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Friedhelm Hans
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Dr. jur. Edgar Julius Jung (1894-1934)
Ein kaum bekannter Widerstandskämpfer aus Ludwigshafen


Karl Kleinmann (1877-1942), Pfarrer und Dekan in Ludwigshafen und Landau, steht als Märtyrer des „Dritten Reiches" ungebrochen im kollektiven historischen Gedächtnis der Pfälzischen Landeskirche. Mit Kleinmann als Initiator verbunden bleibt das berühmte, aber in den Bombennächten des Zweiten Weltkrieges zerstörte Golgatha-Fresko des Malers Max Slevogt in der Friedenskirche zu Ludwigshafen-Friesenheim. Den Aufregungen über durch einen Lehrer verhetzte Schüler (Herr Dekan, Eure alten Judenlieder singen wir nicht) erlag Kleinmann in Landau durch Herzschlag, als er den Verursacher der Hetze im Lehrerzimmer zur Rede gestellt hat.

Als einen doppelten Märtyrer darf man den fast vergessenen Ludwigshafener Lehrersohn Edgar Julius Jung bezeichnen. Seine christliche Gesinnung wurde Jung bereits 1934 im Zuge des sog. Röhm-Putsches zum Verhängnis. Bislang waren in der regionalen Literatur nur unscheinbare Spuren seines Opfers zu finden. Richard Bergmanns „Documenta. Unsere Pfälzische Landeskirche innerhalb der Deutschen Evangelischen Kirche in den Jahren 1930-1944", erschienen in Speyer 1960, ist die am leichtesten zugängliche Stelle seiner Erinnerung. Bergmann berichtet, daß Jungs Eltern zu seiner Pfarrei gehörten, als Jung 1934 ermordet wurde. Jung war der Verfasser einer Rede des Vizekanzlers von Papen vom 17. Juni 1934 in Marburg, die vom Rundfunk wohl aufgenommen, aber deren Ausstrahlung von der Propagandamaschine Goebbels verhindert wurde.[1] Bergmann zitiert einen Abschnitt aus dieser Rede, der sich mit der Frage, ob das neue deutsche Reich christlich sein wird, befaßt: „Um diese Entscheidung, ob das neue deutsche Reich christlich sein wird oder sich im Sektierertum und halbreligiösen Materialismus verliert, wird gerungen werden. … Es ist zuzugeben, daß in diesem Widerstand christlicher Kreise gegen staatliche und parteiliche Eingriffe in die Kirche ein politisches Moment liegt. Aber nur deshalb, weil politische Eingriffe in den religiösen Bezirk die Betroffenen zwingen, aus religiösen Gründen den auf diesem Gebiet widernatürlichen Totalitätsanspruch abzulehnen. Auch als Katholik habe ich Verständnis dafür, daß eine auf Gewissensfreiheit aufgebaute religiöse Überzeugung es ablehnt, sich von der Politik her im Ureigensten kommandieren zu lassen. ... Die Tatsache einer gemeinsamen europäischen Kultur und Zivilisation, für die wir selbst so viel beigesteuert haben, verpflichtet trotz aller völkischen Besonderheit der einzelnen Kulturleistung." Diese Ausführungen provozierten selbstverständlich die innersten Parteizirkel, sodaß von Papen als Koalitionspartner der Regierung Hitler noch eine relative Schonung genoß, Jung aber als der Verfasser auf die Abschußliste der SS geriet.

In einer vom Verein Pfälzischer Pfarrerinnen und Pfarrer im Jahre 2004 veranstalteten Neuauflage der „Documenta" Bergmanns findet sich der Auszug aus von Papens Rede wieder, aus dem Namensregister ist Jung aber herausgefallen, was zum Vergessen des Blutzeugen weiter beitragen mochte, denn das Personenregister berücksichtigt jetzt nur noch Personen, die in einem direkten Bezug zur pfälzischen Landeskirche standen.[2] Im Bewußtsein, daß die namentlich nicht bekannten Märtyrer die Zahl der bekannten weitaus übersteigt, haben die Herausgeber eines soeben erschienenen evangelischen Märtyrerverzeichnisses für das 20. Jahrhundert es gewagt, die Lebensläufe evangelischer Blutzeugen für Christus neu zu veröffentlichen und so einem breiten Publikum ins Bewußtsein zu rufen.[3]

Das Zeugnis für Christus als Grund für die Verfolgung und Ermordung findet sich bei Jung, wie aus den obigen Sätzen im Munde von Papens schon deutlich wird, im vollen Umfang. Jung, der, wie wir im Beitrag von Björn Mensing im soeben erschienenen evangelischen Märtyrerbuch erfahren,[4] am 6.3.1934 in Ludwigshafen geboren wurde, war Sohn des evangelischen Volksschullehrers Wilhelm Jakob Jung und dessen Frau Frieda (geb. Friedrich) in Ludwigshafen. Der Erste Weltkrieg und der Kampf im Freikorps Epp gegen die Münchner Räterepublik bildeten die politischen Schlüsselerlebnisse. Zwischen 1913 und 1920 - unterbrochen durch den Weltkrieg, Jung war Flieger - studierte Jung Rechtswissenschaften in Lausanne, Heidelberg und Würzburg. 1922 läßt sich Jung als Anwalt in Zweibrücken nieder. Ab 1923 beteiligte sich Jung am Widerstand gegen die französische Besatzungspolitik in der Pfalz und war am 8.1.1924 auch in die Ermordung der pfälzischen Separatisten verwickelt. Er hatte nach der Besetzung der Pfalz durch französische Truppen den „Rheinisch-Pfälzischen Kampfbund" gegründet, der 1924 das Attentat auf den separatistischen „Präsidenten" der „Pfälzischen Republik" Franz-Josef Heinz-Orbis verübt hatte. Jung kam bei der Schießerei leicht verletzt davon und floh nach Bayern, wo man ihn juristisch nicht verfolgte, da Heinz-Orbis als Hochverräter angesehen wurde. Die Familie wurde aus der Pfalz ausgewiesen.

Aufgrund seiner protestantisch konservativen Einstellung betätigte sich Jung politisch wie führende Protestanten seiner Zeit in politischen Gruppierungen, die der Weimarer Republik kritisch bis ablehnend gegenüberstanden.[5] Zunächst begrüßte er den Aufstieg der NSdAP, fungierte jedoch ab 1932 als Berater Franz von Papens, dessen Konzept der Zähmung Hitlers durch Einrahmung überwiegend konservativer Minister Jung unterstützte. Sehr bald stellte sich heraus, daß dieses Konzept nicht aufgegangen ist. Schon ab dem Sommer 1933 sammelte Jung daher gleichgesonnene Kritiker Hitlers: „Wir sind mit dafür verantwortlich, daß dieser Kerl an die Macht gekommen ist; wir müssen ihn wieder beseitigen".[6] Im Februar 1934 warnte Jung in einem Aufsatz: „Man kann nicht einfach den Geist der Macht zum Gott machen; das wäre Dämonie ... Gott ist Macht und Liebe, echte Herrschaft deshalb ohne Gerechtigkeit und ohne Liebe undenkbar."[7] Die Beseitigung Hitlers betrieb Jung nun mit Zielstrebigkeit. Die Marburger Rede Papens sollte der Absicht dienen, die hochkonservativen und monarchistischen Kräfte zum Staatsstreich gegen Hitler zu vereinen. Das christliche Bekenntnis bildete die nicht zu übersehende geistige Grundlage für Jungs politisches Kalkül. Das Christentum ist keine Angelegenheit, die sich hinter Gardinen oder Kirchenmauern einsperren ließe. Christus will Gestalt gewinnen mitten in unserem Leben, bis hinein in die Politik, und wenn es sein muß, bis in den Widerstand.

 

Hitler ließ Jung am 25.6.1934 verhaften. In der Nacht vom 30.6. zum 1.7.1934 verlor Jung in einem Waldstück bei Oranienburg sein Leben.

Im Unterschied zur regionalen Geschichtsschreibung, sowohl der kirchlichen als auch der profanhistorischen ist das Andenken an Edgar Jung in der allgemeinen Geschichtsschreibung gewahrt. Klaus Scholder nennt Edgar Jung als geistigen Kopf und Berater einer Reihe von jüngeren Mitarbeitern von Papens, an ihrer Spitze Fritz Günther von Tschirschky als Adjutant und Herbert von Bose als Pressechef, die schon seit Mitte 1933 die Vizekanzlei zu einem Zentrum der konservativen Opposition ausgebaut hat. Jung war in der Weimarer Zeit einer der einflußreichsten nationalkonservativen Schriftsteller. Sein Hauptwerk „Die Herrschaft der Minderwertigen. Ihr Zerfall und ihre Ablösung durch ein Neues Reich" galt als das Nationale Gegenstück zum kommunistischen Manifest. Jung insistierte auf eine Wiedergeburt des Christentums in einem restaurierten „Neuen Reich". Im Gegensatz zu anderen Konservativen wie Carlo Schmitt oder von Papen war Jung von Anfang an ein kompromißloser Gegner Hitlers. Ziel der Opposition war die Wiederherstellung der Monarchie und des Rechtsstaates. Man setzte auf Hindenburg und die Reichswehr und drängte angesichts des siechen Reichspräsidenten von Hindenburg auf baldigen Beginn der Aktion. In diesem Zusammenhang fiel die genannte letzte große freie Rede aus der Feder von Edgar Jung, die im „Dritten Reich" vor dem Universitätsbund in Marburg gehalten wurde. Die Rede fand in Marburg „brausende Zustimmung". Goebbels handelte sofort und verbot den Abdruck in der Presse und verhinderte die beabsichtigte Rundfunkübertragung, dennoch verbreitete sich der Inhalt in Windeseile in ganz Deutschland. Doch von Papen zögerte, Hindenburg zu unterrichten, selbst als er am 26.6.1934 von der Verhaftung Jungs erfuhr. Hitler war ihm auf Gut Neudeck zuvorgekommen, und nun erlaubte der Gesundheitszustand des Reichspräsidenten keinen weiteren Besuch mehr.[8] Am 30.6.und 1.7.1934 fielen neben Jung von Bose und Ministerialdirektor Erich Klausener, einer der einflußreichsten katholischen Laien, den Morden der SS zum Opfer, während von Papen, tagelang von der SS bewacht, sein Haus nicht verlassen konnte.[9]



[1] Klaus Scholder, Die Kirchen und das Dritte Reich. Bd. II Das Jahr der Ernüchterung 1934. Barmen und Rom, Berlin 1985.

[2] Neuausgabe vom Verein Pfälzischer Pfarrerinnen und Pfarrer durch Martin Schuck und Gerd Unbehend, Protestantische Reihe Bd. 1.1, Speyer 2004, 309f.; 416.

[3] „Ihr Ende schaut an …" Evangelische Märtyrer des 20. Jahrhunderts, hg. v. Harald Schultze u. Andreas Kurschat unter Mitarb. v. Claudia Bendick, Leipzig 2006, 765 S. Das Geleitwort schrieb der Berliner Bischof Prof. Dr. Wolfgang Huber.

[4] Björn Mensing, Art. Jung, Edgar Julius, Dr. jur. im unter Anm. 2 genannten Werk 325f.

[5] Gegen Ende der Weimarer Zeit kommt es zu einer Reihe von protestantisch-konservativen Parteigründungen, die jede für sich unbedeutend geblieben ist, aber dadurch auch die politische Heimatlosigkeit führender Protestanten signalisiert. Jung schloß sich nach seiner Zeit bei der DVP keiner Partei mehr an. Anders der Präsident des Evangelischen Bundes Prof. Dr. Brund Doehring, 1927 Referent beim 50jährigen Jubiläum des Chors für Klassische Kirchenmusik Ludwigshafen in Friesenheim: Präsident des Evangelischen Bundes 1923-1927, 1924-1936 Präsident des Ev. Bundes; Prof. für Praktische Theologie in Berlin 1923-1953, Mitglied des Reichstages 1930-1933 (DNVP). Lit: Horst Scheunemann, Art. Doehring, Bruno, evgl. Theologe: RGG I (²1927) 1958; Friedrich Wilhelm Bautz, Art. Doehring, Bruno, Hof- und Domprediger: BBKL I (1990) 1343.

[6] Herman Graml, Edgar-Jung-Kreis: Wolfgang Benz/Walter H. Pehle (Hg.), Lexikon des deutschen Widerstandes, Frankfurt/M. 2001, 204-207, z.n. Mensing (wie vorige Anm.) 325.

[7] Günther v. Norden, Die Barmer Theologische Erklärung und ihr historischer Ort in der Widerstandsgeschichte: Peter Steinbach/Johannes Tuchel (Hg.), Widerstand gegen den Nationalsozialismus (Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung 323), Bonn 1994, 170-181, hier: 172.

[8] Karl Martin Graß: Edgar Jung, Papenkreis und Röhmkrise 1933/34, Diss. phil. Heidelberg 1966; Scholder (wie Anm. 1), 240f.252; Edmund Forschbach: Edgar Julius Jung - Ein konservativer Revolutionär. Pfullingen 1984.

[9] In der profanen Geschichtsschreibung zur Pfalz in der Weimarer Zeit ist Edgar Jung nicht zu finden, vgl. Günter Zerfaß (Hg.), Die Pfalz unter französische Besatzung von 1918 bis 1930, Koblenz ³1996, oder Wilhelm Kreutz/Karl Scherer (Hg.), Die Pfalz unter französischer Besetzung (1918/19-1930): Beiträge zur pfälzischen Geschichte 15 ( Kaiserslautern 1999). Das BBKL von Bautz nennt Jung ebenfalls nicht.




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