Impressum
Dr. Ludwig Burgdörfer
Westbahnstraße 4, 76829 Landau

Aufbau und Begleitung von offenen Trauergruppen

 

„Siehe, um Trost war mir sehr bange…“

Jesaja 38,17

 

 

I. Vorwort:

   Trauermauer – Lebensraum

 

Trauer ist Arbeit. Schwerstarbeit. Wer trauert, ist schwer beschäftigt, hat alle Hände voll zu tun. Alle Kraft und Energie fließen in diesen Prozess. Wenn nichts mehr ist, wie es war, ist vorerst nichts mehr leicht. Und wenn die Beerdigung vorbei ist und die Anteilnahme abnimmt, wenn für die Umgebung die Normalität des Alltages wieder begonnen hat, dann bricht die Einsamkeit herein ins Trauerhaus. Und dann scheint die Mauer der Trauer unüberwindbar und wie ein Gefängnis zu sein. Zudem kommt es bei den Trauernden zu großen Berührungs – und Begegnungsängsten. Es ist nämlich ziemlich gefährlich auf andere, unversehrte Ahnungslose zu treffen, die nicht wissen, was sie sagen und tun sollen und darum meist aus lauter Unsicherheit ganz furchtbar falsche Dinge sagen und tun, nur um sich in Sicherheit zu bringen, nur um zu fliehen, nur um nicht zu sehr verwickelt zu werden.

Und so ist es kein Wunder, dass Trauernde insgeheim zu der Überzeugung gelangen, niemand könne sie verstehen, niemand wirklich ahnen, was sie erleiden und durchschmerzen müssen. Hinter der Trauermauer versteckt, gefangen und geschützt zugleich, empfinden trauernde ihr unvergleichliches Schicksal als einzigartig. Aber das ist es nicht. Es ist wohl eigenartig, weil so ganz Ihr eigen. Das ist es wohl, denn niemand trauert so, wie jemand Anderes. Weil jeder um einen einzigartigen, einmaligen Menschen trauert, mit seiner ganz eigenen Beziehung, der ganz eigenen Welt, die jetzt untergegangen ist. Das ist so. Das ist wichtig und wertvoll. Eigenartig! Aber nicht Einzigartig. Denn es gibt viele Trauerhäuser und Trauerherzen. Es gibt unendlich viele Trauermauern. Und sie alle sind todtraurig. Wenn sie nur mehr voneinander wüssten, wenigstens ein paar von denen kennen lernen  dürften, die wissen, wie es ist, die sich auskennen, die bescheid wissen. Und darum ist es so gut, so wertvoll, so wunderbar, wenn aus der Ego-Trauer eine Echo-Trauer wird, wenn Menschen den Mut aufbringen hinter ihrer Trauermauer hervorzutreten, sie zu durchbrechen, zumindest für ein paar Stunden und sich hinaus zu wagen in die Begegnung mit Betroffenen, denen sie erst einmal nichts zu erklären brauchen, die keine dummen Fragen stellen und die viel sagend zu schweigen wissen. Trauergruppen sind ein Schonraum für verletzte Seelen, ein Obdach für aus dem Lebenshaus geworfene, eine Oase für ausgetrocknete Lebenskraft, ein Ruheraum für aufgescheuchte Herzen, ein Hoheitsgebiet gebotener Rücksicht und anständigem Abstand samt Beistand. Eine Trauergruppe macht aus den Einzelkämpfern eine Solidargemeinschaft ohne die Eigenart des jeweils eigenen Trauerfalles zu übersehen. Deine Trauer ist eigenartig, aber nicht einzigartig, dein ganz persönliches Leid ist trotzdem nicht das einzige – und darum kannst du in der Trauergruppe Menschen treffen, die anders aber auch traurig sind. Trauergruppen sind der Lebensraum für begegneter Wiederbelebung unter Ausschluss der lebensleichten Öffentlichkeit.  Und alle sind unterwegs, woanders, nie gleich, nie völlig identisch. Und darum ist jede Begegnung ein Hinweis darauf, dass es nicht nur so geht, wie es mir geht, sondern auch anders. Jede Begegnung in der Gruppe ist der Beweis, dass Trauer nicht ein Zustand ist, sondern ein Weg. Und ein Prozess, eine lange Inkubationszeit. Und darum ist es so gut und so wichtig, Menschen in Trauer dazu einzuladen und zu ermutigen. Ganz selbst bestimmt, ganz selbst dosiert aus sich und dem Trauerhaus herauszugehen, um sich dann wieder ganz bewusst zurück zu ziehen dorthin.

Die Trauergruppe beatmet jedenfalls das leblose Leben neu. Es ist die erste Stufe möglichen Neubeginns.

II. Acht achtsame Grundregeln

für den Aufbau einer offenen Trauergruppe:

 

 

1.     Zielgruppen unterscheiden

 

Trauer ist immer anders. Deshalb wird es nie gelingen, völlige Übereinstimmung in Anlass, Empfindung, Umgangsweisen zu finden. Trotzdem ist es für das Gelingen, ja schon für das Zustandekommen einer Trauergruppe wichtig, zu unterscheiden, welche Zielgruppe gemeint ist – und welche nicht. Wenn in ein und derselben Gruppe Eltern von durch Gewalttaten umgekommenen Kindern zusammen sitzen mit Müttern, die ihr ungeborenes Kind verloren haben, mit Angehörigen von Suizid - Opfern, mit Menschen, die durch Verkehrsunfälle Partner verloren haben, diese zusammen wiederum mit dem „ganz normalen“ Trauerfall (den es so nicht gibt), aber immerhin mit Männern und Frauen, die ihre Partner in rel. Hohem Alter verloren haben, dann wird die Schnittmenge der Betroffenheit so differenziert und inkompatibel sein, dass kaum ein Gesprächsgang zu initiieren ist, der nicht Teile der Gruppe ausschließt, ja sogar grob fahrlässig übergeht.

Darum sollte von Anfang an klar gesagt werden, welche Zielgruppe eingeladen ist.

Wenn sich dann trotzdem jemand mit einem ganz anderen Trauerfall in die Gruppe „verirrt“, dann ist das in der Regel kein Problem und kann aufgefangen werden.

Dieser Studienbrief  befasst sich primär mit dem Aufbau und der Organisation einer Trauergruppe, die primär und von der Mehrzahl der Teilnehmenden bestimmt ist von einem  „normalen“  Tod. Zumindest  für den ganz speziellen Tod von Ungeborenen, von Babys, von Kleinkindern, von Gewaltopfern sollten eigene Gruppen angeboten werden. Sie verlangen nach ganz spezifischen Formen der Betreuung und der Bearbeitung.

 

 

 

2.     Einladungswege

 

In einem Vorlauf von etwa einem halben Jahr sollte die Werbung für den Start einer solchen Trauergruppe anlaufen. Entscheidend ist dabei, dass persönliche Gespräche geführt werden, vertrauensbildend mit den Personen, die das Angebot dann glaubwürdig und identifiziert weiter geben können. Als Multiplikatoren haben sich nach meiner Erfahrung folgende Anlaufstellen bewährt:

 

Beerdigungsinstitute

Sie sind in ihrem Stellenwert für Trauernde gar nicht hoch genug einzuschätzen. Sie gehören zu den ersten Kontakten im Zusammenhang des Trauerfalls und ihnen wird ein enormes Vertrauen entgegen gebracht. Und viele Institute, die ich kennen lernen durfte verstehen Ihre Arbeit wirklich auch als eine Art Notseelsorge, erste Hilfe. Wenn sie einen Hinweis, einen Flyer weitergeben, dann ist das eine Einladung erster Qualität. Auch wenn sie lange zuhause liegen bleibt. Manche Leute kommen erst nach 2 Jahren zur Trauergruppe, aber die Information stammt aus der Begegnung mit dem Beerdigungsinstitut. Wir werden grundsätzlich in Zukunft sehr engagiert und wertschätzend mit den Beerdigungsinstituten umgehen müssen, wenn wir mit ihnen zusammen in der Nähe der trauernden Menschen bleiben wollen.

 

Gemeindepfarrämter

Beerdigung ist die klassische Dauerkasualie quer durch das ganze Jahr. Wir Pfarrerinnen und Pfarrer stehen ständig in Bereitschaft und mitunter Woche für Woche an Gräbern. Wir sind hier in der Seelsorge noch immer ganz nah bei den trauernden Familien und  leisten dabei Begleitung auf höchstem Niveau. Die Visitenkarte, die wir anlässlich solcher Begegnungen abliefern, prägt mitunter das Bild von Kirche ein Leben lang. Eine Nachsorge, ein Begleiten der Leute über längere Zeit nach der Beerdigung wird nur in Ausnahmefällen möglich sein. Aber der Hinweis auf ein offenes Angebot aus der Hand der Seelsorgerin, des Seelsorgers ist was wert und wird oft angenommen.

Nicht in jeder Gemeinde, nicht von jedem Kollegen, jeder Kollegin können solche zusätzlichen Angebote gemacht werden. Aber gegenseitige Hilfe und Entlastung kann an der Stelle eingeübt und neu entdeckt werden. Oftmals ziehen es Menschen sogar aus Gründen der Anonymität und der Sehnsucht nach einem Schutzraum vor, außerhalb der eigenen gemeinde diese Gruppen aufzusuchen. Das ist dann keine Ablehnung des seelsorglichen Angebotes vor Ort, sondern ein legitimer Schritt in die besser zu verkraftende Distanz.

 

Hausärzte, Sozialstationen, Sterbebegleitung

Viele Hausärzte begleiten Menschen im Sterben und gehen in den Familien oft wochenlang ein und aus. Noch häufiger sind es Mitarbeitende der Sozialstationen oder anderer privater Pflegedienste. Sie gehören fast zur Familie und stehen den Angehörigen oft als Gesprächspartner sehr nahe. Sie für die Trauerarbeit zu gewinnen und zu interessieren macht Sinn und lohnt sich.

Dasselbe gilt für die Menschen in der Hospizhilfe und in der Schmerztherapie.

 

 

Örtliche Presse

Es ist immer gut und sinnvoll, das Angebot in der örtlichen Presse zunächst langfristig anzukündigen und dann beim Start noch einmal zu bewerben. Das kann in Form eines Interviews  geschehen. Das Thema ist immer eine Meldung wert und  stößt in der Regel bei den Lokalredaktionen auf offene Ohren.

 

 

 

3. Alles hat seine Zeit

 

Das gilt auch für den Start einer Trauergruppe. Mit ihr im Frühling zu beginnen oder im Hochsommer ist einfach schwer. Es ist sozusagen asynchron zum Kalender. Im Frühjahr und Sommer sollten die Vorbereitzungen und ersten Informationen auf den weg gebracht werden, die Vernetzung mit Verbündeten und Multiplikatoren beginnen. Und im Herbst sollte, nach dem Goldenen Oktober im Umfeld des November der Startzeitpunkt sein.

Besonders zu empfehlen sind auch die Gottesdienste an Toten – und Ewigkeitssonntag, zu dem in der Regel die Angehörigen der Verstorbenen des zu Ende gehenden Kirchenjahres gesondert eingeladen werden. Im Rahmen eines solchen „Kasualgottesdienstes“ die Trauerarbeit mit einzubeziehen ist absolut sinnvoll und nachhaltig wirksam.

Wenn die dunkle Zeit des Jahres beginnt und die Frage im Raum steht:  „Wie überlebe ich diesmal Weihnachten!“  - dann ist der „kairos“ für die Einladung und den Start gekommen.

4.     Begleitung im Dialog

Jesus schickt seine Jünger nicht ohne Grund zu zweit in die Welt. Eine Trauergruppe ist eine höchst anspruchsvolle Veranstaltung. Selbst wenn es zu Beginn nur Wenige sind

(es sollten grundsätzlich nie mehr als max. 12-15 Personen sein!), es geht besser zu zweit als allein. Ich selber arbeite seit mehr als 10 Jahren mit der Psychologin Marthe Kuhm vom Haus der Familie in Landau zusammen und bin dankbar für die eingeübte Leitung im Dialog. (Zusammen mit Marthe Kuhm habe ich einen Leidfaden zur Trauerarbeit geschrieben mit dem Titel: Trauer braucht seine Zeit, siehe Literaturangaben)

Vier Augen sehen mehr als zwei, 4 Ohren hören mehr, und die Nacharbeit für die Vorarbeit ist in der Auswertung und der gegenseitigen konstruktiven Kritik ein Segen für alle Beteiligten. Deshalb empfehle ich, wenn irgend möglich, nicht alleine zu agieren. Denkbar wäre auch eine Zusammenarbeit auf ökumenischer Ebene. Denn auch da ist die Trauer bemerkenswert unorthodox. Die Konfession spielt eine bemerkenswert geringe Rolle, wenn die Trauer sich einen Raum sucht. Wenn man sich die Gesprächsleitung aufteilt, dann ist eine Person immer  in Reserve und in privilegierter Beobachtungssituation. Wenn sich das Gespräch verläuft, verirrt, verrennt, wenn eine Wahrnehmung völlig daneben liegt oder  ein Weitersprechen irgendwie nicht zu gehen scheint, dann ist die Übergabe an den Co-Piloten immer eine Option mit Aussicht auf Erfolg.

 

 

5. Der Raum

 

Unaufdringliche Gastfreundschaft ist gefragt. Eine liebevoll gestaltete Mitte.

Ein Stuhlkreis, nicht zu eng, mit Beinfreiheit und Rangierabstand. Nicht zu hell. 

Kein zufälliges Arrangement. Trauernde Menschen sind dankbar für Ästhetik, die sie nicht selbst herstellen oder zu einer solchen machen müssen. Das geht nämlich in ihrem Zustand nicht. Es gibt im Augenblick, zur  Zeit, bis auf Weiteres eigentlich nichts Schönes auf der Welt. Es aber doch zu sehen, wahrzunehmen, ohne ihm zu viel Reverenz zu erweisen, das tut gut. Leise Musik zum Ankommen hilft. Begrüßung an oder vor der Tür auch. Der Raum sollte warm und „bewohnbar“ sein. Keine kalten Verwaltungszimmer. Keine Kühlschrank-Atmosphäre. Auch keine zu hohe Schwelle. Also nicht unbedingt

Im kirchlichen Gemeindehaus, aber wenn, dann auf hohem gastfreundlichen Niveau!

Möglichst nicht neben gleichzeitig statt findenden Kochkurs, oder  Theatergruppe oder Singstunde. Alle anderen „Lebenszeichen“ sind kontraproduktiv und haben die Tendenz zur Nötigung.

 

 

6. Der Ablauf

 

Jedes Miteinander braucht eine Liturgie. Es ist wichtig, dass eine solche erkennbar und gewollt ist. Trauernde wollen ungern zum Gelingen eines Experimentes beitragen. Bitte nicht: Wie wollen Sie denn beginnen? Sonder: So und so fangen wir an – so geht es dann weiter und so und dann hören wir garantiert wieder auf. Kalkulierbares Risiko. Begrenzte Zeit, klare Struktur. Die Leute sollen sich darauf verlassen können, dass die Sache durchdacht, geplant und beherrschbar ist. Ähnlich wie bei  der Beerdigung wollen sie die Last für die Durchführung delegieren, damit sie selber frei sind, bei sich zu sein.

 

 

 

In unserer Praxis hat sich folgende Struktur bewährt:

 

 

Ankommen bei leiser Musik.

 

20 Uhr: Begrüßung und einleitende, entlastende Bemerkungen

             zum Rahmen, zur Person der Leitung, zu Grundregeln

 

Musik

 

20/15 Uhr Impuls

Anmoderation und Hinführung

durch Traueraspekt, Gedicht, Geschichte, Symbol

(angelehnt auch an die Jahreszeit, die aktuelle Situation, die letzte Sitzung etc.)

 

20/30 Uhr: freie Aussprache in der Gruppe

 

21/15 Uhr: Neuer Impuls zum Abschluss, klare Zäsur,

                   Text für alle zum Mitnehmen

 

21/30 Uhr Musik zum Abschied

 

21/40Uhr  Ansagen und Verabschiedung

 

 

 

In der Regel dauert es bis mindestens 22 Uhr, bis sich alle verabschiedet haben.

Viele gehen anschließend noch in Kleingruppen zusammen weiter. Manche kehren noch irgendwo ein. Kontakte mit der Tendenz zur Freundschaft entstehen. Manche kommen und gehen aber auch konsequent allein. Nichts davon wird kommentiert oder bewertet.

 

 

7. Umgangsform

 

Grundsätzlich wird zu Beginn jeder Sitzung erklärt, dass es sich hier um eine offene und wenn gewünscht anonyme Trauergruppe handelt. Hier treffen sich Betroffene, denen man erst einmal nichts erklären muss. Wer etwas sagt und wer schweigt, das bestimmt jede Person für sich allein und bei jedem Treffen neu. Wir kommentieren und korrigieren die Aussagen der anderen nicht. Deshalb kann in diesem verrauten und vertraulich wahrgenommenen Raum niemand etwas falsch machen.

Wie lange und wie oft und in welchen Anständen jemand kommt oder wegbleibt, ist ganz alleine Sache der Betroffenen selbst. Wer sich von der Gruppe verabschieden will tut das auf seine je eigene Weise. Still und heimlich oder mit einer offiziellen Handlung.

Wir verlangen von niemandem ein Glaubensbekenntnis beim Hereinkommen oder beim Hinausgehen, wir verheimlichen aber nicht, dass wir als Kirche einladen und als Christen hören und sprechen. Biblische Geschichten, Texte, Anspielungen, Lieder, Gebete, geistliche Musik spielen eine große Rolle, werden aber nicht zur Belagerung ausgebaut.

Dem Wunsch nach persönlichen Seelsorgegesprächen unter 4 Augen wird in der Regel entsprochen. Manchmal empfiehlt es sich, das Gespräch zu zweit zu führen

 

Wichtig ist dabei auch eine moderate Moderation, die nur da ernsthaft eingreift, wo einzelne über die Trauer anderer anfangen zu urteilen, oder die Verfassung anderer leichtfertig für schnell vorübergehende Phänomene halten, während sie ihren eigenen Zustand überlegen für zur endgültigen Errungenschaft erklären.

Auch trauernde Leute sind Menschen mit Eitelkeiten und Ängsten. Ihr Wesen schlägt sich auch jeweils auf ihre ganz eigene Trauerweise nieder. Darum gilt es, manche Teilnehmer zu stützen, andere zu schützen und wieder andere zu beschränken. Auch eine Trauergruppe entwickelt eine eigene Dynamik und sucht nach Rangordnung und Dominanz. Da sie aber stets offen sein soll für neue Einsteiger, darf es die Tendenz zur „geschlossenen Gesellschaft“ nicht geben.

„Frisch Verwundete“ sind immer eine Zumutung für die Gruppe, wirft sie mit ihrer Aufmerksamkeit auch ein Stück zurück und mutet ihnen zu, den eigenen Strandort zu relativieren. Das macht Mühe und irritiert. Da brauchen alle Beteiligten eine sehr behutsame Begleitung.

 

 

8. Musik als Mantel und Medium

 

 

Trauer kann sich nicht nur verbaliter ausleben. Wo uns die Worte fehlen, kommt uns die Musik zur Hilfe. Sie ist ein wunderbares Medium, in das sich Trauer auf ganz eigene Art und weise eintragen kann. Musik vertont nicht nur Glück und Lebenslust, sie gibt auch der Trauer und Lebensangst die richtige Schwingung.

Darum ist der wohl dosierte Einsatz von Musik hilfreich und wohltuend. Meistens begleiten wir eine Trauergruppe über mindestens 4-5 Monate mit demselben musikalischen Rahmenprogramm. Das wird durch die Wiederholung zum vertrauten Tonraum und hilft zum Ankommen und zum Wieder Nachhause gehen.

Folgende Musikstücke haben sich u.a. in unserer Arbeit besonders bewährt:

 

Antonin Dvorak, Symphonie Nr 9  e-moll

Modest Mussorgsky, Eine Träne

Eric Clapton, tears in heaven

J. Brahms, Es ist ein Schnitter

Filmmusik, Jenseits der Stille

Enya, only time

Udo Lindenberg, Hinterm Horizont

Simon and Garfunkel, bridge over troubled water

Herbert Grönemeyer, Der Weg

J.S.Bach, Nun ruhen alle Wälder

Clemens Bittlinger, Klage

W.A. Mozart, Konzert für Klavier und Orchester, Nr. 20 d-moll KV 466

                        Konzert für Klavier und Orchester, Nr. 13, c-dur, KV 415

 

u.v.m.

 

 

 

 

 

 

 

 

III. Trauerweg biblisch – oder -

die sequentiell tangierende Seelsorge

 

 

Die Emmausjünger, Lukas 24 stehen Modell für einen klassischen Trauerweg.

Sie begehen ihn mit Hingabe und Entschlossenheit ohne Abkürzung und ohne irgendwo stehen zu bleiben.

Ihre Trauer wird nicht zur pathologische Starre, sondern zum langen Weg vom Leben weg und zum Leben zurück. Deshalb ist die Geschichte wunderbar geeignet, um für die Trauerbegleitung Hilfestellung zu geben. Die wichtigsten Merkmale sind:

 

-         es ist gut, nicht alleine zu trauern, laufend zu trauern, im Dialog zu trauern.

-         Wer trauert ist oft Blindheit geschlagen, was Nähe und Hilfe und Begleitung betrifft.

-         Wer trauert, will gefragt werden und dann reden dürfen ohne gleich belehrt zu werden.

-         Wer trauert, darf ausführlich und erregt wieder-holen, was passiert ist.

-         Wer Trauernde begleitet, soll (wie Jesus) der Klage Raum und Zeit lassen.

-         Sinnlosigkeit, Resignation, Vorwurf, Enttäuschung sind ein Menschenrecht der Trauer - trotz  Ostern

-         Wer trauert, darf in die „falsche Richtung“ gehen und muss weder an noch aufgehalten werden von dem, der es „besser weiß“. Jesus geht  gerade diesen  Weg mit.

-         Wer trauert kann mit einem alternativen Deutemodell konfrontiert werden, ohne es gleich verstehen zu müssen. Begleitung ist jedenfalls mehr als nur zuhören und zustimmen. Jesus entwickelt einen Gegenentwurf gegen die vermeintliche Sinnlosigkeit als Anfrage, als Option, die nicht bedrängt und um sofortige Zustimmung aus ist. Wer Trauernde begleitet,  darf nicht auf Bestätigung bestehen.

Trauer findet immer in der Zerrissenheit und Ambivalenz statt. Es stimmt alles und es stimmt eben nichts.

-         Die Nähe, der Trost, die Hilfe, der Neubeginn, der Sinn sind nicht festzuhalten,

      sind unbegreiflich. Jesus entschwindet in dem Moment, da er erkannt worden ist.

-         Wer Trauernde begleitet soll wissen, dass Trost und Hilfe immer nur beinahe

       und kurz und fast zum Greifen nahe sind.

-         Umkehr und Rückkehr ins Leben  (nach Jerusalem) können Trauernde immer

       nur selber auf eigenen Beinen, in eigener Verantwortung, in eigenem Tempo

       und Rhythmus gehen – und auch besser zu zweit als allein.

-         Wer trauernde Menschen begleitet, installiert (hoffentlich) keine auf Dauer

      und Abhängigkeit zielende Nabelschnurbeziehung, sondern ist bewusst eine

     „nur“ sequentielle Begleitung, die sensibel und souverän zugleich und deshalb

      auch rechtzeitig mit Nähe um Abstand umzugehen weiß.

-         Die Wiederentdeckung des Lebens gelingt nur, wenn das Herz neu entbrannt ist

      von der Liebe.

-         Die Lebensbejahung potenziert und multipliziert sich in der Gemeinschaft

des entgegen kommenden, aus sich herausgehenden Osterglaubens.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

IV. Andere  biblische Traueraspekte:

 

Das Motiv der Trauer ist variabel. Nicht nur das biologische Lebensende löst Trauer aus. Auch das Ende von Lebensmut und Hoffnung, auch das Sterben mitten im Leben findet statt. Bei lebendigem Leibe müssen Menschen allerhand Tode sterben, sind Trauer und Leere Realität. Wenn der Mut sinkt und die Hoffnung zuletzt doch noch stirbt, dann geschehen Aspekte der Trauer, Reaktionen und Umgangsweisen, die uns in biblischen Kontext als Modelle und Muster angeboten werden. Einige will ich nennen:

 

-         LOTS FRAU (1. Mose 19,26)

Der Anziehungskraft des Zurückliegenden ausgesetzt, neigen wir dazu im Abschiedsschmerz nur noch nach Hinten zu blicken. Trauernde Menschen leben oft lange rückwärts, sind ausschließlich in ihrer Vergangenheit anwesend. Darin liegt aber die große Gefahr, dass sie in dieser Haltung erstarren und das Leben nach Vorne verlieren. Beim Loslassen muss die Aufmerksamkeit nach Vorne gewonnen werden.

Nur dann gibt es einen Weg aus dem Untergang.

 

 

-         ELIA unter dem Wacholder (1. Könige 19,2-7)

Resignation, Erschöpfung, Depression haben ihre Zeit. Elia darf am Boden liegen. Er wird wach, hat Hunger, isst – und darf weiter schlafen. Wunderbar! Nicht zu früh auf die Beine kommen, das ist auch wichtig. Raum der Verschonung, Schutzzone der Verweigerung, Bitte nicht stören! Trauer hat ein Recht auf ungestörten Rückzug. Zuspruch vor Anspruch gilt auch hier!

 

 

-         HIOBS FREUNDE (Hiob 2, 11-13)

Sie kommen, sie bleiben, sie schweigen, sie beherrschen die hohe Kunst „nichts zu tun“. In der Nähe von Tod und Trauer, Krankheit und Leid gibt es keine schwierigere Übung. Das Schweigen aushalten, die Fluchtgedanken zu verdrängen, es gehört zu den wertvollsten Gesten der Anteilnahme. Dasein und (noch) nichts erklären, besprechen, beschwichtigen, regulieren. Darauf kommt es an!

 

-         HIOB ist das beeindruckenste Beispiel dafür, dass es ein unveräußerliches

     Menschenrecht darauf gibt, vorerst untröstlich zu sein und  auch jedwede Erklärung

     abzulehnen. Erstrecht, wenn sie scheinbar plausibel ist und auf eigene Kosten geht.

 

-         HIOB adelt die Berechtigung auf eine rückhaltlose, ja brutal offene Klage,

      die jedweden Sinn in Frage stellt. Und das trotz Widerspruch bester Freunde

      und all zu gut gemeinter Zurede. (Vgl. u.a. Hiob 3)

 

-         Die KLAGE vor und die Frage nach GOTT ist nicht etwa eine gewagte Gottlosigkeit,

      sondern womöglich die schwerste und vitalste Form eines verzweifelten Glaubens,

     den JESUS selbst am Kreuz bekennt. (Matthäus 27, 46/ Psalm 22,2).

 

-         Auf dem Weg zur ewigen Heimat sind finstere Täler gut biblisch begründet.

      (Psalm 23, Psalm 90 u.a.).  Tod und Trauer sind keine unvorhergesehene Unfälle.

     Es ist ein Stück Weisheit, sie ins bejahte Leben zu integrieren.

 

-         Auf dem TRAUERWEG gibt es keine Abkürzungen.

      Alle Schritte müssen irgendwann begangen werden. Alles hat seine Zeit. (Prediger 3)

 

-         Auch ein Blick in diese Welt ist Anlass für Trauer und Herzeleid.

      Jesus blickt über Jerusalem und weint (bis heute).

 

-         JESUS in Gethsemane (Matthäus 26, 36f)

Das Bitten um Verschonung mündet in das Gebet um Demut. Jesus richtet seine Hoffnung erst auf das Wünschenswerte, um dann die Hingabe einzuüben, die Hingabe in Gottes Willen, den er nicht versteht und nicht verstehen muss. Auch darin ist er uns Vorbild.         

 

-         TRÄNEN wird und darf es geben. Sie sind die Perlen der Trauer.

      Sie gehen nicht verloren. Gott selbst sammelt sie in seinem Krug.

           Und er wird sie für ewig abwischen wird am Ende der Zeit. (Offenbarung 21,3f)

 

 

V. Literaturempfehlungen

 

Sachbücher

 

Berger Klaus, Ist mit dem Tod alles aus?

Gütersloher Verlagshaus, GTB, 2003

 

Herbst Michael Hg., Der Mensch und sein Tod,

Das Greifswalder Gutachten zur Sterbebegleitung,

Neunkirchner Verlag 2005

 

Kast Verena, Trauern,

Phasen und Chancen des psychischen Prozesses,

Kreuz Verlag, Stuttgart, 1999

 

Kübler-Ross Elisabeth, Interviews mit Sterbenden,

Kreuz Verlag, Stuttgart, 1980

 

Langenmayr Arnold, Trauerbegleitung,

Vandenhoeck und Rupprecht, Göttingen, 1990

 

Lammer Kerstin, Trauer verstehen,

Formen, Erklärungen, Hilfen,

Neukirchnerv erlag, 2004

 

Müller Monika, Schnegg Matthias, Unwiederbringlich-

Vom Sinn der Trauer,

Herder, Freiburg, 1999

 

Renz Monika, Zeugnisse Sterbender,

Junfer Verlag, Paderborn, 2001

 

 

Schibilsky Michael, Trauerwege,

Beratung für helfende Berufe,

Patmos, Düsseldorf, 1992

 

Specht-Tomann, Tropper Doris, Zeit zu trauern,

Kinder und erwachsene verstehen,

Patmos, Düsseldorf, 2001

 

Spiegel Yorick, Der Prozess des Trauerns,

Chr. Kaiser Verlag München, 1973

 

 

 

Texte und Hilfen für die Praxis

 

Bickel Lis, Tausch-Flammer Daniela, In meinem herzen die Trauer,

Texte für schwere Stunden, Ein Begleitbuch, Herder, Freiburg 2004

 

Bickel Margot, Die Liebe ist größer als der Tod,

Herder, Freiburg, 2004

 

Brathuhn Sylvia u.a. Hg., Manchmal wird das Wort zum Zeichen,

Gütersloher verlagshaus, 2005

 

Burgdörfer Ludwig, Kuhm Marthe, Trauern braucht seine Zeit,

Täglicher Begleiter durch das erste Trauerjahr, Brunnen Verlag Giessen-Basel, 2007 

 

Burgdörfer Ludwig, Offene Trauergruppen, Brennpunkt Gemeinde, Studienbrief S 46,

Hrsg.: AMD, Arbeitsgemeinschaft Missionarischer Dienste

 

Canacakis Jorgos, Ich begleite dich durch deine Trauer, Förderliche Wege aus dem Trauerlabyrint, Kreuz Verlag Stuttgart, 2007

 

Daiker Angelika, Bergen, was bleibt,

Für Trauernde, Schwabenverlag AG, Ostfildern, 2003

 

Frank Hannelore, Leben angesichts des Todes,

Kreuz Verlag, Stuttgart, 1980

 

Gäbe Sabine, Wenn mir die Worte fehlen,

Gütersloher Verlagshaus, 2002

 

Grün Anselm, Bis wir uns wieder sehn im Himmel,

Kreuz Verlag Stuttgart, 1997

 

Haak Rainer, In den Tagen der Trauer,

Herder, Freiburg, 2003

 

Haak Rainer, Trauern heißt neu anfangen,

SKV Edition, 2004

 

Naegeli Sabine, Die Nacht ist voller Sterne,

Gebet in dunklen Stunden, Herder Freiburg 1994

 

Pisarski Waldemar, Auch am Abend wird es Licht sein,

Claudius München, 1999

 

Roeckner Margret, Briefe an Sigrid,

Ein Wegbegleiter für trauernde Eltern,

Claudius München, 1999

 

Sperl Ingo, Ein Horizont der Hoffnung,

Hilfen auf dem weg der Trauer, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 1996

 

Wolfelt Alan D., Für Zeiten der Trauer,

Wie ich andern helfen kann, Kreuz Verlag, Stuttgart 2002

 


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