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Dr. Martin Schuck Lindenstraße 19, 67346 Speyer |
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Editorial Die Wissenschaftsfreiheit, der Papst und die Muslime Papst Benedikt XVI. hat an der Universität Regensburg eine Vorlesung gehalten. Man könnte einiges über diese Vorlesung sagen, etwa darüber, daß der Papst in der üblichen katholischen Manier Glaube und Vernunft so sehr parallelisiert hat, daß am Ende nur noch ein Glaube nach Art des römisch-katholischen Lehramtes höchster Ausdruck der Vernunft sein kann, Vernunft ohne Glaube als inhaltsleer und Glaube nach Art der evangelischen Theologie als widervernünftig erscheinen muß. Das alles könnte man sagen - aber man hat es nicht gesagt. Stattdessen hat Papst Benedikt in der Rolle von Professor Ratzinger erreicht, daß man sich mit ihm solidarisieren mußte, ob man wollte oder nicht. So macht Ökumene Spaß, und so sah ich mich durch einen Kommentar, den ich am 18. September über den „denkenden Papst und die empörten Muslime" schrieb, plötzlich in der Rolle des Papst-Verteidigers. Aber diesen Beistand hat sich der Papst redlich verdient. Besagte Vorlesung in Regensburger hat zu Reaktionen in der islamischen Welt geführt, die denen im sog. „Karikaturenstreit" Ende des letzten und Anfang dieses Jahres auf fatale Weise ähneln. Bereits einen Tag nach der Rede forderte der Chef der türkischen Religionsbehörde Diyanet, Ali Bardakoglu, eine Entschuldigung; andere Vertreter des offizellen Islam schlossen sich ihm umgehend an. In einigen islamischen Ländern kam es schnell zu Massenprotesten und Gewalttaten gegen Christen und Kirchen. Hätte sich der Papst vorbehaltlos für die umstrittene Passage in seiner Regensburger Vorlesung entschuldigt, wäre dies einer intellektuellen Kapitulation gleichgekommen. Schließlich hätte er sich dafür entschuldigen müssen, daß er bei der Auswahl von historischen Texten, die er einer wissenschaftlichen Erörterung zugrundegelegt hat, nicht auf die mögliche Gefühlslage heute lebender Menschen achtete. Das ganze ist grotesk, und wie grotesk es ist, wird dann sichtbar, wenn man die Rollen umkehrt: Wie so oft in letzter Zeit sahen muslimische Funktionäre ihre Religion beleidigt. Kann man sich vorstellen, daß demnächst Massenproteste in christlichen Ländern befürchtet werden müssen, weil ein muslimischer Imam oder Staatsmann auf die Kreuzzüge zu sprechen kommt? Immerhin vergeht kaum ein Freitagsgebet, an dem nicht irgendein prominenter Imam gegen die „Kreuzfahrer" hetzt und ihre Bekehrung mit allem Mitteln fordert. Noch immer prägt die Epoche der Kreuzzüge in vielen muslimischen Ländern das Bild vom Christentum und nach wie vor dient dieser Begriff zur Bezeichnung auch der heute lebenden Christen. (Manche Nicht-Muslime hierzulande fördern dieses Bild des Christentums nach Kräften!) Natürlich wäre eine Entschuldigung für die katholische Kirche der einfachste Weg gewesen, nach der ersten Aufregung schnell zur Normalität zurückzukehren. Aber der Vatikan war gut beraten, dieser Versuchung nicht zu erliegen. Der Papst drückte lediglich sein Bedauern über die Wirkung seiner Worte aus und bemühte sich um Klarstellung dessen, was er damit gemeint habe. Eine persönliche Entschuldigung für den Inhalt seiner Rede hätte dagegen zu einem langfristigen Schaden führen können, dessen Ausmaß nur schwer abzusehen ist. Für Personen von öffentlicher Bekanntheit wäre es jedenfalls zukünftig kaum mehr möglich, eine Rede zu halten, die mehr enthalten soll als nur diplomatische Freundlichkeiten. Sollte in so einer Rede auf irgend eine Weise der Islam zum Thema werden, kann man sicher sein, daß damit ein größerer Skandal mit den leider üblich geworden diplomatischen Verwicklungen provoziert wird. All das sind Anzeichen dafür, dass es in Zukunft schwer werden wird, einigermaßen objektiv über den Islam zu reden. Wenn jeder Satz, der mehr als Freundlichkeiten und Höflichkeiten transportiert, Empörung und Beleidigung angeblich Betroffener produziert, und wenn diese „Betroffenen" daraus ein Recht zur Störung der öffentlichen, aufgeklärten Diskussionskultur bis hin zur offenen Gewaltandrohung ableiten, dann ist nicht nur die wissenschaftliche Freiheit, sondern die Meinungsfreiheit insgesamt akut bedroht. Der Skandal um die Absetzung der Mozart-Oper „Idomeneo" gerade mal eine Woche später gab einen kleinen Vorgeschmack auf das, was uns zukünftig erwarten könnte. Demgegenüber zeichnet sich eine Kultur der Freiheit seit jeher dadurch aus, dass gewonnene Erkenntnisse ohne Gefahr für Leib und Leben kommuniziert werden dürfen. Diese wissenschaftliche Kommunikation ist ihrem Wesen nach umfassend; es sind nur sehr wenige Sachverhalte denkbar, deren Explikation eine Grenze der freien, unzensierten Rede markieren könnten. Die Frage nach dem Zusammenhang von Religion und Gewalt gehört jedenfalls nicht zu diesen Sachverhalten, die ein solches Redeverbot begründen könnten: weder in der Anfrage nach der kriegerischen Vergangenheit des Christentums zur Zeit der Kreuzzüge noch in der nach der Ausbreitung des Islam „durch das Schwert" in den Generationen nach dem Tod Mohammeds. Joseph Ratzinger hat, für die große Öffentlichkeit sichtbar spätestens in seiner vielbeachteten Diskussion mit Jürgen Habermas, wie kaum ein anderer katholischer Theologe die Bewahrung der rationalen und humanen Gehalte des christlichen Glaubens in der modernen Welt zu einem seiner Lebensthemen gemacht. Dazu gehört auch - und auch das ist Teil seines Lebenswerks - der Dialog mit Vertretern anderer Religionen, denen es um die gleichen Ziele in ihrem Glauben geht. Die Unterstellungen, denen Benedikt XVI. nach seiner Vorlesung aus islamischen Organisationen und Staaten ausgesetzt ist, lassen allerdings daran zweifeln, ob es den Wortführern der Kritik an der Papstrede um die gleichen Ziele für den Islam geht. Die Frage, ob der Islam bereit ist, zum Zwecke eines sozialverträglichen Zusammenlebens die Universalität der Menschenrechte zu akzeptieren, oder ob umgekehrt die Menschenrechte letztlich an ihrem Nutzen für die Ziele des Islam bewertet werden, bleibt leider allzu oft unbeantwortet. Sicher kann man bei den Verwicklungen um die Regensburger Rede darauf hinweisen, dass der Papst die gewaltsame Ausbreitung des Islam thematisiert, die kriegerische Vergangenheit des Christentums aber nicht genannt hat. Das mag unter diplomatischen Gesichtspunkten ein Fehler gewesen sein. Wer hier aber absichtliches „Verschweigen" vermutet, hat nicht die Struktur seiner Rede verstanden: Es geht um einen historischen Dialog, der exemplarisch in eine aktuelle Debatte einführen soll. Benedikt XVI. hat hinreichend deutlich gemacht, dass er die „in überraschend schroffer Form" geäußerte Zuspitzung des historischen Dialogs für den konkreten Gegenstand, auf den sie hin formuliert ist, so nicht nachvollzieht und auch für den heutigen Islam nicht für zutreffend hält. Dennoch wird ihm gerade dieses unterstellt. Der Papst mag schlecht beraten gewesen sein, ein historisches Dokument zu zitieren, das ausgerechnet durch die Brille eines von den Osmanen schwer bedrängten byzantinischen Kaisers über den Islam spricht. Was dem Professor Ratzinger früher eine Selbstverständlichkeit gewesen ist und die Bewunderung seiner Zuhörer ob seiner Belesenheit eingebracht haben mag, wird heute dem Papst Bendikt XVI. zum Stolperstein. Letztlich sagen aber die bekanntgewordenen Reaktionen aus islamischen Staaten mehr über den Zustand des Islam aus, als dessen Vertretern lieb sein kann. Wenn der Verkauf von Zeitungen verboten wird, in denen über das Bedauern des Papstes berichtet wird, geht es nicht in erster Linie um die Sache, sondern um die Inszenierung von Betroffenheit, um die Bevölkerung zu antiwestlichen Demonstrationen aufzustacheln. Bereits anläßlich des „Karikaturenstreits" stellte der Publizist Georg Seeßlen fest: „Den Islam, den die Gewalt der Kränkung gegen den Westen verteidigen will, gibt es nicht; er soll, weniger als Religion denn als gesellschaftliche Doktrin, in der Inszenierung erst erzeugt werden." Vorfälle wie die nach der Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen und jetzt anläßlich der Papst-Vorlesung sind nicht geeignet, Vertrauen in die Pluralismus- und Demokratiefähigkeit sowie in den Willen zur zivilen Konfliktlösung innerhalb islamischer Staaten und deren internationaler Vertretungen zu erwecken. Es bleibt eigentlich nur zu hoffen, daß in der Folge solcher Ereignisse Staaten, die sich sichtbar mit islamistischen Kräften solidarisieren, mit ernsthaften Konsequenzen rechnen müssen. Der Türkei beispielsweise hat das Vorpreschen ihrer staatlichen Religionsbehörde bereits geschadet; einige namhafte deutsche Politiker betonten sehr deutlich ihre Bereitschaft, einen EU-Beitritt dieses Landes zu verhindern. Aber vermutlich kommt es der Regierung Erdogan erst einmal darauf an, 2007 wiedergewählt zu werden. Das schafft man mit radikalen Sprüchen allemal besser als mit besonnenen und mäßigenden Reaktionen. Ist die Wiederwahl gesichert, kann man danach wieder leisetreten und hoffen, daß die Verstimmung wegen der Papstrede längst vergessen ist. Die muslimischen Dachverbände hierzulande haben nach anfänglichem Unterstützen der harten Linie, wie sie die türkische Religionsbehörde vorgab, relativ bald eingelenkt und akzeptierten die klärenden Worte des Papstes. Das wurde in der Presse allgemein gelobt und als Zeichen für ihre Dialogfähigkeit bewertet. Ob dieses Einlenken allerdings eine Folge echter Einsicht ist oder doch letztlich eher als taktisches Stillhalten gewertet werden muss, wird sich erst anlässlich zukünftiger ähnlicher Ereignisse, die ganz sicher kommen werden, entscheiden lassen. Leider spricht vieles dafür, daß die internationalen Wortführer des Islamismus systematisch nach Anlässen suchen, um die Menschenmassen bis ins hinterste pakistanische Dorf zu radikalisieren und zu Ausschreitungen gegen den Westen zu mobilisieren. Es wäre zu wünschen, daß die in Europa lebenden Muslime sich künftig von solchen Tendenzen genauso distanzieren könnten, wie sie es nach dem 11. September 2001 in ihrer Distanzierung von terroritischer Gewalt getan haben. |