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Dr. Werner Sonn
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Zum 60. Todestag von Abbé Stock

 

Im Leben keines anderen Menschen kann die Aussöhnung zwischen Franzosen und Deutschen als tiefer verwurzelt erscheinen als dem eines einfachen Priesters, Franz Stock. In Frankreich wurde dies in zwei äußerst hochherzigen Akten zum Ausdruck gebracht. Am 3. Juli 1949 fand die erste öffentliche Feier zum Gedenken an Abbé Stock im Invalidendom in Paris statt. Er war der erste Deutsche, dem eine solche Ehre im Nationalheiligtum Frankreichs zuteil wurde. Noch bewegender muss es erscheinen, dass die Hinrichtungsstätte auf dem Mont Valérien, zu der Franz Stock über 4.000 zum Tode verurteilte französische Widerstandskämpfer begleitete, nach ihm benannt wurde.

Wer war dieser Mann, dessen Name in Deutschland weitgehend unbekannt geblieben ist?

Franz Stock wurde am 21. September 1904 in Arnsberg in Westfalen geboren. Außer dem früh geäußerten Wunsch, Priester zu werden, kann man an seinem Lebenslauf zunächst nichts Auffälliges finden außer seinem Willen, nach dem ersten Weltkrieg zur Völkerverständigung beizutragen. Dabei entzündete sich ihm eine besondere Liebe zu Frankreich, welcher er in zwei Büchern Ausdruck verlieh. Als Pfarrer der deutschen katholischen Gemeinde von Paris wurde er von der Wehrmacht mit der Seelsorge an den französischen Gefangenen in den Gefängnissen Fresnes, La Santé und Cherche-Midi in und um Paris betraut. Durch seinen von vorbehaltloser Nächstenliebe geprägten Einsatz hat er sich dort den Ehrennamen „Aumônier de l’Enfer“ – „Seelsorger der Hölle“ erworben.

Es ist bewegend, in den Erinnerungen ehemaliger französischer Gefangener zu lesen, wie der hochgewachsene, blonde Mann, der ihnen zunächst wie ein Urbild des gehassten und gefürchteten Deutschen erschien, den Kontakt zu ihnen aufnahm. Immer von einem Unteroffizier der deutschen Wachmannschaft begleitet, mischte er unter das seelsorgerliche Gespräch, unter Gebet und Beichte Mitteilungen von Seiten der Angehörigen der Gefangenen, die sich an ihn gewandt hatten. Dabei handelte Stock unterschiedslos sowohl gegenüber gläubigen Katholiken wie gegenüber kirchenfeindlichen Kommunisten.

Über das täglich neue Risiko hinaus, das Stock einging, lastete auf ihm der seelische Druck, den er bei der Begleitung der zum Tode Verurteilten zu durchleiden hatte und der wohl zu seinem frühen Tod durch einen Blutsturz im Februar 1948 führte. Gleichwohl war es ihm zugedacht, noch an einem anderen grundlegenden Werk der Aussöhnung zwischen Deutschen und Franzosen teilzunehmen.

Es verdient, im Gedächtnis gehalten zu werden, dass die erste offizielle Tat zu dieser Aussöhnung von französischen Bischöfen ausging, die bereits 1946 in dieser Absicht in Le Coudray bei Chartres eine Ausbildungsstätte für künftige Priester unter den deutschen und österreichischen Kriegsgefangenen gründeten, die als „Seminar hinter dem Stacheldraht“ berühmt geworden ist. Auf Grund des zu ihm gefassten Vertrauens wurde Stock, der sich mittlerweile in amerikanischer Kriegsgefangenschaft in Cherbourg befand, um die Übernahme des Präfektenamtes für diese einzigartige Lehranstalt gebeten So konnte er zuletzt, wenn auch gesundheitlich schon äußerst geschwächt, nun auch den deutschen Gefangenen wie zuvor den Franzosen die Kraft der Versöhnung bezeugen. In diesem Sinne urteilte von ihm Papst Johannes XXIII., der als Nuntius in Frankreich an der Errichtung des Seminars Anteil genommen hatte: „Abbé Stock – das ist nicht nur ein Name, sondern ein Programm.“

Nachdem Abbé Stock seinem Wunsch gemäß am Rande eines Friedhofs, auf dem die deutschen Kriegsgefangenen beerdigt wurden, beigesetzt worden war, wurden seine Gebeine 1963 in die neu erbaute Kirche Saint-Jean-Baptiste im Stadtteil Rechèvres bei Chartres überführt.

Um das Fortleben seines Gedächtnisses bemüht sich heute besonders die „Association Francaise Les Amis de Franz Stock“ als Träger der „Europäischen Begegnungsstätte Franz Stock“ in Chartres-Le Coudray und das Franz-Stock-Komitee für Deutschland mit Sitz in Arnsberg.

Von den vielen ehrenden Worten, die von bedeutenden Persönlichkeiten zur Würdigung Abbé Stocks gesprochen wurden, seien hier diejenigen an den Schluss gestellt, die Abbé Pihan, Prediger in Paris und 1943 selbst Gefangener in Fresnes, bei der Feier zum 25jährigen Bestehen des deutsch-französischen Freundschaftsvertrags im Jahr 1988 im Hof des Hôtel des Invalides aussprach: „’Es gibt keinen Abgrund, den die Barmherzigkeit Gottes nicht ausfüllt.’ Dieser Priester, den wir in Erinnerung bringen wollen, hat dies vielleicht nicht so ausgesprochen, aber er hat durch sein Leben und seinen Tod bewiesen, dass es keinen Abgrund gibt, den christliche Liebe nicht ausfüllen kann.“


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