![]() |
|
Dr. Martin Schuck Lindenstraße 19, 67346 Speyer |
|
Editorial Der Papst als Privatgelehrter Ein kluger Kommentator meinte, zu seinem 80.
Geburtstag habe sich Papst Benedikt XVI. selbst das schönste Geschenk gemacht:
Die Veröffentlichung seines Buches „Jesus von Nazareth“. Das knapp 450 Seiten starke Buch ist der erste Teil
eines auf zwei Bände geplanten Werkes, in dem der Papst jenseits seiner
lehramtlichen Funktion, quasi als Privatgelehrter, seine eigene Sicht über
Jesus Christus, wie sie sich ein Theologenleben lang entwickelt hat, darlegt.
Es erscheint sozusagen als die bibliographische Fortsetzung des „Papstes zum
Anfassen“, wie er sich auf dem Weltjugendtag in Köln und beim Besuch seiner
bayerischen Heimat präsentiert hat: Der Papst will „erlesen“ und auf eigene
Faust entdeckt werden. Der Erfolg spricht für sich: Der Freiburger
Herder-Verlag, als Exklusiv-Verleger aller bisherigen Ratzinger-Bücher durch
die Papstwahl ohnehin reich gesegnet, dürfte mit dem Jesus-Buch das beste
Geschäft seiner über 200jährigen Verlagsgeschichte machen. Die Startauflage wurde
von geplanten 150.000 auf 250.000 erhöht, und in Italien wurden sogar
vorsorglich eine halbe Million Bücher gedruckt. In beiden Ländern wird es nicht
bei nur einer Auflage bleiben, und der Rest der Welt will ebenfalls teilhaben
am Lesevergnügen – wenn auch mit bescheideneren Auflagenzahlen. Hier zeigt sich ein Phänomen, das nach einer Analyse
verlangt. Der seit der Papstwahl vor zwei Jahren allseits wahrgenommene
„Papst-Hype“ erklärt nur unzureichend, was hier vorgeht. Joseph Ratzinger ist
zwar mit seiner Wahl zum Papst endgültig zum Medienereignis geworden und hat es
noch dazu geschafft, in kürzester Zeit sein über zweieinhalb Jahrzehnte
aufgebautes Negativimage ins Positive zu drehen. Schon seit geraumer Zeit ist
zu beobachten, daß Prominente, die aus dem Unterhaltungsprogramm bekannt sind,
mit Büchern, die sich erkennbar um Wertevermittlung, Sinnfragen oder gar
metaphysische Erlebnisse drehen, regelmäßig die Bestsellerlisten stürmen. Das
funktionierte in der Vergangenheit nicht nur bei Ulrich Wickert, Petra Gerster
und Peter Hahne, sondern auch bei weniger meinungsstarken Charakteren wie
Susanne Fröhlich und Hape Kerkeling. Somit konnten von Anfang an einem Buch
unter der Autorenschaft einer so bekannten und neuerdings positiv besetzten
Persönlichkeit wie Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. enorme Marktchancen
prophezeit werden. Das ist aber nur der eine Teil der Wahrheit, für den
die allzu weltliche Clique der Meinungsforscher, Pressesprecher und
Verlagslektoren verantwortlich zeichnet. Etwas Bedeutenderes mußte hinzukommen,
und das war mit den üblichen Mitteln der zuständigen kapitalistischen
Verwertungsinstanzen nicht zu organisieren: ein Papst, der sich auf dieses
Spiel einläßt, indem er es sich zu eigen macht. An dieser Stelle ist ein grundsätzliches Wort fällig
über das Wesen des Papstamtes in neuerer Zeit: Seinen Höhepunkt erlebte dieses
Amt seit der Zeit der Hinwendung der römisch-katholischen Kirche zur
klassischen scholastischen Philosophie und Theologie und der daraus
resultierenden Entwicklung der Neuscholastik, also in der Zeit seit dem
Pontifikat Pius’ IX. (1846-1878). In diese Zeit fiel das erste Mariendogma, der
Syllabus errorum und das Erste Vatikanische Konzil mit dem Unfehlbarkeitsdogma.
Die Zentralisierung der Macht in Rom kannte kaum noch Grenzen, und erst die
Nachfolger Pius’ IX. mußten sich damit auseinandersetzen, daß die sich
ausdifferenzierenden Formen der Wirklichkeitswahrnehmung und -erklärung (die
man pauschal als „Modernismus“ verunglimpfte) eine Erosion der „ewigen“
Weltanschauung des Thomas von Aquin nach sich zogen. Dennoch schaffte man es
fast noch ein ganzes Jahrhundert lang, sich als Bollwerk gegen eine Moderne zu
profilieren, die sich entweder vollends destruktiv präsentierte (wie der
Faschismus in Italien, Deutschland und Spanien) oder nur allzu leicht als
Beispiel für menschliche Hybris darstellen ließ (wie der Kommunismus in der
Sowjetunion und ihrem Einflußbereich). Johannes XXIII. merkte als erster Papst, daß die
Konzentration auf die Rolle des organisierten Antimodernismus allein keine
Zukunftssicherung ermöglichte. So sollte mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil
eine Modernisierung der gesamten kirchlichen Organisation in die Wege geleitet
werden, die unter Beibehaltung des neuscholastischen Theologieansatzes ein
zeitgemäßes Agieren im Institutionengefüge der modernen Welt der Nachkriegszeit
ermöglichte. Der frühe Tod Johannes XXIII. noch während des
Konzils bedeutete einen Rückschlag für diese Strategie, denn sein Nachfolger
Paul VI. war noch ganz dem alten Organisationsparadigma verhaftet;
dementsprechend versuchte er, die Reichweite der Konzilsbeschlüsse mit zunächst
untauglichen Mitteln zu begrenzen. Grundsätzlich ließ er den nationalen
Bischofskonferenzen große Gestaltungsmöglichkeiten bei der Umsetzung der
Konzilsbeschlüsse, was in einigen Ländern (wie auch in der alten BRD) zu
Lösungen führte, die dem dort herrschenden liberalen Gesellschaftsverständnis
angepaßt waren oder ihm zumindest auf halbem Wege entgegenkamen; gleichzeitig
aber versuchte er, durch autoritative Lehrschreiben (wie etwa der
„Pillenenzyklika“ Humanae vitae) allzu liberale Positionierungen zu
unterbinden. Aus der Sicht des Vatikan führte dies zu einem Erosionsprozeß, an
dessen Ende die Gefahr nationalkatholischer Ablösungstendenzen nicht nur in
Lateinamerika, sondern auch in Europa in den Bereich des Möglichen rückten; der
Gallikanismus in Frankreich und der Febronianismus in Deutschland waren
deutliche Warnzeichen, die, obwohl nur noch den historisch Kundigen als Exempel
präsent, theologisch und kirchenpolitisch gar nicht so abwegig erschienen. Diese für die römische Zentrale gefährliche
Entwicklung endete mit der Wahl des Polen Karol Woityla. Als Johannes Paul II.
erfand er das Papsttum gewissermaßen neu, indem er es in seiner nach außen hin
wahrnehmbaren Seite radikal modernisierte, die Reichweite der Konzilsbeschlüsse
wirksam begrenzte, nationalkirchliche
und ideologisch abweichlerische Tendenzen durch Zentralisierung stoppte und
eine zeitgemäße Auslegung der neuscholastischen Theologie gegen allerhand neue
„Modernismen“ förderte. Die ersten drei Reformen gelangen ihm selbst aufgrund
seiner diplomatischen Fähigkeiten und seines Charismas: Er verblüffte nicht nur
die Welt, sondern, was noch viel mehr wog, die Kurie in Rom mit einer Vielzahl
von Pastoralreisen. Die in den ersten Jahren seines Pontifikats oft bemühte
Rede vom „Reisepapst“ zeigt deutlich, daß hier ein völlig neues Konzept der
öffentlichen Präsentation gefunden wurde, das keinen historischen
Vergleichspunkt hatte. Niemals in der Vergangenheit hatte es einen Papst
gegeben, der seinen Amtssitz verlassen hat, um Menschen zu besuchen; die Welt
hatte gefälligst zum Papst zu kommen und nicht umgekehrt. Gleichzeitig
begrenzte Johannes Paul II. die Reichweite des Konzils durch die Promulgation
des neuen Codex Iuris Canonici (CIC) von 1983, der die bis dahin gültige
Kodifizierung des Kirchenrechts von 1917 ablöste; gemeinsam mit dem zehn Jahre
später veröffentlichten Katechismus war nun die kirchenrechtliche Umsetzung des
Konzils abgeschlossen. Vielleicht am wirksamsten war der polnische Papst in
seinen Anstrengungen, den Katholizismus auf Rom hin zu zentrieren. So nutzte er
einerseits seine mediale Präsenz, um sich in einem bisher nicht gekannten
Ausmaß in die Weltpolitik einzumischen und andererseits zerstörte er durch
konsequent durchgeführte Personalpolitik und die kirchenrechtliche Aufwertung
des „Opus Dei“ fast im Alleingang die überall an den Rändern aufkeimenden
Ablösungstendenzen, wie sie am prominentesten in der lateinamerikanischen
Theologie der Befreiung auftraten. Gerade die Theologie der Befreiung, die neben der
kirchenpolitischen auch eine theologische Ablösungstendenz vom römischen
Lehramt darstellte, zeigt, wo Karol Woityla seine Grenzen hatte. Als Vertreter
des polnischen Katholizismus war es ihm sowohl aufgrund seines bisherigen
Werdegangs als auch seiner theologischen Prägung unmöglich, die nötige
zeitgemäße Auslegung der neuscholastischen Theologie voranzutreiben. Dafür
brauchte er den Spitzentheologen Joseph Ratzinger, den er kurz nach seinem
Amtsantritt als Präfekt der Glaubenskongregation nach Rom holte. Obwohl Joseph Ratzinger als Papst vieles anders macht
als sein Vorgänger, erscheint sein Pontifikat als bruchlose Fortsetzung. Zwar
gibt es weniger Selig- und Heiligsprechungen und auch die „Jungfrau Maria“ (mit
der der Theologe Joseph Ratzinger noch nie so recht etwas anfangen konnte) wird
deutlich weniger bemüht als früher; aber gerade weil dies Ablenkungsmanöver
fehlen, wird umso deutlicher, dass sich in den großen Themen wie Kirche, Amt
und Eucharistie genau nichts verändert – wie auch: Für die Theologie war der
jetzige Papst ja schon zweieinhalb Jahrzehnte lang zuständig! Weniger auffällig als sein Vorgänger ist aber auch
Joseph Ratzinger ein innovativer Papst, der eben auf seine Art ebenfalls das Papstamt neu erfindet. Er macht dies
gezielt, indem er sich als Professor auf dem Heiligen Stuhl präsentiert. Seine
Regensburger Vorlesung war ein gelungener Start, aber erst sein Jesus-Buch
lässt die Strategie durchschaubar werden. Diese Strategie besteht darin, die moderne Gestalt
scholastischer Theologie wirksam
unter die Leute zu bringen. Wirksam kann eine solche Strategie aber nur dann
sein, wenn erreicht wird, daß diese moderne Gestalt der alten scholastischen
Theologie auch wirklich rezipiert, also gelesen, zitiert, diskutiert, ausgelegt
und – last but not least – angeeignet
wird, also in den Glaubenssinn der Gläubigen eingeht, was diese zu einem consentire cum ecclesia befähigt. Joseph
Ratzinger weiß sehr wohl, daß man dies nicht auf autoritative Weise machen
kann. Enzykliken werden nur von professionellen Theologen gelesen und auch da
nur von denen, die es tun müssen; aber Bücher werden gerne und freiwillig
gelesen. Motuproprien und apostolische Briefe werden zähneknirschend befolgt
von denen, die existentiell abhängig sind; Vorlesungen dagegen können
Medienereignisse sein, und Aufsätze werden dann zu intellektuellen Vergnügen,
wenn man sie nicht unbedingt lesen muß. Fordert der Papst dann noch förmlich
zum Widerspruch gegen seine Thesen auf, dann fühlt sich nicht nur der
katholische Oberstudienrat wie ein kleiner Habermas. Dem ehemaligen Professor und heutigen Privatgelehrten
Joseph Ratzinger scheint genau das zu gelingen, worauf der Papst Benedikt XVI.
nur begrenzt hoffen kann: daß seine theologischen Äußerungen positiv
aufgenommen und verbreitet werden. An seiner Jesus-Darstellung, die
millionenfach weltweit gelesen wird, werden sich auf lange Jahre Exegeten wie
Systematiker abarbeiten; die Einladung zum Widerspruch wird dem Autor Ratzinger
leicht aus der Feder geflossen sein, denn er weiß gut genug, dasß auch eine
Enzyklika zum gleichen Thema, verfaßt von Benedikt, in der Sache ähnlichen
Widerspruch ernten würde. Allerdings – und auch das weiß der Professor
Ratzinger – ist das Diskussionspotential eines Buches ungleich höher als das
eines päpstlichen Lehrschreibens. Kurz nach Benedikts Amtsantritt bedauerte der
evangelische Theologe Friedrich Wilhelm Graf in der „Süddeutschen Zeitung“, die
wissenschaftliche Theologie habe mit Joseph Ratzinger einen ihrer brillantesten
Vertreter verloren, denn ein Papst, so Graf, verfasse nun mal Lehrschreiben und
keine Aufsätze; zwei Jahre später weiß man, daß diese Angst unbegründet war.
Der Theologe Joseph Ratzinger ist nach wie vor präsent und bestimmt, vielleicht
sogar noch intensiver als früher, die intellektuellen Debatten im Umkreis nicht
nur der katholischen Theologie. Man sollte allerdings niemals vergessen, daß er
nunmal Inhaber des Papstamtes ist. Mehr noch als die Reisetätigkeit und die symbolische
Politik seines Vorgängers könnte es Joseph Ratzingers unaufgeregtes und
unprätentiöses Bücherschreiben und Vorträgehalten sein, was den Papst zum
wahrhaft zeitgemäßen Global Player macht. Der Papst wird nicht nur gesehen und
angefaßt, sondern gelesen und gehört. Für den Protestantismus, der hier immer
seine Kernkompetenz vermutet hat, eine echte Herausforderung! |