kirche und Diakonie ist besser verwirklicht….“ (S.81).

Hier steht nicht „ist verwirklicht“, sondern: „ist besser verwirklicht“. Offensichtlich war den Autoren des Papiers sehr bewusst, wie schwierig die Umsetzung einer Einsicht ist, an der niemand vorbeikommt, der sich ernsthaft mit den biblischen und theologischen Quellen der Diakonie auseinandersetzt. Kirche und Diakonie gehören zusammen, weil sie sich der gleichen Quelle verdanken. „…ein Herr, ein Glaube, eine Taufe“ (Eph 4,4.5) – dieses Wort aus dem Epheserbrief wird in der Regel als Ruf zur ökumenischen Einheit der Kirche interpretiert. Um wie viel mehr gilt es für diejenigen, die durch keine Bekenntnisaussagen voneinander getrennt sind, sondern nur durch den Ort, an dem sie ihren Glauben zu leben versuchen!

Wenn wir über die Zukunft der Diakonie nachdenken und nach Wegen suchen, wie wir sie stärken können, dann müssen wir zunächst einmal wissen, wo wir überhaupt hinwollen. Das ist auch dann keineswegs klar, wenn wir uns einig darüber sind, dass eine kraftvolle Diakonie zu den wesentlichen Dimensionen christlicher Existenz in der Gegenwart gehört.

Um Orientierung für die Frage zu gewinnen, wohin der Weg der Diakonie eigentlich gehen soll, will ich zunächst drei mögliche Modelle beschreiben und erläutern, warum ich das dritte, das Modell der „öffentlichen Diakonie“, für das angemessenste halte. Dann möchte ich dieses dritte Modell genauer im Hinblick auf seine Konsequenzen für das Verhältnis von Diakonie und Kirche sowie für das Verhältnis der Diakonie zu Staat und Zivilgesellschaft untersuchen.

 

2. Drei theologische Grundansätze

 

2.1. Diakonie als „Kontrastgesellschaft“

Dieses Modell sieht das helfende Handeln der Diakonie eingezeichnet in eine Ekklesiologie, die ganz an der Sichtbarkeit der wahren Kirche orientiert ist. Kirche wird in dieser Sicht als Kontrastgesellschaft verstanden, die durch ihre eigene exemplarische Existenz „Salz der Erde“ und „Licht der Welt“ ist und so die Welt verändert. Die Diakonie ist also Ausdrucksform eines entschiedenen und eindeutigen Christentums. Die diakonischen Großinstitutionen geraten von einem solchen Modell her tendenziell unter Verdacht, diese Entschiedenheit des Christentums zu verwischen und sich durch alle möglichen politischen und institutionellen Zwänge in nicht hinnehmbarem Maße an die Gesellschaft anzupassen. Dieses Modell wird aus ganz unterschiedlichen Richtungen vertreten. Es steht sowohl hinter den gegenüber der Amtskirche kritischen Impulsen evangelikaler Frömmigkeit als auch hinter den Stimmen, die die Bindung der Kirche an den Staat in Deutschland kritisieren und von der Kirche gegenüber dem kapitalistischen System und seiner Logik eine klare Abgrenzung verlangen.

Die Stärke dieses Modells ist auch tatsächlich, dass es die Radikalität eines aus biblischen Impulsen sich speisenden christlichen Zeugnisses wirklich ernst nimmt und sich vor einfacher Anpassung hütet. Darin steckt aber auch seine Schwäche. Wo die Angst vor der Anpassung zum leitenden Prinzip wird, entsteht zumindest die Gefahr, dass nicht mehr die Menschen im Zentrum stehen, denen geholfen werden soll, sondern eine zur Selbstzentriertheit neigende Orientierung an der eigenen Glaubensentschiedenheit.

Das genau will das zweite Modell vermeiden.

 

2.2 Diakonie als Gesellschaftsdienst

Das Modell der „Diakonie als Gesellschaftsdienst“ gibt dem helferischen Handeln der Kirche den radikalen Vorrang gegenüber den eigenen kirchlichen Interessen und der sichtbaren Kirchlichkeit der Diakonie. Christlicher Glaube heißt vor allem Dienst der Nächstenliebe an der Gesellschaft als ganzer. Dass sie religiös motiviert ist, mag für ihre Stärke und Beharrlichkeit eine Rolle spielen. Sichtbar werden muss, ja soll das aber nicht. In einer säkularen Gesellschaft, die christlich-religiöse Sprache immer weniger versteht, kann sich nach diesem Modell Kirche angemessen vor allem als „praktisches Christentum“, also als gelebter Dienst am Nächsten präsentieren.

Die theologische Grundlage für dieses Modell kann von ganz unterschiedlichen Seiten kommen. Die liberale Theologie des 19. Jahrhunderts, die – besonders radikal bei Richard Rothe – das Christentum in einer zunehmend säkularisierten Kultur aufgehen sah, kann genauso dafür in Anspruch genommen werden wie etwa ein ganz bestimmtes Verständnis des berühmten Bonhoefferschen Wortes von der „Kirche für andere“ und seiner Vision des „religionslosen Christentums“. Unabhängig davon, ob diese Inanspruchnahme zu Recht geschieht, ist es unbestreitbar, dass das Modell der Diakonie als Dienst der Nächstenliebe in der säkularen Gesellschaft einen wesentlichen Impuls des christlichen Glaubens aufnimmt, der in dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter, fast so etwas wie das „Hausgleichnis der Diakonie“, seinen Ausdruck findet: In dem Geschehen zwischen Helfer und Hilfsempfänger steht gerade nicht die Religion oder Konfession im Zentrum, sondern allein die Beseitigung der Not.

Dennoch ist das Modell nicht überzeugend. Zum einen deuten neuere Gesellschaftsdiagnosen darauf hin, dass die Annahme, Menschen ließen sich immer weniger auf die religiöse Dimension des Menschseins ansprechen, falsch ist. Vor allem aber übergeht die einseitige Orientierung am Samaritergleichnis wesentliche Traditionen der Bibel völlig, in denen die „Öffentlichkeit“ des Evangeliums, das Zeugnis von der rettenden Botschaft von Gottes Gnade, im Zentrum steht. Dass Jesus der Erzähler des Samariter-Gleichnisses ist, ist von daher gerade keine Nebensache, sondern zum Verständnis unabdingbar.

Deswegen plädiere ich für ein drittes Modell, das die Stärken der beiden anderen Modelle aufzunehmen versucht, ohne ihre Schwächen zu übernehmen. Ich nenne es „öffentliche Diakonie“.

 

2.3 „Öffentliche Diakonie“ in der pluralistischen Gesellschaft

„Öffentliche Diakonie“ nimmt ernst, dass die Gesellschaft pluralistisch geworden ist. Weder sind religiöse Orientierungen selbstverständlich, noch basieren sie, wo sie da sind, notwendigerweise auf der christlichen Tradition. In der Perspektive öffentlicher Diakonie ist daraus aber nicht die Konsequenz zu ziehen, dass das christliche Zeugnis zugunsten praktischer Nächstenliebe verschwiegen werden darf. Im Gegenteil: Diakonie entfaltet ihre öffentliche Kraft gerade in der Einheit von religiöser Authentizität und praktischer Nächstenliebe. In einer Gesellschaft, in der Christlichkeit nicht mehr als fragloser Autoritätsausweis gelten kann, wird die Ganzheitlichkeit eines in Frömmigkeit oder – moderner gesprochen – „Spiritualität“ gegründeten Dienstes am Nächsten ein umso zentralerer Faktor für die Ausstrahlungskraft von Kirche und Diakonie. Dass es auch gut für die Behauptung am Markt ist, kommt noch dazu, ist aber nicht primär.

Deswegen braucht Diakonie in ihrer öffentlichen Darstellung eine Zweisprachigkeit. Sie muss zum einen auf der Basis biblischer und theologischer Traditionen zeigen, woher sie kommt und zum anderen deutlich machen, warum die daraus sich ergebenden Orientierungen für alle Menschen guten Willens so plausibel sind, dass es sich lohnt, sich in ihren Dienst zu stellen. Das bedeutet, dass öffentliche Diakonie keine Angst vor der Zusammenarbeit mit staatlichen Institutionen, aber auch nicht mit zivilgesellschaftlichen Kräften anderer weltanschaulicher Hintergründe haben muss. Menschenwürde z.B. kann als Leitbegriff der Diakonie verstanden werden, der seine inhaltliche Füllung aus biblischen Traditionen gewinnt, aber auch für Menschen mit anderen weltanschaulichen Hintergründen plausibel ist.[2] Von einem so sichtbar werden übergreifenden Konsens aus kann eine Vernetzung mit der Zivilgesellschaft entwickelt werden, die das ureigene diakonische Anliegen stärkt.

Das Modell der „öffentlichen Diakonie“ verbindet also das klare Zeugnis auf der Basis der eigenen Tradition mit der Ausrichtung auf die pluralistische Gesellschaft als ganze und nimmt damit eine Diakonie in den Blick, die gerade darin zum Salz der Erde werden kann, dass sie die primäre Ausrichtung an der eigenen Identitätssuche hinter sich lässt.

 

3. Perspektiven „öffentlicher Diakonie“

 

3.1. Theologische Perspektiven

Zur Diakonie in der Perspektive öffentlicher Theologie gehört ein klares Profil. Nur so kann die Kirche der Welt wirklich etwas Neues sagen. Die Antwort auf die Frage, woher dieses Profil eigentlich kommen soll, liegt nahe und das in ganz direktem Sinne. Sie haben diese Antwort in Ihren Einrichtungen jeden Tag sichtbar vor Augen und das ist gut so. Der sichtbare Ausdruck unserer Identität als Kirche und Diakonie ist das Kreuz. Kirche und Diakonie verlieren ihre Basis, mehr noch, würden sich selbst aufgeben, wenn sie sich nicht immer wieder gemeinsam neu unter das Kreuz stellen würden. Das Kreuz begegnet uns ja genau deswegen überall in den Kirchen, in den Heimen der Diakonie, an den Wänden zu Hause oder an den Halsketten am Körper, weil es uns von etwas erzählt, das den Kern unserer Identität als Christinnen und Christen ausmacht: Ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid – sagt Paulus – habt Christus angezogen (Gal 3,27). Die revolutionäre Bedeutung der Taufe und des Kreuzes, das durch sie in unsere Biographie eingezeichnet wird, beschreibt Paulus im Römerbrief: Wir sind „mit Christus begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln“ (Röm 6,4).

Dieser Satz des Paulus macht in aller Klarheit deutlich, dass es sich beim Kreuz nicht, wie manche von wenig theologischen Kenntnissen belastete Christentumskritiker immer wieder behaupten, um ein nekrophiles, ein todesverliebtes Symbol handelt. Ganz im Gegenteil: es geht, wie Paulus sagt, um „ein neues Leben“. Das Kreuz hat genau deswegen eine solche Kraft, weil die daraus erwachsende Perspektive die Augen vor dem Leiden nicht verschließt, sondern das Leiden wahrnimmt, denen, die leiden, mit Empathie begegnet, gegen die Zustände, die unnötiges Leiden verursachen, protestiert und sie zu überwinden versucht. Es hat deswegen eine solche Kraft, weil es all dies als zentrale Dimension eines gelingenden Lebens und als Dimension eines Glücks versteht, das diesen Namen wirklich verdient. „Selig sind die hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden. Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen“ (Mt 5,6f)!

Weil der Blick auf das Kreuz in die Vision gelingenden Lebens eingezeichnet ist, die die Diakonie ausmacht, deswegen gehört zum Profil der Diakonie eine klare Orientierung an der biblischen Option für die Armen. Die Anstößigkeit und Widerständigkeit dieser Orientierung kann uns niemand ersparen. Diakonische Einrichtungen haben natürlich eine unternehmerische Dimension, die sie auch ernst nehmen müssen. Die Diakonie kann sich aber niemals einfach als Unternehmen definieren, so als ob das ihr Hauptidentitätsmerkmal wäre. Würde sie das tun, mag sie sich am Markt erfolgreich aufstellen und beeindruckende Bilanzen vorlegen. Aber sie wäre nicht mehr Ausdrucksform der Kirche Jesu Christi. Management-Akademien sind notwendig, Corporate Design auf den Briefköpfen vermutlich auch. Und auch professionelle Werbung, wenn sie sich nicht an diakoniefremden Jargon anbiedert, kann gute Dienste tun. Aber es sind eben Dienste, die nicht zum Selbstzweck werden dürfen. Wenn Sie als Leitende in der Diakonie sich zunehmend in unternehmerischen Umfeldern bewegen, wo alles vom Feinsten ist, wo die Hotelpreise in den höheren Sphären liegen, wo bestimmte Ausstattungen zum Standard gehören, und wenn Sie dann vielleicht irgendwann erschrecken und sagen: Wo bin ich eigentlich? Dann ist das ein heiliger Schrecken! Egal in welchen Kontexten wir uns bewegen, wir sollen uns immer daran erinnern lassen, dass wir in dem, was wir da tun, im Dienst der Kirche Jesu Christi stehen, also unsere Kraft für die tägliche Arbeit von einem Gott bekommen, der in seiner menschlichen Inkarnation am Kreuz gestorben ist, der ganz unten war.

Als Kirche und Diakonie verweigern wir uns dem Kult der Starken und Erfolgreichen, wir machen die Perspektive der Schwachen und Ausgegrenzten zu unserer eigenen Perspektive. Wir verfallen in dem festen Vertrauen auf die Auferstehung des Gekreuzigten aber nicht in Schwarzmalerei oder gar Depression, sondern bringen uns mit Zuversicht und Gestaltungswillen mit Wort und Tat in die Gesellschaft ein. Von der klaren Leitperspektive der Option für die Armen her wissen wir uns dann auch durchaus in der Welt der Starken und Reichen zu bewegen. Das ist die Identität der Diakonie!

Was bedeutet diese theologische Standortbestimmung nun für das Verhältnis der Diakonie zur Kirche?

 

3.2. Diakonie und Kirche

Johann Hinrich Wichern hat schon Mitte des 19. Jahrhunderts programmatisch – und deswegen oft zitiert – auf den untrennbaren Zusammenhang zwischen beiden hingewiesen: „Die innere Mission ist nicht eine Lebensäußerung außer und neben der Kirche, will auch weder jetzt noch einst die Kirche selbst sein, wie man von ihr gefürchtet hat, sondern sie will eine Seite des Lebens der Kirche selbst offenbaren, und zwar das Leben des Geistes der gläubigen Liebe…“.

Wicherns Ortsbestimmung diakonischer Arbeit hat nichts von ihrer Aktualität verloren. Die Kirche hat nicht eine Diakonie, die Kirche ist Diakonie! Und die Diakonie hat nicht eine Kirche, mit der sie sich vielleicht auch allzu oft herumplagen muss, sondern sie ist Kirche!

Der Orthodoxe Theologe und Sozialethiker Alexandros Papaderos hat deswegen jüngst auf die pneumatologische Dimension der Diakonie hingewiesen: Der pneumatische Charakter der Diakonie darf „keiner Rationalität, Struktur oder Zweckmäßigkeitserwägung zum Opfer fallen. Wenn eine bestens organisierte und wohlhabende diakonisch-kirchliche Institution nicht mit diesem geistlichen Grunde verwurzelt bleibt, ist höchste Gefahr im Verzug. Denn nur aus der Kraft des heiligen Geistes wird diakonisches Tun und soziales Handeln im Rahmen der Kirche bestehen können“[3]

Ein solcher Hinweis auf den Geist, der eben dann auch tatsächlich weht, wo er will, wäre aber missverstanden, wenn er zur Rechtfertigung von ineffektiven, Inkompetenz hinnehmenden oder lieblosen Strukturen benutzt würde. Das gilt für die Diakonie genauso wie für die Kirche. In Abwandlung einer gelungenen Formulierung über die Kirche aus dem Impulspapier „Kirche der Freiheit“ (S. 34) kann man deswegen sagen: „Die Gegenwart des Evangeliums „ist nicht gebunden an ausstrahlungsstarke und effektive Diakonie-Institutionen oder diakonisch engagierte Christinnen und Christen. Dies aber ist ein Satz über die Freiheit Gottes, nicht über die Entlastung von der Aufgabe, Diakonie nach bestem Wissen und Gewissen einladend zu gestalten.“

Die These dass die Diakonie Teil der Kirche ist, darf nicht eine wohlfeile und in fast jedem Grundsatzreferat wiederholte Behauptung sein. Sie hat Relevanz für viele Dinge, die den Alltag der Einrichtungen bestimmen. „Qualität“ in der Diakonie bemisst sich auch daran, ob die Ganzheitlichkeit in der Begegnung mit den Menschen, die sich aus dem christlichen Glauben ergibt, wirklich sichtbar wird.

Ich nenne nur einige wenige Beispiele:

Diese wenigen Beispiele zeigen: Es gibt viele Möglichkeiten, die enge Verzahnung von Kirche und Diakonie im Alltag der Einrichtungen zu leben, anstatt sie nur zu beschwören. Sowohl in den Kirchengemeinden als auch in den diakonischen Einrichtungen muss das noch deutlicher werden.

Wenn nun klar ist, dass die Basis für eine „öffentliche Diakonie“ in einer engen Zusammenarbeit zwischen Diakonie und Kirche liegt, was bedeutet ein Modell der Diakonie in der Perspektive öffentlicher Theologie für das Verhältnis zu Staat und Gesellschaft?

 

3.3 Diakonie, Staat und Zivilgesellschaft

Das Modell der Diakonie als Kontrastgesellschaft hält bewusste Distanz sowohl zum Staat als auch zur Zivilgesellschaft, um sein eigenes kirchliches Profil so klar wie möglich zu halten. Das Modell der Diakonie als Gesellschaftsdienst ist demgegenüber mit dem Staat so eng verknüpft, dass Diakonie vor allem als Dienstleister für den Staat erscheint. Das Modell der „öffentlichen Diakonie“ arbeitet zwar partnerschaftlich mit dem Staat zusammen, wahrt aber gleichzeitig kritische Distanz. Anwaltschaft, die sich der biblischen Option für die Armen verdankt, bedarf des öffentlichen kritischen Einspruchs, wo der Staat seinen Aufgaben nicht nachkommt.

Die Diakonie hat einen klaren Ort in dem Spannungsfeld zwischen Staat und Zivilgesellschaft. Das wird schon deutlich, wenn wir näher bestimmen, was Zivilgesellschaft überhaupt bedeutet. Was mit diesem im Deutschen auch als „Bürgergesellschaft“ übersetzten Begriff genau bezeichnet wird, ist nämlich alles andere als eindeutig.[5]

Insbesondere als Folge seiner Funktion als Programmbegriff der osteuropäischen Freiheitsbewegung, die gegen den „Sozialismus“ eines autoritären Staates aufbegehrte, wurde er in den westlichen Gesellschaften von manchen als willkommene Formel für die Kritik am Sozialstaat aufgegriffen. Sozialstaatliche Rahmensetzung – so die damit verbundene These – behindert die Kräfte des freien Marktes und hemmt die Initiative des Einzelnen. Diese Lesart, die ich die wirtschaftsliberale Lesart nenne, besetzt den visionären Reformbegriff der Zivilgesellschaft, um den aus liberaler Sicht notwendigen Sozialabbau programmatisch zu untermauern. Richtig erfasst ist auch in dieser Interpretation, dass Zivilgesellschaft wesentlich aus dem Engagement der Bürger lebt. Falsch wird sie, wenn solches Engagement vor allem dazu dienen soll, den Geldbeutel wohlhabender Steuerzahler zu entlasten und damit die Sozialverpflichtung des Eigentums zu reduzieren.

Deswegen ist eine andere Interpretation von Zivilgesellschaft angemessener, die ich die kommunitär-liberale Interpretation nenne.

Diese kommunitär-liberale Variante der Interpretation von Zivilgesellschaft lebt in ihrem Kern von einem Freiheitsverständnis, das Individuum und Gemeinschaft nicht gegeneinander ausspielt, sondern als wechselseitig aufeinander angewiesene unverzichtbare Dimensionen eines gelingenden Lebens sieht. Zivilgesellschaft ist von daher nach zwei Seiten hin abzugrenzen: auf der einen Seite gegen eine einseitige Ausrichtung auf die Gemeinschaft, insbesondere in ihrer institutionellen Form als Staat, dem sich das Individuum unterzuordnen hat und der es offen oder versteckt entmündigt. Auf der anderen Seite richtet sie sich aber auch gegen eine einseitige Ausrichtung auf das Individuum, nach der soziale Solidaritätspflichten nicht als natürlicher Ausdruck, sondern als unzumutbare Beschränkung persönlicher Freiheit zu sehen sind. In der kommunitär-liberalen Variante der Zivilgesellschaft ist das freiwillige Engagement der Bürger nicht Lückenbüßer für die Haushaltsprobleme des Staates, sondern kritische Kraft und Nährboden für eine politische und soziale Infrastruktur, die als notwendige Voraussetzung für staatliches Handeln gelten kann. Fehlentwicklungen im staatlichen Handeln, sei es auf ökologischer, friedenspolitischer oder sozialer Ebene, werden aufgedeckt und Prozesse des Umdenkens jedenfalls ansatzweise eingeleitet.

Als Kompensationsgröße für Sozialabbau – wie die wirtschaftsliberale Lesart der Zivilgesellschaft das nahe legen würde – kann die Diakonie sich jedenfalls nicht verstehen! Nur das kommunitär-liberale Verständnis von Zivilgesellschaft vermag die Rolle der Diakonie angemessen zu beschreiben. Aufgrund ihres Öffentlichkeitsauftrages kann sie sich selbst als markanten Akteur der Zivilgesellschaft verstehen, der genau an der Aufgabe mitwirkt, den Staat immer wieder von neuem an seine Verantwortung für soziale Gerechtigkeit zu erinnern und dabei Anwältin für die zu sein, die keine Stimme haben.

Die Armutsdenkschrift der EKD ist genauso zu verstehen. Die enge Verzahnung von Kirche und Diakonie zeigt sich darin, dass bei ihrer Erarbeitung – entgegen manchen Meinungen – der Sachverstand der Diakonie eine zentrale Rolle gespielt hat und dass ihre grundlegende Stoßrichtung mit dem auch inhaltlich übereinstimmt, was die öffentlichen Äußerungen der Diakonie kennzeichnet.

Es gibt wenige gesellschaftliche Großorganisationen, die gesellschaftlichen Einfluss haben und gleichzeitig so nah am Menschen sind wie die Kirchen mit ihren diakonischen Einrichtungen. Wenn die Kirchen auf fragwürdige Konsequenzen von Bestimmungen im Sozialbereich hinweisen, dann hat das Gewicht. Denn in den Beratungsstellen und sonstigen Hilfseinrichtungen der Diakonie werden die Mitarbeiter/innen mit den ganz konkreten Einzelfällen konfrontiert, die bei der Erarbeitung der Gesetze so leicht aus dem Blick geraten. Ob Pflegeversicherung, Arbeitslosigkeit oder Hartz-IV-Gesetze – es gehört zu den wesentlichen Aufgaben der Diakonie, in all diesen Fragen ihre Menschennähe, ihre Kompetenz und ihr moralisches Gewicht in die zivilgesellschaftliche Debatte einzubringen und für die Korrektur von sozialen Ungerechtigkeiten oder kontraproduktiven Gesetzesbestimmungen einzutreten. Die politische Ebene tut gut daran, in Zukunft noch deutlicher auf die Stimme der Kirchen und ihrer diakonischen Institutionen zu hören.

Ganz offensichtlich gilt für die Vernetzung der Diakonie mit der Zivilgesellschaft das Gleiche, was sich schon beim Verhältnis zwischen Diakonie beobachten ließ: Da, wo wirklich engagierte Arbeit für die von Not Betroffenen gemacht wird, da entsteht die Vernetzung mit all den anderen zivilgesellschaftlichen Gruppen, die am gleichen Strang ziehen, von ganz allein, jedenfalls wenn keine theologischen oder milieubedingten Berührungsängste bestehen. Die schon erwähnte Grosse-Studie zu den in der Armutsarbeit aktiven Kirchengemeinden hat gezeigt, dass gerade bei der Arbeit mit Armen die Vernetzung mit der Zivilgesellschaft eine zentrale Rolle spielt: „Die untersuchten Kirchengemeinden haben deutlich mehr Beziehungen zu (kirchlichen oder nicht-kirchlichen) Kooperationspartnern als eine ‚typische’ Kirchengemeinde in Deutschland. Das dürfte mit ihrer starken Gemeinwesenorientierung zusammenhängen, die eine Beschränkung und Fixierung auf binnenkirchliche Belange ausschließt.“[6]

Aus dem Modell einer „öffentlichen Diakonie“ ergibt sich die Vision von einer Diakonie, die auf der Basis eines klaren kirchlichen Profils und einer beherzten Vernetzung mit der Zivilgesellschaft „der Stadt Bestes sucht“. Das im Juli diesen Jahres veröffentlichte Papier „Handlungsoption Gemeinwesendiakonie“ ist eine hervorragende Basis, um dieser Vision eine erkennbare Gestalt zu geben. Es trifft genau die Intentionen der EKD-Armutsdenkschrift, indem es einen Prozess in den Blick nimmt, der von der „Kirche für andere“ zu der „Kirche mit anderen“ führt[7] und indem es ein ganzheitliches diakonisches Profil entwickelt, das Modernität und christliche Identität verbindet, Kirchengemeinde und Sozialraum vernetzt und die Kooperationen mit nicht-kirchlichen Institutionen bzw. Gruppen ausbaut. Es realisiert damit ein Konzept, das Theodor Strohm einmal „Wichern III“ genannt hat, nämlich die Modernisierung des von Wichern entwickelten Gedankens, christliche Assoziationen der Hilfsbedürftigen selbst zu veranlassen und ihnen damit Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten.[8]

Es gibt gute Gründe für die Vermutung, dass bei einer solchen bewussten und theologisch gewollten Öffnung der Diakonie in Richtung Zivilgesellschaft nicht – wie von den Vertretern des Modells der Kontrastgesellschaft befürchtet – das christliche Profil verschwimmt, sondern im Gegenteil gerade in seiner Authentizität erkennbar wird. Bei der Wittenberger Armutstagung gehörte der Wunsch nach seelsorgerlicher Begleitung zu den Punkten, die in den Berichten über die Bedürfnisse der von Armut Betroffenen am häufigsten genannt wurden. Auch in unserer säkularer gewordenen Gesellschaft wissen die Menschen, woher die Kirche kommt. Wo Kirche und Diakonie als glaubwürdige Akteure in der Zivilgesellschaft sichtbar werden, beginnen sie auch wieder, sich für die Kirche zu interessieren.

Ich schließe mit einer Überlegung zu Diakonie und Eschatologie.

 

4. „Was ihr getan habt diesem geringsten meiner Brüder….“ Diakonie und Eschatologie

 

Wie gut oder schlecht auch immer die Bilanzen sein mögen, die Sie in ihren Einrichtungen erwirtschaften, am Ende zählt nur eine Bilanz. Wenn der große „Ökonom“, wie Douglas Meeks in seinem Buch „God the Economist“ Gott bezeichnet hat, unsere Aktiva und Passiva am Ende unseres Lebens zusammenrechnet, dann mag das Ergebnis nicht besonders gut aussehen. Alle Bilanzmanipulationen, zu denen wir in unserem irdischen Leben doch immer wieder mit erstaunlichen Energien fähig sind – die Alten haben das einmal „Sünde“ genannt – all diese Manipulationen werden an ihr Ende kommen und die Wahrheit wird offenbar werden. Und gerade wer die Not jeden Tag sieht, wird sich fragen, ob er wirklich alles für die „geringsten seiner Brüder“ getan hat. Für jeden, der sein Leben so nüchtern ansieht, muss es immer wieder von neuem als ein Wunder erscheinen, wenn er darauf vertrauen darf, dass am Ende trotzdem nicht der Bankrott steht, weil Gott der Ökonom so ganz anders rechnet als wir menschlichen Ökonomen. Dieser Ökonom übernimmt einfach selbst unsere Passiva und gibt sie uns als Aktiva zurück. Das, was Luther als den „fröhlichen Wechsel“ bezeichnet hat, ist letztlich die Grundlage für alles, was die Diakonie tut. Ihre Schuldnerberatungsstellen, alle Hilfen für Menschen in Not, sind eben nicht nur ein strategisches Handlungsfeld als Konsequenz diakonischer Bedarfsanalysen, sondern sie sind authentischer Ausdruck der dankbaren Gewissheit, dass uns selbst die Schulden erlassen sind und wir frei werden.

Solchermaßen freie Christenmenschen, die sich aus der Dankbarkeit für das erfahrene Gute zusammentun, die aus dieser Dankbarkeit heraus dem Nächsten dienen wollen, die Einrichtungen ins Leben rufen, um das möglichst wirksam zu tun und die durch öffentliche Anwaltschaft und durch unternehmerisches Geschick die Situation der Schwachen verbessern helfen, die Gemeinschaft all dieser Christenmenschen, das ist die Diakonie.

 

Der Autor ist Inhaber des Lehrstuhls für Evangelische Theologie mit Schwerpunkt Systematische Theologie und theologische Gegenwartskunde. Die Veröffentlichung wurde vorgeschlagen von Frank-Matthias Hofmann, Johanna-Wendel-Straße 15, 66119 Saarbrücken.



[1] Vortrag bei der Diakonischen Konferenz am 18.10. 2007 in Münster zu „Vernetzung Kirche – Diakonie – Welt“

[2] Vgl dazu ausführlicher H. Bedford-Strohm, Menschenwürde als Leitbegriff für die Diakonie, in: M. Welker (Hg.): Brennpunkt Diakonie. Rudolf Weth zum 60. Geburtstag, Neukirchen-Vluyn 1997, 49-64.

[3] Alexandros K. Papaderos, Aspekte orthodoxer Sozialethik, in: I. Gabriel/U. Körtner/A. Papaderos, Perspektiven ökumenischer Sozialethik. Der Auftrag der Kirchen im größeren Europa, Mainz 2005, 23-12669

[4] Heinrich Grosse, „Wenn wir die Armen unser Herz finden lassen…“ – Kirchengemeinden aktiv gegen Armut und Ausgrenzung, epd-Dokumentation 34/2007, 19.

[5] Zum Folgenden genauer: H. Bedford-Strohm, Gemeinschaft aus kommunikativer Freiheit. Sozialer Zusammenhalt in der modernen Gesellschaft. Ein theologischer Beitrag, Gütersloh 1999,  421-434.

[6] Grosse, 19.

[7] Diakonisches Werk der EKD (Hg.), Handlungsoption Gemeinwesendiakonie. Die Gemeinschaftsinitiative Soziale Stadt als Herausforderung und Chance für Kirche und Diakonie, Stuttgart 2007, 26.

[8] Theodor Strohm, „Wichern drei“. Die neue Kultur des Sozialen, in: ZEE 42 (1998), 171-175.


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