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Prof. Dr. André Birmelé Palais Universitaire, Bureau 14, 67000 Strasbourg |
Der Auftrag der Kirche
ist es, zur Zeit und zur Unzeit, das Evangelium zu
verkündigen durch Wort und Tat. Eine Kirche, die das Evangelium nicht mehr verkündigt,
wäre schlechthin keine Kirche mehr. „Ihr seid das Salz der Erde“ (Mt 5,13). Das Salz muss kräftig sein um der Welt den
Geschmack zu vermitteln, der ein erfülltes Leben ausmacht, damit die
Gemeinschaft der Menschen – und so auch Gott selbst – sich am Leben freuen
kann.
Solche Worte haben sie des Öfteren schon gehört oder
auch selbst gebraucht. Wir wissen was der Beitrag der Kirche ist oder zumindest
sein sollte, wir wissen auch, dass es nicht leicht ist Salz der Erde zu sein.
Wir könnten nun die vielen Schwierigkeiten aufzählen, von der Säkularisierung,
von der Gleichgültigkeit der Menschen, von der Globalisierung, den wirtschaftlichen
Problemen und vielen anderen Gegebenheiten sprechen, die eine gewisse Müdigkeit
unserer Kirchen und so ihre Mühe der Welt den Geschmack des Evangeliums zu
vermitteln, erklären. Sie kennen diese Schwierigkeiten und es würde nichts
bringen sie nun hier weiter zu entwickeln.
Eine Sache jedoch steht
fest: Es hat Gott gefallen, uns, seine Kirche, zu gebrauchen, damit sein Wort
geschehe. Er hat nur uns um dies zu tun. Wir sind keine Strohfrauen und
Strohmänner, die einfach nur das zu wiederholen hätten was immer war. Gott
zählt auf unseren Einfallsreichtum, er braucht unsere Ideen damit die Botschaft
des Evangeliums wahr werde im Kontext unserer europäischen Gesellschaft. Dies
bedeutet gewiss nicht, dass die Botschaft des Evangeliums abhängig wäre von der
Gebärden der Gesellschaft, es bedeutet aber wohl, dass es neuer Gestalten
bedarf, die wir zu erarbeiten haben, damit dieses Evangelium gehört werden und
als reales Lebensangebot wahrgenommen werden kann.
Was haben wir als
reformatorische Kirchen heute anzubieten?
Europa ist im Bau. Unser
neuer gemeinsamer Lebensraum macht – manchmal sehr zaghafte aber eben doch –
Fortschritte. Als er Präsident der Europäischen Kommission war, hat uns Jacques
Delors eines Tages empfangen – uns: einige Verantwortliche der ökumenischen
Arbeit. Dabei hat er ganz deutlich seine Erwartungen im Blick auf die Kirchen
formuliert: Er erwarte von den Kirchen ein klares Menschenbild und den Einsatz
für ein bestimmte Würde des Menschen. Er fügte hinzu, dass er oft Mühe hätte
diese Stimme deutlich zu vernehmen. Sein Ausgangspunkt – und auch hier können
wir ihm nur zustimmen – war die Feststellung, dass die europäische Gesellschaft
in der Gefahr stehe, alles nur auf die rein wirtschaftliche Dimension zu beschränken.
Diese Einschränkung sei Ausdruck einer tiefen Krise, wobei es um nichts weniger
als um den Menschen und seine Würde gehe. Im werdenden Europa geht es darum,
einen gesellschaftlichen Rahmen zu schaffen, der nicht nur angetrieben wird
durch Wirtschaft, Leistung und Konsum, sondern einen Rahmen, wo das wahre
Menschsein möglich ist, wo es sich lohnt zu leben.
Diese Anekdote zeigt
deutlich, an welcher Stelle wir erwartet werden und was von uns erwartet wird.
Das Evangelium, für welches wir uns einsetzen, hat in der Tat seinen Sinn nur
darin, dass es ein uneingeschränkter Einsatz ist für das wahre Leben der
Menschen in der ganzen Welt, in Europa und hier in dieser Region. In diesem
Feld wollen und sollen wir uns zu Wort melden als reformatorische Kirchen.
In einem ersten Schritt
gilt es eine Lüge aufzudecken. Statt von der Wahrheit zu leben, lebt unsere
Gesellschaft von der großen Lüge, wonach ein Mensch aus sich selbst heraus zu
sich selbst finden könne, von der Illusion, dass der Mensch sich durch sein
eigenes Handeln selbst verwirklichen könne. Er wäre Herr und Meister seiner
Geschicke und würde dieses allein durch seine Leistungen, seine Arbeit, seine
Familie und sein soziales Umfeld gestalten. Alles in unserer Welt ist daraufhin
ausgerichtet, dass wir dieser Illusion verfallen. Diese Überzeugung einer
allgemeinen Selbstverwirklichung ist weit verbreitet und wird in unseren
Gesellschaften gepflegt. Die Reformatoren des 16. Jahrhunderts nannten das
Werkgerechtigkeit.
Eine Lüge als Lüge zu
entlarven macht nur dann Sinn, wenn man ihr eine Wahrheit, die Wahrheit gegenüberstellt. Welche Wahrheit haben wir
anzubieten? Diese Wahrheit besteht aus
einem einzigen Wort: die Gnade. Das hat so einen altmodischen Klang, was aber
bedauerlich ist, denn es gibt nicht aktuelleres und revolutionäreres als die
Gnade: Es ist das Angebot einer ganz anderen Logik als die vorherrschende Logik
unserer Gesellschaft. Unser Beitrag besteht darin, Europa für die Gnade zu
öffnen! Raum zu schaffen für die Logik der Gnade.
Die in unserem
Sprachgebrauch und im Alten Testament geläufige Formulierung: Gnade finden in
den Augen eines anderen, sagt es auf schöne Weise. Wenn ich Gnade finde in den
Augen eines anderen, bin ich anerkannt, ohne es unbedingt verdient zu haben,
ohne etwas getan zu haben – und ohne etwas tun zu können –, was mir erlauben
könnte, auf diese Gnade Anspruch zu erheben. Ich bin der Empfänger des
Wohlwollens und der Gunst dessen, der mir diese Gnade gewährt. Der Ausdruck „Gnade
finden in den Augen eines anderen” ist faszinierend gerade wegen der Erwähnung
der Augen. Die Gnade ist nicht blind. Die Gnade schaut an und wählt. Sie ist
parteiisch, sie lebt davon, Partei für jemanden zu ergreifen. Gott ist nicht
unparteiisch, sondern parteiisch. Er ergreift Partei für die Menschen.
Aus Liebe zu den
Menschen! Die Liebe kann man nicht verdienen. Ich werde nicht geliebt für das,
was ich tue; wenn dem so wäre, wäre die Liebe nicht authentisch. Ich werde
vielmehr geliebt für das, was ich bin. Wir haben keinerlei rechtlichen Anspruch
auf die Liebe eines anderen. Das Wesen der Liebe ist anders, die Liebe ist
Gnade. Die Liebe ist parteiisch. Derjenige, der um eine verlorene oder
zerbrochene Liebe weint, weiß besser als jeder andere, dass die Liebe eine
Gnade ist. Wir leben aus dem Blick der Liebe, wir haben Gnade gefunden in den
Augen des geliebten und liebenden Wesens, und wir stehen in Gnade bei ihm.
Dieser Logik bedarf
Europa! Heute mehr denn je! Leben aus Gnade! Gratuitement!
Umsonst!
Statt dass Du dazu
verurteilt bist, Dir selbst in der Gesellschaft einen Namen zu machen, bist Du
schon längst bei deinem Namen gerufen! Du bist genannt! Mein volles Menschsein
und meine volle Würde gehen all meinem Handeln voraus! Ich muss mich nicht
rechtfertigen! Gott hat mich bei meinem Namen gerufen und mich gerecht erklärt.
Wenn wir immer wieder betonen, dass Gott Liebe und Gnade ist, dann wollen wir
genau dieses sagen. Das Evangelium ist eine befreiende Kraft, indem es jedem
Menschen verkündigt, dass er eine von
Gott erkannte und endgültig verwirklichte Person ist. Das Leben Jesu und
insbesondere sein Tod und seine Auferstehung bestimmen einen neuen Rahmen. Seit
Ostern ist das Leben nicht mehr durch den Tod begrenzt, sondern das Leben
begrenzt den Tod. Es gibt keine absolut hoffnungslose Situation, aus der sich
der Mensch aus eigener Kraft befreien müsste, ohne Aussicht, dass es ihm gelingt.
Dem Verzweifelten wiederholt und erneuert Gott die Gabe des vollen und wahren
Menschseins: Auch der Unglücklichste wird von Gott geliebt, und Gott will ihn
an seiner Seite haben. Eine un-normale oder ver-rückte
Logik. Diese Logik ist jedoch die grundlegende biblische Botschaft, sie stand
im Mittelpunkt der Reformation des 16. Jahrhunderts, sie muss die Mitte bilden
unseres Beitrages als reformatorische Kirchen im derzeitigen europäischen
Kontext.
Wenn wir von dieser
grundlegenden evangelischen Wahrheit wirklich überzeugt sind, dann werden wir
die ersten sein, die alles daran setzen, dass die Würde des Menschen nicht nur
von seiner Leistung abhängt, wir werden uns einsetzen für das Lebensrecht
aller, die in unserem wirtschaftlichen Kontext unbedeutend geworden sind.
Der Begriff der
„Gemeinschaft“ ist in diesem Zusammenhang wesentlich. Er drückt eine
Lebensqualität aus, an der wir teilhaben und die wir mit anderen teilen
möchten. In der Sprache der Bibel ist der Begriff der „Gemeinschaft“ (koinonia)
immer an erster Stelle Gemeinschaft des Gläubigen mit dem Herrn: Wir haben an
dem Leben Christi Anteil. Das Hören auf das Wort, die Feier der Taufe und der
Eucharistie sind die bevorzugten Orte, an denen uns diese Teilhabe geschenkt
wird. Durch die Teilhabe an Christus haben wir aneinander Teil und bilden den
Leib Christi, die Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen (1 Kor 10,17). Es ist
unsere Aufgabe, diese Kirche in der Freude und Solidarität zu leben.
Es ist wichtig
festzustellen, dass die biblische Botschaft denselben Begriff koinonia (communio)
verwendet, um die Beziehung zu Christus, unsere gemeinsame Feier des Abendmahls
und die Bande der Solidarität untereinander auszudrücken. Paulus zögert nicht,
die in Kleinasien zugunsten der Kirche in Jerusalem gesammelte Kollekte koinonia zu
nennen (Röm 15,26). Der Gebrauch dieses Begriffs communio für all
diese Gegebenheiten zeugt davon, dass wir es mit einer grundlegenden Einheit
unserer Worte und Taten zu tun haben. Je nach Ort und Zeit, müssen wir eines
dieser Elemente betonen, ohne jedoch die anderen zu vergessen. Unsere Aufgabe
als Gemeinschaft der Gläubigen, die als Kirche leben, besteht nicht darin,
Mitleid mit den Benachteiligten zu haben. Die Solidarität, die ein
unerlässlicher Bestandteil unserer Gemeinschaft ist kein Almosen, sie ist ein
Glaubensakt.
Es gibt viele Momente der
Geschichte, wo unsere Kirchen eine wahre Pionierarbeit geleistet haben, sei es
im Bereich des Unterrichtswesens, der Kranken- und Altenpflege, der
Sozialeinrichtungen usw. Wir führen – glücklicherweise – dieses Engagement
weiter, aber wir haben Mühe, völlig neue Zeichen, die nicht nur punktueller Art
sind, zu entwickeln und in die Tat umzusetzen. Hier erwartet jedoch Europa
unseren Beitrag.
Der deutsche Theologe Dietrich
Bonhoeffer lädt uns zur „Nachfolge“ ein. Im Lateinischen steht für diesen
Gedanken das „zusammen Folgen“, das Wort „consequor“. Konsequent sein! Die Logik der Gnade ruft
uns dazu auf, konsequent zu sein. Sie fordert uns auf, Zeichen einer Welt zu
erfinden oder zumindest zu setzen, die nicht nur auf Wirtschaft, Produktion und
Konsum gegründet ist, eine Welt, wo die Existenz des Menschen möglich ist, wo
es sich lohnt, zu leben. Die Logik der Gnade ist nicht von diesem Überschreiten
sozialer Schranken zu trennen.
Das also ist das
Evangelium, das wir anbieten! Hier liegen die christlichen Wurzeln Europas.
Wohl gemerkt: Wir bieten es an. Ein Angebot hat etwas mit einem Gebet zu tun.
Die grundlegende biblische Haltung ist das Gebet. Und der erste der betet ist
Gott selbst. Gott bittet uns, er hört nicht auf uns zu bitten! Er fleht uns an
sein Angebot anzunehmen.
So heißt es dann auch im Zweiten
Korintherbrief: „Wir bitten für Christus, lasset euch versöhnen mit Gott“ (2.
Kor 5,20f.). Gott bittet die Menschen durch uns, seine Diener, sich mit ihm
versöhnen zu lassen. Die Macht des Gebets ist der Ausdruck eines unendlichen
Reichtums, des Reichtums der Liebe, die den anderen bittet, das anzunehmen, was
man selbst hat. Diese Bitte enthält den Keim der Versöhnung. Gott bittet uns.
Hier ist seine Autorität, seine Art und Weise, Macht auszuüben. Diese Haltung
hat nichts mit Autoritarismus oder Machtkampf zu tun,
die wir bis in unsere Kirchen hinein kennen. Sie ist die einzige Form von
Autorität, die interessant ist, denn im Unterschied zur moralischen Ordnung
oder zum moralischen Imperativ gibt das Gebet dem Angebeteten die Möglichkeit
zu antworten. Gott gibt uns die Zeit zu antworten. Dies ist die Macht der
Liebe.
Erinnern wir uns an die
Worte, die bereits zu Beginn der Kirche zu den Eucharistiefeiern gehörten: „Schmeckt
wie freundlich der Herr ist.“ „Nimm und iss, nimm und trink, auf dass es dich
stärke und erhalte für das ewige Leben.“ Sie sind Ausdruck des Gebetes Gottes.
Gott bittet und fleht uns an, an seinem Fest teilzuhaben und sein Angebot der
Versöhnung anzunehmen. Unser Gottesdienst ist dieser Ort, wo Gott selbst uns bittet,
das Gute anzunehmen das Er uns anbietet (2. Kor 5,20). Er will uns Gutes tun,
das Gute seiner Gnade.
Die Welt bitten und ihr
anbieten, in eine andere Logik einzutreten, ihr das Evangelium zu erzählen. Was
haben wir anderes zu tun, als die Heilige Schrift so zu erzählen, dass unsere
Hörer in der erzählten Geschichte ihre eigene Geschichte wieder erkennen?
Unsere erste Aufgabe ist weder die Verkündigung einer Lehre, noch einer Moral,
sondern die Verkündigung einer frohen Botschaft, des Evangeliums. Unser Reden
und Handeln sollte kein Moral- oder Theologieunterricht sein, sondern eine
Verkündigung, die durch das Erzählen des Evangeliums dem Menschen seinen neuen
Platz zeigt, seine neue Identität, und ihm somit ermöglicht, den Sinn des
Lebens zu erkennen. Dieses Unternehmen ist riskant, aber unerlässlich. Die
Situationen ändern sich und wir sind gezwungen, neue Sprachen zu finden, neue
Kommunikationsformen, die die Grenzen unserer klassischen Sprache überwinden.
Die grundsätzlichen Überlegungen
über den Menschen und die Gemeinschaft der Menschen gehen im Einklang mit einem
bestimmten Verständnis von der Kirche, ihrer Einheit und ihres Auftrages.
Vor 35 Jahren haben die
reformatorischen Kirchen Europas einen entscheidenden Schritt getan, indem sie
die Leuenberger Konkordie
unterschrieben haben, eine Konkordie, die heute 108
nationale und regionale Kirchen verbindet. Eure Kirchen, hier in Luxemburg, im
Rheinland und in Elsass-Lothringen, haben diese Konkordie,
die ich ihnen jetzt nicht im Einzelnen erläutern werde, mitunterschrieben. Das
Entscheidende an dieser Konkordie ist die Tatsache,
dass wir uns gegenseitig in voller Gemeinschaft erklärt haben, wir haben uns
gegenseitig anerkannt als wahrer Ausdruck der Einen Kirche Jesu Christi. Sie
können problemlos als Gemeindeglied von einer Kirche zur anderen wechseln, und
dies gilt auch für Ihre Pfarrer und sonstigen Verantwortlichen. Dieses Modell
ist nicht nur für die Kirchen, sondern auch für die Staaten von großem Interesse,
denn die Fortschritte und Schwierigkeiten die es kennt, gleichen in vieler Hinsicht
den Herausforderungen, die auch das politische Werden Europas kennt. Welches
ist diese Einheitsvision und ihre Bedeutung für das wachsende Europa?
Die Überzeugung der
Reformatoren des 16. Jahrhunderts, die wir in unserer Zeit einfach übernommen
haben, besteht darin, dass ein Konsens im eben dargestellten Wesentlichen für
die Einheit der Kirche ausreicht. In der Feier von Wort und Sakrament bietet
sich Gott den Menschen an. Daher genügt ein Konsens in diesem Bereich, um eine
andere Kirche als wahrer Ausdruck der Einen Kirche Jesu Christi anzuerkennen.
Die wahre Kirche ist die Gemeinschaft der Gläubigen in welcher das Evangelium
in Wahrheit verkündigt wird und die Sakramente ihrer Einsetzung durch Christus
gemäß gefeiert werden. Dies wurde im Dialog überprüft. Nachdem dies
festgestellt wurde, haben sich die reformatorischen Kirchen, die lutherischen,
die unierten, die reformierten, die methodistischen und die anglikanischen
Kirchen gegenseitig anerkannt. Sie haben anerkannt, dass der eine Geist Gottes
auch in der Schwesterkirche am Werk ist. Diese Kirchen sind heute in der Lage,
gemeinsam Kirche zu sein, gemeinsam Wort und Sakrament zu feiern. Dies ist
unsere Situation in Europa und insbesondere hier in Ihrer Region.
Eine entscheidende
Dimension dieses Schrittes ist die Überzeugung, dass unsere Unterschiede nicht
auszuschalten sind, ganz im Gegenteil. Einheit bedeutet nicht
Vereinheitlichung, denn Vereinheitlichung bedeutet nicht Leben sondern Tod.
Wenn die heutige ökumenische Bewegung einen entscheidenden Schritt tun konnte,
so besteht dieser in der Entdeckung, dass die Einheit der Kirche nicht ihre
Vereinheitlichung bedeutet. Die Einheit der Kirche verlangt nicht das Aufgeben
unserer Besonderheiten. Wir sind nicht die gleichen – im Rheinland, in
Luxemburg oder in Lothringen. Wir haben unsere Geschichten, unsere Traditionen,
unsere Frömmigkeiten, unsere besonderen theologischen Akzente. Waren diese
einst kirchentrennend, so musste dieser trennende
Charakter gewiss überwunden und versöhnt werden. Als dies der Fall war, konnten
wir uns gegenseitig anerkennen als besondere, aber legitime Ausdrücke der Einen
Kirche Christi. Das eine Evangelium kann und muss in verschiedenen Gestalten
zum Ausdruck kommen. Die Einheit umfasst legitime Unterschiede. Es besteht kein
Grund, unsere Unterschiede aufzugeben und so unsere Besonderheiten zu leugnen.
Dies gilt übrigens auch für unsere Staaten im Prozess ihrer politischen
Annäherung.
Noch eine zweite
Gegebenheit ist in diesem Einheitsmodell reformatorischer Kirche wichtig. Wir
wissen und haben von neuem gelernt, dass keine Gestalt von Kirche endgültig und
perfekt ist. Jede Gestalt ist nur eine vorletzte Gestalt der einen Kirche
Christi. Sie hat ihren vollen Wert, ist aber und bleibt vorläufig (ein
Provisorium). Sie ist der Ort wo Gläubige heute versuchen, in Überzeugung und
Treue ihren gemeinsamen Glauben an Christus zu leben. „Meine“ Kirche ist nur ein Ausdruck, ein Gesicht der einen Kirche, von der gilt, dass keine kirchliche
Gestalt beanspruchen kann, diese ein für allemal auszudrücken kann. Dieses geht
einher mit der Überzeugung, dass es nicht darum gehen kann, eine europäische
protestantische kirchliche Superstruktur zu gründen. Die reformatorischen
Kirchen sind – aus guten Gründen – sehr zurückhaltend gegenüber jedem Gedanken
einer einheitlichen, zentralisierten und hierarchischen Kirchengestalt. Der im
politischen europäischen Einigungsprozess wichtige Gedanke der Subsidiarität,
der darin besteht so viel wie möglich vorort – und
nicht zentral von Brüssel aus – zu lösen, ist auch für unsere Kirchen wichtig.
Für reformatorische Kirchen liegt die Entscheidungsmacht in den regionalen
Kirchen, und dies soll auch weiterhin so sein. Als bei der vorletzten
Vollversammlung der Kirchen der Leuenberger Konkordie der Gedanke einer europäischen protestantischen
Synode zur Debatte stand, wurde dies mehrheitlich abgelehnt.
Doch gerade hier liegt
nun auch die Schwierigkeit unseres Modells. Wir könnten uns mit dem Erreichten
zufrieden geben, eine rein spirituelle Einheit feiern und jeder würde in seiner
Ecke weiterhin das tun was ihm gefällt. Die legitime Ablehnung einer
zentralisierten Struktur stellt für die lokalen und regionalen Kirchen, also
auch für Sie heute und hier, eine umso größere Herausforderung dar. Unsere
Einheit macht nur dann Sinn, wenn Sie auf lokaler und regionaler Ebene ganz
konkrete Schritte unternehmen, und dies bedeutet: auch konkrete, gegenseitig
verbindliche Entscheidungen eingehen. Es ist schön, sich gelegentlich für einen
Tag des Feierns zu treffen. Doch ebenso gehört dazu, dass Sie in Ihrem
kirchlichen Alltag sich gegenseitig verpflichtet wissen, und dass Ihre Synoden
und Dekanatsversammlungen ganz konkrete Entscheidungen treffen, die für Sie
alle verbindlich sind und so ihre Einheit auf kürzere und auf längere Sicht
gestalten. Würde dies ausbleiben so würde unser europäisches reformatorisches Einheitsmodell
seinen Sinn verlieren und schließlich versanden. Die Zukunft des Leuenberger Einheitsmodell hängt von seiner Konkretisierung in den Regionen ab. Es geht
dabei nicht um lange Debatten über Strukturen und Organisationen, sondern um
sehr genaue Projekte der Verkündigung und der Verwirklichung des Evangeliums,
des Angebots Gottes an die Welt, des Salzseins für diese Welt. Das ist keine
einfache Aufgabe, denn es gilt, alte Grenzen zu überwinden, alte Beurteilungen der
Kirchen in anderen Kontexten aufzugeben. Dafür braucht es Zeit. Dieser Schritt
ist aber unumgänglich. An seiner Verwirklichung hängt die Glaubwürdigkeit
unserer Botschaft und unserer ökumenischen Verpflichtung. Es liegt an uns,
alles zu tun um zu verdeutlichen, dass unsere verschiedenen Familien in unseren
verschiedenen Regionen das eine Evangelium verkündigen, feiern und leben, jeder
in seiner Sprache in seinem besonderen Kontext.
Unsere Botschaft ist die
Gewissheit der Herrschaft Christi. In seinem Licht wird alles andere
zweitrangig. Sein Leben und sein Tod sind das Fundament unseres Lebens. Er ist
die Quelle. Es ist in jedem Fluss einfacher mit dem Strom zu schwimmen als zur
Quelle zurückzukehren. Wir schwimmen gegen den Strom, aus Überzeugung. Ein
ermüdendes aber notwendiges Abenteuer. Es bedarf einer erneuerten Überzeugung,
die wir nur an dieser Quelle erhalten, um stets auf neue Weise das Evangelium
zu Zeit und zur Unzeit zu bezeugen. Eine Kirche ist nur dann überzeugend, wenn
die Gläubigen, die sie ausmachen, überzeugt sind.
In einer Zeit, die
bestimmt nicht einfacher war als die unsrige, sang der Apostel Paulus in seinem
Gefängnis: „Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch
Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, noch Kräfte, weder Hohes noch
Tiefes, noch irgendein anderes Geschöpf uns zu scheiden vermag von der Liebe
Gottes, die in Christus Jesus ist, unsrem Herrn“ (Röm
8,38f.). Lasst uns mit Paulus singen, nicht aus Gewohnheit, sondern aus tiefer
Überzeugung, dass diese Welt dem Herrn gehört. Er gibt unserm Leben Sinn, dem
Salz Geschmack, und Europa seine wahren Wurzeln.
Der Autor dieses Vortrags, der am 22. September
2007 beim Euregionalen Treffen evangelischer Christen
„Flagge zeigen – Gemeinsam grenzen überschreiten“ in Luxemburg gehalten wurde, ist Professor für
Dogmatik an der Faculté de Théologie
Protestante der Universität Straßburg. Die Veröffentlichung wurde vorgeschlagen
von Frank-Matthias Hofmann, Johanna-Wendel-Straße 15, 66119 Saarbrücken.