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Roland Röder Weiskirchener Straße 24, 66679 Losheim am See |
Im Moment bin ich häufig in Homburg zu Gast: Zum einen als Fan des FC 08 Homburg im Waldstadion, dann war ich vor kurzem Gast bei der 15 Jahr Feier des Eine-Welt-Ladens. Zufall oder Fügung? Ich weiß es nicht.
„Vor Antisemitismus ist man nur noch auf dem Monde sicher.“ So beschrieb Hannah Arendt 1942 im New Yorker Exil ihre eigene Unsicherheit und Verzweiflung. Mit fast schon visionärem Blick gelang es ihr, wie auch in anderen Teilen ihres Werkes, „Zeitloses“ zu formulieren.
Der Antisemitismus – also der mörderische Hass auf Juden und Jüdinnen – hat den 8. Mai 1945 überlebt. Nicht als gesellschaftliche Randnotiz, sondern als integrierter Mitbewohner dieser unserer Gesellschaft. Und nicht nur dieser. Alle empirischen Studien in der Bundesrepublik Deutschland kommen seit Mitte der 50er Jahre bis heute zu dem niederschmetternden Ergebnis, dass 20–30 % unserer Mitmenschen vielfältige antisemitische Einstellungsmuster besitzen. Dachte man anfangs noch, das Ganze würde sich biologisch lösen, so hat sich dies als Irrglaube herausgestellt.
Auch nach der Landung US-amerikanischer Astronauten auf dem Mond ist uns der Antisemitismus auf Erden erhalten geblieben, quasi als integraler Bestandteil unserer Kultur. Er hat sich als extrem wandlungsfähiger und anpassungsfähiger Wahn entpuppt. Ein Wahn, der problemlos mit der Mode geht und in allen politischen Lagern verortet werden kann. Wenn man denn hinschaut.
Dies mag überraschen. Gemeinhin wird Antisemitismus der politischen Rechten zugeschrieben. Das ist auch richtig; zumindest zum Teil. Aber es gibt auch einen linken Antisemitismus. Er äußert sich zum Teil anders, benutzt andere Codes, andere Formulierungen. Antisemitismus ist das geworden, was man neudeutsch ein Querschnittsthema nennt. Über diesen linken Antisemitismus, seine Verbindungen zum Islamismus und die aus meiner Sicht notwendigen Konsequenzen im Umgang mit Israel möchte ich heute zu Ihnen sprechen.
Ich weiß nicht, was Sie am 23.11. 2004 gemacht haben. Das Wetter war in etwa so wie heute. Ich bin an diesem Tag gemeinsam mit Freunden und Freundinnen nach München gefahren. Warum erwähne ich das? An diesem Tag kam es im Olympiastadion München zu einem denkwürdigen Fußballspiel in der europäischen Champions League: Bayern München gegen Maccabi Tel Aviv. Das Rückspiel. Das Spiel in Tel Aviv hatte München knapp mit 1:0 gewonnen. Aber ich bin kein Bayernfan, wie sie eben gehört haben, ich habe auch nichts gegen diesen Verein. Warum also diese Fahrt? Das Spiel selbst ist schnell erzählt, Bayern erzielt zügig das 2:0 durch zwei Anfängerfehler von Maccabi-Spielern – dass man bei einer Ecke auch den langen Pfosten abdeckt, lernt heute jede Jugendmannschaft – kurz vor der Pause das 3:0. Maccabi gelang in der 2. Halbzeit der Ehrentreffer durch einen Elfmeter und dann das 4:1 und 5:1 für die Bayern.
Soweit so gut. Mir war es an dem Tag ein Anliegen, eine israelische Fußballmannschaft in München und im Olympiastadion zu sehen. Als Fußballfan zum einen, aber noch stärker wegen der Geschichte dieses Spiels, die genau genommen 32 Jahre vorher im Sommer 1972 beginnt: In München, im Olympiastadion, das anlässlich der olympischen Sommerspiele gebaut wurde. Ich spreche von dem Attentat palästinensischer „Befreiungskämpfer“ – die Anführungszeichen hören Sie bitte mit – auf israelische Sportler. Es war kein Zufall, dass dieses Attentat in München geschah, der Hauptstadt der nationalsozialistischen Bewegung. Erinnert sei an den Putschversuch von Adolf Hitler am 9.11.1923, der in München seinen Ausgangspunkt hatte.
Und es war auch kein Zufall, dass dieses Attentat in den Jahrzehnten danach innerhalb der politischen Linken in der Bundesrepublik Deutschland keine Rolle spielte. Erst ab den 90er Jahren begann bei Teilen ein Umdenken, was mit ein Grund ist, warum ich heute hier stehe. Unfassbar dieses Schweigen, wenn man sich diese Tat, den Mord an israelischen Sportlern vor Augen führt und die offenkundige zweifache Symbolik – Palästinenser töten Juden in Deutschland.
Warum dieses Schweigen zu dieser Tat: Gehen wir zurück zum Sechs-Tage-Krieg 1967. War die politische Linke bis zu diesem Krieg 1967 im Grundsatz solidarisch mit Israel, begrüßte seine Gründung 1948, so ändert sich diese Grundeinstellung fast schon mit Lichtgeschwindigkeit. Was war geschehen, was war anders? Nun, anders war nur ein einziges Detail. Das aber reichte aus: Israel war 1967 nicht das angegriffene Land, sondern griff selbst an. Aus gutem Grund, wie man heute längst weiß. Es kam einem Angriff der anderen zuvor. Aber mit dieser Tat des eigenen Angriffs wurde Israel – der Staat der Juden und Jüdinnen – vom Opfer zum Aggressor. Dieses Bild entfaltete und entfaltet bis heute eine wirkungsmächtige Deutungsmacht, dass einem schon mal die Frage einfallen kann, ob man denn nirgendwo mehr sicher ist vor linkem Antisemitismus.
Vor allem verspricht dieses Bild Entlastung von den Qualen der eigenen Geschichte. Wenn die Opfer – die Juden und Jüdinnen – zu Tätern werden, dann ist dies nachträglich auch eine Entlastung von dem, was Deutsche 1933-1945 gemacht haben; zum Teil die eigenen Väter und Mütter. Die unausgesprochene Botschaft, die sich wie ein Regenbogen über Deutschland spannt, lautet: „Die Juden sind ja genauso wie die Nazis“.
Endlich, endlich kann man sich von der Last der Geschichte befreien, aufatmen, durchatmen und durchstarten. Der schreibende Mitbürger Martin Walser hat dies ja einige Jahrzehnte später in seiner berüchtigten Paulskirchenrede 1998 auf den antisemitischen Punkt gebracht, als er davon sprach, er wolle nicht mehr ständig mit der „Moralkeule Auschwitz“ geprügelt werden. Der so schwer geprügelte deutsche Literat sprach vielen seiner ebenfalls schwer geprügelten Mitmenschen aus der Seele; vielleicht auch aus dem Magen. Der deutsche Bürger als Opfer.
Dieses Bild steht bis heute. Dieses visualisierte Grundmuster mit der Selbstinszenierung als Opfer findet übrigens auch anderweitig Anwendung: Gegenüber Flüchtlingen sehen sich mitunter nicht wenige unserer Mitbürger als Opfer und fahren dann entsprechendes Geschütz und Gesetz auf. Wie gesagt, nur auf dem Mond ist man davor sicher. Vielleicht.
Das bis heute gerne gezeichnete Bild von Israel als dem Aggressorstaat, der Unordnung und Unfrieden in den Nahen Osten und die ganze Welt bringt – Sie alle kennen das gerne kolportierte Bild von israelischen Panzern gegen palästinensische Kinder – nahm 1967 seinen Anfang und beeinflusst bis heute unser Denken und Handeln.
2004 bezeichneten knapp 60% der Deutschen Israel als die größte Bedrohung des Weltfriedens. Ein Land so groß wie Hessen, wohlgemerkt, als größte Bedrohung des Weltfriedens. Wenn das kein Wahn ist. Das Bild eines israelischen Panzers und ihm gegenüber ein palästinensisches Kind ist durchaus Realität. Aber dieses vielfach aufs Neue produzierte Bild vernebelt mehr als es zeigt. So zeigt es nicht, dass Kinder von palästinensischen Scharfschützen als Schutzschild benutzt werden. Ebenso leugnet es die grundsätzliche Bedrohungssituation von Israel. Denn bereits mit der Gründung des Staates Israel lagen zeitgleich die Kriegserklärungen von sechs arabischen Staaten auf dem Tisch. Bis heute hält die grundsätzliche Bedrohungssituation an, auch wenn die Formen – zum Teil allerdings nur – andere geworden sind. Selbstmordattentate gegen israelische Bürger und Bürgerinnen, Einreiseverbote in Länder der muslimischen Welt, antisemitische Ausschreitungen oder die Vernichtungsdrohungen durch den islamistischen Gottesstaat Iran.
Ich war übrigens heilfroh, dass uns die Anwesenheit des iranischen Präsidenten Achmadinedchad bei der Fußball-WM erspart blieb. Er hatte ja angedroht, wenn die iranische Mannschaft in ihrer Gruppe weiterkommt, dann wird er sie besuchen. Gott sei Dank haben uns die Fußballteams von Mexiko und Portugal dieses Problem mit fußballerischen Mitteln vom Hals gehalten. Aber um die Vernichtungsdrohung des Iran gegenüber Israel zurück zu weisen, werden auf Dauer keine fußballerischen Mittel ausreichen und auch nicht die deutsche Zurückhaltung gegenüber dem Iran, die einer Appeasement-Politik sehr ähnelt.
Ergänzt wird dieses Panzer-Kind-Bild durch andere Bilder, die immer nach dem gleichen Muster gestrickt sind: Israel bzw. die Juden sind der Aggressor – die andere Seite ist das unschuldige Opfer.
- Israel als der Staat, der 1948 Menschen in die Flucht getrieben hat. Was durchaus stimmt. Aber verschwiegen wird, dass die arabische Seite den UN-Teilungsplan nicht anerkannte, der dies verhindert hätte, und dass die arabische Seite die Flüchtlingsfrage bis heute instrumentalisiert gegen die Existenz Israels. Verschwiegen wird, dass arabische Staaten die dort lebenden Araber zur Flucht aufforderten, um „freie Schussbahn“ zu haben.
- Israel als der Staat, der eine Mauer zum Westjordanland baut. Dass 95% der Mauer Zaun ist und dass dieser Zaun die Zahl der Selbstmordattentate erheblich gesenkt hat, wird wissentlich verschwiegen. Stellen Sie sich einmal vor, was in Deutschland los wäre, wenn von Lothringen aus Raketen auf Homburg abgefeuert würden und von dort Selbstmordattentäter eindringen würden. Wenn man die Zahl der ermordeten Zivilisten in Israel auf deutsche Verhältnisse umrechnet, hätte es hier rund 10.000 Tote gegeben.
- Israel als der Staat, der im Libanon einmarschiert und Krieg vom Zaun bricht – Verschwiegen wird, dass von dort Raketen auf Israel abgefeuert wurden
- Israel als der Staat, der die größte Bedrohung des Weltfriedens ist, wie eine Umfrage in der EU 2004 ermittelte.
- Israel als der Staat, der die Palästinenser bekämpft. Verschwiegen werden dabei die Selbstmordattentate oder dass der Gründungsvater der palästinensischen Nationalbewegung, Haj Amin al-Hussaini, wegen des besseren politischen Klimas in den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts in Berlin wohnte, eine Bewunderer der Nazis war und sich aktiv am Holocaust beteiligte, indem er eine bosnisch-moslemische SS-Division aufstellte. Arafat bezeichnete ihn als seinen Lehrer.
Und wenn dann der „Aggressor Israel“ das Gegenteil von dem macht, für das er kritisiert wurde, nämlich besetztes Land zurück zu geben, wird er ebenfalls kritisiert.
Man könnte meinen, es gelte das Credo: Ich habe ja nichts gegen Juden, wenn Sie tot sind und sich nicht mehr wehren können.
Sobald man versucht, auf eines der Argumente gegen Israel einzugehen und es richtig zu stellen, hallt es einem viel tausendfach entgegen: „Man wird ja wohl noch Israel kritisieren dürfen.“ Dies ist längst das Vaterunser des linken Antisemitismus geworden. Ich versuche dann immer zu beruhigen und sage: „Natürlich darf man Israel kritisieren ... und frau darf es auch.“ Das ist aber einer der Codes, hinter dem sich heute der Antisemitismus, insbesondere der linke, gerne versteckt.
Das in Deutschland weit verbreitete Bedürfnis, unbedingt Israel kritisieren zu müssen, ist mitunter gar nicht an realer Kritik interessiert, sondern stellt lediglich die Tarnkappe für eine grundlegende Ablehnung des Staates Israel dar. Nur so offen darf und kann man das ja heute nicht mehr formulieren. Man möchte ja die Etikette wahren. Also versteckt man sich hinter unterdrückten Palästinensern, Flüchtlingen, hinter ideologischer Kritik am Zionismus oder hinter dem Kleinmut des Kritikers. Kritik als Mittel der Delegitimierung des Staates Israel. Gleichzeitig inszeniert man sich mit dieser Aussage als Opfer, das von bösen, dunklen Mächten – zum Teil sitzen sie ja bekanntlich in den USA – mit einem Kritikverbot gegenüber Israel belegt wird. Der linke deutsche Mitbürger als Opfer jüdischer Mächte.
Was passiert, wenn man die so genannten eigenen Reihen wegen ihres Israelbildes kritisiert, mussten wir 2003 beim Europäischen Sozialforum in Paris erleben; 100.000 Teilnehmer aus ganz Europa protestierten zu Recht gegen die neoliberale Globalisierung. Von Seiten der „Aktion 3.Welt Saar“ verteilten wir dort 20.000 dreisprachige Flugblätter, auf denen wir uns in moderaten Worten für das Existenzrecht Israels aussprachen. Es war der Versuch im Sinne der Aufklärung ein paar bescheidene Fakten in den linken Diskurs einzuführen. Es ging nicht gut aus. Die Mitarbeiter/innen der „Aktion 3.Welt Saar“ wurden Prügel angedroht, sie wurden angepöbelt, flogen aus Veranstaltungen raus, bekamen Redeverbot, bei einem wurde seitens der Veranstalterin die Akkreditierungskarte zerrissen usw. Veranstalterin des Sozialforums in Paris war übrigens attac-Frankreich. Bis heute kein Wort der Entschuldigung. Auch attac-Deutschland hat den Mund gehalten, obwohl beide darüber informiert waren. Einzig die attac-Gruppe Saarbrücken hat eine Erklärung unterzeichnet und dieses Verhalten kritisiert. Keine Probleme hatte attac-Frankreich, den bekennenden Islamisten Tariq Ramadan einzuladen, um, wie es attac-Frankreich formulierte, migrantische Jugendliche für Globalisierungskritik anzusprechen.
Auch die Neigung immer mehr deutscher Gewerkschafter, sich antisemitischer Stereotype zu bedienen, soll nicht unerwähnt bleiben. Ich bin selbst Gewerkschaftsmitglied und musste in der aktuellen ver.di-Zeitung „Publik“ die Geschichte vom „umherschweifendem Kapital“ und vom „Heuschrecken-Kapitalismus“ lesen. Hier wird der alte Gegensatz vom schaffenden und raffendem Kapital – vom guten und bösen Kapital – wieder aufgelegt. Die Nazis hatten diesem antisemitischen Stereotyp Weltgeltung verschafft und die Juden als Vertreter des vagabundierenden Kapitals gebrandmarkt. Ich schäme mich als Gewerkschaftsmitglied, solches lesen zu müssen.
Szenenwechsel: Polen, 60’er Jahre
Auch die wüsten antisemitischen Beschimpfungen gegenüber dem Juden und Kommunisten Leopold Trepper gehören im Kapitel über Linken Antisemitismus erwähnt. Leopold Trepper war die führende Person, manche sagen auch der Grand Chef, der Roten Kapelle. Dies war eine der bekanntesten und effektivsten Widerstandsorganisationen in der NS-Zeit. Er sprang dem Tod durch die Nazis mehrere Male von der Schippe und geriet dann in das Mahlwerk der antisemitischen Wahnvorstellungen und Verschwörungstheorien des real existierenden Sozialismus in Polen. Der damalige polnische Regierungschef Gomulka hielt zum Sechs-Tage-Krieg eine antisemitische Brandrede, wonach 15.000 Juden Polen Richtung Israel verließen. Trepper wurde unter Hausarrest gestellt, nach heftigen internationalen Protesten durfte er erst 1972 Polen verlassen und in den geschützten Hafen Israel einlaufen. Er blieb bis zu seinem Tode 1982 Kommunist.
Diesen Wahn, Israel und die Juden für alles – auch für das jeweilige Gegenteil – zu kritisieren und zu diffamieren, zu delegitimieren, mit doppelten Standards zu messen, hat Bob Dylan 1983 in seinem Lied „Neigborhood Bully“ auf den Punkt gebracht:
“Well, der Störenfried von nebenan, der steht ganz allein da,Seine Feinde behaupten, er säße auf ihrem Land.An Zahl sind sie ihm millionenfach überlegen,Er hat nichts, wohin er sich flüchten oder retten könnte,Er ist der Störenfried von nebenan. Der Störenfried von nebenan muss um sein Dasein kämpfen,Man nimmt’s ihm krumm, macht’s ihm zum Vorwurf, dass er lebt.Man erwartet, dass er’n dickes Fell hat und sich nicht wehrt,Sich hinlegt und stirbt, wenn man ihm die Tür eintritt.Er ist der Störenfried von nebenan. Der Störenfried von nebenan wurde vertrieben aus jedem Land,Er ist als Verbannter über die Erde gewandert.Seine Familie wurde versprengt, sein Volk verfolgt und zerstreut,Er sieht sich immerzu angeklagt, überhaupt geboren zu sein.Er ist der Störenfried von nebenan. Well, er hat einen Lynchmob erledigt, das nahm man ihm krumm,Alte Frauen prangerten ihn an, forderten eine Entschuldigung.Dann zerstörte er eine Bombenfabrik, das freute keinen.Die Bomben waren für ihn bestimmt. Und er sollte Reue zeigen.Er ist der Störenfried von nebenan.“ Der größtmögliche Gau für die Antisemiten der Erde war der 14. Mai 1948, die Gründung des Staates Israel. Danach konnten sie nicht mehr so, wie sie wollten. Auf einmal hatten die vogelfreien Juden und Jüdinnen einen relevanten und handlungsfähigen Schutzraum. Einen Staat, der Antisemiten auf die Finger schlägt. Und der Staat Israel hat nachhaltig die Lebenssituation der heute lebenden Juden und Jüdinnen verbessert: Sie haben eine Wahl und können jederzeit nach Israel einwandern und sie müssen – zumindest staatlicherseits – anders behandelt werden. Der Staat Israel ist eine Lebensversicherung für sie geworden: Ein großer emanzipatorischer Fortschritt.„Was wäre gewesen, wenn es diesen Staat schon 1933 gegeben hätte“, so formulierte es ein Besucher aus Luxemburg auf einer Veranstaltung der „Aktion 3.Welt Saar“ zu „Linkem Antisemitismus“ im Oktober 2007 in Trier. Was wäre gewesen? Es hätte mit Sicherheit keine sechs Millionen toten Juden und Jüdinnen gegeben. Punker in Israel – Der Staat als geschützter RaumMich hat eine Szene aus dem Film „Jericho’s Echo“ beeindruckt, den wir letztes Jahr in Saarbrücken und Trier gezeigt haben. Ein Film über die israelische Punkszene. Bei den Vorführungen war die Regisseurin aus San Francisco, Liz Nord, anwesend. Zu Beginn des Films werden verschiedene Punkgruppen portraitiert und interviewt. Demnach ist die israelische Regierung böse, überhaupt nicht friedenswillig, der Staat nervt, die Polizei tickt nicht richtig, das Militär gehört abgeschafft, die so genannte „Mauer“ muss weg, etc. Und dann die erste Schlüsselszene: Der Sänger einer Punkband, der eben noch über den Staat Israel abgerotzt hat, erzählt von seiner Reise nach England, dass er dort mehrfach angepöbelt worden ist und kommt zum Schluss (sinngemäß): Wahrscheinlich ist Israel das einzige Land, in dem ich als Punk mit meinem Davidstern leben kann und nicht angepöbelt werde. Das ist es.Auf einmal mutiert der böse Staat Israel zum Garanten des geschützten Raumes, im dem ein Punk einen Davidstern tragen kann, ohne angepöbelt zu werden. Israel, der für Juden und Jüdinnen geschützte Raum.
Was heißt dies nun für uns heute:
1. Es sollte möglich sein, sich aus humanitärer Überzeugung zur Existenz des Staates Israels zu bekennen, ohne damit jedes Detail gut zu heißen. Vor allem auch zu der Fähigkeit, diese Existenz zu sichern. Denn immerhin ist Israel die zentrale materielle Konsequenz aus dem Zivilisationsbruch Auschwitz. Wenn wir dieses Bekenntnis hinbekommen, dann verhindern wir, dass das Gedenken an die toten Juden zu einem Ritual erstarrt. Das Gedenken an die Toten sollte uns die Kraft geben, das heute Notwendige zu tun.
2. Wenn ich ernsthaft und nicht nur der Form halber Antisemitismus bekämpfen möchte, muss ich eingedenk der Tatsache, dass Antisemitismus in allen politischen Lagern vertreten ist, diesen Kampf und dieses Engagement auch über die Grenzen des eigenen politischen Lagers, der eigenen Partei, Kirche, Gewerkschaft, antifaschistischen Gruppe, über die Grenzen der „Aktion 3. Welt Saar“ hinweg führen. Ich plädiere hier aus Gründen politischer Notwendigkeit für ein breites Bündnis gegen Antisemitismus. Natürlich ist es einfacher, das Trennende hervorzuheben.
Ich weiß, dass man damit keine Wahlen gewinnen
wird, dass man sich mit einem solchen Bündnis viel Ärger einhandelt, aber ich
bin mir sicher, dass es ohne ein solches politisches Projekt nicht gelingen
kann und nicht gelingen wird. Ohne dieses Projekt werden wir nur auf dem Mond
vor Antisemitismus sicher sein. Und das können wir uns nicht leisten. Ich
möchte hier auf Erden sicher sein vor Antisemitismus.
Lassen Sie mich schließen mit einem kurzen aber doch weltgeschichtlich epochalem Wunsch. Ein Wunsch der das enthält, worum es uns heute zum Gedenken an die Opfer des 9.11.1938 gehen sollte. Ein Wunsch, für den es sich einzustehen lohnt, Ein Wunsch, für den es sich auch lohnt, angefeindet zu werden. Ein Wunsch, der die notwendige Konsequenz aus Auschwitz benennt:
Lang lebe Israel.
Vortrag bei der ökumenischen Feier zum Gedenken an die Opfer der
Reichspogromnacht, Homburg 9.11.2007. Der Autor ist Geschäftsführer der „Aktion
3. Welt Saar“, die Veröffentlichung wurde vorgeschlagen von Dr. Klaus Beckmann,
Reinickendorfer Straße 16, 66424 Homburg.