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Paul Gerhard Schoenborn
Dellbusch 298, 42279 Wuppertal

Politischer Widerstand und christliches Martyrium

Kaj Munk, Dietrich Bonhoeffer, Oscar Romero und viele andere

Seit mehr als zehn Jahren beschäftige ich mich mit dem dänischen Pastor Kaj Munk, den ein deutsches Terrorkommando erschoss. Noch viel länger beschäftige ich mich mit Oscar Arnulfo Romero, dem Erzbischof von San Salvador, den bei einem Gottesdienst am Altar die Kugel eines Meuchelmörders traf. Und seit meiner Schüler- und Studentenzeit beschäftige ich mich mit Dietrich Bonhoeffer, dem lutherischen Pastor, der am Putsch des 20. Juli 1944 gegen Hitler beteiligt war und  deshalb hingerichtet wurde. Ich habe Leben und Werk dieser Männer, die politischen Umstände die zu ihrem Tode führten und die Nachwirkungen, die ihr Leben und ihr Sterben hatte, gründlich studiert. Für mich sind es christliche und zugleich politische Märtyrer, die meinem Herzen sehr nahe stehen.

Mit großer kopfschüttelnder Verwunderung notiere ich aber solche Sachverhalte, die ich erfahren muss: Ein Freund nahm im Jahre 1996 an einem Weltkongress zu Dietrich Bonhoeffer in Kapstadt (Südafrika) teil. Er berichtete mir, er habe dort zwei dänische Theologen auf Kaj Munk angesprochen. Er wusste durch meine Arbeiten, wer Kaj Munk, der dänische Pfarrer, Dichter und Märtyrer war, und er war davon überzeugt: Dietrich Bonhoeffer und Kaj Munk gehören irgendwie zusammen. Aber was habe ihm einer der Dänen zu seiner großen Verwunderung gesagt? „Was Munk wollte, war unvernünftig. Er hätte besser den Mund gehalten und wäre am Leben geblieben.“ Der andere Däne habe nur geschwiegen.

Noch härter reagierte 1956 ein Professor für praktische Theologie in bezug auf Bonhoeffer, der 1945 wegen seiner Beteiligung am Putsch gegen Hitler im KZ Flossenbürg ermordet wurde. Der Tübinger Theologe hatte die Studenten nach christlichen Vorbildern gefragt. Die Studenten nannten ihm Dietrich Bonhoeffer, der sei doch ein christlicher Märtyrer. Der Professor darauf schroff: „Bonhoeffer war kein Märtyrer, sondern ein Volksverräter.“

Ich kann noch viele solcher Geschichten erzählen von Christinnen und Christen, die wegen ihres christlichen Engagements ermordet wurden, aber denen man abspricht, dass sie christliche Märtyrer sind:

·        Der dänische Pfarrer Tage Schack wurde 1945 kurz vor Kriegsende ermordet, weil er bei der Beerdigung eines Nazisympathisanten dessen Kollaboration mit den Deutschen nicht verschwieg. – Er sei unvorsichtig und fanatisch gewesen.

·        Oscar Arnulfo Romero, der fromme Erzbischof von San Salvador, wurde am 24. März 1980 am Altar einer Kirche erschossen. Er war die Stimme der Ausgebeuteten und das christliche Gewissen seines Vaterlandes. Bis heute hat die katholische Kirche vermieden, ihn offiziell als Märtyrer anzuerkennen. Als Papst Johannes Paul II sich bei den salvadoreanischen Bischöfen erkundigte, wie sie zu einer Seligsprechung stünden, antwortete ihm Bischof Marco René Revelo: „Romero ist für den Tod von 70.000 Menschen – für die Toten des Bürgerkrieges von 1977 bis 1991 – verantwortlich.“

·        Margarida Alves, eine katholische brasilianische Gewerkschaftlerin, wurde 1983 von vor den Augen ihres Mannes und ihres Sohnes von Pistoleros erschossen. Sie hatte Großgrundbesitzer erfolgreich vor Gericht auf Zahlung gerechter Löhne an ihre Arbeiter verklagt. – Die Großgrundbesitzer beschimpfen sie noch heute als Kommunistin. Die Campesinos im Nordosten Brasilien verehren sie bis heute als Märtyrerin des Reiches Gottes.

·        Sechs Jesuitenpatres, Professoren an der Universität, und ihre Haushälterin und deren Tochter wurden 1989 in San Salvador von einer Heereseinheit eliminiert, weil sie sich engagiert für Friedensbedingungen im Bürgerkrieg einsetzten, die der Masse der Armen zugute kommen sollte. – Die Medien behaupteten, sie seien verkappte Marxisten gewesen und hätten in der Politik durch Propagierung verkehrter Ziele gestört.

·        Bischof Juan Girardi wurde 1998 in Guatemala-Stadt erschlagen, nachdem er zwei Tage zuvor einen vierbändigen Bericht über Menschenrechtsverletzungen während des Bürgerkrieges von 1960 bis 1996 der Öffentlichkeit übergeben hatte. In den dokumentierten Massakern der Streitkräfte wurden mindestens 200.000 Menschen umgebracht. – Man sagte vielfach, der Bischof hätte wissen müssen, in welche Gefahr er sich mit seinen Aktivitäten bringt.

·        Die 74-jährige Nonne Dorothy Stang wurde 2005 in Anapu-Brasilien von gedungenen Mördern mit drei Kopfschüssen getötet, weil sie sich seit Jahren gegen die illegale Abholzung des Regenwaldes protestierte und sich schützend vor die dort lebenden Indiovölker stellte. – Sie hätte den ökonomischen Fortschritt verhindert und sich nicht auf ihre seelsorgerlichen Pflichten beschränkt, sagte man.

Diese Frauen und Männer waren gläubige Christen. Sie leisteten – alle in ihrer eigenen Weise – politischen Widerstand, nicht weil sie politische Querköpfe waren, sondern weil sie in den Konflikten ihrer Gegenwart dem Ruf Jesu Christi gehorsam sein wollten.

Für mich als evangelischen Theologen sind es christliche Märtyrer, die der ganzen Christenheit etwas zu sagen haben. Sie und viele andere mehr wurden ermordet in Ländern, die vom Christentum geprägt sind, nicht in atheistischen oder christentumsfeindlichen Staaten. Ein Teil ihrer Mitbürger, ihrer Mitchristen in ihren Heimatländern verurteilt sie bis heute und lässt ihre Opposition nicht als christliches Engagement, und darum nicht als „echtes christliches Martyrium“ gelten.

Warum ist das so? Ich möchte einige Fragen stellen und ihnen nachgehen. Dabei werde ich unseren Blick ausschließlich auf ein christliches Verständnis der Phänomene „Martyrium“, „Märtyrertod“, „Märtyrer“ richten. Für Christen bezeugen Märtyrer mit ihrem Leben die Glaubenswahrheit, dass, wie Jesus von Nazareth verkündigt hat, Gottes Reich auf dieser Erde angebrochen ist und dass ihm allein die Ehre gebührt und nicht den Göttern des Todes. Die Märtyrer engagierten sich für das Reich Gottes unter den Menschen und scheuten Konflikte nicht, auch wenn es ihr Leben kostete

Das Blut der Märtyrer, so hat man in der Frühzeit des Christentums gesagt, ist der Same der Kirche. Leben und Sterben der Märtyrer enthalten ein Bekenntnis, eine Botschaft, die die anderen Christen hören und nicht ablehnen sollen. Insofern sind Märtyrer wichtige Glaubenszeugen und Glaubenshelfer der weltweiten Christenheit.

Um Missverständnissen vorzubeugen, sage ich, mir ist bewusst, dass das säkulare Verständnis von Martyrium ein anderes ist. Hier bedeutet es Leiden, dem Menschen oder auch Tiere wehrlos ausgesetzt sind. Und wieder ein anderes Verständnis von Märtyrertum finden wir in einem gegenwärtig vieldiskutierten Bereich des Islam, im militanten „Islamismus“. Hier nennt man zur freiwilligen Selbsttötung bereite Kämpfer, die andere mit in den Tod reißen, Märtyrer.

Mir geht es bei meinen Reflexionen ausschließlich um christliches Martyrium in unserer Zeit. Und zwar um Menschen, deren Lebenseinsatz als gläubige Christen und deren gewaltsamer Tod bis heute von einem Teil ihrer Mitchristen verachtet werden. Ihre politische Opposition sei kein christliches Engagement gewesen, und darum könne ihre Ermordung auch nicht als „echtes christliches Martyrium“ gelten.

Dieses sind nun meine Fragen:

- Erstens: Warum werden Menschen, die als Christen politisch opponierten, in einer christlich geprägten Umwelt umgebracht?

- Zweitens: Warum wird die christliche Legitimation ihres Widerstands nicht anerkannt?

- Drittens: Welches Licht werfen diese Märtyrer auf die Kirchen, auf die westliche Christenheit?

 

Zur ersten Frage: Warum wurden diese Menschen, die als Christen politisch opponierten, in einer christlich geprägten Umwelt umgebracht?

Die Antwort ist einfach: Sie mussten sterben, weil sie sich mit den herrschenden Umständen, mit der aktuellen Politik nicht abfinden wollten. Sie brachten das erkennbar zum Ausdruck und opponierten. Viele ihrer Mitmenschen dachten genau so, aber sie schwiegen aus Vorsicht und passten sich lieber an die realen Machtverhältnisse an. Die Opposition in Wort und Tat der Wenigen, die sich nicht anpassten und schwiegen, zielte auf Verhältnisse, die besser, menschlicher und gerechter sein sollten. Ihr christlicher Glaube verpflichtete sie dazu und gab ihnen Mut zur Opposition. Sie hörten auf das Zeugnis der Bibel: Gott ist der Liebhaber des Lebens, er will Frieden in Gerechtigkeit. Deshalb wurden sie im politischen Bereich aktiv. Ihr öffentliches Engagement stellte jedoch eine Herausforderung, ja eine Bedrohung dar für den status quo und alle, die davon profitierten. In deren Interesse wurden sie eliminiert.

Dahinter steht die uralte Opferlogik, mit der Kaiphas, der Hohepriester, zur Beseitigung Jesu rät: „Es ist besser, dass ein Mensch stirbt, als dass das ganze Volk verdirbt.“ (Johannes 11,50) Wenn es um die Verteidigung des status quo und der damit verbundenen materiellen Privilegien geht, sind religiöse Begründungen leicht zur Hand, gerade auch in einer christlich geprägten Kultur. Man muss der Obrigkeit nach Römer 13 gehorchen, heißt es dann, denn sie hat ihre Vollmacht von Gott, und man darf nicht gegen sie opponieren oder sie gar mit Gewalt beseitigen wollen.

Der Katholik Adolf Hitler berief sich auf die Bevollmächtigung durch Gott und ließ die Männer und Frauen ermorden, die am 20. Juli 1944 den Aufstand gegen ihn gewagt hatten, so auch Pastor Bonhoeffer. Erzbischof Romeros Predigten gegen Ausbeutung und Staatsterrorismus ebenso wie Bischof Girardis Dokumentation der Massaker des Militärs waren eine prophetische Anklage des Missbrauchs der Macht. Derweil besuchten auch die verantwortlichen Politiker und Staatsmänner in Mittelamerika die Heilige Messe, sie hatten ihre Militärbischöfe und Seelsorger.

So müssen wir das erschreckende Phänomen anerkennen: christliche Märtyrer in unserer Zeit werden ermordet von Christen, jedenfalls von Menschen in einer vom Christentum geprägten Kultur. Christliche Märtyrer heute machen sichtbar, das im Bereich der politischen Auseinandersetzung, im Bereich des Kampfes um Menschenrechte, um soziale Gerechtigkeit, um Frieden auch ein theologischer Grundkonflikt herrscht: der Krieg zwischen dem Gott des Lebens und den Götzen des Machterhalts um jeden Preis, auch um den Preis von Menschenleben.

 

Zur zweiten Frage: Warum wird die christliche Legitimation des Widerstands der christlichen Märtyrer nicht anerkannt, sondern als in der Sache falsch verurteilt?

Oberflächlich kann man sagen, der Grund sei eine unbiblische, bürgerliche Ansicht, der christliche Glaube sei eine Sache der Innerlichkeit und habe mit Politik nichts zu tun. „Kümmern Sie sich um die Seele des deutschen Volkes, meine Herren“, rief Hitler 1933 im Kanzleramt den deutschen evangelischen Bischöfen zu, „mir dagegen hat der Herrgott die Verantwortung für die irdische Wohlfahrt unseres Volkes auferlegt“. Martin Niemöller, der als Sprecher des Pfarrernotbundes anwesend war, widersprach ihm direkt ins Angesicht hinein: „Auch wir haben eine Verantwortung vor Gott für das irdische Wohlergehen unseres Volkes, die können Sie uns nicht absprechen!“

Mit politisch agierenden Christen oder mit dem politischen Gebrauch von christlichen Bekenntnissen hat niemand ein Problem, solange das, was sie vertreten, dem entspricht, was man selbst denkt und will. „In God we trust” steht auf jedem „Greenback“, auf jeder US-Dollarnote. Solange man genug Greenbacks in der Tasche hat, sieht man darin keinen Missbrauch des heiligen Namens Gottes oder eine Verbeugung vor dem Götzen Mammon. Ebenso störte es die nicht, die Hitlers Erfolge in den deutschen Eroberungsfeldzügen bejubelten, dass auf den Koppelschlössern der deutschen Soldaten zu lesen war: „Gott mit uns“. Nur: Welcher Gott ist das? Oder welcher Götze?

Wenn christlicher Widerstand die eigenen, stets auch materiellen Interessen gefährdet, oder wenn er die eigene Feigheit entlarvt, dann grenzt man sich ab gegen die christlichen Dissenters, verdächtigt sie und spricht ihnen die Legitimation ab. Und wenn sich der Konflikt verschärft, schafft man sie aus dem Weg. Und noch lange nach ihrem Tod schweigt man sie tot, um das eigene Gewissen zu beruhigen.

Ein Beispiel: Der Bauer Franz Jägerstätter nahm die Gebote Gottes ernst und ließ sich auch sein selbständiges Denken nicht verbieten. Darum folgte er seinem Gewissen und sagte Nein zu Hitlers Krieg gegen die Sowjetunion. Er verlor sein Leben als Christ, der Hitlers Politik nicht gehorsam folgen wollte. Hunderttausende von Österreichern aber folgten Hitler und starben für seine imperialistischen Pläne. Jägerstätters Martyrium stellt den hunderttausendfachen Tod seiner Landsleute noch heute in Frage. Jägerstätters Martyrium abzulehnen, ihn menschlich als Querkopf und Dickschädel zu verdächtigen, der nicht an seine Familie gedacht hat, fällt offenbar leichter, als über die Fragwürdigkeit und Sinnlosigkeit des Todes der vielen anderen nachzudenken. Und weil die katholische Kirche nach 1945 die Kriegsteilnehmer und ihre Angehörigen nicht vor den Kopf stoßen und auch ehemalige Mitglieder der NSDAP wieder für sich gewinnen wollte, verbot sein Bischof Fließer, über in seiner Bistumszeitung Jägerstätter als christliches Vorbild zu schreiben.

 

Das führt zur dritten Frage: Welches Licht werfen Märtyrer unserer Tage auf die westliche Christenheit, auf die Kirchen?

Christliche Märtyrer machen die Sünden im öffentlichen, politischen Leben sichtbar. Zugleich fällt auch manches Fragwürdige auf, wenn man sieht, wie sich die christlichen Kirchen zu ihnen verhalten.

Grundsätzlich wird oft die Frage gestellt, ob es sich denn wirklich um christliche oder „nur um politische“ Märtyrer handele. Man hat schnell die dogmatische Definition zur Hand, christlicher Märtyrer sei, wer wegen seines Christusbekenntnisses, und darum wegen seines Glaubens allein, verfolgt und umgebracht werde. Man blendet dabei jegliches politisches oder sozialethisches Engagement aufgrund des Glaubens aus. Der Glaube an Christus und das Martyrium um des Glaubens willen hat aber immer auch eine politische Dimension, von der Zeit der Christenverfolgungen im Römischen Reich bis heute.

Urteilt man, etwa bei Kaj Munk oder Dietrich Bonhoeffer, sie seien „nur politische“ Märtyrer, so will man ihre Bedeutung für die Kirche heute herunterspielen. Kirchenleitende Personen, aber nicht nur sie, werten dann Bonhoeffer und Munk als „Ausnahme“, als „besonderen Einzelfall” und sprechen ihnen damit das beispielgebende Zeugnis eines christlichen Märtyrers ab. Märtyrer der heutigen Ökumene stören nicht nur die Politik im weltlichen Bereich. Sie stören auch die Politik der Kirchenleitungen, die es sich nicht mit dem Zeitgeist, mit den Mehrheiten des Volks und besonders mit den Führungseliten verderben wollen.

Die Erinnerung an heutige Märtyrer offenbart die Sünden von großen Teilen der christlichen Kirche: Anpassung an die politische Großwetterlage, Verharmlosung der Verhältnisse, Einsatz nur für sich selbst, Aufrechterhaltung einer Theologie, die weniger mit Jesus Christus als mit einer civil religion zu tun hat, die die jeweils Herrschenden brauchen.

„Politischer Widerstand und christliches Martyrium“ – wir haben gesehen, es ist ein quälendes und unabgeschlossenes Kapitel der Gegenwartsgeschichte. Offenbar müssen wir neu darüber nachdenken, was christliches Martyrium heute bedeutet und welchen Dienst uns heutige Märtyrerinnen und Märtyrer erweisen.

Fest steht: Märtyrerinnen und Märtyrer unserer Gegenwart wollen Jesus von Nazareth nachfolgen und ihrem Glauben an das Evangelium treu bleiben. Darum mischen sie sich in die konkreten irdischen, politischen, ökonomischen Verhältnisse ein. Man kann sagen: Sie ziehen die ethischen Konsequenzen aus der Botschaft Jesu, dass das Reich Gottes mitten unter den Menschen ist. Und sie setzen ihr Leben dafür ein.

Christlicher Glaube hat immer praktische Konsequenzen, sonst ist er lediglich eine Art Philosophie. Hätte Jesus nur eine neue Lehre aufgebracht, so wäre er nicht umgebracht worden. Er stellte aber mit seiner Botschaft vom Hereinbrechen des Reiches Gottes die sozioökonomischen Verhältnisse, also den status quo und die, die davon profitierten, in Frage. Das brachte ihn ans Kreuz. Ähnlich ist es bei Kaj Munk, Dietrich Bonhoeffer, Oscar Romero und all den anderen.

Die Erinnerung an die Märtyrerinnen und Märtyrer sensibilisiert uns für unsere Gegenwart. Das ist gut. Wir lernen, genauer hinzuschauen, was in unserer Zeit passiert. Wirt verlieren Illusionen über unsere Welt als die beste aller Welten. Wir erkennen, dass das Leben dramatischer und grausamer ist, als es uns Massenmedien und Konsumwelt suggerieren. Wir werden veranlasst, den konfliktiven status quo, seine Machthaber und Nutznießer, Helfer und Mitläufer, Opfer und Verlierer wahrzunehmen. Wir ahnen, welche Herausforderung der christliche Glaube, der Ruf Jesu „Folge mir nach!“ bis heute darstellt.

Die Erinnerung an die Märtyrerinnen und Märtyrer beschämt uns darum auch. Das sollten wir aushalten und das Spiel, das wir bei anderen sehen, nicht mitspielen und nach Gründen suchen, warum diese Frauen und Männer eben das Unheil über sich herabbeschworen haben. Wir sollten es aushalten, dass ihr Lebenszeugnis uns erinnert, dass christlicher Glaube immer etwas mit konkretem Leben und konkreten Kampf zu tun hat.

Der Jesuit José M. Tojeira, Rektor der Zentralamerikanischen Universität in San Salvador, hat in „Martirio en la Iglesia actual“ – und damit möchte ich schließen – acht nachdenkenswerte Dimensionen des christlichen Martyriums herausgearbeitet:

·        Die mystische Dimension: Märtyrer verkörpern die Nachfolge Jesu Christi.

·        Die kirchliche Dimension: Märtyrer geben Orientierung, wofür sich Christen und Kirchen einsetzen sollen.

·        Die moralische Dimension: Märtyrer bekräftigen die christlichen und humanen Werte.

·        Die Dimension der Verkündigung: Märtyrer bezeugen in ihrem Leiden das Evangelium.

·        Die Dimension der prophetischen Anklage: Märtyrer klagen eine Welt an, die ihren eigenen Göttern dient.

·        Die politische Dimension: Märtyrer mühen sich ab, die Wirklichkeit zu verändern.

·        Die alltäglich-praktische Dimension: Märtyrer arbeiten mit an dem Frieden, der uns verheißen ist.

·        Die gläubige Dimension: Märtyrer leben und handeln in persönlicher Freiheit und im Widerstand.

 

Entwurf für MINISEMINAR DEN 30. AUGUST 2006 PÅ AALBORG UNIVERSITET: Kaj Munk og den kristne modstand.

Der Autor ist Pfarrer i. R. der Evangelischen Kirche im Rheinland.


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