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Marianne Kronauer Friedrich-Ebert-Straße 2, 67346 Speyer |
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" Im Himmel sehen wir alle wieder" - Persönliche Eindrücke von Begegnungen mit Karl Barth in der Pfalz 1947 und 1953 Vorbemerkung von Frank-Matthias Hofmann Im Zuge meiner Nachforschungen bzgl. der Besuche Karl Barths in der Pfalz 1947 und 1953 stieß ich in den Unterlagen Karl Handrichs auch auf die Namensliste der Teilnehmenden an der Tagung 1953. Alfed Kuby und Wilma Handrich haben mir mündlich einige Erläuterungen gegeben. Es nahmen aber auch Pfarrfrauen und interessierte Gemeindeglieder an der Tagung 1953 in Niederkirchen teil. So habe ich Marianne Kronauer als Teilnehmerin gebeten, ihre Erinnerungen an beide Begegnungen niederzuschreiben; sie hat dies im Februar 2006 handschriftlich in liebevoller Weise getan. Ich danke ihr sehr herzlich dafür. Dank auch an Dipl.-Sozialpädagogin Renate Graf (Rheingönheim), die den Text eingetippt hat. Wer noch von den damals Teilnehmenden lebt und ebenfalls gerne noch Wissenswertes oder persönliche Impressionen von den Begegnungen mit Karl Barth schildern möchte, möge bitte mit mir Kontakt aufnehmen. Im Voraus danke ich herzlich. Bericht
von Marianne Kronauer Seit Wochen versuche ich mich etwas genauer an die erste Begegnung mit dem berühmten Theologen Professor Karl Barth zu erinnern. Sie fiel in das Jahr 1947, das für meinen Mann uns mich ein Jahr des Neuanfangs war. Am 30. Januar 1947 kam mein Mann aus der Gefangenschaft zurück. Er hatte am Beginn des Krieges mit dem Studium der Germanistik begonnen, sich aber in der Zeit der Gefangenschaft zum Theologiestudium entschlossen. Ich hatte mit meinem ältesten Sohn in Niederschlesien bei meinen Eltern vor dem Luftangriff in Ludwigshafen Unterschlupf gefunden. Mein Vater hatte dort ein Werk der BASF aufgebaut und geleitet. Nach der Flucht vor den Russen 1945 fanden wir, meine Eltern, unsere zwei Söhne - der zweite Sohn wurde noch vor der Flucht in Schlesien geboren - und ich eine Zweieinhalbzimmerwohnung mit geliehenen Möbeln auf dem Limburgerhof. Als mein Mann aus der Gefangenschaft dann zu uns kam, mussten wir zu sechst die kleinen Räume teilen. Er konnte bald sein Studium in Heidelberg mit Unterstützung der Landeskirche beginnen und fuhr zunächst täglich mit der Bahn hin und her, wenn die Verbindung klappte. Von Pfarrer Handrich, mit dem mein Mann aus BK-Zeiten befreundet war, kam die Einladung ins Pfarrhaus nach Meckenheim, wo Professor Barth als Gast weilte. Wilma Handrich und ich kannten uns von der Schule und vom gemeinsamen Singen im Beethovenchor. Wir waren ja alle in Ludwigshafen aufgewachsen. Ich war eingebunden in die Freundschaft, durfte also mit nach Meckenheim. Wie sollten wir hinkommen? Das war eine wichtige Frage. Es war Sommer, wenn ich mich recht erinnere. Wir liehen uns Fahrräder und fuhren los. Leider kamen wir in einen tüchtigen Regenguss und kamen tropfnass in Meckenheim an. Wir konnten uns nur noch schnell Kleider leihen von Wilma und Karl, weil der Gottesdienst gleich begann. Alle überstandenen Schwierigkeiten waren gleichgültig - wir durften Karl Barth predigen hören! Ich weiß noch, dass für mich seine einfache, verständliche Art Gottes Wort auszulegen eine Wohltat war. Nachdem ich diesen Gottesdienst erleben durfte, nahm ich jede Gelegenheit wahr um Karl Barths Predigen im Radio zu hören, oder sie auch zu lesen. In Erinnerung ist mir auch geblieben, wie sehr den Prediger unser pfälzisches Beffchen störte. Er rückte immer wieder während der Predigt daran herum und riss es sich schließlich unwillig vom Hals und warf es unter die Kanzel. Wir alle waren natürlich belustigt und verwundert. Der berühmte Professor war dann im Pfarrhaus Handrich sehr zugänglich und unproblematisch. Er ließ die Handrich-Söhne auf den Knien reiten, während wir Frauen das Mittagessen auftischten. Ich habe bei Wilma nachgefragt, wieso wir eigentlich bei dieser Hungerzeit bei ihnen essen konnten. Sie hatte von Gemeindegliedern einen Hasen und Gemüse bekommen können. Man muss sich das im Nachhinein vorstellen: Wir waren damals in der französischen Zone ganz schlecht mit Lebensmitteln versorgt. Mein Mann bekam wenigstens Quäkerspeisung in Heidelberg. Charlotte von Kirschbaum war ebenfalls mit Karl Barth in Meckenheim. Sie war seine Sekretärin und Begleiterin und betreute ihn auf seinen vielen Reisen. Sekretärin ist eine falsche Bezeichnung, sie war seine theologische Mitarbeiterin. Ich habe noch einmal in Renate Köblers Büchlein „Schattenarbeit" nachgelesen. In Erinnerung ist mir nur geblieben, dass Karl Barth nach dem Essen eine gute Zigarre rauchte. Lollo von Kirschbaum brachte ihm eine Tasse aufgebrühten Nescafé, und ich muss ehrlich gestehen, dass ich dies mit echtem Neidgefühl registrierte. Wir kannten damals nur den ungeliebten „Muckefuck". Carepakete aus Amerika kamen wohl erst später. An das Ende dieses so eindrucksvollen Tages und an die Gespräche mit Karl Barth und Frau von Kirschbaum kann ich mich leider nicht mehr erinnern. Sicher sind wir bald wieder zurückgeradelt, nachdem unsere Kleider inzwischen wieder getrocknet waren. An die zweite Begegnung mit Professor Karl Barth, die am 28.9.1953 in Niederkirchen stattfand, kann ich mich weniger gut erinnern. Vielleicht liegt es daran, dass der Kreis der Teilnehmer wesentlich größer war und sehr intensiv über theologische Fragen diskutiert wurde. Unsere Familie steckte in einer Umbruchsphase. Wir, mein Mann, die zwei Buben und ich, konnten im Herbst 1947 in das sehr zerstörte Haus meiner Schwiegereltern in Ludwigshafen einziehen. Das war nicht einfach zu bewerkstelligen damals. Für nahezu alles brauchte man eine Genehmigung und eine Bescheinigung. Ein Ehepaar mit Sohn war gleich nach dem schweren Luftangriff 1943 in unser Elternhaus eingezogen, nachdem meine Schwiegereltern im Heimatort meines Schwiegervaters Unterschlupf gefunden hatten. Mein Schwiegervater starb 1944, an eine Rückkehr war also nicht mehr zu denken. Nach vielerlei Verhandlungen konnten wir im Erdgeschoss einziehen und hatten nun zwei Zimmer und eine Küche für uns. Das Ehepaar bezog das Obergeschoss, das besser erhalten war. Heute frage ich mich, wie wir in diesem Trümmerhaus leben konnten. Nach dem ersten Examen und den Vikariatsjahren in Ludwigshafen und der Gartenstadt kam mein Mann nach dem zweiten Examen als Ersatz für seinen ehemaligen Religionslehrer, der mitten im Schuljahr pensioniert wurde, an seine alte Schule, das Humanistische Gymnasium. Damals entschied er sich für den Schuldienst. Wieder musste ich mich umstellen auf eine andere Lebenssituation. 1953 wurde mein Mann an das Altsprachliche Gymnasium nach Kaiserslautern versetzt. Wir hatten inzwischen einen dritten Sohn und mit viel Mühe das Elternhaus wieder aufgebaut. Gern wären wir in unserer Heimatstadt geblieben. Erst 1957 konnten wir im alten Dekanat in Kaiserslautern eine Wohnung beziehen. Bis zu diesem Zeitpunkt musste sich mein Mann dort ein Zimmer mieten, weil er nicht jeden Tag mit dem Zug fahren konnte. Vor dem Treffen im Niederkirchener Gemeindehaus möchte ich von einer Hilfestellung berichten, die für mich in all den Turbulenzen nach dem Krieg, der Flucht und dem gemeinsamen Familienanfang sehr wichtig und hilfreich war. 1947 wurden von der Landeskirche Freizeiten für Theologiestudenten angeboten, wahrscheinlich nur eine, um die alten und jungen Studenten zusammenzuführen. Ich durfte daran teilnehmen, auch in den kommenden Jahren. So bekam ich einen Einblick in mein zukünftiges Leben. Die meisten Studenten waren Kriegsteilnehmer, manche kamen aus anderen Berufen, sie waren nicht mehr jung. Ich erfuhr die Auslegung der Bibeltexte von allen Seiten, heftige Diskussionen entstanden. Es wurde tüchtig gearbeitet. Es entstanden aber auch Freundschaften, die erst in den letzten Jahren durch den Tod der Freunde ausgelöscht wurden. Wir Witwen haben noch Kontakt miteinander. Ich stelle immer wieder fest, wie wichtig und hilfreich diese Zusammenkünfte für mich, für uns alle waren, jahrelang getrennt voneinander. Wir Frauen mussten mit vielen schwierigen Situationen alleine fertig werden, mussten selbstständig handeln und entscheiden. Das „Miteinander" war zuerst nicht einfach. Keiner konnte das Erleben des Partners und seine Schwierigkeiten damit nachempfinden, bei allem guten Willen. Nun aber endlich zum Barth-Treffen! Aus den alten Unterlagen habe ich erfahren, dass Pfarrer Marquis mich mitgenommen hat von Ludwigshafen aus. Mein Mann kam wohl mit dem Bus von Kaiserslautern. Weder an die Fahrt, noch an den Beginn des Treffens kann ich mich erinnern. In der alten Teilnehmerliste fand ich viele vertraute Namen, es war ein großer Kreis zusammengekommen. Pfarrer Handrich hatte sich viel Mühe gegeben, um dieses wichtige Treffen zu ermöglichen. Sein vertrautes Verhältnis zu Professor Barth und dessen Familie war wohl auch entscheidend. Alle Teilnehmer waren angewiesen auf Aussprachemöglichkeiten und dankbar für diese Begegnung. Es wurde ausführlich diskutiert. Viele Fragen waren mir vertraut und ich war wieder erstaunt, dass die klaren, einfachen Antworten Professor Barths auch für viele Laien verständlich waren. Ich erinnere mich noch gut an seine Weihnachtspredigten für die Gefangenen in Basel. Sie wurden im Radio übertragen und wir warteten schon darauf am 24. Dezember. Seine Art des biblischen Zuspruchs war für meinen Mann und mich sehr wichtig. Wir lasen auch oft im Barth-Brevier miteinander. An eine Frage in der Niederkirchener Runde erinnere ich mich noch deutlich. Eine Ärztin stelle Professor Barth die Frage: „Werden wir unsere Lieben nach dem Tod im Himmel wieder treffen?" Er antwortete nach einer kurzen Pause: „Ja, aber die anderen auch." Damals schmunzelten wir ein wenig über diese Antwort, weil die Fragende einem besonders frommen Kreis angehörte. Mein Mann und ich haben noch oft über diese Antwort nachgedacht. Karl Barth mit seiner humorvollen und doch so ernsthaften Ausdrucksweise erlebt zu haben, das war wohl für uns alle unvergesslich. Wichtig war die Teilnahme von Gemeindegliedern, die ganz selbstverständlich in diesen Kreis eingebunden waren. Noch viele Jahre bestand für uns eine Verbindung zu Niederkirchen, zumal Helmut Schreiner ebenfalls dort als Pfarrer tätig war. Zum Mittagessen wurden wir alle bei Familien in der Gemeinde eingeladen. Schon das war damals alles andere als selbstverständlich. Erwähnen möchte ich, dass Frau von Kirschbaum ebenfalls teilnahm. Leider besteht meine Erinnerung mehr aus dem Gefühl der Dankbarkeit, dass ich dabei sein konnte. Der große Kreis von Freunden und Fremden ließ keinen persönlichen Kontakt zu Professor Barth mehr entstehen wie beim ersten Treffen in Meckenheim. Wenn ich jetzt zurückdenke so empfinde ich deutlich, wie sehr wir alle in den Nachkriegsjahren auf Begegnungen und Aussprachen angewiesen waren. Dies galt besonders für unsere Männer. Sie trafen sich gleich nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft und während des Studiums in den Wohnungen, die wieder genug Sitzgelegenheiten hatten. Das Beisammensein verlief einfach und zwanglos, aber mit der Möglichkeit endlos zu diskutieren. Wir waren in den Fünfzigerjahren mit Martin Niemöller und Gustav Heinemann zusammen. Ich musste erst verstehen lernen, wie interessant Theologie und Politik sind, und ich bin dankbar für alle Begegnungen, an denen ich teilnehmen durfte. |