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Dr. Martin Schuck Lindenstraße 19, 67346 Speyer |
Editorial
Römischer
Kulturkampf
Papst Benedikt XVI. hat mit seinen Reden an Universitäten zweifellos ein glückliches Händchen. Mit ihnen erreicht er eine mediale Präsenz, die, weit über die bloßen Bilder des Winkens und Händeschüttelns hinaus, inhaltliche Fragen in die Öffentlichkeit transportiert und so zu einer Polarisierung führt, die eine deutlich ausgesprochene Entscheidung des Mediennutzers für oder gegen den Papst zum Inhalt hat. Das war im September 2006 in Regensburg so und sollte im Januar 2008 in Rom nicht anders sein – obwohl diese Rede gar nicht gehalten wurde.
Die Universität „La Sapienza“ in Rom ist nicht irgendeine Universität. Im Jahr 1303 wurde sie von Papst Bonifaz VIII. gegründet und in den Jahrhunderten danach bis 1870 als päpstliche Universität geführt. Im Zuge der Gründung des italienischen Nationalstaates 1870 wurde die „Sapienza“ umgewidmet in eine staatliche Universität; seither steht sie als Symbol für die Freiheit des säkularen Staates von kirchlicher Bevormundung, wie sie bis 1870 im untergegangenen Kirchenstaat erlebt wurde.
Heute ist „La Sapienza“ mit 140.000 Studenten nicht nur die größte Universität Italiens, sondern ganz Europas. An ihr lehren insgesamt ca. 4.500 Dozenten, davon etwa 3.000 Professoren. Im vergangenen November lud der Rektor, Renato Guarini, den Papst ein, um zur Eröffnung des akademischen Jahres eine „lectio magistralis“ zu halten. Daraufhin schrieben 67 Dozenten, hauptsächlich aus der Fakultät für Physik, einen Protestbrief an den Rektor, in dem sie in naiv-laizistischer Manier den Papst einen „herausragenden Vertreter des kirchlichen Obskurantismus und der Wissenschaftsfeindlichkeit der Religion“ nannten. Auch zitierten sie aus einer vom damaligen Kardinal Ratzinger im Jahr 1990 in Parma gehaltenen Rede eine Passage, in der Ratzinger den Wissenschaftstheoretiker des Kritischen Rationalismus, Paul Feyerabend, aus seinem Buch „Wider den Methodenzwang“ mit einer etwas eigensinnigen Interpretation der kirchlichen Haltung im Prozess gegen Galileo Galilei zitierte.
Der Brief vom 23. November 2007 zeigte sofort Wirkung: Die Pfiffe und Zwischenrufe von 1991, als Papst Johannes Paul II. ebenfalls an der „Sapienza“ geredet hatte, wohl noch im Ohr, wurde Benedikt ausgeladen und sein Besuch auf den 17. Januar 2008 verschoben. Auch sollte er nicht mehr eine große Rede, sondern nur noch ein Grußwort halten und sich nach dem akademischen Akt in die Universitätskapelle begeben. Die Öffentlichkeit erfuhr von der ganzen Sache zunächst nichts.
Das sollte sich erst ändern, als der Brief der 67 Dozenten Anfang Januar in der Tageszeitung „La Repubblica“ veröffentlicht wurde. Studentengruppen organisierten daraufhin einige Protestveranstaltungen und riefen die Woche vor dem 17. Januar zur „antiklerikalen Woche“ aus. Als sie beim Rektorat den Antrag stellten, auch innerhalb der Universitätsgebäude Protestveranstaltungen durchführen zu dürfen, und dieser Antrag genehmigt wurde, sagte der Vatikan den Papstbesuch ab.
Nun weiß zwar jeder der es einmal erlebt hat, wie nervig Anderthalb-Prozent-Minderheiten, die mit missionarischem Eifer ihre Sache vertreten, sein können; allerdings ist es schwer vorstellbar, dass die Absage des Besuchs einer Mega-Universität wie der „Sapienza“ tatsächlich Folge der Angst vor 67 Dozenten und einigen protestierenden Studenten ist. Sollte man im Vatikan tatsächlich so dünnhäutig sein, hätte Johannes Paul II. im ersten Jahrzehnt seines Pontifikats keine Auslandsreise machen dürfen. Zwar beeilten sich die katholischen Medien, den Papst als Opfer eines aggressiven Laizismus darzustellen und seine nicht gehaltene Rede als Botschaft der Toleranz und der Wissenschaftsfreiheit zu kolportieren, aber damit sagten sie eben nur die halbe Wahrheit – und die „Wahrheit“ sollte ja das große Thema der päpstlichen Universitätsrede zur Eröffnung des akademischen Jahres sein.
Die andere Hälfte der Wahrheit könnte – verfolgt man das, was die nicht-katholische Presse schreibt – folgendermaßen lauten: Nach der überraschenden Absage vom vergangenen November durch die Universitätsleitung gab es keine Möglichkeit mehr, die geplante Rede öffentlich zu halten. Das für den 17. Januar geplante Grußwort war nur ein schwacher Ersatz. Durch die Veröffentlichung des Dozenten-Briefes und die angekündigten Studentenproteste bot sich nun überraschend die Gelegenheit, aus eigener Kraft das Spiel zu drehen. Die Absage aus vergleichsweise nichtigem Anlass gab die Möglichkeit, der nicht gehaltenen Rede eine große Aufmerksamkeit zu sichern, in den seit einigen Jahren von der katholischen Kirche in Italien geführten Kulturkampf wirksam einzugreifen und überdies eine Solidarisierungswelle mit Massenkundgebungen für den Papst zu organisieren.
In seiner Rede stellt Benedikt selbst dem Bezug zur Regensburger Rede her, indem er betont, dort habe er als ehemaliger Hochschullehrer gesprochen, hier in Rom aber sei er als Papst eingeladen. Die Begegnung von Papst und Universität führe nun aber zu der Doppelfrage: „Was ist Wesen und Auftrag des Papsttums? Und: Was ist Wesen und Auftrag der Universität?“
Benedikt beginnt mit der Frage nach dem Papst und stellt fest, dieser sei zuallererst Bischof von Rom, dann aber in der Nachfolge des Petrus in bischöflicher Verantwortung für die ganze katholische Kirche; als Hirte sei er „von einem Übersichtspunkt aus“ für den rechten Weg und den Zusammenhalt des Ganzen bemüht, zunächst der gläubigen Gemeinschaft, dann aber, weil diese Gemeinschaft in der Welt lebt, auch für das Ganze der Menschheit, insofern der Zustand der gläubigen Gemeinschaft immer auch den Zustand der restlichen Welt mitbestimmt. So kommt Benedikt zu der Aussage, der Papst sei „gerade als Hirte seiner Gemeinschaft immer mehr auch zu einer Stimme der moralischen Vernunft der Menschheit geworden“.
Damit ist der Begriff der Vernunft – das Thema seiner Regensburger Vorlesung – ins Spiel gebracht und verlangt nach Klärung, weil der Papst doch in Verdacht stehe, nicht von der „moralischen Vernunft her“ zu sprechen, sondern „seine Urteile aus dem Glauben“ zu beziehen. Wieder geht es also um den Zusammenhang von Glaube und Vernunft, und Benedikt bedient sich eines kleinen rhetorischen Tricks, indem er auf den amerikanischen Liberalismus-Theoretiker John Rawls, der sich um eine „Theorie der Gerechtigkeit“ bemühte, hinweist. Rawls, so Benedikt, habe den religiösen Lehren den Charakter der „öffentlichen“ Vernunft abgesprochen, damit aber zugegeben, dass eben auch „nicht öffentliche“ Vernunft immerhin Vernunft sei und nicht einfach „säkularistisch verhärtete Rationalität“. Damit hat der Papst auf doppelte Weise vorentscheidende Fakten geschaffen: Einmal in formaler Hinsicht, indem er den Unterschied zwischen öffentlichem und nicht-öffentlichem Gebrauch von Vernunft als für das Wesen der Vernunft selbst unerheblich erklärt, und zum anderen in inhaltlicher Hinsicht, indem er unterscheidet zwischen einer Vernunft, auf die sich die oben gebrauchte Näherbestimmung als „moralisch“ anwenden lässt, und einer „säkularistisch verhärteten“ Rationalität, deren Signatur wohl darin besteht, weniger moralisch als technokratisch zu funktionieren. Weiterhin folgt Benedikt Rawls, indem er, wie dieser, ein Kriterium der Vernünftigkeit von Religion (Benedikt meint natürlich: des Katholizismus) darin sieht, „dass solche Lehren aus einer verantworteten und doktrinellen Tradition heraus stammen, in der über lange Zeiträume hinweg hinreichend gute Gründe für die jeweilige Lehre entwickelt wurden“.
Damit legitimiert der Papst sich selbst als Universitätsredner: Er spricht „als Vertreter einer gläubigen Gemeinschaft, in welcher in den Jahrhunderten ihres Bestehens Weisheit des Lebens gereift ist; als Vertreter einer Gemeinschaft, die zumindest einen Schatz an moralischer Erkenntnis und Erfahrung in sich verwahrt, der für die ganze Menschheit von Bedeutung ist: Er spricht in diesem Sinn als Vertreter moralischer Vernunft.“
Damit ist die Frage nach dem Auftrag des Papsttums geklärt und es schließt sich die Frage an nach der Aufgabe der Universität. Geboren, so Benedikt, sei die abendländische Universität aus der Frage des Sokrates nach dem Wesen der Wahrheit. Mit dem Blick auf das antike Griechentum variiert Benedikt das bekannte Thema der Regensburger Vorlesung, wo es um das Erbe des Griechischen im Christlichen ging, ein weiteres Mal, indem er die sokratische Frage nach Wahrheit transformiert in die Frage nach Gott; diese lässt sich nicht im Kosmos der griechischen Götter, die gegeneinander Krieg führen, beantworten, sondern erst bei den „Christen der ersten Jahrhunderte“, die ihren Glauben „als den Durchbruch aus dem Nebel der mythologischen Religion zu dem Gott verstanden, der schöpferische Vernunft und zugleich Vernunft als Liebe ist“.
Das „Fragen der Vernunft nach dem größeren Gott und nach dem, was der Mensch wirklich ist und soll“, gehört also zum Wesen der christlichen Frömmigkeit, und somit ist das Ringen der Vernunft um Wahrheit Teil der christlichen Identität. Deshalb, so der Papst, „konnte, musste im Raum des christlichen Glaubens, in der christlichen Welt die Universität entstehen“.
Ist der christliche Glaube in seiner Eigenart, Erbe der antiken Philosophie und ihrer Wahrheitsfrage zu sein, als derjenige Raum identifiziert, wo die Universität als Ort der Wahrheitssuche entstehen musste, so sagt dies allein noch nichts über das Wesen der Wahrheit aus, die gefunden wird. Eine inhaltliche Vorentscheidung ist nötig, und Benedikt findet diese in einer Verbindungslinie von Sokrates hin zu Augustin angelegt, wo die Wahrheit und das Gute zusammengedacht werden: „Die Wahrheit macht uns gut und das Gute ist wahr.“ Das führte in der mittelalterlichen Theologie zu einem Disput über den richtigen Zusammenhang von Erkennen und Tun, von Theorie und Praxis. Diesen Zusammenhang findet Benedikt in den vier Fakultäten der mittelalterlichen Universität abgebildet: Medizin, Jurisprudenz, Philosophie und Theologie. Geht es bei den ersten beiden darum, wie die Vernunft zu richtigem Handeln anleitet, so geht es bei Philosophie und Theologie um die Wahrheitsfähigkeit der Vernunft selbst. Benedikt beschreibt beide, Philosophie und Theologie, so, dass sie aus demselben Ursprung stammen, mithin nicht voneinander zu lösen sind. Der christliche Glaube sei wahre Philosophie, Erbe der philosophischen Aufklärung der vorchristlichen Antike. In der neuplatonischen Philosophie sind beide noch untrennbar verflochten, und erst bei Thomas von Aquin kommt es zur Ausbildung eigenständiger Identitäten von Theologie und Philosophie, allerdings im Verhältnis des „Unvermischt und Ungetrennt“.
Gegen Ende führt Benedikt aus, er habe „bisher nur von der mittelalterlichen Universität gesprochen, dabei freilich versucht, das bleibende Wesen der Universität und ihres Auftrags durchscheinen zu lassen“. Neue Dimensionen des Wissens haben sich eröffnet, die dieses bleibende Wesen allerdings nicht grundsätzlich verändern konnten. Deshalb muss – angesichts heutiger Herausforderungen – gesagt werden: „Die Gefahr ist, dass die Philosophie sich ihre eigentliche Aufgabe nicht mehr zutraut und in Positivismus abgleitet; dass die Theologie mit ihrer an die Vernunft gewandte Botschaft ins Private einer mehr oder weniger großen Gruppe abgedrängt wird.“ Aufgabe des Papstes an der Universität sei es demnach, „die Sensibilität für die Wahrheit wach zu halten; die Vernunft immer neu einzuladen, sich auf die Suche nach dem Wahren, nach dem Guten, nach Gott zu machen […]“.
Benedikt XVI. hat es in seiner Rede geschafft, das neuscholastische Wahrheitsverständnis zur normativen Forderung an den heutigen Wissenschaftsbetrieb zu erheben. Das wissenschaftstheoretische Programm der Neuscholastik besteht ja gerade darin, eine zwingende Kontinuität der antiken griechischen Philosophie mit der metaphysischen Spekulation im Hochmittelalter zu behaupten, und zwar genau in der Form, wie Thomas von Aquin auf der Grundlage des aristotelischen Werkes und der theologischen Tradition der Alten Kirche sein scholastisches System konstruiert hat. Deshalb versteht sich die Neuscholastik ja auch nicht als irgendwie „neue“ Theologie, sondern als Wiedereinstieg in die durch allerhand neuzeitliche Verirrungen (auch der römisch-katholischen Kirche) abgebrochene Theologie und Philosophie „der Vorzeit“, die eben nicht nur bis in die Alte Kirche, sondern bis in die Philosophie des antiken, vorchristlichen Griechenland zurückreicht. So jedenfalls ist es bei einem der Begründer der Neuscholastik, dem deutschen Jesuiten Joseph Kleutgen SJ, in seinen grundlegenden Werken aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert auf tausenden von Buchseiten nachzulesen. Das Erste Vatikanische Konzil 1869/70 brachte die Normativierung dieser thomistischen Theologietradition zur Theologie des Lehramtes; diese Theologie wird von Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. in einer modernisierten Form weitergeführt und für die Bearbeitung aktueller Themenstellungen fruchtbar gemacht – wie die beiden Universitätsreden in Regensburg und Rom sowie sein Jesus-Buch deutlich zeigen.
Natürlich rechtfertigt all dies nicht die Ängstlichkeit des Rektors der „Sapienza“, den Papstbesuch wegen eines Protestbriefs von 67 Dozenten zu verschieben; er hat der italienischen Gesellschaft damit einen Bärendienst erwiesen. Hätte der Papst die Rede gehalten, wäre ihm in Italien der Vorwurf gemacht worden, sich wieder einmal – wie seit 2005, als der Vatikan zum Boykott der Volksabstimmung über die Liberalisierung der Gesetzgebung zur künstlichen Befruchtung und Stammzellenforschung aufrief, wiederholt geschehen – auf kulturkämpferische Weise in die italienische Politik einzumischen. So aber konnte der Vatikan die Schlagzeilen bestimmen: durch eine Sympathiekundgebung von 200.000 Papstanhängern auf dem Petersplatz, durch eine Demonstration vieler bekannter italienischer Intellektueller gegen die „laizistische Inquisition“ – und nicht zuletzt durch den Inhalt seiner Rede, die ansonsten wohl kaum wahrgenommen worden wäre.