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Prof. Dr. André Birmelé
Palais Universitaire, Bureau 14, 67000 Strasbourg

Der Beitrag des Protestantismus in Europa und in der Euregion

 

Der Auftrag der Kirche ist es, zur Zeit und zur Unzeit, das Evangelium zu verkündigen durch Wort und Tat. Eine Kirche, die das Evangelium nicht mehr verkündigt, wäre schlechthin keine Kirche mehr. „Ihr seid das Salz der Erde“ (Mt 5,13). Das Salz muss kräftig sein um der Welt den Geschmack zu vermitteln, der ein erfülltes Leben ausmacht, damit die Gemeinschaft der Menschen – und so auch Gott selbst – sich am Leben freuen kann.

Solche Worte haben sie des Öfteren schon gehört oder auch selbst gebraucht. Wir wissen was der Beitrag der Kirche ist oder zumindest sein sollte, wir wissen auch, dass es nicht leicht ist Salz der Erde zu sein. Wir könnten nun die vielen Schwierigkeiten aufzählen, von der Säkularisierung, von der Gleichgültigkeit der Menschen, von der Globalisierung, den wirtschaftlichen Problemen und vielen anderen Gegebenheiten sprechen, die eine gewisse Müdigkeit unserer Kirchen und so ihre Mühe der Welt den Geschmack des Evangeliums zu vermitteln, erklären. Sie kennen diese Schwierigkeiten und es würde nichts bringen sie nun hier weiter zu entwickeln.

Eine Sache jedoch steht fest: Es hat Gott gefallen, uns, seine Kirche, zu gebrauchen, damit sein Wort geschehe. Er hat nur uns um dies zu tun. Wir sind keine Strohfrauen und Strohmänner, die einfach nur das zu wiederholen hätten was immer war. Gott zählt auf unseren Einfallsreichtum, er braucht unsere Ideen damit die Botschaft des Evangeliums wahr werde im Kontext unserer europäischen Gesellschaft. Dies bedeutet gewiss nicht, dass die Botschaft des Evangeliums abhängig wäre von der Gebärden der Gesellschaft, es bedeutet aber wohl, dass es neuer Gestalten bedarf, die wir zu erarbeiten haben, damit dieses Evangelium gehört werden und als reales Lebensangebot wahrgenommen werden kann.

Was haben wir als reformatorische Kirchen heute anzubieten?

 

1. Der Einsatz für die Menschen

 

Europa ist im Bau. Unser neuer gemeinsamer Lebensraum macht – manchmal sehr zaghafte aber eben doch – Fortschritte. Als er Präsident der Europäischen Kommission war, hat uns Jacques Delors eines Tages empfangen – uns: einige Verantwortliche der ökumenischen Arbeit. Dabei hat er ganz deutlich seine Erwartungen im Blick auf die Kirchen formuliert: Er erwarte von den Kirchen ein klares Menschenbild und den Einsatz für ein bestimmte Würde des Menschen. Er fügte hinzu, dass er oft Mühe hätte diese Stimme deutlich zu vernehmen. Sein Ausgangspunkt – und auch hier können wir ihm nur zustimmen – war die Feststellung, dass die europäische Gesellschaft in der Gefahr stehe, alles nur auf die rein wirtschaftliche Dimension zu beschränken. Diese Einschränkung sei Ausdruck einer tiefen Krise, wobei es um nichts weniger als um den Menschen und seine Würde gehe. Im werdenden Europa geht es darum, einen gesellschaftlichen Rahmen zu schaffen, der nicht nur angetrieben wird durch Wirtschaft, Leistung und Konsum, sondern einen Rahmen, wo das wahre Menschsein möglich ist, wo es sich lohnt zu leben.

Diese Anekdote zeigt deutlich, an welcher Stelle wir erwartet werden und was von uns erwartet wird. Das Evangelium, für welches wir uns einsetzen, hat in der Tat seinen Sinn nur darin, dass es ein uneingeschränkter Einsatz ist für das wahre Leben der Menschen in der ganzen Welt, in Europa und hier in dieser Region. In diesem Feld wollen und sollen wir uns zu Wort melden als reformatorische Kirchen.

In einem ersten Schritt gilt es eine Lüge aufzudecken. Statt von der Wahrheit zu leben, lebt unsere Gesellschaft von der großen Lüge, wonach ein Mensch aus sich selbst heraus zu sich selbst finden könne, von der Illusion, dass der Mensch sich durch sein eigenes Handeln selbst verwirklichen könne. Er wäre Herr und Meister seiner Geschicke und würde dieses allein durch seine Leistungen, seine Arbeit, seine Familie und sein soziales Umfeld gestalten. Alles in unserer Welt ist daraufhin ausgerichtet, dass wir dieser Illusion verfallen. Diese Überzeugung einer allgemeinen Selbstverwirklichung ist weit verbreitet und wird in unseren Gesellschaften gepflegt. Die Reformatoren des 16. Jahrhunderts nannten das Werkgerechtigkeit.

Eine Lüge als Lüge zu entlarven macht nur dann Sinn, wenn man ihr eine Wahrheit, die Wahrheit gegenüberstellt. Welche Wahrheit haben wir anzubieten?  Diese Wahrheit besteht aus einem einzigen Wort: die Gnade. Das hat so einen altmodischen Klang, was aber bedauerlich ist, denn es gibt nicht aktuelleres und revolutionäreres als die Gnade: Es ist das Angebot einer ganz anderen Logik als die vorherrschende Logik unserer Gesellschaft. Unser Beitrag besteht darin, Europa für die Gnade zu öffnen! Raum zu schaffen für die Logik der Gnade.

Die in unserem Sprachgebrauch und im Alten Testament geläufige Formulierung: Gnade finden in den Augen eines anderen, sagt es auf schöne Weise. Wenn ich Gnade finde in den Augen eines anderen, bin ich anerkannt, ohne es unbedingt verdient zu haben, ohne etwas getan zu haben – und ohne etwas tun zu können –, was mir erlauben könnte, auf diese Gnade Anspruch zu erheben. Ich bin der Empfänger des Wohlwollens und der Gunst dessen, der mir diese Gnade gewährt. Der Ausdruck „Gnade finden in den Augen eines anderen” ist faszinierend gerade wegen der Erwähnung der Augen. Die Gnade ist nicht blind. Die Gnade schaut an und wählt. Sie ist parteiisch, sie lebt davon, Partei für jemanden zu ergreifen. Gott ist nicht unparteiisch, sondern parteiisch. Er ergreift Partei für die Menschen.

Aus Liebe zu den Menschen! Die Liebe kann man nicht verdienen. Ich werde nicht geliebt für das, was ich tue; wenn dem so wäre, wäre die Liebe nicht authentisch. Ich werde vielmehr geliebt für das, was ich bin. Wir haben keinerlei rechtlichen Anspruch auf die Liebe eines anderen. Das Wesen der Liebe ist anders, die Liebe ist Gnade. Die Liebe ist parteiisch. Derjenige, der um eine verlorene oder zerbrochene Liebe weint, weiß besser als jeder andere, dass die Liebe eine Gnade ist. Wir leben aus dem Blick der Liebe, wir haben Gnade gefunden in den Augen des geliebten und liebenden Wesens, und wir stehen in Gnade bei ihm.

Dieser Logik bedarf Europa! Heute mehr denn je! Leben aus Gnade! Gratuitement! Umsonst!

Statt dass Du dazu verurteilt bist, Dir selbst in der Gesellschaft einen Namen zu machen, bist Du schon längst bei deinem Namen gerufen! Du bist genannt! Mein volles Menschsein und meine volle Würde gehen all meinem Handeln voraus! Ich muss mich nicht rechtfertigen! Gott hat mich bei meinem Namen gerufen und mich gerecht erklärt. Wenn wir immer wieder betonen, dass Gott Liebe und Gnade ist, dann wollen wir genau dieses sagen. Das Evangelium ist eine befreiende Kraft, indem es jedem Menschen  verkündigt, dass er eine von Gott erkannte und endgültig verwirklichte Person ist. Das Leben Jesu und insbesondere sein Tod und seine Auferstehung bestimmen einen neuen Rahmen. Seit Ostern ist das Leben nicht mehr durch den Tod begrenzt, sondern das Leben begrenzt den Tod. Es gibt keine absolut hoffnungslose Situation, aus der sich der Mensch aus eigener Kraft befreien müsste, ohne Aussicht, dass es ihm gelingt. Dem Verzweifelten wiederholt und erneuert Gott die Gabe des vollen und wahren Menschseins: Auch der Unglücklichste wird von Gott geliebt, und Gott will ihn an seiner Seite haben. Eine un-normale oder ver-rückte Logik. Diese Logik ist jedoch die grundlegende biblische Botschaft, sie stand im Mittelpunkt der Reformation des 16. Jahrhunderts, sie muss die Mitte bilden unseres Beitrages als reformatorische Kirchen im derzeitigen europäischen Kontext.

Wenn wir von dieser grundlegenden evangelischen Wahrheit wirklich überzeugt sind, dann werden wir die ersten sein, die alles daran setzen, dass die Würde des Menschen nicht nur von seiner Leistung abhängt, wir werden uns einsetzen für das Lebensrecht aller, die in unserem wirtschaftlichen Kontext unbedeutend geworden sind.

Der Begriff der „Gemeinschaft“ ist in diesem Zusammenhang wesentlich. Er drückt eine Lebensqualität aus, an der wir teilhaben und die wir mit anderen teilen möchten. In der Sprache der Bibel ist der Begriff der „Gemeinschaft“ (koinonia) immer an erster Stelle Gemeinschaft des Gläubigen mit dem Herrn: Wir haben an dem Leben Christi Anteil. Das Hören auf das Wort, die Feier der Taufe und der Eucharistie sind die bevorzugten Orte, an denen uns diese Teilhabe geschenkt wird. Durch die Teilhabe an Christus haben wir aneinander Teil und bilden den Leib Christi, die Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen (1 Kor 10,17). Es ist unsere Aufgabe, diese Kirche in der Freude und Solidarität zu leben.

Es ist wichtig festzustellen, dass die biblische Botschaft denselben Begriff koinonia (communio) verwendet, um die Beziehung zu Christus, unsere gemeinsame Feier des Abendmahls und die Bande der Solidarität untereinander auszudrücken. Paulus zögert nicht, die in Kleinasien zugunsten der Kirche in Jerusalem gesammelte Kollekte koinonia zu nennen (Röm 15,26). Der Gebrauch dieses Begriffs communio für all diese Gegebenheiten zeugt davon, dass wir es mit einer grundlegenden Einheit unserer Worte und Taten zu tun haben. Je nach Ort und Zeit, müssen wir eines dieser Elemente betonen, ohne jedoch die anderen zu vergessen. Unsere Aufgabe als Gemeinschaft der Gläubigen, die als Kirche leben, besteht nicht darin, Mitleid mit den Benachteiligten zu haben. Die Solidarität, die ein unerlässlicher Bestandteil unserer Gemeinschaft ist kein Almosen, sie ist ein Glaubensakt.

Es gibt viele Momente der Geschichte, wo unsere Kirchen eine wahre Pionierarbeit geleistet haben, sei es im Bereich des Unterrichtswesens, der Kranken- und Altenpflege, der Sozialeinrichtungen usw. Wir führen – glücklicherweise – dieses Engagement weiter, aber wir haben Mühe, völlig neue Zeichen, die nicht nur punktueller Art sind, zu entwickeln und in die Tat umzusetzen. Hier erwartet jedoch Europa unseren Beitrag.

Der deutsche Theologe Dietrich Bonhoeffer lädt uns zur „Nachfolge“ ein. Im Lateinischen steht für diesen Gedanken das „zusammen Folgen“, das Wort consequor. Konsequent sein! Die Logik der Gnade ruft uns dazu auf, konsequent zu sein. Sie fordert uns auf, Zeichen einer Welt zu erfinden oder zumindest zu setzen, die nicht nur auf Wirtschaft, Produktion und Konsum gegründet ist, eine Welt, wo die Existenz des Menschen möglich ist, wo es sich lohnt, zu leben. Die Logik der Gnade ist nicht von diesem Überschreiten sozialer Schranken zu trennen.

Das also ist das Evangelium, das wir anbieten! Hier liegen die christlichen Wurzeln Europas. Wohl gemerkt: Wir bieten es an. Ein Angebot hat etwas mit einem Gebet zu tun. Die grundlegende biblische Haltung ist das Gebet. Und der erste der betet ist Gott selbst. Gott bittet uns, er hört nicht auf uns zu bitten! Er fleht uns an sein Angebot anzunehmen.

So heißt es dann auch im Zweiten Korintherbrief: „Wir bitten für Christus, lasset euch versöhnen mit Gott“ (2. Kor 5,20f.). Gott bittet die Menschen durch uns, seine Diener, sich mit ihm versöhnen zu lassen. Die Macht des Gebets ist der Ausdruck eines unendlichen Reichtums, des Reichtums der Liebe, die den anderen bittet, das anzunehmen, was man selbst hat. Diese Bitte enthält den Keim der Versöhnung. Gott bittet uns. Hier ist seine Autorität, seine Art und Weise, Macht auszuüben. Diese Haltung hat nichts mit Autoritarismus oder Machtkampf zu tun, die wir bis in unsere Kirchen hinein kennen. Sie ist die einzige Form von Autorität, die interessant ist, denn im Unterschied zur moralischen Ordnung oder zum moralischen Imperativ gibt das Gebet dem Angebeteten die Möglichkeit zu antworten. Gott gibt uns die Zeit zu antworten. Dies ist die Macht der Liebe.

Erinnern wir uns an die Worte, die bereits zu Beginn der Kirche zu den Eucharistiefeiern gehörten: „Schmeckt wie freundlich der Herr ist.“ „Nimm und iss, nimm und trink, auf dass es dich stärke und erhalte für das ewige Leben.“ Sie sind Ausdruck des Gebetes Gottes. Gott bittet und fleht uns an, an seinem Fest teilzuhaben und sein Angebot der Versöhnung anzunehmen. Unser Gottesdienst ist dieser Ort, wo Gott selbst uns bittet, das Gute anzunehmen das Er uns anbietet (2. Kor 5,20). Er will uns Gutes tun, das Gute seiner Gnade.

Die Welt bitten und ihr anbieten, in eine andere Logik einzutreten, ihr das Evangelium zu erzählen. Was haben wir anderes zu tun, als die Heilige Schrift so zu erzählen, dass unsere Hörer in der erzählten Geschichte ihre eigene Geschichte wieder erkennen? Unsere erste Aufgabe ist weder die Verkündigung einer Lehre, noch einer Moral, sondern die Verkündigung einer frohen Botschaft, des Evangeliums. Unser Reden und Handeln sollte kein Moral- oder Theologieunterricht sein, sondern eine Verkündigung, die durch das Erzählen des Evangeliums dem Menschen seinen neuen Platz zeigt, seine neue Identität, und ihm somit ermöglicht, den Sinn des Lebens zu erkennen. Dieses Unternehmen ist riskant, aber unerlässlich. Die Situationen ändern sich und wir sind gezwungen, neue Sprachen zu finden, neue Kommunikationsformen, die die Grenzen unserer klassischen Sprache überwinden.

 

2. Eine Sicht der Kirche und ihrer Einheit

 

Die grundsätzlichen Überlegungen über den Menschen und die Gemeinschaft der Menschen gehen im Einklang mit einem bestimmten Verständnis von der Kirche, ihrer Einheit und ihres Auftrages.

Vor 35 Jahren haben die reformatorischen Kirchen Europas einen entscheidenden Schritt getan, indem sie die Leuenberger Konkordie unterschrieben haben, eine Konkordie, die heute 108 nationale und regionale Kirchen verbindet. Eure Kirchen, hier in Luxemburg, im Rheinland und in Elsass-Lothringen, haben diese Konkordie, die ich ihnen jetzt nicht im Einzelnen erläutern werde, mitunterschrieben. Das Entscheidende an dieser Konkordie ist die Tatsache, dass wir uns gegenseitig in voller Gemeinschaft erklärt haben, wir haben uns gegenseitig anerkannt als wahrer Ausdruck der Einen Kirche Jesu Christi. Sie können problemlos als Gemeindeglied von einer Kirche zur anderen wechseln, und dies gilt auch für Ihre Pfarrer und sonstigen Verantwortlichen. Dieses Modell ist nicht nur für die Kirchen, sondern auch für die Staaten von großem Interesse, denn die Fortschritte und Schwierigkeiten die es kennt, gleichen in vieler Hinsicht den Herausforderungen, die auch das politische Werden Europas kennt. Welches ist diese Einheitsvision und ihre Bedeutung für das wachsende Europa?

Die Überzeugung der Reformatoren des 16. Jahrhunderts, die wir in unserer Zeit einfach übernommen haben, besteht darin, dass ein Konsens im eben dargestellten Wesentlichen für die Einheit der Kirche ausreicht. In der Feier von Wort und Sakrament bietet sich Gott den Menschen an. Daher genügt ein Konsens in diesem Bereich, um eine andere Kirche als wahrer Ausdruck der Einen Kirche Jesu Christi anzuerkennen. Die wahre Kirche ist die Gemeinschaft der Gläubigen in welcher das Evangelium in Wahrheit verkündigt wird und die Sakramente ihrer Einsetzung durch Christus gemäß gefeiert werden. Dies wurde im Dialog überprüft. Nachdem dies festgestellt wurde, haben sich die reformatorischen Kirchen, die lutherischen, die unierten, die reformierten, die methodistischen und die anglikanischen Kirchen gegenseitig anerkannt. Sie haben anerkannt, dass der eine Geist Gottes auch in der Schwesterkirche am Werk ist. Diese Kirchen sind heute in der Lage, gemeinsam Kirche zu sein, gemeinsam Wort und Sakrament zu feiern. Dies ist unsere Situation in Europa und insbesondere hier in Ihrer Region.

Eine entscheidende Dimension dieses Schrittes ist die Überzeugung, dass unsere Unterschiede nicht auszuschalten sind, ganz im Gegenteil. Einheit bedeutet nicht Vereinheitlichung, denn Vereinheitlichung bedeutet nicht Leben sondern Tod. Wenn die heutige ökumenische Bewegung einen entscheidenden Schritt tun konnte, so besteht dieser in der Entdeckung, dass die Einheit der Kirche nicht ihre Vereinheitlichung bedeutet. Die Einheit der Kirche verlangt nicht das Aufgeben unserer Besonderheiten. Wir sind nicht die gleichen – im Rheinland, in Luxemburg oder in Lothringen. Wir haben unsere Geschichten, unsere Traditionen, unsere Frömmigkeiten, unsere besonderen theologischen Akzente. Waren diese einst kirchentrennend, so musste dieser trennende Charakter gewiss überwunden und versöhnt werden. Als dies der Fall war, konnten wir uns gegenseitig anerkennen als besondere, aber legitime Ausdrücke der Einen Kirche Christi. Das eine Evangelium kann und muss in verschiedenen Gestalten zum Ausdruck kommen. Die Einheit umfasst legitime Unterschiede. Es besteht kein Grund, unsere Unterschiede aufzugeben und so unsere Besonderheiten zu leugnen. Dies gilt übrigens auch für unsere Staaten im Prozess ihrer politischen Annäherung.

Noch eine zweite Gegebenheit ist in diesem Einheitsmodell reformatorischer Kirche wichtig. Wir wissen und haben von neuem gelernt, dass keine Gestalt von Kirche endgültig und perfekt ist. Jede Gestalt ist nur eine vorletzte Gestalt der einen Kirche Christi. Sie hat ihren vollen Wert, ist aber und bleibt vorläufig (ein Provisorium). Sie ist der Ort wo Gläubige heute versuchen, in Überzeugung und Treue ihren gemeinsamen Glauben an Christus zu leben. „Meine“ Kirche ist nur ein Ausdruck, ein Gesicht der einen Kirche, von der gilt, dass keine kirchliche Gestalt beanspruchen kann, diese ein für allemal auszudrücken kann. Dieses geht einher mit der Überzeugung, dass es nicht darum gehen kann, eine europäische protestantische kirchliche Superstruktur zu gründen. Die reformatorischen Kirchen sind – aus guten Gründen – sehr zurückhaltend gegenüber jedem Gedanken einer einheitlichen, zentralisierten und hierarchischen Kirchengestalt. Der im politischen europäischen Einigungsprozess wichtige Gedanke der Subsidiarität, der darin besteht so viel wie möglich vorort – und nicht zentral von Brüssel aus – zu lösen, ist auch für unsere Kirchen wichtig. Für reformatorische Kirchen liegt die Entscheidungsmacht in den regionalen Kirchen, und dies soll auch weiterhin so sein. Als bei der vorletzten Vollversammlung der Kirchen der Leuenberger Konkordie der Gedanke einer europäischen protestantischen Synode zur Debatte stand, wurde dies mehrheitlich abgelehnt.

Doch gerade hier liegt nun auch die Schwierigkeit unseres Modells. Wir könnten uns mit dem Erreichten zufrieden geben, eine rein spirituelle Einheit feiern und jeder würde in seiner Ecke weiterhin das tun was ihm gefällt. Die legitime Ablehnung einer zentralisierten Struktur stellt für die lokalen und regionalen Kirchen, also auch für Sie heute und hier, eine umso größere Herausforderung dar. Unsere Einheit macht nur dann Sinn, wenn Sie auf lokaler und regionaler Ebene ganz konkrete Schritte unternehmen, und dies bedeutet: auch konkrete, gegenseitig verbindliche Entscheidungen eingehen. Es ist schön, sich gelegentlich für einen Tag des Feierns zu treffen. Doch ebenso gehört dazu, dass Sie in Ihrem kirchlichen Alltag sich gegenseitig verpflichtet wissen, und dass Ihre Synoden und Dekanatsversammlungen ganz konkrete Entscheidungen treffen, die für Sie alle verbindlich sind und so ihre Einheit auf kürzere und auf längere Sicht gestalten. Würde dies ausbleiben so würde unser europäisches reformatorisches Einheitsmodell seinen Sinn verlieren und schließlich versanden. Die Zukunft des Leuenberger Einheitsmodell hängt von seiner  Konkretisierung in den Regionen ab. Es geht dabei nicht um lange Debatten über Strukturen und Organisationen, sondern um sehr genaue Projekte der Verkündigung und der Verwirklichung des Evangeliums, des Angebots Gottes an die Welt, des Salzseins für diese Welt. Das ist keine einfache Aufgabe, denn es gilt, alte Grenzen zu überwinden, alte Beurteilungen der Kirchen in anderen Kontexten aufzugeben. Dafür braucht es Zeit. Dieser Schritt ist aber unumgänglich. An seiner Verwirklichung hängt die Glaubwürdigkeit unserer Botschaft und unserer ökumenischen Verpflichtung. Es liegt an uns, alles zu tun um zu verdeutlichen, dass unsere verschiedenen Familien in unseren verschiedenen Regionen das eine Evangelium verkündigen, feiern und leben, jeder in seiner Sprache in seinem besonderen Kontext.

Unsere Botschaft ist die Gewissheit der Herrschaft Christi. In seinem Licht wird alles andere zweitrangig. Sein Leben und sein Tod sind das Fundament unseres Lebens. Er ist die Quelle. Es ist in jedem Fluss einfacher mit dem Strom zu schwimmen als zur Quelle zurückzukehren. Wir schwimmen gegen den Strom, aus Überzeugung. Ein ermüdendes aber notwendiges Abenteuer. Es bedarf einer erneuerten Überzeugung, die wir nur an dieser Quelle erhalten, um stets auf neue Weise das Evangelium zu Zeit und zur Unzeit zu bezeugen. Eine Kirche ist nur dann überzeugend, wenn die Gläubigen, die sie ausmachen, überzeugt sind.

In einer Zeit, die bestimmt nicht einfacher war als die unsrige, sang der Apostel Paulus in seinem Gefängnis: „Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, noch Kräfte, weder Hohes noch Tiefes, noch irgendein anderes Geschöpf uns zu scheiden vermag von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unsrem Herrn“ (Röm 8,38f.). Lasst uns mit Paulus singen, nicht aus Gewohnheit, sondern aus tiefer Überzeugung, dass diese Welt dem Herrn gehört. Er gibt unserm Leben Sinn, dem Salz Geschmack, und Europa seine wahren Wurzeln.

 

Der Autor dieses Vortrags, der am 22. September 2007 beim Euregionalen Treffen evangelischer Christen „Flagge zeigen – Gemeinsam grenzen überschreiten“  in Luxemburg gehalten wurde, ist Professor für Dogmatik an der Faculté de Théologie Protestante der Universität Straßburg. Die Veröffentlichung wurde vorgeschlagen von Frank-Matthias Hofmann, Johanna-Wendel-Straße 15, 66119 Saarbrücken.


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