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Dr. Dirk Kutting
Hermann-Ehlers-Straße 10a, 55124 Mainz

Luthers Eheverständnis

oder: die Ehe als eine Angelegenheit der Kirche[1]

 

1. Ins Unreine gesprochene Vorüberlegungen

 

1.1 Wenn an Luthers Eheverständnis gedacht werden soll, dann fallen dem Mann auf der Straße vielleicht ein paar markige Sprüche ein:

- Fleußts nicht ins Fleisch, fleußts ins Hemd.

- Die Ehe ist „ein Spital der Siechen“ (5).[2]

- In der Woche zwier, schaden weder ihm noch ihr.

- Will die Frau nicht, so komme die Magd.

- Besser freien, denn brennen. (1. Kor. 7,9)

Man kann daraus schließen, dass zumindest der lutherische Protestantismus ursprünglich nichts gemein mit einer ihm – anscheinend fälschlich nachgesagten – Sexualfeindlichkeit. Die Ehe und die sexuellen Vollzüge in ihr werden bei Luther in einer Weise offen thematisiert, dass mancher Psychoanalytiker vielleicht nicht rot würde, aber doch bass erstaunt wäre. Man bekommt den Eindruck, Luther habe dem Volk nicht nur aufs Maul, sondern auch in die Betten geschaut.

Wie kommt es, dass Luther sich, schon zu einer Zeit als er selbst noch dem Zölibat unterworfen war, so erfahrungsgesättigt zu Ehefragen äußern kann?

Woher hat Luther sein empirisches Material, eine handhabbare Ehe-Ethik mittlerer Reichweite zu entwerfen, die weder dogmatische Formeln setzt, noch libertinistische Floskeln zum Besten gibt?

Sicher haben Selbsterfahrung und Seelsorge, gepaart mit einem praktischen, biblischen Realismus seine tiefe Wahrnehmungsfähigkeit geschult.

 

1.2 Wenn man weiter nach Luthers Eheverständnis fragt, dann erinnern sich Menschen, die in der pastoralen Praxis stehen, wahrscheinlich zunächst an Luthers Aussage, die Ehe sei „ein weltlicher Stand“ (in: Ein Traubüchlein für die einfältigen Pfarrherrn; 1529). Also nichts Geistliches? Keine Angelegenheit der Kirche, wie wir unsere Fortbildung überschrieben haben?

Mich hat dieser Satz, gerade zur Zeit meiner eigenen Eheschließung, eher frustriert, vielleicht hatte ich ihn nicht richtig verstanden. Wenn ich vom meinem katholischen Kollegen hörte, dass das Ehesakrament, das einzige Sakrament sei, das sich Laien spenden, nämlich im sexuellen Vollzug, war ich neidisch. So ein Sakrament wollte ich auch haben! Die Hochzeit und ihre Nacht parallel zum einmaligen Akt der Taufe und der regelmäßige sakramentale Vollzug im Ehebett parallel zum wiederholbaren Sakrament des Altars. Aber, wie gesagt, vielleicht hatte ich da etwas nicht richtig verstanden. Daher lieber etwas genauer zum Text von Luther:

 

2. Systematische Struktur von Luthers Schrift „Vom ehelichen Leben“ (1522)

 

Luther handelt in drei Teilen von der Ehe.

1. Welche Personen mögen miteinander zur Ehe greifen.

2. Welche Personen man scheiden möge.

3. Wie man den (ehelichen) Orden christlich und gottgefällig führen soll.

Eheschließung – Ehescheidung – und: Eheführung.

Anfang –  Ende –  Weg.

Ursprung – Abgrund – Vollzug.

Oder, völlig unironisch gesagt, in gut dogmatischem Aufriss der Katechismen Luthers:

Schöpfung, Erlösung und Heiligung.

 

2.1. Eheschließung/Schöpfung

 

2.1.1 (Gen 1,27) „Gott schuf den Menschen, dass es ein Männlein und ein Fräulein sein sollt.“ Luther folgt dieser Grundaussage: Gott hat die Menschen in zwei Teile geteilt. Er nennt Mann und Frau gute Geschöpfe. Unser leibliches Mannsein und Frausein gefällt Gott wohl. Mit gleichem Wohlgefallen sollen wir unsere eigene leibliche und immer schon geschlechtliche Verfassung achten. Und mit gleichem Wohlgefallen sollen wir auch Bild und Leib der gegengeschlechtlichen Menschheit als „ein göttlich gut Werk“ ehren.

2.1.2 (Gen 1,28) „Wachset und mehret euch.“ Auch dieser Aussage folgt Luther: Die Anziehung von Mann und Frau ist kein Gebot, und also ein möglicher Willensakt, sondern ein göttliches Werk und damit Teil der menschlichen Natur: „Alles, was ein Mann ist, muss ein Weib haben, und was ein Weib ist, muss einen Mann haben“ (14). Mit diesen zwei schöpfungstheologischen Zügen haben wir die wichtigsten Aussagen zusammen. Wir leben als Mann und Frau in Geschlechtsidentität und Geschlechtsanziehung. Von wenigen Ausnahmen abgesehen ist die Ehe die gesegnete Lebensform und dies gilt nach Luther gerade auch für die gefallene Menschheit. Im Ursprung ist das Zusammensein zweier Menschen, die einander gehören wollen und eine Ehe eingehen, also ein göttliches Werk, eine göttliche Angelegenheit.

 

2.2 Ehescheidung/Erlösung

 

(Mt. 19,6) „Was Gott zusammengefüget hat, das soll kein Mensch scheiden.“

In „Eine Predigt vom Ehestand“ (1525) nennt Luther diesen Text: dürr, klar und hell. (73) Allein „Hurerei und Ehebruch“ können Scheidungsgründe sein. Jedenfalls „kein Aussatz oder stinkender Atem“. Einen kranken Gemahl, der der ehelichen Pflicht nicht mehr nachkommen kann, soll man nicht verlassen. „Dir (hat) Gott ein Heiltum in dein Haus geschickt, damit du den Himmel sollst erwerben. Selig und aber selig bist du, wenn du solch Gabe und Gnade erkennest und deinem kranken Gemahl also um Gottes willen dienest“ (ebd.). In Krankheit und Nöten sollen wir nach Luther einander dienen und uns nicht scheiden, allein Gott tue es durch den natürlichen Tod (74). Die Annahme des Ehestandes führt die Eheleute über die eigene Endlichkeit hinaus. Der Glaube an die Erlösung in Christus lässt sie Freud und Leid miteinander teilen. So wird die Ehe eine Angelegenheit in Christus.

 

2.3 Eheführung/Heiligung

 

(Spr. 18,22) „Wer ein Weib findet, findet was Guts und wird ein Wohlgefallen von Gott erschöpfen.“

Das schlimmste Hindernis einer christlichen Eheführung ist nach Luther ihre äußerliche Betrachtung: Zum einen gibt es einen Blick von außen auf die Ehe, der die Ehe madig macht. Die natürliche Vernunft rümpft die Nase und sieht auf die ehelichen Beschwernisse: „Ach, sollt ich das Kind wiegen, die Windeln waschen, Betten machen, Gestank riechen, die Nacht wachen, seines Schreiens warten, seinen Grind und Blattern heilen darnach des Weibs pflegen, sie ernähren, arbeiten, hier sorgen, da sorgen, hier tun, da tun, das leiden und dies leiden, und was denn mehr Unlust und Mühe der Ehestand lehret“ (34 f). Vor dieser vernünftigen Einrede wird dann oft der jungfräuliche Stand höher als der eheliche geschätzt.

Zum zweiten gibt es aber auch einen äußerlichen Blick von innen aus Erfahrung heraus auf die Ehe. Wenn nämlich in der Ehe äußerliche Lust gesucht, aber aufgrund der genannten Beschwernisse nicht gefunden wird, dann erzeugt dies zusätzlich noch innerliche Unlust, so dass „Unlust mit Unlust“ (38) zusammenschlagen. Daraus folgen dann scheinbar zurecht Sprüche wie: „Eine kurze Freud und lange Unlust.“

Welche Therapie empfiehlt Luther gegen den vernünftig spöttischen Blick von außen und den empirisch resignierten Blick von innen? Damit die Ehe eine christliche Angelegenheit wird, sollten wir bei Luther in die Sehschule gehen. Die entscheidende Aussage lautet:

Es ist ein gar viel anderes Ding, ehlich sein und ehliches Leben erkennen. Wer ehlich ist und ehlich leben nicht erkennet, der kann nimmer mehr ohn Unlust, Mühe und Jammer drinnen leben [...] Wer es aber erkennet, der hat Lust, Liebe und Freude drinnen ohn Unterlass, [...] Die sind´s aber, die es erkennen, die festiglich glauben, dass Gott die Ehe selbst eingesetzt, Mann und Weib zusammen gegeben, Kinderzeugen und -warten verordnet hat. Denn sie haben Gottes Wort darauf, des sie gewiss sind, dass er nicht lügt, [...]“ (33 f).

Eigentlich ist damit alles gesagt. Wenn wir nicht direkt Einwände hörten. Haben wir es hier nicht mit einer völlig naiven Verklärung einer düsteren Realität zu tun? Ist das nicht eine gedankliche Konstruktion, die sich die Ehe oder den ehelichen Partner schönredet? Typisch Luther? Befreit er von äußerlichen Zwängen, wie dem Zölibat, um dann die Ehepartner innerlich aneinanderzuketten?

Ich glaube, die Einwandredner haben nichts verstanden. Ich bin sicher, dass unser Leben genau in der Weise vom Glauben gesteuert wird, wie es Luther beschreibt. Unser Erleben ist in dem Maße geheiligt, wie es sich in einer inneren Schau gewiss wird. Der Ehestand ist mehr als nur die richtige Partnerwahl. Wenn man so will, sind Eheleute Aussteiger, sie steigen aus – aus einer Welt scheinbar freier Wahl, in der es immer noch mehr und besseres zu finden gibt. Sie steigen aus – aus einer Welt, in der Liebe „keine Sünde sein kann“, aber dauerhaft Einsamkeit und Verzweiflung erzeugt. Und, wenn man so will, sind Eheleute auch Einsteiger. Sie steigen ein – in eine Lebensform, die es gibt, die sie nicht erfinden müssen. Sie steigen ein – in eine Gemeinschaftsform, die es sonst auf der Welt nicht zu finden gibt. Wo in der Welt habe zwei Menschen alles, sogar sich selbst gemeinsam? Wo in der Welt braucht man keine weiteren Verträge, um für einander dazusein? Wo in der Welt entspringt der Fortbestand der Menschheit? Wo in der Welt wird für den Fortbestand dieser Menschheit so viel materielle, soziale und emotionale Energie eingesetzt?

Hören wir, wie Luther diese Erfahrung ausdrückt:

 „Viele haben Weiber, aber wenige finden Weiber. Warum? Sie sind blind, können nicht merken, dass es Gottes Werk ist und Gott wohlgefalle, was sie mit einem Weib leben und tun. Wenn sie das fänden, so würde ihnen kein Weib so hässlich, so böse, so unartig, so arm, so krank sein, daran sie nicht Lust des Herzens fänden [...] Und weil sie sehen, dass es ihres lieben Gottes Wohlgefallen ist, könnten sie Frieden in Leid und Lust mitten in Unlust, Freud mitten in der Trübsal, wie die Märtyrer im Leiden haben“ (34). Das entspricht vielleicht dem, was John Berger meint, wenn er sagt: „Würden alle Männer ihre Frauen malen, gäbe es mehr schöne Frauen.“[3] 

Ich fasse zusammen: (1.) Ehe ist im Ursprung eine göttliche Angelegenheit.

Mit (2.) dem Ziel eine Angelegenheit in Christus zu werden.

Was theologisch stimmt, wird im Erleben vollzogen.

Eine bestimmte Erfahrung schenkt der Heilige Geist.

So wird die Eheführung (3.) eine christliche Angelegenheit, die geheiligt ist.

 

3. Einzelne Hindernisse, Fälle und Aufgaben des ehelichen Lebens

 

- Ehebruch ist ein Scheidungsgrund, wobei dem unschuldigen Partner eine zweite Ehe zugebilligt wird.

- Einer mit einem zeugungsunfähigen Mann verheirateten Frau räumt Luther die Möglichkeit ein, eine heimliche Ehe zu führen oder in der Fremde einen anderen zu heiraten. Wir können fragen, ob dies nicht dem Scheidungsverbot widerspricht. Dies tut es nach Luther dann nicht, wenn der Frau die Impotenz des Mannes verheimlicht wurde.

- Verweigert eine Ehefrau dauerhaft die eheliche Pflicht, kann (nachdem dies in der Gemeinde öffentlich gemacht wurde) der Fall eintreten, dass der Mann die Frau gehen lässt und eine andere nimmt.

- Die politische Ordnung kann erlauben, der Frau einen Scheidebrief zu geben, damit größerer Schaden (dass sie getötet oder ihr Leid zugefügt wird) von ihr abgewendet wird.

- Im geistlichen Regiment, in dem Christen leben, ist dies nicht möglich, hier werden Frauen nicht von sich gestoßen, sondern die Eigenheiten der Frauen geduldet und getragen.

- Keuschheitsgelübde, die gegen die eigene Natur abgelegt wurden, sind wider Gott und gelten nichts.

- „Kein Laster oder Sünd (hindert) die Ehe.“ Ein Eheverbot soll nicht als Strafe für ein Verbrechen ausgesprochen werden. Für Verbrechen müssen andere Strafen verhängt werden. „Lass du die Ehe frei bleiben, wie sie Gott gesetzt hat, und straf die Sünd und Laster mit anderen Strafen.“ (23)

- Wenn auch eine erzwungene Ehe keine Ehe vor Gott ist, so gibt es dennoch keine Freiheit die Ehe zu brechen. Eine Rechtfertigung für eine Scheidung lässt sich nicht unmittelbar aus dem Zwang ableiten.

- Hat ein Mann ein Eheversprechen im Beisein der Eltern abgelegt, soll er dies nicht brechen, um eine andere zu heiraten. Ist allerdings die zweite Verlobte von ihm schwanger, soll er diese heiraten. Der Mann hat zwar an beiden gesündigt, aber der Schaden an der zweiten ist größer.

- Unglaube sei es, dass man keine Türkin, Jüdin oder Ketzerin heiraten dürfe.

- („Eine Predigt vom Ehestand“, 1525) fordert die Männer auf, zwei Aufgaben zu erfüllen: Sie sollen einem Beruf fleißig nachgehen, damit sie ihre Frau und Kinder ernähren können und sie sollen ihre Frauen lieben, wie ihren eigenen Leib. Die Frauen sollen dabei mit freundlichen Worten und aller Sanftmut „als Miterben der Gnade des Lebens“ regiert werden. Der Mann soll nicht nach dem Biere gehen (64) und seine Frau „nicht achten, als wäre sie ein Fusstuch, wie sie denn auch nicht aus einem Fuße geschaffen ist, sondern aus des Mannes Rippe mitten im Leib, dass sie der Mann nicht soll anders halten, als sei sie sein eigen Leib oder Fleisch. Und wie zärtlich und freundlich er mit seinem Leibe umgehet und handelt [...] also soll der Mann es mit seinem Weibe auch machen.“

- Die Frauen sollen ebenfalls zwei Aufgaben erfüllen: Sie sollen Geduld tragen und es sich gefallen lasen, dass Gott ihnen, wenn sie schwanger werden und ihre Kinder gebären, Schmerzen, Elend und Kümmernis zuschickt. Sie sollen ihrem Mann untertänig und gehorsam sein und ohne seinen Willen nichts anfangen oder tun. (Will man diese im heutigen Zeitkontext nicht vermittelbaren Forderungen Luthers etwas abmildern, könnte man sagen, dass eine kluge Frau dem Mann das Gefühl gibt, Herr im Hause zu sein. Ob Käthe ihrem Mann dies Gefühl gegeben hat? Zumindest sprach Luther sie sicher nicht ohne Grund mit „Herr Käthe“ an und machte sie, damals durchaus unüblich, testamentarisch zu seiner Alleinerbin.)

- Eltern können sich durch die Erziehung die Seligkeit an den Kindern verdienen. „Das Allerbest aber im ehlich Leben, um welchs willen auch alles zu leiden und zu tun wäre, ist, dass Gott Frucht gibt und befiehlt aufzuziehen zu Gottes Dienst, das ist auf Erden das alleredelst, teuerst Werk, weil Gott nichts Liebers geschehen mag, denn Seelen erlösen“ (41).

- Von der Liebe haben wir bisher wenig gehört. Nun denn! Die beste und kürzeste Unterscheidung findet sich im: „Sermon von dem ehlichen Stand, 1519.“ Hier unterscheidet Luther dreierlei Liebe: falsche, natürliche, ehliche:“ (5)

o       falsche Liebe, sucht das ihre;

o       natürliche Liebe ist zwischen Eltern und Kindern und überhaupt Verwandten;

o       „Aber über die alle geht die eheliche Liebe, das ist die Brautliebe, die brennet wie das Feuer und sucht nicht mehr denn das ehliche Gemahl, die spricht: ‚Ich will nicht das deine, ich will weder Gold noch Silber, weder dies noch das, ich will dich selber haben, ich will´s ganz oder gar nichts haben’“ (ebd.).

o       Völlig rein und unverfälscht ist diese Liebe nicht mehr zu haben: „Wenn Adam nicht gefallen wäre, so wäre es das lieblichste Ding gewesen, Braut und Bräutigam.“ Weil aber nach Luther ein jeglicher die eigene Lust am anderen sucht, wird die Liebe verfälscht. Darum ist der eheliche Stand nicht rein und ohne Sünde und die fleischliche Anfechtung groß (ebd.).

o       Der eheliche Stand gründet in der Einwilligung zueinander. Die gemeinen Worte sind: Ich bin dein, du bist mein (7).

 

4.  Methodische Überlegungen

 

Ein christlich frommes Selbstbewusstsein kennt die Perspektivität der eigenen Daseinsgewissheit. Aber es unterscheidet sich von der eigenen, bewussten Setzung einer Perspektive durch die Gewissheit, dass ihm diese Sicht der Dinge gegeben ist. Es kann diese Perspektive nur noch ändern, in Richtung auf einen Selbstbetrug. Es kann gegen den eigenen Glauben nur handeln, in dem es wider besseres Wissen gegen seine natürliche und soziale Umwelt und sich selbst handelt.

Der eigene Lebensweg und die Entscheidungen in ihm, laufen dann der Einsicht in den eigenen Ursprung und die eschatologische Gesamtperspektive zuwider.

Bei Luther liest sich das, bezogen auf die Ehe, so, dass es ihm zunächst aufgrund seines Standes graut von der Ehe zu handeln. Aufgrund gräulicher Missstände sieht er sich jedoch genötigt zur Sache zu sprechen, um die verwirrten Gewissen zu unterrichten.

Hat er nun dazu in die Betten geschaut?

Er bringt zumindest die Begrenzung seiner persönlichen Erfahrung zum Ausdruck, wenn er sagt: „Ich will schweigen, was für Nutz und Lust mehr drinnen sei, wenn ein solcher Stand wohl gerät, dass Mann und Weib sich lieb haben, eines sind, eins des andern wartet und was mehr Gutes dran ist, auf dass mir nicht jemand das Maul stopfe und spreche, ich rede von dem, das ich nicht erfahren habe, und es sei mehr Galle denn Honig drinnen. Ich rede davon nach der Schrift, die mir gewisser ist denn alles Erfahren und lügt nicht. Hat jemand über das mehr Guts dran, der hat soviel mehr zu Gewinn und danke Gott. Es muss ja gut sein, was Gott gut heißet, es sei denn, dass man es nicht erkenne oder verkehrlich missbrauche“ (39).

Ich denke, dass Luther jedoch dennoch Erfahrung mit dem Ehestand hat.

Da sind zwei Quellen zu nennen. Die erste ist er selbst, der an sich selbst erfährt, dass das Keuschheitsgelübde wider die eigene Natur ist. Die zweite beruht in seiner seelsorgerlichen Praxis. Ohne diese könnte er die Fälle, die er vorbringt, nicht so differenziert und ohne Scham behandeln. Dabei ist die biblische Argumentation nicht Zierrat für seine erfahrungsgesättigte Argumentation. Es wird keine Kasuistik entfaltet, sondern eine überzeugende Generallinie wird auf die Fälle angewendet.

Damit die Ehe in Predigt, Seelsorge und Unterricht dezidiert eine kirchliche Angelegenheit wird halte ich mit Luther zwei methodische Grundsätze für wichtig:

Zum Ersten: Die Form bestimmt den Inhalt! Es gilt demnach, die Ehe als Lebensform bestimmt ihre besondere Ausführung: Der Stand heiligt die Praxis.                

„Man soll keinen Stand  vor Gott besser sein lassen als den ehlichen“ (42).

Mann und Frau und ihre Anziehung sind Gottes Werk, dieses Werk findet seine lebensdienliche Form im Stand der Ehe. D.h. ganz anders als in unseren Traupredigten oft zum Ausdruck gebracht wird, kommt es hier gerade nicht darauf an, dass zwei sich finden und nun ihre Ehe gründen und sich trauen, wie man heute gerne sagt. Konkret ist es natürlich so, dass zunächst je zwei Menschen sich finden, die heiraten wollen, jedoch kommt, theologisch betrachtet, der Stand vor dem Akt der Heirat. Es kommt also in erster Linie gar nicht darauf an, dass zwei ihre Lebensform in der Ehe finden. Die Ehe ist umgekehrt die Lebensform, in der sie sich finden, bzw. in die sie sich finden. Die Form ist gegeben. Sie trägt die Praxis. Der Grund auf dem Eheleute stehen ist bereitet, sie müssen ihn nicht selber legen. Der begründete Ehestand läuft all seinen Vollzügen voraus. Der Ehestand begründet das Amt der Eheleute. Eine gelungene Eheführung beruht somit im Vertrauen auf den Segen, der in diesem Stand liegt und die Heiligung, die im Walten des Amtes der Eheleute geschieht.

Zum Zweiten: Das Bewusstsein bestimmt das Sein! Es gilt demnach, das Eheverständnis bestimmt die besondere Ausführung: Der Glaube heiligt die Praxis. „[...] denn sofern die Lieb und Lust da ist, das ist, sofern der Heilige Geist da ist“ (aus: Dass Jungfrauen Klöster göttlich verlassen mögen, 1523, 50).

Der Stand heiligt nicht jede Praxis, sondern die Praxis, die aus der Einsicht in das Wesen des Standes heraus geschieht. Die Wesensschau der göttlichen Bestimmung des Ehestandes lässt die empirischen Erfahrungen von Unzulänglichkeiten im richtigen Licht erscheinen, ebenfalls aber auch die empirischen Erfahrungen von Segen und Freude. Wunderbar stellt dies Luther an vordergründig verächtlichen Werken, wie z.B. dem Windelwaschen, dar. Seinen jüngsten Sohn auf dem Arm, schäkert der alte Luther mit ihm: „Wie hast du es verdient oder warum soll ich dich so lieb haben, dass ich dich zum Erben mache [...]? Mit Scheißen, Pinkeln, Weinen? Mit Schreien? Mit dem du das ganze Haus erfüllst und meine Fürsorge forderst?“ – „Ach, unser Herr Gott muss gar viel größeren Gestank erleiden von den Menschen als Väter und Mütter von ihren Kindern.“ [4]

Es geht nicht darum, es miteinander auszuhalten und nur ja bitte, bitte nicht zu scheitern. Die Frage ist, ob Unlust und Unlust zusammenkommen: Innerlich aufgrund falscher Erwartungen und äußerlich aufgrund von objektiven Beschwernissen und dies noch mal multipliziert mit Mann und Frau, oder wird Unlust in Lust gewandelt, durch Glauben und bessere Einsicht? „Ich (bin) nicht würdig, dass ich das Kindlein wiegen solle, noch seine Windeln waschen, noch sein oder seine Mutter warten. Wie bin ich in die Würdigkeit ohn Verdienst gekommen, dass ich deiner Kreatur und liebsten Willen zu dienen gewiss worden bin? Ach wie gerne will ich solchs tun [...], weil ich gewiss bin, dass dir´s also wohl gefället“ (35). In diesem Glauben müssen wir keine perfekten, optimalen Eheleute füreinander sein, all unser ausreichend gutes und vielleicht sogar nur vergebliches Tun, ist geheiligt durch den Glauben, dass dies Tun gesegnet und rechtfertigt ist.

 

5. Ehe: eine kirchliche Angelegenheit – Pastoraltheologische Fragen aufgrund von Luthers Eheverständnis

 

1. Wenn Ehe eine kirchliche Angelegenheit sein soll, dann muss eine Besinnung auf den Ehestand als solches erfolgen. Wir sollten uns fragen, ob unsere Ehepredigten nicht zu sehr einen privatistischen Zeitgeist bedienen und ob künftigen Eheleuten nicht mehr zu sagen ist, als wir es oft gemeinhin tun.

2. Wenn Ehe eine kirchliche Angelegenheit sein soll, dann sollte in ethischen Fragen ein eigener evangeliumsgemäßer Standpunkt bezogen werden, der mehr bietet als die Themen, die uns die öffentliche Diskussion vorgibt. Luther erwähnt hier etwas, das in unseren Gemeinden kaum eine Rolle spielt. Er nennt neben der Strafe des weltlichen Regiments und der „heimlichen“ also familiären Ermahnung noch eine dritte Instanz: eine evangelische, gemeindliche Öffentlichkeit, die in Ehefragen zu Rate zu ziehen sein könnte. Ist eine evangelische Öffentlichkeit wünschenswert und herstellbar, in der Ehefragen besprochen und geklärt werden?

3. Sind wir seelsorgerlich in der Lage, Ehefragen zu einer kirchlichen Angelegenheit zu machen? Woher hat Luther seine tiefen Einsichten in Probleme des Ehelebens? Ich vermute aus der Beichtpraxis. Können wir ohne Beichtpraxis seelsorgerlich an Luther heranreichen?

4. Sind wir in Erziehung und Unterricht auf der Höhe Luthers? Luther spricht hier von der „falschen Naturliebe“, die die Eltern verblendet, „dass sie das Fleisch ihrer Kinder mehr achten denn die Seele“ (Ein Sermon von dem ehelichen Stand, 1519, 9). Wie können Ehepartner die Ehe für sich zu einer kirchlichen Angelegenheit machen, in dem die Erziehung der Kinder neben einer mit Einschränkung berechtigten vitalen „Naturliebe“ auch eine entwickelnde, daseinsorientierende Seelsorge an ihnen beinhaltet? Wie kann Kirche sie darin unterstützen?



[1] Vortrag bei der Pfarrerfortbildung „Ehe – Eine Angelegenheit der Kirche“, September 2007, Institut für Ethik, Universität Tübingen, Leitung: Prof. Dr. Eilert Herms, Tagungsleitung: Dr. Anne Käfer.

[2] Ich zitiere mit Seitenzahlen im Text nach: Martin Luther, Vom ehelichen Leben und andere Schriften über die Ehe, hg. v. Dagmar Lorenz, Stuttgart 1978.

[3] John Berger, Die Spiele, Leipzig 1991, 125.

[4] Dieses Luther-Zitat, findet sich bei: Birgit Stolt, Martin Luthers Rhetorik des Herzens, Tübingen 2000, 175 ff.