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Dr. Richard Ziegert
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Das protestantische Schisma

Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges haben sich unsere kirchlich-religiösen Verhältnisse in einer bisher nicht vorhandenen Weise zu ändern begonnen: Eine Vielzahl von Sekten vor allem aus den USA ist zu uns gekommen: Sie zeigten und zeigen immer noch, wie man mit Techniken, die „spirituelle Erfolge“ erreichen, Geld machen kann. Das Rückgrat dieser Religionswirtschaft in den USA ist der christliche „New Evangelism“, der konsequent unabhängig bzw. außerhalb von Kirchenorganisationen auf die religiöse Bewirtschaftung menschlicher Kernbedürfnisse zielt und hier enorme Wachstumsraten vorweisen kann. Dieser in Deutschland erst nach dem 2. Weltkrieg aus den USA ex- bzw. importierte „Evangelikalismus“ (der ebenfalls ein Neo-Evangelikalismus ist) wird von vielen inzwischen auch inländischen Akteuren promotet und soll nun in jeder Hinsicht auch bei uns die missionarisch normative Philosophie werden: „Welcher Kirche man angehört, ist zweitrangig“[1]. Was sich aus dieser neuen „Überkonfession“ an Folgen auch für uns entwickeln würde hat der Münsteraner Bischof Michael Keller schon früh in einem Hirtenbrief aus dem Jahr 1948 auf die Begriffe gebracht: „Wir stehen vor einem gewaltigen Aufbruch. Ob wir es wollen oder nicht: Die Welt geht in einem rasanten Tempo einer Neugestaltung entgegen. Wir sind auf dem Weg zu einer Einheitszivilisation und einer Einheitskultur. Morgen werden sich die Menschen in ihrem Gehabe und in ihren Lebensgewohnheiten in Berlin, Washington, Tokio, Peking, Montreal und Sidney kaum noch wesentlich unterscheiden. Und kein Land, keine Stadt, kein Dorf, sei es auch das entlegenste, kann sich der unwiderstehlichen Gewalt dieser Umformung entziehen“[2]. Das Umformungstempo, das noch ein lutherischer Theologe wie Emanuel Hirsch und seine Schülerschaft dem Protestantismus verordnen wollte, war nur ein Kriechgang gegenüber dem, was aus den USA kommend alle solchen Bemühungen der Modernisierung des protestantischen Kirchenwesens sehr schnell überrundete.

Bischof Keller hatte die neue globale Dimension des „Marktes“ begriffen und erkannt, dass dieser im Blick auf die neue Weltmächtigkeit der USA als „natürliches, überhistorisches sowie zugleich moralisch gutes Prinzip verstanden wird, weil er allein der utilitaristischen Psychologie von individueller Glücksmaximierung angemessen ist“[3]. Das Ergebnis des Zweiten Weltkriegs lässt die Logik der mit Amerikas überlegener Kriegsmacht geschichtlich scheinbar heilig gesprochenen radikalen Marktprinzipien Zug um Zug bei uns nun auch in alle Bereiche religiöser Organisation eindringen: Religion wird privatisiert und kommerzialisiert. Und Bischof Keller hatte noch etwas anderes schon vorausgeahnt: die US-Religionswelt mit ihrem politischen Establishment wird nicht akzeptieren, dass es außer ihr noch eine andere Form des Christentums gibt. Und sie wird alles tun, um unsere Verhältnisse den ihrigen anzupassen und das andere, europäische, öffentlich „monopolisierte“ Christentum sich zu unterwerfen[4]. Schon für Bischof Keller war klar: Wer das Marktprinzip zum alles bestimmenden Faktor des gesellschaftlichen Lebens macht, der wird auch in die religiösen Organisationsverhältnisse neue Wettbewerbs-Strukturen einbringen. Diese neuen Bedingungen können und werden den Export des „american gospel“, jener unseligen neuen christlich-fundamentalistischen Mischung von Religion und Politik in den USA, auf die lange Sicht auch bei uns auf irgendeine Weise erzwingen. Wer nicht sehen will, was hier geschieht, wird die neue US-amerikanisch-protestantische „Überkonfession“ nur als Effizienzhilfe verstehen und die inhaerenten Systembedingungen leugnen oder verdrängen. Wer sich ein kritisches Bewusstsein bewahrt hat, wird den religionspolitischen Überwältigungsversuch, anderen „Unbekehrten“ die eigene religiöse Kultur und das damit verbundene politische System aufzudrücken, in seinen modernen Techniken und menschlichen Beeinflussungsinstrumenten inzwischen sehr wohl erkennen.

 

 

I. Die Anfänge des Schismas

 

In Gesellschaftsbreite hat das Christentum innerhalb der USA seit schon fast 100 Jahren die aus Europa einst mitgenommene christliche Glaubens-Disziplin immer mehr verloren bzw. immer entschiedener abgeschüttelt. Kritisch sieht Dietrich Bonhoeffer im Jahre 1931 „die Zustände in den Kirchen und Denominationen der Vereinigten Staaten: ‚Die Predigt ist herabgewürdigt zu kirchlichen Randbemerkungen zu Zeitereignissen. Was aber steht an der Stelle der christlichen Botschaft? Ein fortschrittsgläubiger ethischer und sozialer Idealismus, der, man weiß nicht ganz woher, sich das Recht nimmt, sich ‚christlich’ zu nennen. Und an der Stelle der Kirche als Gemeinde der Gläubigen Christi steht die Kirche als Gesellschaftskorporation. Die ‚Lahmheit des inneren Lebens muss durch ein Vielerlei kleinerer Attraktionen ersetzt werden. Um das Gefühl innerer Hohlheit, das sich dann hin und wieder einstellt, auszugleichen (teils auch um die Kirchenkassen wieder aufzufüllen) bestellt sich eine Gemeinde wenn möglich jedes Jahr einmal einen Evangelisten zum ‚revival’. Die Primitivität der Mittel, mit denen dann diese Leute mit den Emotionen der Gemeinde spielen können, weil jedes gesunde Kriterium fehlt, ist beschämend [...] Dem deutschen Beobachter wird die Frage immer dringlicher, woraus diese sonderbare Gestalt kirchlichen Wesens und Unwesens erwachsen konnte“[5]. Mag ein Stück weit daran gewiss auch die progressive Verflüchtigung einer theologischen Kultur und akademisch-aufklärerischen Kritik schuld sein: Der entscheidende Faktor ist das US-Gesellschaftssystem selbst: Die einzig nötige Legitimation ist auch in Sachen Religion der sich rechnende Erfolg: Was Kirche ist, muss im Einklang mit dem Markt funktionieren. Die kirchlichen Methoden wie die religiösen Inhalte sind den Bedingungen des amerikanischen Gesellschaftssystems entsprechend anzupassen, z.B.: „Angesichts der ökumenischen Entwicklung verbiete es sich am Reformationstag, auf die Reformation einzugehen und die einschlägigen biblischen Lesungen zu halten. So riet die Evangelisch-Lutherische Kirche in den Vereinigten Staaten ihren Pfarrern und Gemeinden im Jahr 2002. Im Herbst 2003 schlug die Kirchenleitung vor, am Reformationstag über Gesundheit und Wellness nachzudenken“[6]. Es geht schon lange auch für die altetablierten Kirchen in den USA darum, Religion zu verkaufen, wie die Anweisung des „Protestant Council of New York“ aus den 1950er Jahren an die Redner in Fernsehen und Radio schon erklärte: „In a real sense we are ‚selling’ religion, the good news of the gospel“[7]. Für Evangelikale ist dies heute überhaupt kein Problem mehr: Man verkauft mit betriebswirtschaftlich optimiertem Marketing und Kapitaleinsatz eine für die kulturellen Bedürfnisse der US-Mittelklasse präparierte idealisierte Vorstellung von Christentum. Der Käufer kann wie zu Luthers Zeiten dafür als Gegenleistung oder erforderliche Vorausleistung eine Spende geben: „im Gegensatz zu den mittelalterlichen Ablässen wird ihm nicht nur versichert, Gottes Willen getan zu haben, sondern ihm wird auch sofortiger Nutzen versprochen“[8].

Das immer wieder gegenüber unseren Verhältnissen angeblich als viel vitaler gepriesene religiöse Leben in den USA hat für solchen Mythos einen genauen geschichtlich-archimedischen Punkt: „Seit im Jahr 1620 die sogenannten Pilgerväter die Küste der ‚Neuen Welt’ erreichten, hat sich ihre neu gestaltete Lebenswelt schicksalhaft mit dem Begriff des „auserwählten Volkes verbunden“[9]. Ihre Siedler und Einwanderer fühlen sich von Anfang an als „die Guten“, die nicht nur mit der Bibel, sondern auch mit ihrer Art von „freier“ Gesellschaftsverfassung als die „Besseren“ jetzt von Gott auch dazu berufen sind, die gesamte Welt zu missionieren. Wieso und warum es dazu kam und kommen musste, dass heute ein ausgebildeter christlich-religiöser Nationalmessianismus Programm und Inhalt der US-amerikanischen Zivilreligion wurde, verdankt sich der Fortführung und Steigerung der Prinzipien dieses Anfangs: In immer neuen Erweckungen („Awakenings“) wird dieses ebenso religiöse wie politische Erwählungsbewusstsein auf die Begriffe gebracht. Sie erklären so auch immer wieder neu die Wandlung des US-amerikanischen Christentums, seine progressive Enteuropäisierung und die darin auch immer problematischer gewordene Zweideutigkeit des christlich-religiösen Engagements und die politische Verzweckung des Religiösen in den USA. Tarek Mitri bilanziert völlig nüchtern: Die periodischen „Erweckungen“ in den USA haben eine banale Logik: Sie „zielten darauf ab, den Mythos vom Auserwählten Volk neu zu beleben“[10]. Von Anfang an lieferte dieses Erwählungsbewusstsein den religiös-politischen Anspruchs-Rahmen für das „nation-building“. Weil dieser Anspruch religiös auf Dauer aber nicht wirklich erfüllt werden konnte, musste er immer wieder modernisiert und mit neuen Inhalten angereichert und verändert werden: So wurde der Evangelikalismus des 19. Jahrhunderts dann im 20. Jahrhundert zusammen mit dem Aufschwung der neuen Medien eben ein in den USA so genannter „New Evangelicalism“. Das neue daran ist die enormen zivilreligiöse Verbreiterung, die aus nachvollziehbaren Gründen kollektiver, „massenhafter“ denn je zuvor die Bedürfnisse „der Nation“ aufnimmt und auch aufnehmen kann. Es gibt deshalb in den USA schon lange praktisch keinen öffentlichen Widerstand mehr dagegen, diesen „New Evangelicalism“ als eine Art Staatsreligion zu verstehen und ihr eine entsprechende öffentliche Förderung zukommen zu lassen, der gegenüber alle Staatsleistungen für die Kirchen in Deutschland in der Tat nur „peanuts“ sind. Was diese in unserer deutschen Optik immer einfach evangelikal genannte Religion ist, setzt sich aus einer Hierarchie zahlloser Religionsfirmen zusammen. Ihre Leitfiguren, vor allem die Repräsentanten einiger religiöser Multis und politischer Stiftungen an der Spitze, sind die öffentlichen Taktgeber religiöser Bewertungen öffentlicher Entscheidungen und Ereignisse und sie geben das sprachliche Muster vor für das, was in den USA heute „das Christliche“ ist und sein soll.

Die erstaunlich gradlinige Entwicklung hin zu einer in Gesellschaftsbreite dominant gewordenen US-Zivilreligion erscheint freilich schon im Ansatz beschlossen: „Die Gründerväter wollten ein universales Credo erarbeiten, mit dem sich die unterschiedlichen kirchlichen Glaubensweisen identifizieren konnten“[11]. Damit war auch die Entkirchlichung des aus Europa mitgebrachten Christentums aufs Gleis gesetzt und der schon der Verfassung der USA inhaerenten „republikanischen Religion“ eine allen „Denominationen“ oder „Churches“ übergeordnete Funktion als neue staatliche „Überkonfession“ eingeräumt: „Im politischen Sprachgebrauch wurde diese neue ‚Religion’ zur ‚Religion der Republik’ – später Zivilreligion genannt. Dieser ‚überkonfessionelle Evangelikalismus’ verleiht der Nation ein religiös-symbolisches Gewicht, das sogar weit über einfache Vaterlandsliebe hinausgeht. Unbewusst bei den einen, halbbewusst bei den anderen läuft diese ‚Religion’ – oder Pseudoreligion – darauf hinaus, Amerika eine Sonderstellung einzuräumen im Rahmen eines Heilsplans, den Gott im Sinn hat, um die Menschheit zu retten“[12]. Stationen des kontinuierlichen Gestaltgewinns dieses kirchenbefreiten Christentums oder „Evangelikalismus“ dokumentieren die verschiedenen „Erweckungen“ („Awakenings“), die die US-amerikanische Geschichte erlebte: „Wie bei der ersten, so auch bei dieser zweiten Erweckung betonten die Inspiratoren und Akteure die Autorität der Bibel [...]“ usw.. Schön hat Mitri herausgearbeitet, wie diese Zweite Erweckung ab 1830 von der „zunehmenden Säkularisierung der Gesellschaft“ ihr Thema nahm und mit neuen Argumenten wiederum dazu aufrief, „Amerika seine christliche Berufung und Identität zurückzugeben und nicht zu vergessen, dass Gott sie zu seinem Volk gemacht habe“[13]. Mehr denn je wirkte diese Propaganda denn auch in der Richtung, dass „die Gläubigen optimistischer“ sein sollen: Der Tenor des nun verkündeten Christentums ist ein realisierter, im Prinzip schon überdeutlich gesellschaftlich vernützlichter Glaube an die Zukunft, der vor allem „Selbstvertrauen“ zu erzeugen hatte. Dieser „christliche Glaube“ kann für den US-Bürger nicht nur ein Glaube an sich selbst sein, auch wenn er ausschließlich selbstbezügliche Bedeutung hat, weil das göttliche Faktum „Amerika“ der Bürge dieses Glaubens ist: die von Gott auserwählte Nation, „die Stadt auf dem Berge“.

Die Haupteigenschaft dieses neuen, vom Evangelikalismus geprägten und wie eine inoffizielle Staatsreligion öffentlich gepflegten US-Religionsmarktes ist in der Tat die mit dem wachsenden Zugriff auf Finanzmittel sich auch quantitativ unerhört steigernde Materialität seiner Werbung mit dem diesem religiösem Materialismus inhärenten Zwang, den Marktwert des Religiösen auszudrücken. Faktisch lässt sich dies nur in einer einzigen Form verwirklichen: im Geldwert. Denn alle „Verkaufsware“ lässt sich nur in einem Medium messen: dem Geld. „Ohne Geld findet keine werbliche Kommunikation statt“[14]. Sagen wir es direkt: Der Markt ist das Kind des Geldes. Auch Geistiges, auch Religiöses gewinnt eine materielle Form, wenn dafür Zeit oder Platz gekauft wird. Schon diese Vorbedingung setzt irreversible Fakten: „Wenn gekaufte Zeit die Rahmenbedingungen diktiert, dann hat dies unmittelbare Folgen für die Sprache... Sprache wird in der Werbung zugleich pauperisiert und komprimiert. Sie verliert an semantischer Komplexität und das, was übrigbleibt, sagt auf doppelt und dreifache Weise immer wieder das gleiche“[15]. Religion muss so am Ende vom Umsatzzwang geleitete „Pop-Religion“ werden: Der Religionswissenschaftler Hubert Knoblauch summiert sorgenvoll: „Das Geheimnis, das die Welt zusammenhält, ist das Geld. Damit werden alle bisherigen substantiellen Theologie- oder Religions-Experten entwertet. An ihre Stelle treten nun Experten der Wissensvermittlung, Präsentation und Inszenierung“[16]. Nicht von ungefähr beschäftigt eine „Megakirche“ wie Willow Creek, repräsentativ für eine im Augenblick sehr erfolgreiche religionswirtschaftliche Mode, nur eine Handvoll in USA ausgebildeter Theologen, dafür das hundertfache von Psychologen, Betriebswirtschaftlern, Medienleuten, Sozialarbeitern usw..

Es ist das Grundproblem des US-Evangelikalismus, dass er unweigerlich (den) Menschen zum Gott bzw. Menschen zu Helden, Stars und Göttern machen muss. Was er damit erreicht, ist aber etwas restlos Gegen-Menschliches: Er stachelt den Wettbewerb, die Rivalität unter Menschen an, nicht zuletzt auch deshalb, weil er mit suggestiv-religiösen Mitteln die Selbstausbeutung, das Begehren und mit dem heilsnotwendigen „mehr“ in Sachen Mission indirekt immer auch die Gier des Menschen bis zum Ende sakralisiert. Es ist das Strickmuster dieser neuen evangelikal-globalen Über-Konfession, dass man sich dem Markt und seinen Moden anpasst, um darin auch religiöser „Champion“ zu sein: „Diese Art von Religion erhebt also einen Absolutheitsanspruch und löst diesen auf ihre Art und Weise ein. Durch die moderne Informationstechnologie absorbiert die electronica et oeconomica religio (Bindung) alle anderen Kulturen, Religionen und Individuen, indem sie eine neue  ‚allumfassende catholica religio’ schafft: Überall in der Welt und zu jeder Zeit überwindet der entscheidende Sozialisationsfaktor der Gegenwart – die kommerzialisierten neuen Medien – Grenzen und Barrieren; Menschen aller Rassen und Sprachen werden – und dies unabhängig davon, ob sie dies wollen oder nicht – zu ein und derselben globalen Gemeinschaft von Kunden und Konsumenten vereinigt“[17] – und dies möglichst schnell und effizient auch auf dem Gebiet der Art von „Christentum“, die der Evangelikalismus weltweit als sein religiöses Erfolgsmodell vertreibt.

 

 

II. Einkäufer und Verkäufer des „Neuen Christentums“

 

Auch der Evangelikalismus hat einige „Heilige“ zu bieten, die wie „Kirchenväter“ jeweils eine ganze Etappe der Entwicklung des US-Religionssystems geprägt haben: Wichtig war hier vor allem Jonathan Edwards (1703-1758), der erste eigentlich bedeutende „Evangelikale“. Edwards war die entscheidende Figur und der religiöse Taktgeber im ersten „Awakening“. Er trieb die Enttheologisierung des Christlichen durch die Betonung und zielbewusste Monopolisierung religiöser Gefühlsarbeit voran, weil er den religiösen Inhalt relativierte und die Wirkung als das entscheidende Moment predigte. Edwards hat die Psychologisierung des Religiösen zum großen Thema gemacht und damit schon ganz früh alles Bekenntnishafte rigoros auf die Seite geschoben: Wichtig ist nur, was wirkt. Noch mehr zum Gestaltgewinn der neuen Dinge im zweiten und dritten „Awakening“ trägt dann das Trio der großen Imitatoren von Edwards bei: Charles Grandison Finney (1792-1875), Dwight Lyman Moody (1837-1899) und Billy Sunday (1862-1935). Sie waren es, die in den USA nacheinander die neue Kommerzialisierbarkeit des Christlichen ausprobierten, die das vorherrschende Markenzeichen des „New Evangelicalism“ ist, und sie endgültig zum flächendeckenden Durchbruch brachten: Sie wollten Umsatz und Gewinn, d.h. „religiöses“ Wachstum mit allen legitimen Mitteln. Sie trennten sich von allem „Kirchlichen“ und schufen in privatrechtlicher Verantwortung von vornherein auf maximale Kundschaftsbreite zielende neue „Community“-Religionsunternehmen, was so nur noch als Mixtur von Christentum und Zivilglaube möglich ist, die alle anderen „Bekenntnisse“ relativiert. Dieses Trio prägte das Bild und die Blaupause für den Idealtypus der heutigen „Megachurches“, die sich im zivilreligiösen Habitus „überkonfessionell“ keiner bestimmten Konfession mehr zuordnen bzw. unterordnen. Diese beim dritten „Awakening“ schon in nichts mehr „methodistisch gehemmt“, sondern öffentlich völlig ungehemmte agierende neue Profitlichkeit des Religiösen erzeugt eine christlich sich gerierende „Kunden-Mission“, d.h. religiös-moralische „Bekehrungsarbeit, die sich rechnet“. Bereits Finney führte den Erfolg seiner Predigten nicht auf ein göttliches Wunder zurück, sondern auf nichts anderes als gute Planung und Organisation. Mit ihm begann die bis heute andauernde Liaison zwischen amerikanischer Popkultur und religiösen Erneuerungsbewegungen, die von vornherein auf Unterstützung durch das politische Establishment aus war und diese Hilfe als Geschäft auf Gegenseitigkeit auch immer gewinnen konnte. Finneys Devise: „Politics are a part of religion in such a country as this, and Christians must do their duty to the country as a part of their duty to God“[18] hat geschichtliche Bedeutung erlangt: Finney bekannte sich als erster offen zur vollen Profitlichkeit einer Religionsfirma: „The law of American economic life has always been expansion and growth, and almost every American Christian denomination in the nineteenth century turned that law into gospel truth“[19]. Es war dann Dwight Lyman Moody, ein ehemaliger Schuhvertreter, der Finneys „mix faith with business“ weiter vorantrieb. Durch ihn wurde die Evangelisationsbewegung der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts zum wirklich voll profitablen Geschäft, dessen Ziel die Massenproduktion von Bekehrungserlebnissen war. Moody hat vor allem auch auf dem Musiksektor die Verhältnisse verändert: Das gottesdienstliche Gospel-Singen der „Black church music“ machte er ab 1873 mit der Sängerin Ira Sankey mit seinen Veranstaltungen „into a marketable commodity“. Moody war der erste, der mit Christlicher Religionspropaganda tatsächlich Millionen verdiente und damit einen Standard setzte für das, was amerikanische, oder genauer: was „evangelikale Religionswirtschaft“ sein kann. Er „constructed a religious empire“[20], das heute noch im „Moody Bible Institut“ in Chicago eine sehr einflussreiche evangelikale Bastion darstellt. Seine Erfolgs-Formel hieß: „Bringing Business Efficiency into Christian Service“: Riesige Chöre, eine attraktive Frauenstimme als Vorsängerin, „Moodys anecdotal style of preaching and his talent for story telling“ – all das machte aus Religion perfekt funktionierende Unterhaltung.

Moody lieferte die neue Positivität nach dem Zusammenbruch der religiös-gesellschaftlichen Systemherrschaft des nach dem Bürgerkrieg 1867 mental schwer angeschlagenen kirchlich verfassten Methodismus. Er erreichte, dass die alten, in einer gewissen kirchlichen Bewusstseinslage auch am Ort immer noch befangenen Verhältnisse jetzt für immer umgedreht wurden: Hatte früher ein attraktiver (protestantischer) Gottesdienst auch etwas Unterhaltung(swert), so gibt es jetzt einen neuen Typ von (evangelikaler) Unterhaltung, der auch etwas Religion(swert) hat. Richard (Billy) Sunday vervollständigte den Prozess der Herauslösung der alten, dem kirchenähnlichen (freikirchlichen) methodistischen Perfektionismus noch mehr oder weniger verpflichtet gewesenen Erneuerungsbewegungen aus dem engeren Raum der religiösen Institutionen und die auch publizistisch vollendete Einbettung der neuen „Religionsfirmen auf eigene Rechnung“ in die amerikanische Populärkultur. Und Sunday tat ein übriges: er sicherte wie kein anderer je zuvor seine Religionsunternehmungen durch das politische Establishment auch vor Ort ab, das er immer  „personally“ möglichst durch erfolgreiche Geschäftsleute, die sich bei ihm so als „Musterchristen“ präsentierten, einzubinden verstand. Auch Sunday scheute sich nicht offen zu sagen, dass er mit Religion Geld machen will. Er vermarktete zu diesem Ziel alles: seine Biographie, seine Postkartenbilder, seine Familie und sein „evangelical team“. Er verkaufte seine Reden und Liederbücher, seine Bücher und sich selbst wohl in einigen menschlichen wie politischen Hinsichten selbstverständlich auch.

 

 

III. Graham – der „Papst des Evangelikalismus“

 

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erfährt der Evangelikalismus einige Neuerungen, die durch Entwicklungen im religiösen Feld geradezu erzwungen werden: Fundamentalismus und christliches Pfingstlertum werden zu neuen erfolgreichen Methoden und Strategien, wie man in den USA der im 19. Jahrhundert kirchlich immer einflussreicher gewordenen „deutschen“ Bibelkritik wie auch dem sich in der Mentalität und vor allem in den Schulbüchern sich durchsetzenden Darwinismus mit seiner Evolutionslehre sehr gut ausweichen kann. Denn geschichtliche Analyse der Bibel wie Evolutionslehre schwächen jeweils auf andere Weise die symbolische Bedeutung der Bibel und damit die emotionale Grundlage der Nation. Pfingstlertum und seine spätere Radikalisierung durch die religiösen Charismatiker und sich neu vereinigende Fundamentalisten können dagegenhalten: Sie heben mit religiös gerechtfertigtem Suggestivismus und d.h. bald mit modernstem publizistischem Einsatz und entsprechendem Finanzaufwand das US-amerikanische Erwählungsbewusstsein wieder oder noch höher auf den Sockel. Dazu kommt die sich bald ständig steigernde Finanzierung durch private Stiftungen aus der Wirtschaft, ohne die die Konjunktur dieser religiösen Methoden überhaupt nicht möglich gewesen wäre. Heute kommt auf diesem Feld die regierungsamtliche Förderung auf vielen Ebenen noch dazu. Die meisten deutschen Autoren wie z.B. auch Reinhard Hempelmann[21] übersehen völlig diese auch politisch unerhört wichtige gesellschaftliche Funktion auch pfingstlerischer Frömmigkeit für das US-Nationalbewusstsein, ohne die sie niemals im vorhandenen Umfang entstanden wäre, heute weiterexistiert und global exportiert wird: Sie hilft dem US-Bürger einen scheinbar völlig sicheren Rahmen der Selbst-Erwählung zu bieten, der auch nicht durch geschichtliche Kritik oder durch rationale Einrede infragegestellt werden kann und der so eine „sichere“ Sinnquelle ist und bleibt. Das „Hauptsache, es funktioniert“ erhält noch einmal eine unüberbietbare Rechtfertigung, denn es entbindet den evangelikal-autoritativen Gestus davon, auf mögliche Kritik überhaupt noch antworten zu müssen: Der christliche Pfingstler oder anders ebenso der christliche Fundamentalist verkündet nur noch Richtiges, er rechtfertigt sich nicht mehr. Folgerichtig wird im pfingstlerischen „Alpha-Kurs“ Kritik schlicht verboten. Hier, mit und im Pfingstlertum und seinem suggestiven Psycho-Konstruktivismus, für sich und für alles andere „Transformation“ nicht nur in religiösen Perfektionismus, sondern auch in den Zustand der vollkommenen Gesellschaft herstellen zu können, beginnt die moderne Geschichte des religiös-politischen Fundamentalismus, nicht in Teheran.

Dass freilich jede suggestive Spannung irgendwann nachlässt und nach einigen Jahren oder Jahrzehnten etwas Neues kommen muss, ist klar: Es kam Billy Graham, der nicht mehr Pfingstler war und auch nicht sein musste, um ein neues Revival des US-Erfolgsmodells in Gang zu bringen. Graham war nicht der einzige in einem inhaltlich und personell völlig neu dekorierten Aufbruch des „christlich“ grundierten persönlichen Erwählungsbewusstseins, aber er war zu seiner Zeit der erfolgreichste. Er wurde die Zentralpersönlichkeit der vierten Stufe, des „vierten Awakening“ der amerikanischen Religionsentwicklung und das Person-Symbol für eine noch einmal neue, sehr intensive politische Amalgamierung des Christlichen in der US-Gesellschaft, die „das eigentlich Christliche als Quelle und Sinn von Amerikas Größe“[22] noch einmal positiv zur Geltung bringen will – und es nun gesellschaftspolitisch restlos und nun wie es scheint endgültig funktionalisiert hat. Es gibt „after Graham“ keine selbständige, unabhängige christliche „Kirchlichkeit“ mehr in den USA – von einigen katholischen Anläufen abgesehen, über die gesondert zu sprechen wäre. Graham schaffte von neuem die entscheidende Wende hin zum Erstarken konservativ-evangelikaler ebenso wie auch fundamentalistisch-religiöser Bewegungen. Grahams „double faith“, sein doppelter Glaube an Amerika verbunden mit dem Glauben an einen bei genauem Hinsehen mehr oder weniger doch deistisch verstandenen (christlichen) Gott ist z.B. schon am Inhalt seines Haupt-Begriffs „Entscheidung“ (decision) festzumachen. Graham macht es den Zuhörern aus Prinzip so leicht wie möglich – und genau das versteht er als seine „Mission“: Die radikale Konzentration auf die „persönliche“ Bedürfnislage unabhängig von allem „Kirchlichen“ ist nötig, damit die Zuhörer wieder richtige „Christen und Amerikaner“ sein können: Voller Selbstvertrauen, Kraft und Stolz auf sich selbst und auf die Erwählung Amerikas, die der Grund ihres Selbstvertrauens ist und sein muss.

Das „Sein“ der Kirche spielt für Grahams „Entscheidungen“ überhaupt keine Rolle, auch wenn er alles Kirchliche gerne für seine Unternehmen einspannt; er predigt in seinen Großveranstaltungen, dass z.B. er selbst nicht sagen kann, ob er je ein aktives Mitglied einer Kirche war oder nicht. Er sagt nur: „it is time to reorient one’s life toward God“[23]. Die immer auch nebelhaft bleibende “Reorientierung” ist aber im Grunde nur ein oberflächlich portioniertes Verändern der mit den neuen Leitbegriffen besser rationalisierten Lebensprioritäten sehr ähnlich der Kernformel des „Positiven Denkens“ von Norman V. Peale (1898-1993): „Ändern Sie ihr Denken und sie werden alles ändern“. Graham meint damit eben die soziale Relevanz eines selbstbestimmten religiös-moralischen Wollens, das für den Einzelnen eine Art Glücksplan darstellt, der zielorientiert rational zu verfolgen ist: „Glaube funktioniert so“[24]. Vor allem Peale, dessen politische Einbindungen in den USA noch kaum ins Licht gestellt sind, ist für Grahams Wirken von entscheidender Bedeutung geworden. Mitri erwähnt z.B. Grahams als solche berühmt gewordene Strategie-Konferenz in Montreux, weiß aber nicht, dass hier nicht Grahams, sondern Peales Konzepte und Richtungsvorgaben in den auch für das Geschick des Evangelikalismus weltweit entscheidenden Tagen in Montreux/ Schweiz im Mittelpunkt standen: „Vom 16. bis 18. August 1960 versammelten sich auf meine Einladung hin dreiunddreißig führende Christen aus zwölf Ländern im schweizerischen Montreux [...] Die Zusammenkunft stand unter dem Thema ‚Gottes Strategie für Mission und Evangelisation’ [...]“[25]. Gewiss nicht nur bei dieser Konferenz ist Peales Bedeutung hoch anzusetzen: Peale gab die Vision wie auch das Rechtfertigungsinstrumentarium für den Entschluß zur strategisch nun anzugehenden Verbreitung der „neuen Positivität“ über die USA hinaus: Der Export des „American Gospel“ wird als eine außenpolitische Notwendigkeit nun in den US-Think-Tanks fortlaufend untermauert. Graham verschweigt aus Eitelkeit oder Absprache mit Peale selbst immer Peales Bedeutung für ihn selbst wie ganz besonders Peales Regie und Animation auch dieser Genfersee-Schicksals-Konferenz für den deutschen Protestantismus, der schon in der ersten Phase der Bildung von evangelikalen Parallelorganisationen die volle Wucht der evangelikalen Geringschätzung des Kirchlich-Institutionellen erfahren sollte, das in der US-Optik schon als solches als Verrat des Christlichen gilt. Unmittelbar nach „Montreux“ eröffnete Graham sein erstes Büro in Deutschland, die erste Basis für das Projekt der evangelikalen Umformung der Religionskultur in Deutschland, für Graham nebenbei auch zugleich ein Angriff gegen die „kommunistische Pfarrerschaft“ in der EKD.

Graham verschweigt aus gutem Grund auch später noch die Namen der Teilnehmer und vernebelt auch den Zweck des Treffens. Es ging in Montreux um zweierlei: Zuerst um Strategie und Taktik für den endlichen Machtgewinn der politischen Rechten in den USA – um innenpolitische Strategien gegen den katholisch-liberalen Demokraten Kennedy und für den „southern way of religion“. Dann ging es um das außenpolitische Feld: um den organisatorischen Aufbau einschließlich Finanzierung von evangelikalen Handlungsträgern zunächst in Deutschland und Europa – auch damals schon mit Zielrichtung Osteuropa -, und um deren Ausstattung bzw. Förderung mit Propaganda-Instrumenten und die Verabredung von Strategien auch persönlicher Einflussnahme und Infiltration besonders der EKD-Gremienwelt, um auch hier dem US-Kulturfundamentalismus eine personelle Lobby zu verschaffen und langfristig eine Markt- und Kapitalismusfreundlichkeit kirchlicher Stellungnahmen zu erreichen. Für Graham (Familienleitspruch: „Amerikaner von Geburt, Südstaatler durch die Gnade Gottes“[26]) ging es freilich nebenbei dann auch noch um etwas anderes: die weitere Festigung seiner Religionsfirma und um seine „inofficial role as spokesman for Americas evangelicals“ nach innen und außen, die hier auch noch einmal bestätigt wurde: Man einigte sich in Montreux auf Graham als Vormann und Aushängeschild der Mission Amerikas. Peale, durch sein in Millionenauflagen vertriebenes Buch „Power of Positive Thinking“ von 1952 weltweit bekannt geworden, dem mehrere Bücher über Techniken „how to create your own happiness“ u.ä. vorausgegangen waren, war dabei strategischer Denker wie auch politischer Anker der seltsamen Versammlung „in Montreux with Norman Vincent Peale and other Protestant Leaders“[27]. Ob Billy Graham oder Robert Schuller, Rick Warren oder Joel Osteeen oder wie immer die Größen des „New Evangelism“ heute heißen: Ihr geistiger Vater, von dem sie noch allesamt ihr Werkzeug bekommen haben, ist Norman Peale. Peales Zugriff auf Religion oder richtiger: auf das Religiöse leitete in einer völlig neuen Entschiedenheit dazu an, “to study prayer from an efficiency point of view”, d.h. das Gebet zielorientiert zur Erhöhung der “personal efficiency“ einzusetzen und vor allem: „Peale garantierte Ergebnisse“[28]: Der “scientific use of prayer” erkennt psychologisch feststellbar “the emanation of a power like electrical energie”[29] – und wer diese “power” noch nicht „erfahren“ hatte[30], der braucht nur die neuen Techniken zu lernen „um mit einem Gebet effektive Ergebnisse erzielen zu können“[31].

Man muss den durch Peale ausgelösten doppelten Schub in der Religionskultur kennen: Die Ausschaltung von Kritik und ihre gesellschaftliche Denunzierung als „störendes Element“ und die Technisierung der US-christlichen Gebets- und Gottesdienstkultur. Erst so kann man verstehen, was wirklich vor sich geht, wenn vom „Beten im Oval Office“ oder vom „Gebetsfrühstück“ von Politikern usw. berichtet wird: Dies ist kein Beten zu Gott, wie wir es in unserer kirchlichen Prägung verstehen. Es ist immer ein nur in diesem religiös-technisierten US-Kontext verständliches „purpose driven prayer“, ein zweckorientiertes Beten, dessen Ergebnisse selbstverständlich “financial dividends“[32] zu bringen haben.

So hatte auch schon das erste Erscheinen Billy Grahams in Deutschland in Absicht und Ergebnis nicht nur religiöse Zwecke: Es war zuallererst ein heute kaum mehr gewusstes Marketing des Amerikanismus als solchen. Die Anfang der 1950er Jahre auf den deutschen Markt zielende US-Filmindustrie war sozusagen auf den Prellbock der christlichen Filmliga-Vereine aufgelaufen, die im Jahre 1954 – man staunt heute – über vier Millionen Mitglieder hatten[33] und deren Ziel war, die „schamlose“ US-Filmproduktion aus den deutschen Kinos fernzuhalten. Die noch von der alliierten Besatzung im Juli 1949 installierte „Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft“ war sehr bald als Instrument der Filmindustrie selbst begriffen und entlarvt, die aus finanziellen Interessen nur allerniedrigste Standards setzte. Kirchenleute wie Kardinal Faulhaber liefen Sturm gegen diese „kulturelle Überfremdung“ mit für die US-Filmindustrie schmerzlichen Folgen: Die geplanten Geschäfte kamen nicht in Gang. Hier half nun „das System“: die US-amerikanische Verschränkung von Glaube und Kommerz, von Religionsfirmen und Industrie gleich welcher Art, indem die „WEF“, die damals und noch lange ausschließlich aus US-Vertretern bestehende „World Evangelical Fellowship“ 1953 in der Schweiz eine „europäische Tagung“ mit und über Billy Graham zu veranstalten hatte, der dann von deutschen „Allianz“-Leuten erwartungsgemäß sofort auch nach Deutschland eingeladen wird, um über die religiöse Schiene den US-Kulturimport insgesamt zu positivieren. Das war in deutscher Optik etwas „Religiöses“, aber in US-Optik ein vorzüglicher „mix faith with business“, also auch so „ein Geschäft“, das natürlich auch dem Filmexport zugutekommen sollte und musste, schon allein deshalb, weil in diesem kulturelle Feld mit dem „Aufschlag Graham“ jetzt „Amerika“ die religiöse Meinungsführerschaft übernimmt und „Kritik an Amerika“ schwerer macht.

Wenige wie der Hannoveraner Bischof Lilje haben die „U-Boot-Funktion“ des Auftretens von Billy Graham in Großveranstaltungen in Deutschland in ihren Mahnungen zur Zurückhaltung noch freilich mehr geahnt als wirklich schon begriffen. Es war 1954 überhaupt nicht und für die meisten kirchlichen Funktionsträger auch nach Grahams „Berlin-Congress on Evangelism“ 1966 immer noch nicht restlos möglich, dessen Absichten und Strategien bis zum Ende zu durchschauen. Man hätte es vielleicht gekonnt, wenn man auch in der theologischen Forschung die genaue Analyse gewollt hätte und wie Roland Barthes 1957 in Paris schon zu einer kritischen Perspektive bereit gewesen wäre[34]: Dem standen in Deutschland aber viele innere und äußere Hindernisse im Weg, nicht zuletzt auch akademische Einflussnahmen aus den USA, die z.B. rechtskonservative US-Theologen wie Reinhold Niebuhr in Deutschland erfolgreich protegierten. Was Graham „Evangelisationskampagne“, „Kreuzzug“ o.ä. nennt, bietet wie alle modernen evangelikalen Groß-Redner im Ablauf immer die selben, das eigene Charisma präsentierenden drei Phasen: „Erwartung, Suggestion, Initiation“[35]. Barthes hat diese typisch evangelikale Climax auf die Begriffe gebracht: „Gesänge, Anrufungen, hundert nutzlose kleine Ansprachen von Nebenpastoren oder amerikanischen Impresarios [...] ein ganzes Reklameprogramm geht Dr. Graham voraus [...] man erkennt in dieser ersten Phase der Zeremonie die große soziologische Bewegkraft der Erwartung [...] Durch wiederholte Finten erzeugt(e) man im Publikum die wirre Neugier, die ganz und gar bereit ist, das wirklich zu sehen, worauf man es warten lässt [...] Ein Inspirierter wird sprechen, und das Publikum ist aufgefordert, am Schauspiel einer Besessenheit teilzunehmen; man bittet es im voraus, die Rede Billy Grahams unmittelbar für göttliche Worte zu nehmen“[36]. Für „Graham“ können die Namen aller anderen modernen evangelikalen Top-Redner ebenso eingesetzt werden. Das evangelikale Strickmuster ist überall dasselbe: „Die Botschaft verblüfft durch ihre Plattheit und ihren Infantilismus. Jedenfalls ist Gott offensichtlich nicht mehr Thomist, Logik widerstrebt ihm außerordentlich. Die Botschaft besteht aus Salven diskontinuierlicher Versicherungen, die alle keinen anderen Inhalt als einen tautologischen haben (‚Gott ist Gott’) [...] das ändert nichts daran, dass Grahams Auftreten mit der Tradition der katholischen oder protestantischen Predigt bricht, die ein Erbe der antiken Kultur ist und die in der Forderung nach Überredung besteht. Das abendländische Christentum hat sich in seiner Darlegung immer den allgemeinen Regeln des aristotelischen Denkens unterworfen, es hat sich immer bereit gefunden, mit der Vernunft zu verhandeln, wenn es darum ging, dem Glauben Kredit zu verschaffen. Mit Jahrhunderten des Humanismus brechend (selbst wenn dessen Formen hohl und erstarrt sein mochten, die Mühe um den subjektiv Anderen hat in der christlichen Didaktik selten gefehlt) beschert uns Dr. Graham eine Methode der magischen Umwandlung; an die Stelle der Überredung setzt er die Suggestion. Die Hast des Sprechens, das systematische Vermeiden jedes rationalen Inhalts der Aussage, der ständige Bruch der logischen Verbindungen, die verbalen Widerholungen, das rhetorische Zeigen auf die Bibel, die in der erhobenen Hand gehalten wird wie der Universalbüchsenöffner eines Jahrmarktverkäufers, und insbesondere der Mangel an Wärme, die offenkundige Verachtung des Anderen, all das gehört zum klassischen Instrumentarium der Hypnose in den Varieties“[37].

Nüchtern hatte Barthes die evangelikale Überwältigung erkannt: Wie bei Gauklern und Hypnotiseuren werden den voll Gehorsamen noch im Plenum privilegierte Ehren zuteil: Auch Graham wie jeder Imitator seiner neu-evangelikalen Methode „krönt seine Botschaft mit einer Segregation der Berufenen. Die Neubekehrten, die unter dem Einfluß der magischen Botschaft ‚Christus empfangen’ oder ‚sich entschieden’ haben, die neuen Konvertiten bzw. die Angerührten, die sich in die Namens- und Adressenlisten eintragen, sie sind der greifbare, zählbare Gestaltgewinn der Initiation einer kollektiv gewordenen Individualität, wie sie das US-Gesellschaftsmodell braucht und haben will. Vergessen wir nicht: Barthes warnt schon im Jahr 1957: „All das betrifft uns auf unmittelbare Weise“, denn Grahams „Erfolg“ beweist die „geistige Gebrechlichkeit“, nicht nur des französischen Laizismus, sondern auch unserer kirchlichen Welt. Die Empfänglichkeit vieler Menschen für alogische und hypnotische Formen des Denkens ist erschreckend, aber eben eine Tatsache, die wir nicht ändern können, aber in christlicher Überzeugung auch nicht für irgendwelche Zwecke benutzen dürfen. Diese Tatsache betrifft aber zuerst oder allein weder Kirche noch Religion, denn wie Barthes sagt: „Es handelt sich in Wirklichkeit um ein politisches Thema“[38]. Was wie Religion aussieht oder wie „christliche Mission“ ist in der Intention nichts genuin Christlich-Religiöses mehr: All die Millionen US-Dollar, die in strategisch wichtige evangelikale Events, Parallelorganisationen oder evangelikalisierbare kirchliche Großveranstaltungen über World Vision, US-Stiftungen und –Missionswerke als Subvention gepumpt werden, sind nur Mosaiksteine einer bei gewolltem näheren Zusehen letztlich ziemlich schlecht getarnten Machtpolitik, die nur ein einziges Ziel hat: Politische, kulturelle und wirtschaftliche Abhängigkeit von den USA herzustellen.

 

 

IV. Strategie und Taktik eines anderen Christentums

 

Selten sind evangelikale Strategien und Missionsevents auf unmittelbare Wirkung abgestellt, auch wenn dies so aussieht. Ihre Strategen in den USA wissen, wie man synergetisch und auf lange Sicht bei Personen und Institutionen die gewollten Wirkungen erzielt und auch auf indirekte Art und Weise rentable Ergebnisse zustandebringt. Nie wird ein Programm alleine gefahren, sondern von Anfang an sind mehrere Programme gleichzeitig vorhanden, die sich ganz unauffällig auch in den Medien gegenseitig plausibilisieren. Heute haben wir nicht nur wie 1960 „a handfull strategies“, sondern hunderte solcher „Strategies“ oder „purpose driven initiatives“ aus den USA, die nicht nur auf das öffentliche Feld, sondern mit einem hohen Einsatz an Finanzmitteln und personellen Ressourcen ganz speziell auch auf unsere kirchlichen Verhältnisse zielen, um sie mit ausgeklügelter Taktik USA-freundlich und Evangelikalismus-kooperativ zu machen: ein abendfüllendes, trauriges Thema für sich. Den schon erreichten Erfolg kann man daran messen, dass, obwohl die landeskirchliche Wirklichkeit insgesamt kaum mehr als „höchstens 1-2 % Evangelikale“ (so die Einschätzung der evangelikalen IDEA-Presse selbst) in den eigenen Reihen registriert, aber im Rat der EKD von 15 Stimmen vier und oft schon fünf zur „evangelikalen Bank“ gehören. Sie arbeiten, wie man sehen kann, an einer strikt Evangelikalen-freundlichen Kirchenpolitik, die die landeskirchlichen Verhältnisse nicht mehr abbildet, sondern diese evangelikal zu überschreiben versucht. Damit wird u.a. die Überwältigungspraxis der ProChrist-Veranstaltungen, die höchst problematische Kooperation mit der „Vereinigung evangelischer Freikirchen“ (VEF), das Sponsering von EKD-Events durch World Vision und der nur mit Hilfe der Kirchen mögliche und aktuell schon wieder Millionen erfordernde teure Aufbau von Bibel-TV als neuer großer evangelikaler Propagandaträger möglich gemacht, um nur diese zu nennen. Es bleibt unerfindlich, was die Verantwortlichen in der EKD geritten haben mag, gerade mit der VEF politisch sensible und folgenreiche Kooperationen einzugehen: Die VEF hat kein Bekenntnis, keine nachvollziehbare Ekklesiologie, keine organisatorischen Instrumente mit kirchenleitender Funktion. Sie bietet keinerlei Kontrollinstrumente, um gegen problematischen Gruppen in den eigenen Reihen vorgehen zu können, denen sie gegen die Kirchen Reputation verschafft. Unsere Kirche finanziert auch damit ihre Konkurrenz, bringt sie öffentlich auf Augenhöhe und unterstützt paradoxerweise so das evangelikale Programm einer „strukturellen Reformation der Kirchen“ mit ihren eigenen Ressourcen, die dann bei der Bewältigung der Strukturprobleme in der eigenen Richtung fehlen. Kirchlicher Lebensstil und die Ausrichtung an einem „evangelikalen“ Lebens- und Missionsstil werden immer weniger unterscheidbar – gemacht.

Längst sind die diesbezüglichen evangelikalen Aktivitäten aus den USA nicht nur miteinander vernetzt, sondern strategisch immer genauer aufeinander abgestimmt, sei es die Finanzierung von Gemeindegründungen, Bibelschulen, Großevents, Publikationen, Tagungen, TV-Dokumentationen und politische Statements, Preisverleihungen wie „Predigtpreis der Deutschen Wirtschaft“ oder der „Templeton-Award“ bei der kirchlichen „Interfilm“. Kirchlicherseits fehlt es dagegen immer mehr an Aufklärung, an Erkundung von Absichten und Abhängigkeiten der sich auf vielen Ebenen bis hin zum ÖRK inzwischen anbietenden evangelikalen „Partner“. In vielen Landeskirchen und bei großen kirchlichen Werken ist schon gar keine (haushalts-)technische oder personelle Infrastruktur für solche Fremdaufklärung mehr vorhanden. Die Folgen werden irgendwann bitter spürbar sein. Zu dem Mangel an Aufklärung über den Evangelikalismus gehört, dass die wenigsten Kirchenleute wissen, dass im Februar 1994 das für den neuen Erfolg der Evangelikalen auch bei uns entscheidende „Reengineering of the Lausanne Movement“ stattfand. Es „combines the former Theology Working Group and Strategy Working Group“ des MARC zur personell verdoppelten “New Theology and Strategy Working Group”[39] – erstmalig mit deutscher Beteiligung. Bis dahin konnten in ihrer alten (seit 1967 arbeitenden) „Strategic Working Group“, für die der Spendensammler World Vision die komplette technische und finanzielle Infrastruktur regelte, fast nur Amerikaner mitwirken. Jetzt, 1994, laufen schon so viele Programme, sind schon so viele Schlüsselpersonen im religiösen Feld evangelikal eingebunden, dass die Theologen aus Deutschland, üblicherweise als immer zu kritische „Bedenkenträger“ erlebt, nichts mehr stören können. Im Gegenteil: Die neue Strategieeinheit intensiviert und managt jetzt auch die gesamte theologische Arbeit des Welt-Evangelikalismus in allen Programmebenen, auch im „Hilfswerk-Sektor“ und in allen wichtigen markttechnischen Hinsichten. Sie gibt zahlreiche theologische Veröffentlichungen heraus und baut immer mehr Themen-Kongresse in ihre Strategie ein, wie z.B. die das evangelikale Kernthema Exorzismus, Dämonologie etc. betreffende „Consultation on Deliver Us from Evil“ in Nairobi im August 2000 – immer auch mit deutschen Evangelikalen. Bryant Myers, intellektueller „Co-Chair“ in der vergrößerten “New Theology and Strategy Working Group” bleibt der im „Lausanne-Movement“ nach wie vor für die “strategy” zuständige “World Vision Vice-president for mission and evangelism”. Auch in Deutschland sind die personellen Zuständigkeiten bei World Vision, dem Graham-Spendensammler „Geschenke der Hoffnung“, Evangelischer Allianz, Willow Creek, Lausanner Komitee usw. dicht miteinander vernetzt. So hat sich längst eine transatlantisch-evangelikale Kreislaufwirtschaft gebildet, die dafür sorgt, das in „Mission“ oder „personale Hilfe“ investierte Geld so weit wie möglich in ihren Reihen zu halten.

Was wir heute z.B. mit besonderer Sorge sehen müssen, ist die schon von Bruno Fouchereau[40] herausgearbeitete führende Rolle des US-Top-Evangelikalen Bob Seiple als World-Vision Promoter, regierungsamtlicher US-Religionswächter und Strategieberater der evangelikal-fundamentalistischen Kulturmission[41]. Seiple war von 1997 bis zum Zerwürfnis mit Außenminister Powell Ende 1999, der Seiples aggressiven Kurs unübersehbar ausbremste, im Botschafterrang der hochgerühmte „first and ever“ Leiter des „Office of International Religious Freedom“, das in allen US-Botschaften ein Büro erhielt. Seiple war nicht nur elf Jahre lang, wie er fast immer genannt wird, „former president of World Vision“[42], d.h. genau Chef von World Vision Inc., der „allmächtigen Zentrale in den USA“[43], und als solcher der Schlagmann für die weltweite Expansionspolitik von World Vision, er bestimmt auch schon lange bei der Evangelikalen Weltallianz z.B. in der Kommission für Religionsfreiheit der Evangelikalen Welt-Allianz (mit deutscher Abteilung) die Agenda. Hier wurde 1999 der Plan beschlossen, „create an independent institute to analyze human rights developments in various countries, with special focus on the role of religion“[44]. Seiple schuf daraus in Kooperation mit dem gesamten Establishment des US-Evangelikalismus auf dem Campus der programmatisch „evangelikal“ aufgestellten Eastern-University, eine Autostunde von der Washingtoner World-Vision-Zentrale entfernt, einen „Think-Tank with legs“: das “World Visions Institute for Global Engagement“ (IGE). Das IGE ist unbestritten nicht nur das Karriere-Katapult für „leaders with faith-based methodologies of engagement“, indem es „uniquely combines strategic analysis with an operational component“[45]. Es führt schon seit den 1990er Jahren mit der World Vision Kaderschmiede „Eastern School of International Leadership and Development“ Absolventen zum “Global MBA in partnership with World Vision”. Am allerwichtigsten für Seiple: Zum Eastern-Campus gehört das dort angesiedelte „Templeton Honors College“, ein „scientific staff“ des wichtigsten US-Meinungsmachers in Sachen Religion, der schon seit langem auch seine deutsche Basis ausbaut. Seiple hat unüberbietbare institutionelle und personelle Instrumente zur Hand “to effectice problem solving generating a sustainable environement for religious freedom [...] The institute has a research and teaching comoponent that ultimately tests the strategic initiatives launched in the difficult parts of the world”[46].

Seiples IGE ist heute die eigentliche Zentrale von World Vision und , wenn man so will der Kopf des Weltevangelikalismus. Sie steuert die Programme des US-Evangelikalismus auch mit seinen „Hilfswerken“ weltweit. Dass Geld hier keine Rolle spielt, weil das Weiße Haus, der Kongress und andere US-Institutionen die Ausbreitung des Evangelikalismus nicht nur fördern, sondern mitdirigieren, muss uns in Europa ebenso sorgenvoll machen wie ganz besonders Seiples hartnäckiger Focus auf Deutschland, wo er häufig kirchliche und politische „Partner“ besucht. Es wäre sehr töricht, Seiples politische Einlassung nicht ernst zu nehmen: „Wir müssen in der Religionsfreiheit eine Frage der Sicherheit sehen, nicht nur eine Frage der Menschenrechte, und wir müssen ganz eindeutig den Gedanken verfechten, dass die regionale Sicherheit nur dann gewährleistet werden kann, wenn die Religionsfreiheit garantiert und die rechtmäßige Tätigkeit von religiösen Gruppen und Einzelpersonen nicht unterbunden werden“[47]. Es war vielleicht doch gar nicht so restlos scherzhaft gemeint, als ein deutscher Evangelikaler neulich Seiples IGE das „evangelikale Pentagon“ nannte.

 

 

V. Das Schisma begreifen

 

Es trifft einfach nicht zu, dass „Evangelikale und Kirchen in einem Boot sitzen“[48]. Es würde schon viel helfen, das „protestantische Schisma“ nicht mehr weiter zu verdrängen und unsere kirchlichen Diskursinstrumente für die Diskussion darüber wirklich vorbehaltslos zu öffnen. Denn in der Tat stehen uns beim weiteren Fortgang der hier markierten Entwicklungen möglicherweise annähernd doch etwas unsanft totalitäre Verhältnisse vor der Tür. Paolo Prodi bringt sie schon auf die entsprechenden Begriffe: „Das Zeitalter des schrecklichen Monismus zieht herauf [...] Mit der hierzulande mittlerweile in ihr akutes Stadium eingetretenen Agonie der Kirchen sei jener Dualismus der Foren [der Macht – also der Politik, und der Wahrheit – also der Kirche, RZ] an seinem Ende angelangt, der im Abendlande die Konkurrenz zweier unterschiedlicher Normensysteme und in der offenen Frage zwischen ihnen den Gedanken individueller Freiheit hervorgebracht hat. Zum ersten Mal stehen wir im Abendland vor lediglich einem Forum, dem des positiven Rechts, der geschriebenen Norm, da alle die anderen Gerichtsorte, die fast bis in unsere Zeit nahezu unser gesamtes tägliches Leben geregelt haben, verschwunden sind [...] Jacob Taubes war direkter: Die Alternative zum Dualismus von weltlich und geistlich sei, so meinte er, der Totalitarismus“[49]. Dieser politisch-religiöse Totalitarismus erscheint inzwischen nicht nur in den USA gesellschaftsbestimmend. Er tritt nun auch bei uns auf, selbstbewusst, frontal-fordernd, wenn der „Arbeitskreis für Politik der Deutschen Evangelischen Allianz“, die evangelikale Holding, im fundamentalistischen Gestus statuiert: „Rechtsetzen und Rechtsprechen sind religiöse Tätigkeiten. Dadurch soll die menschliche Gemeinschaft an Gottes Gerechtigkeit Anteil haben“[50]. Wo bleiben die doch sofort fälligen Einsprüche aus Kirche, Theologie und politischem Establishment?

Mit diesem Hinweis auf die zwangsläufig drohende kulturelle Katastrophe, wenn Kirche, Religion u.a. als regulierende Institutionen ausfallen und nur noch das Recht, und dieses dann auch und irgendwie schon immer in Abhängigkeit von der politischen Klasse, als einzige überforderte Institution übrigbleiben soll, um die gesellschaftlichen Konflikte zu regeln, sind wir auch sofort wieder in der Gegenwart: Die geistige Folge der Herrschaft oder schon nur der wesentlichen Einflussnahme des Evangelikalismus auf unsere Religionskultur wird sein, dass die „alte Metaphysik“, die abendländisch rationale Theologie durch eine neue, in letzter Instanz in den Obergerichten formulierte dezisionistische Gebrauchs-Metaphysik ersetzt wird, über die aber nicht mehr rational-kritisch gesprochen werden darf, wie schon Walter Benjamin erkannte: „Die kapitalistische Absage an das Dogma – also an eine Wertordnung, die in der Wahrheit über Gott und den Menschen gründet – bringt nicht die Befreiung des Menschen von allen autoritären Abhängigkeiten, sondern liefert ihn einer anonymen, diffusen Macht aus, die sich nicht mehr offen als Autorität deklarieren kann. An die Stelle einer im christlichen Dogma gründendenden Wertordnung tritt ein nicht mehr als Dogma ausgewiesenes kapitalistisches ‚Zentraldogma’ (Carl Améry): die ökonomistische Vorherrschaft des totalen Marktes über alle Lebensbereiche. Die Befreiung vom Dogma endet im ‚Konsumzwang’, dessen harte ‚Gebote’ sich als harmlos lächelnde ‚Angebote’ tarnen“[51]. Was Benjamin (noch) nicht sehen konnte, war, dass der Kapitalismus sich eine zivilreligiös-christlich gestylte religiöse Hülle überstreift, mit der die Tarnung seiner eigenen bloß usurpierten Zweck-Metaphysik total und fast perfekt wird: Die neue mit der Losung „Religionsfreiheit“ den Wettbewerb heiligende „consuming religion“ der angeblich freien Wahl wird als die alte christliche Religion ausgegeben, was sie tatsächlich nicht mehr ist. Inzwischen wird alles aus dem Wege geräumt, was sonst noch an diese „alte Religion“ erinnert oder zu erinnern vorhat und das Christentum so weit wie möglich von innen selbst umgebaut: „’Mehr’ ist das Schlüsselwort dieser neuen Bewegung. Mehr von Gott, mehr Kraft, mehr Geist, mehr Liebe, mehr Leidenschaft und so weiter“[52], auf jeden Fall: Erfolg und Wachstum, Wachstum ohne Ende, bis zum – bitteren – Ende.

Die vom US-Kulturfundamentalismus[53] seit 1960 planvoll und systematisch betriebene Kolonisierung der deutschen Kirchen-Verhältnisse hat sich seit dem politischen Erfolg der Neuen Christlichen Rechten in den USA in den 1980er Jahren und vor allem nach dem „Reengeneering“ der strategischen Kooperation des Lausanner Komitee mit dem umfänglich von großen Stiftungen und US-Regierungsinstitutionen geförderten Hilfswerk oder besser Missionswerk „World Vision“ 1994 nachhaltig verschärft[54]: Ein mit unerhörtem Finanzeinsatz für Marketing und öffentlichen Reputationsgewinn vorangetriebener ruinöser religiöser Wettbewerb soll in Gang gebracht werden, der die Kirchen und vor allem auch ihre Hilfswerke wie z.B. „Brot für die Welt“ und Diakonisches Werk zwingen soll, „für Wachstum“ im kapitalistischen Paradigma endlich systematisch das Planen und gesellschaftsbreite Tolerieren wirtschaftlichen Erfolges dem eigenen Tun und Werben einzuverleiben. Das „Wie“ dieser Methode erklärt die „Financial Times“ vom 10. April 2003 noch einmal unmißverständlich:

„Die USA sind die stärksten Wettbewerber auf den Religionsmärkten. Wettbewerb provoziert Innovation und Wachstum unter den Kirchen, genau so wie in der Computerindustrie. Die europäische Industrie ist da aber sehr verschieden. Die meisten nationalen Märkte haben oft staatlich gestützte Groß-Kirchen. In anderen Industriezweigen sind Groß-Firmen mit politischem Schutz im Blick auf ihren langfristigen Erfolg viel zu sehr abgeschirmt von den Marktkräften. Ihr Niedergang schadet dann dem Zustand der gesamten Branche. Vielleicht ist dies genauso bei den Kirchen [...] Europas Monopolkirchen sind entsprechend ihren Monopolzwecken mehr auf die Bedürfnisse der Produzenten ausgerichtet als auf die Bedürfnisse der Verbraucher [...] Man vergleiche nur europäische Kathedralen mit den schlichten Räumlichkeiten der neuen Fundamentalisten – dasselbe wie der totale Unterschied der gotischen Pracht traditioneller Warenhäuser zu den Warenhallen von Wal-Mart. Ohne die Disziplinierung durch die Kräfte des Marktes opfern die europäischen Kirchen weiterhin ihre Kraft dogmatischen Spitzfindigkeiten. Solche Feinheiten interessieren die meisten Nutzer überhaupt nicht.“[55]

Diese hinter solchem blanken Markt-Utilitarismus stehende und uns heute immer penetranter aufoktroyierte amerikanische National-Theosophie – so nennt sie Peter Sloterdijk sehr treffend – bringt im christlichen Vokabular die mit dem Amerikanismus freiheitsideologisch gekoppelte „Religion des unbedingten Lebenserfolges“ zum Zuge. Sie ist in ihrer Reinform radikal und restlos verweltlichte Religion, die damit am Ende alles Religiöse zerstört – wenn man sie lässt. Das protestantische Schisma ist nicht mehr zu leugnen. Das ultimative religiöse Interesse, das nicht nur bei Pfingstlern so heißt, ist nichts Reformatorisches mehr, sondern etwas eindeutig Diesseitiges: to make god happen. Wo Gott „passiert“, ist mein Erfolg nicht weit. Der Sektenexport der US-Religion ist deshalb im Grunde wenig anderes als das Franchising spirituell gestützten innerweltlichen Erfolgsstrebens. Seine Akteure und Agenten „versprechen Fitness von innen im Rennen nach den Siegerprämien im Wirklichen, Allzuwirklichen. Daher sind die meisten von ihnen kommerziell, expressiv, autohypnotisch, interventionistisch; ihre Anhänger tragen das Seelenfünklein auf der Zunge und ihre Hoffnung im Scheckheft.“[56]. Genau solcher auf primitivste Lebenserfolgsmoral aufgepresste evangelikale Amerikanismus missioniert bei uns in strategischer Breite, unterstützt von politischen Aktivitäten und ehrgeizigen Kirchenleuten, um die sie störenden Widerständigkeiten des alteuropäischen „sozialistischen“ Kirchen-Christentums auch bei uns auszutreiben. Was sie als Ersatz anbieten, sieht manchmal so aus wie ein entschiedener christlicher Bibel-Fundamentalismus. Aber er ist nicht einmal mehr das. Er tut nur „biblisch“. In Wahrheit ist er immer (nur) ein Geschäft. Wie viele Funktionsträger im Raum der Kirche helfen nun schon bei dieser Amerikanisierung auch unserer kirchlichen Verhältnisse – völlig unkritisch mit? Wie viele unterstützen ohne nachzudenken die evangelikalen „World Changers“ (so nennen sie sich selbst), nur weil sie eben auch ein bisschen „Erfolg“ haben wollen? Es wird Zeit, aufzuwachen und mit einem entschlossenen „quod non“ die protestantische Identität zu bewahren, die es sehr wohl wert ist bewahrt zu werden.



[1] Allianz-Vorsitzender Peter Strauch in Idea-Spektrum 12/2005,9.

[2] Bischof Michael Keller, in: Laurenz Böggering (Hg.): Iter para tutum. Apostolat in der modernen Welt. Hirten­worte des Bischofs von Münster Dr. Michael Keller, Münster 1961, 74.

[3] Martin Riesebrodt: Fundamentalismus, Säkularisierung und die Risiken der Moderne, in: Heiner Bielefeldt und Wilhelm Heitmeyer (Hg.): Politisierte Religion. Ursachen und Erscheinungsformen des modernen Fundamentalismus, Frankfurt 1998, 67-90, 68f.

[4] Dazu: Steve Brouwer, Paul Gifford und Susan Rose: Exporting the American Gospel, New York 1996.

[5] Zitiert bei Karl Martin: Die Wendung Dietrich Bonhoeffers vom Theologen zum Christen. Biographische Hintergründe für Bonhoeffers ökumenische Friedensethik und Theologie, in: Verantwortung. Zeitschrift des Dietrich-Bonhoeffer-Vereins 18.2004, 6-26, 16 (Original-Zitate in DBW 10, 221, 272, 273).

[6] Heike Schmoll: Die Wahrheit des Protestantismus, in: FAZ 31.10.2003, 1.

[7] Zit. bei Klaus M. Kodalle (Hg.): Gott und Politik in den USA. Über den Einfluss des Religiösen. Eine Bestandsaufnahme, Frankfurt 1988, 51.

[8] Hans Schwarz: Die elektronische Kirche als Ausdruck amerikanischer Religiosität, in: Klaus M. Kodalle aaO. (s. Anm. 7) 87-99, 97.

[9] Tarek Mitri: Politik und Religion in den USA, mit einem Vorwort von EKD-Auslandsbischof Rolf Koppe. Aus dem Französischen übersetzt von Ulrich Schoen, Frankfurt 2005, 15.

[10] Mitri aaO. 23.

[11] Mitri aaO. 26.

[12] Mitri aaO..

[13] Mitri aaO. 31.

[14] Reinhard Paczesny: Was ist geheim an der Verführung? Strategien, Techniken und Materialität der Werbung, in: Hans Ulrich Gumbrecht und Ludwig K. Pfeiffer (Hg.): Materialität der Kommunikation, 2.Aufl. Frankfurt 1995, 474-483, 481.

[15] Paczesny aaO. 482.

[16] Hubert Knoblauch: Populäre Religion. Markt, Medien und die Popularisierung der Religion , in: Zeitschrift für Religionswissenschaft 8. 2000, 143-161, 160.

[17] Jozef Niewiadomski: Die betrogenen Götter. Religion und Wirtschaft im Zeitalter des Neuheidentums, in: Christlich-pädagogische Blätter, 113. 2000, 66-69, 67.

[18] Zu Finney zit. bei R. Laurence Moore: Selling God. American Religion in the Marketplace of Culture, Oxford 1994, 66; Seitenangaben im folgenden dto..

[19] Bei Mitri aaO. 75.

[20] Mitri aaO. 185f.

[21] Reinhard Hempelmann: 100 Jahre Azusa-Street-Erweckung, in: Materialdienst EZW 69.2006, 123-130.

[22] Mitri aaO. 62.

[23] Stackhouse aaO. 77.

[24] Franklin Graham: Wenn man einen berühmten Vater hat, 1995, dt. 2. Aufl. Holzgerlingen 2001, 165.

[25] Billy Graham: So wie ich bin. Die Autobiographie, (1997) deutsch 1998, 511f.

[26] Franklin Graham aaO. 52; zur „southern white religion“ bzw. zum „southern way of religion“ vgl. bei John R. Boles: The southern way of Religion, in: Catharine Cookson (Ed.): Religious Freedom, Southern Style, Norfolk 2002, 12-26, 7, 23. Zum Charakter des US-Zivilfundamentalismus als “religion of capitalism” vgl. bei Steve Bruce: Fundamentalism, Cambridge 2000, 86f..

[27] Bei Randall Balmer: Encyclopedia of evangelicalism, Louisville 2002, 251 (Zu “Graham”).

[28] R. Laurence Moore: Selling God. Oxford 1994, 241ff (zu Peale).

[29] Craig R. Prentiss: The Power of Positive Thinking, in: Colleen McDannell (Hg.): Religions of the United States in practice, Bd. II, Princeton 2001, 251-267, hier 255; weitere Literatur über Peale aaO. 264.

[30] Bei Prentiss aaO. 256f.

[31] Bei Prentiss aaO. 267.

[32] Bei Moore, Selling God, aaO. 241.

[33] Heide Fehrenbach: Cinema, Spectatorship, and the problem of postwar german identity, in: Reiner Pommerin: The American Impact on postwar Germany,Oxford 1995, 2. Aufl. 1997,165-196.

[34] Roland Barthes: Billy Graham im Velodrome d’Hiver, in: ders. Mythen des Alltags. Deutsch von Helmut Scheffel, Paris 1957, deutsch Frankfurt 1964, 11-15.

[35] Barthes aaO. 11.

[36] Barthes aaO. 11f.

[37] Barthes aaO. 12f.

[38] Barthes aaO. 14.

[39] www.lausanne.org Auszug vom 5.10.2004

[40] Bruno Fouchereau: Im Namen der Freiheit, in TAZ 11.5.2001 und Le Monde Diplomatique vom 11.5.2001

[41] Bruno Fouchereau: Im Namen der Freiheit, in TAZ 11.5.2001 und Le Monde Diplomatique vom 11.5.2001.

[42] So typisch noch am 29.5.2006 bei www.globalengagement.org

[43] Müller-Werthmann aaO..

[44] www.globalengagement.org

[46] www.globalengagement.org/about/

[47] Robert Seiple: Security and Religious Freedom, in: Liberty, Jan./Febr. 2003, 3, zit. bei John Graz: Religionsfreiheit und Sicherheit in der Welt, in: Gewissen und Freiheit 31.2003, 110-121, 119. Vgl. auch Robert A. Seiple: Ambassadors of Hope: How Christians Can Respond to the World Toughest Problems, N.Y. 2004.

[48] Idea-Spektrum 18-2006, 27.

[49] Michael Pawlik: Die Kosten der Neutralität. Vom Gottesstaat zum Rechtsstaat: Paolo Prodis glänzende Studie, in: FAZ 26. Mai 2003, 45.

[50] Christ und Politik. Hg. im Auftrag des Arbeitskreises Politik der DEA von Thomas Schirrmacher; Daniel Suter; Markus Wäfler; Stéphane Derron, mit einer Widmung von Allianz-Generalsekretär Hartmut Steeb, Bonn 2005, 23.

[51][51] So Wolfgang Palavers Zusammenfassung in: Cicero 11. Juli 2004.

[52] Peter Aschoff 1994 (bei Thomas Kern, Zeichen und Wunder, 1997, 341).

[53] Einen Einblick in die für europäisches Denken völlig überspannte Mentalität der US-Kulturmissionare bietet Barbara Victor: Beten im Oval Office, München 2005.

[54] Vgl. Derek H. Davis: A Not So Charitable Choice: New Religious Movements and President Bush’s Plan for Faith-Based-Social-Services, in: Derek H. Davis and Barry Hankins: New Religious Movements and Religious Liberty in America, Waco 2003, 119- 134.

[55] J.Kay: „It Pays Churches so Have Faith in Markets“, Financial Times 10. April 2003, 15; auch zit. bei George Moyser: European Religion in Comparative Perspective, in: Political Theology 6.2005, 325-342, 341..

[56] Peter Sloterdijk:Vorwort zu William James: Die Vielfalt religiöser Erfahrung. Eine Studie über die menschliche Natur. Aus dem Amerikanischen von Eilert Herms und Christian Stahlhut, Frankfurt 1997, 32. (52.000 incl.)




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