Gibt es wirklich einen
guten Grund, evangelisch zu sein? Das mir gestellte Thema wurde in der Ankündigung
nicht mit einem Fragezeichen versehen. Hier wird offensichtlich behauptet, daß
es einen solchen guten Grund gibt. Dieses kurze Referat macht es sich zur Aufgabe,
durch das Nennen eines bzw. des guten Grundes für das Evangelischsein diese
Behauptung zu begründen.
Ich will im Folgenden in drei Schritten vorgehen: Zunächst will ich zeigen,
warum es gerade heute notwendig ist, nach einem guten und stichhaltigen Grund
für das Evangelischsein zu fragen. Sodann will ich mit einem kurzen Blick auf
das geschichtlich wirkmächtigste Kirchenmodell, den Katholizismus, zeigen, was
die Alternative zum Evangelischsein für den in (post)moderner Zeit lebenden
religiösen Menschen bedeutet, um schließlich die Frage zu beantworten, warum
es denn wirklich einen sehr guten Grund gibt, evangelisch zu sein und auch im
kommenden Jahrtausend zu bleiben.
I. Wann kommt die Einheitskirche?
Am Tag, nachdem Gerhard Schröder vom Deutschen Bundestag zum neuen Bundeskanzler
gewählt worden ist, war es der »Rheinpfalz« sowohl im Aufmacher als auch im
Hintergrundartikel jeweils einen ganzen Absatz wert, zu berichten, daß Gerhard
Schröder und sieben der 15 neuen Bundesminister bei ihrer Vereidigung die sogenannte
»religiöse Beteuerungsformel« nicht gesprochen haben. Genau die Hälfte des Kabinetts
hat damit erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik darauf verzichtet, das
übliche Gelöbnis mit den Worten »So wahr mir Gott helfe« zu beenden.
Dieses Ereignis hat mehr als nur symbolischen Wert. Deutlicher als in hundert
dicken Büchern, die von Soziologen und Theologen über die veränderte Stellung
der Kirchen in der Gesellschaft geschrieben werden, kann man hier lernen, wo
wir tatsächlich stehen. Die Bindekraft christlicher Religiosität (nicht: des
Religiösen schlechthin!) schwindet immer mehr in unserer Gesellschaft; konservative
Politiker bedauern dies, manche sich fortschrittlich nennende Theologen freut
es, Kirchenleute jeglicher Couleur ängstigt es, weil sie den rauen Wind spüren,
der ihnen ins Gesicht bläst. Damit scheint eine Sache klar zu sein: Die getrennten
Kirchen müssen näher zusammenrücken, wenn sie gesellschaftlichen Einfluß behalten
bzw. wiedergewinnen wollen. Dabei unterstelle ich, daß der kirchliche Einfluß
auf die Gesellschaft nicht deshalb gut ist, weil dadurch - wie manchmal unterstellt
- irgendwelche kirchlichen Machtgelüste befriedigt werden, sondern daß aus einer
christlichen Perspektive dieser Einfluß der Kirchen um der Sache willen wünschenswert
ist. Wünschenswert deshalb, weil die Kirchen der Gesellschaft etwas zu sagen
und zu geben haben, was andere eben nicht sagen oder geben können. Die Kirchen
müssen sich also - das ist meine feste Überzeugung und der erste Teil meiner
These - tatsächlich zusammentun, um gesellschaftlichen Einfluß zurückzugewinnen,
den sie in den letzten Jahrzehnten zum Teil leichtsinnig und aus falscher Bescheidenheit
preisgegeben haben. Aber ich möchte betonen, und dies ist der notwendige zweite
Teil meiner These: Sie müssen das als evangelische und katholische Kirche tun
und alle Versuche unterlassen, irgendeine Form von Kirchenvereinigung anzustreben.
Ich weiß, daß ich mit dem ersten Teil dieser These mehr Zustimmung ernten werde
als mit dem zweiten. Heute noch vom besonderen Wert einzelner Konfessionen zu
reden, scheint furchtbar altmodisch zu sein. Gerade auf evangelischer Seite
gibt es in letzter Zeit immer öfter prominente Vertreter, die offen das Ende
der Konfessionen verkünden und eine Kirchenvereinigung fordern. So betrachtet
etwa Jörg Zink den Zwiespalt zwischen den Konfessionen als ein »Relikt aus grauer
Vergangenheit« und behauptet, »an der Annäherung zwischen ihnen führe kein ehrlicher
Weg mehr vorbei«. Zwar werde es keine »Einheitskirche sein, was wir suchen müssen
oder finden werden, sondern eine Familie von miteinander verbundenen und miteinander
agierenden Kirchen«2. Allerdings ist das, was er fordert, faktisch eben nichts
anderes als eine Form von Einheitskirche. Dieser Kirche werden als einer die
Prädikate »vielfältig« und »nachkonfessionell« verliehen - es geht eigentlich
nur noch um eine interne Pluralisierung der theologischen Vorlieben und Lebensstile.
Eine schöne Utopie, aber ich werde im zweiten Teil meiner Ausführungen sagen,
was der Katholizismus von dieser Idee, protestantisch zu werden, hält. Und um
neben Zink auch einen konservativen Lutheraner zu nennen: Der ehemalige Bundesminister
und jetzige Präsident der Landessynode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in
Bayern, Dieter Haack, hat vor einigen Monaten erklärt, es wäre jetzt an der
Zeit für die Einheitskirche. Theologisch etwas differenzierter macht das der
in Chicago lehrende deutsche lutherische Theologieprofessor Reinhard Hütter
in der Zeitschrift »Kerygma und Dogma«. Dort regt er an, mit der römisch-katholischen
Kirche in einen Dialog zu treten über eine »Reform des Papstamtes hin zu einem
universalen ökumenischen Dienstamt«.
So weit einige aktuelle Stimmen aus dem evangelischen Bereich, die sich nicht
nur enge Kooperation mit der römisch-katholischen Kirche wünschen, sondern gleich
ein Zusammengehen auf organisatorischer Ebene. Diese Stimmen scheinen theologisch
einem in der ökumenischen Diskussion immer wieder geäußerten Wunsch nach sichtbarer
Einheit zu entsprechen und innerkirchlich einem weitverbreiteten Stimmungsbild
an der »Basis« Rechnung zu tragen; dort wird immer öfters gefragt: Was trennt
uns eigentlich noch voneinander?
Ich möchte gegen diese Stimmung behaupten: Es eint uns tatsächlich mehr, als
uns trennt. Es eint uns nämlich - und das ist eine fundamentale theologische
Tatsache - die im Glauben an Jesus Christus geschenkte Einheit aller Christen,
die vor jeder lehrmäßigen Differenzierung und organisatorischen Vielfalt gegeben
ist. Mir hat noch niemand plausibel erklären können, wieso diese im Glauben
geschenkte Einheit aller Christen unbedingt zu einer sichtbaren Einheit in einer
gemeinsamen Kirchenorganisation streben muß. Weil es dafür aus protestantischer
Sicht keine theologischen Gründe gibt, behaupte ich in aller Gelassenheit: Die
Konfessionen unterscheiden sich nach wie vor so stark, daß es gute Gründe gibt,
evangelisch zu sein und zu bleiben.
II. Wie attraktiv ist eigentlich der Katholizismus?
Meist träumen solche Leute, die um des Fortschritts der Ökumene willen ein organisatorisches
Zusammengehen der Konfessionen wünschen, also einen Zustand, den sie »Einheitskirche«
oder »sichtbare Einheit« nennen, von einer Kirche, die in ihrem Inneren vollständig
demokratisert ist, am besten eine ganz flache Hierarchie hat, selbstverständlich
Frauen auf allen Ebenen die gleichen Rechte zugesteht wie den Männern und es
dabei trotzdem schafft, in den Konflikten unserer Zeit und unserer Gesellschaft
inhaltlich eindeutig und mit einer Stimme zu sprechen. Das wäre dann tatsächlich
die Synthese zwischen Protestantismus und Katholizismus. Der erste Teil dieser
Träume kann im Protestantismus wahr werden, der zweite leider nur im Katholizismus.
Aber genau dieses: Die Unmöglichkeit, zu jedem beliebigen Problem inhaltlich
eindeutig und mit einer Stimme zu sprechen, ist der beste Grund dafür, evangelisch
zu sein und zu bleiben. Warum das so ist, will ich zunächst mit einem kurzen
Blick auf die gegenwärtige Lage des Katholizismus erläuern.
Was ist eigentlich los im Katholizismus? Als protestantischer Beobachter kann
man sich nur schwer dem Eindruck verschließen, daß nicht nur den Bischöfen,
sondern zunehmend auch den Theologieprofessoren der letzte Rest Unabhängigkeit
von Rom genommen werden soll. Seit etwa einem Jahr kommen die Schreiben aus
dem Vatikan fast im Monatsabstand. Ich nenne einmal die einzelnen Stationen
der päpstlichen Regelungswut:
* 15. August 1997: Der Papst erläßt eine »Instruktion zu einigen Fragen über
die Mitarbeit der Laien am Dienst der Priester«. Das Schreiben sorgt vor allem
in Deutschland, wo der zunehmende Priestermangel für viele Gemeinden zum Problem
wird, für großes Unverständnis, denn den Laien sollen mühsam erworbene Mitwirkungsrechte
an der Gottesdienstgestaltung wieder genommen werden.
* Am 11. Januar 1998 schreibt der Papst einen Brief an die deutschen Bischöfe
zum Thema »Schwangerenkonfliktberatung«. Er unterstützt damit die Linie des
konservativen Erzbischofs Johannes Dyba aus Fulda in dieser Frage und fordert
von den liberaleren Bischöfen um Karl Lehmann nichts anderes, als daß die Diözesen
aus dem staatlichen Beratungssystem aussteigen.
* 18. Mai 1998: Der Papst schreibt einen apostolischen Brief »Motu proprio«
(aus aktuellem Anlaß) »Ad tuendam fidem« (zur Verteidigung des Glaubens), durch
den einige Normen in den Kodex des kanonischen Rechts und in den Kodex des Orientalischen
Kirchenrechts eingeführt werden. Damit wird der Amtseid, den jeder katholische
Theologieprofessor in Kontinuität zu dem 1910 eingeführten Antimodernisteneid
zu halten hat, an einer für die Freiheit der Lehre entscheidenden Stelle konkretisiert:
Ein katholischer Theologieprofessor muß nicht nur diejenigen Glaubenswahrheiten,
die vom unfehlbaren päpstlichen Lehramt als Dogmen verkündet wurden, seinen
Studenten als feststehende kirchliche Lehre verkünden, sondern eben auch solche
Themen, die aktuell diskutiert werden: die Ablehnung der Priesterweihe für Frauen,
die Unerlaubtheit der Euthanasie, die Unrechtmäßigkeit der Prostitution und
»Unzucht«, die Rechtmäßigkeit der Papstwahl, die Feier eines »Ökumenischen Konzils«,
sämtliche Heiligsprechungen und die Ungültigkeit der anglikanischen Weihen.
Das alles sind nach dem apostolischen Brief nicht diskutierbare Glaubenswahrheiten.
* 25. Juni 1998: Die Antwort der Glaubenskongregation und des Päpstlichen Einheitsrates
auf die »Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre« wird allgemein als Rückschlag,
wenn nicht gar als das Aus für die bisherige Praxis der Konsensökumene gewertet.
* Es folgen am 23. Juli 1998 ein weiteres Schreiben Motu proprio über »Die theologische
und rechtliche Natur der Bischofskonferenzen«, sowie Ende August eine vom Apostolischen
Nuntius in Bonn, Giovanni Lajolo, brieflich vorgetragene Weigerung des vatikanischen
Staatssekretariats, das Philosophisch-Theologische Studium in Erfurt in die
neugegründete staatliche Universität als Fakultät einzugliedern.
So weit die innerhalb nur eines Jahres veröffentlichten Maßregelungen gegenüber
den deutschen Katholiken. Auch das gehört zu dem Bild, das wir uns vom Katholizismus
machen müssen. Die vielbewunderte Eindeutigkeit, daß man als Katholik immer
genau weiß, was die Kirche zu welchem Problem zu sagen hat, ist teuer erkauft:
Das oberste Lehramt, sprich: der Papst nach Beratung mit seinen Bischofskollegen
aus den verschiedenen päpstlichen Räten und Gremien, entscheidet, und manchmal
entscheidet der Papst auch allein.
Aus protestantischer Sicht stellt sich deshalb die Frage: Woran sind wir eigentlich?
Mit welcher katholischen Kirche haben wir es im tagtäglichen Umgang zu tun?
Einerseits gibt es »vor Ort« in vielen Gemeinden problemloses Miteinander, Zusammenarbeit
bei unzähligen Gelegenheiten, gemeinsame Gottesdienste in den unterschiedlichsten
Ausprägungen auch über die agendarischen Regelungen hinaus. Andererseits gibt
es aber diese bedrückende Regelungsflut aus Rom, es gibt die lehramtliche Verweigerung
so elementarer Dinge wie ökumenischer Gottesdienste am Sonntag Vormittag, und
jeder, der Ökumene vor Ort praktiziert, kennt die bittere Erfahrung, daß im
letzten Augenblick alles abgeblasen wird. Bitte keine Ungeduld, das Kirchenrecht,
die Lehre ...
Welches Bild des Katholizismus bestimmt demnach unsere ökumenische Perspektive?
Lehmann neben Kock beim Vorstellen irgendeines gemeinsamen Projekts als zwei
Gleiche, als zwei Repräsentanten der einen Kirche in unterschiedlicher Prägung?
So sehen es die Protestanten hierzulande am liebsten. Wie aber geht man mit
der zu beobachtenden Renaissance von Mariologie und Wallfahrtswesen um? Soll
man einfach mitfahren, wie es unlängst eine Gruppe von Protestanten aus der
Pfälzischen Landeskirche bei einer Lourdes-Wallfahrt des Bistums Speyer gemacht
hat? Ein Vorschlag, der, wäre er ernstgemeint, sicher nur auf wenig Zustimmung
stoßen würde!
Welcher Katholizismus ist demnach der ökumenische? Etwa der, dessen »Osservatore
Romano« es irgendwo versteckt nicht mehr als eine winzige Meldung wert ist,
was in Deutschland als der große Durchbruch gefeiert wird: eine Übereinstimmung
in Grundfragen der Rechtfertigungslehre? Oder doch eher der im Kleinstädtchen,
in dem über gemeinsames Abendmahl schon lange nicht mehr geredet wird, weil
es selbstverständlich ist und auch vom Bischof stillschweigend geduldet wird?
Mal Hand aufs Herz: Was erwarten eigentlich diejenigen Protestanten, die angesichts
dieses widersprüchlichen Gegenübers das Ende der Konfessionen verkünden und
am liebsten gleich die Einheitskirche ausrufen wollen? Erwarten sie, daß die
Frauen ihre Talare wieder ausziehen? Erwarten sie, daß sich die Synodenpräsidenten
zu Statisten einer inszenierten Zustimmungsshow machen, weil sie nichts mehr
zu entscheiden haben? Oder erwarten sie etwa ernsthaft, daß sich die Bischöfe
offen und öffentlich mit Rom anlegen und in Sachen Frauenordination, Aufhebung
des Zölibat, Freiheit der theologischen Lehre dem Papst die Gefolgschaft verweigern?
Solche Fragen müssen gestellt und auch beantwortet werden! Zu glauben, mit dem
»Ende der Konfessionen« sei das protestantische Prinzip zu seinem Ziel gekommen,
wie es Jörg Zink vorschwebt, ist einfach naiv. Das »Ende der Konfessionen« würde
nach derzeitiger Sachlage nichts anderes bedeuten als das Ende des Protestantismus.
Man lese einmal die einschlägigen Ökumenepapiere der letzten Jahrzehnte, allen
voran das Ökumenismusdekret des Zweiten Vatikanischen Konzils. Unitatis Redintegratio
heißt es. Schon der Name ist Programm: Einheit durch Wiedereingliederung. Allein
dieses nicht zu wollen, ist schon ein recht guter Grund, evangelisch zu sein
und zu bleiben. Aber halt: In der altkatholischen Kirche ist ja schon seit einem
Jahrhundert all das verwirklicht, was Katholiken an ihrer Kirche kritisieren.
Allerdings ist das altkatholische Modell nicht geschichtsmächtig geworden. Ein
romfreier Katholizismus reicht offensichtlich alleine nicht aus. Wenn es so
wäre, gäbe es kaum gute Gründe, evangelisch zu sein.
III. Evangelisch aus gutem Grund!
Ich variiere in diesem dritten und letzten Teil das Gesamtthema, indem ich »evangelisch«
voranstelle und dem ganzen ein Ausrufezeichen hinzufüge. Das ist mehr als ein
einfaches Wortspielchen. Angesichts eines Katholizismus, der durch ein autoritatives
Lehramt jeden Anflug von innerer Demokratie erstickt und die wenigen demokratischen
und synodalen Ansätze seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil in den Bereich des
Halblegalen verbannt, sehe ich die Beweispflicht nicht mehr beim Protestantismus
liegen: Der Katholizismus muß sich vor der modernen Welt für sein Erscheinungsbild
rechtfertigen.
Nun stehen wir tatsächlich vor der Situation, daß der Katholizismus seine straffe
Organisation, seine klare hierarchische Kompetenzabgrenzung und seine geringe
Flexibilität im Umgang mit Phänomenen der modernen Welt als Stärke ausgibt.
Die römisch-katholische Kirche sieht sich selbst gerne als den Felsen in der
Brandung, der den Strom der Jahrtausende überdauert und an dem alle Neuerungen
abprallen. Der Zeitgeist schafft ständig neue Moden auch im Bereich der Religion
und Weltanschauung, aber die katholische Lehre überdauert die Jahrtausende und
sagt immer die gleiche Wahrheit, auch wenn sie noch so unmodern erscheint. Das
wahre und authentische Gotteswort kann sich nur dann richtig Gehör verschaffen,
wenn es durch das kirchliche Lehramt sicher durch die Zeit gebracht wird.
Es wird deutlich, daß der etwas plumpe Charme des Katholizismus in seiner Fähigkeit
liegt, inhaltlich eindeutig zu reden. Für Außenstehende sieht dies auch oft
zusätzlich so aus, als würden alle mit einer Stimme reden. Die Konflikte im
Vorfeld öffentlicher Äußerungen des Lehramtes gibt es sehr wohl, aber die Öffentlichkeit
bekommt meist nichts davon mit, wenn nicht gerade ein Bischof oder Theologieprofessor
seinen Bekanntheitsgrad und die Auflagen seiner Bücher durch Dissidententum
steigern will.
Für Menschen, die Eindeutigkeit lieben, bietet dagegen die evangelische Szene
ein eher trauriges Bild: Der Ratsvorsitzende der EKD, Präses Kock, gibt vor
irgendeiner Fernsehkamera zu irgendeinem politischen Ereignis, das die Gemüter
bewegt, eine Erklärung ab; die Hamburger Bischöfin Jepsen sieht in der Erklärung
des Ratsvorsitzenden die Belange der Frauen zu wenig berücksichtigt; der Berliner
Bischof Huber meint, was der Ratsvorsitzende sagt, wäre für den Westen der Republik
sicher richtig, aber im Osten würden die Uhren ganz anders laufen; dagegen meint
Bischof Noack aus der Kirchenprovinz Sachsen, einer, der den Osten schon immer
kennt, Huber würde als Westdeutscher die Lage im Osten völlig falsch einschätzen
und so unrecht habe der Ratsvorsitzende nicht. Daneben kommentieren noch jede
Menge Experten vom Konfessionskundlichen Institut bis zur Evangelischen Zentralstelle
für Weltanschauungsfragen die Sache; der Moderator des Reformierten Bundes will
da auch nicht abseits stehen und provoziert damit den Bischof von Hannover,
gleichzeitig leitender Bischof der VELKD, eine Sondererklärung der lutherischen
Kirchen anzukündigen; und zu allem Überfluß sitzt am Sonntag Abend der fromme
Pfarrer Motschmann in irgendeiner Talk Show und zeigt sich betroffen darüber,
wie wenig bei allem politischen Gezanke Gottes Wort in der evangelischen Kirche
zum Zug käme.
Der kirchentreue und für die Probleme seiner Zeit aufgeschlossene Protestant
hört sich das alles an und fragt verzweifelt: Wer hat denn hier eigentlich Recht?
Und die Antwort lautet: Alle haben sie Recht, aber niemand hat für sich die
ganze Wahrheit gepachtet. Es gibt keinen, der abschließend sagt, wie die Sache
zu laufen hat, und weder ein Brief aus Düsseldorf, noch aus Hannover oder Berlin,
und schon gar nicht aus Speyer kann die innerprotestantische Meinungsbildung
für beendet erklären. Genau darin zeigt sich nämlich der beste Grund, evangelisch
zu sein und zu bleiben. Die Unionsurkunde unserer Pfälzischen Landeskirche hat
es in ihrer Präambel schon vor genau 180 Jahren auf geniale Art und Weise so
formuliert, »daß es zum innersten und heiligsten Wesen des Protestantismus gehört,
immerfort auf der Bahn wohlgeprüfter Wahrheit und echt religiöser Aufklärung
mit ungestörter Glaubensfreiheit mutig voranzuschreiten.«
Oft wird über diesen Satz gelacht, aber ich halte ihn für die beste Wesensbeschreibung
des Protestantismus. Hier wird als Wesen des Protestantismus das mutige Voranschreiten
in ungestörter Glaubensfreiheit an zwei methodische Vorgaben gebunden: an Wahrheitsprüfung
und an Aufklärung. Als Kriterienkatalog protestantischer Wahrheitsprüfung können
einzig die Aussagen der heiligen Schrift in Frage kommen; diese, so will es
nun die zweite Vorgabe, sollen der religiösen Aufklärung, menschlicher Verstandestätigkeit
also, ausgesetzt werden.
Mit dieser Aufgabe ist das Programm neuzeitlicher Theologie seit der Aufklärung
beschrieben. Historisch stellt sich das Ganze so dar, daß eine methodisch kontrollierte
historisch-kritische Bibelwissenschaft nach den durch die Aufklärung in Geltung
gesetzten Gesetzlichkeiten der Vernunft die »freie Untersuchung des Canon« (Johann
Salomo Semler) begann. Diese noch heute praktizierte Methode der Bibelauslegung
wurde innerhalb der Theologie durch das reformatorische Schriftprinzip legitimiert.
Schließlich, so hieß es, müsse man die Schrift, die Offenbarungszeugnis sei,
genau kennen. Allerdings fehlte der Theologie ein wirksames Kriterium, um zu
bestimmen, wo die als universal gedachte Vernunft ihre Grenzen hat. Schließlich
hat schon Luther von der »Hure Vernunft« gesprochen und damit ausdrücken wollen,
daß sich die reine Verstandestätigkeit in den Dienst eines jeden Herren stellen
kann. Es mußte also ein wirksames Kriterium gefunden werden, um die Vernunft
selber in ihre Grenzen zu weisen.
Eine Lösung dieses Problems hat der wohl bedeutendste Unionstheologe, der Berliner
Professor Daniel Friedrich Ernst Schleiermacher (1768-1834), beschrieben. In
seiner Glaubenslehre schreibt er in § 128 über die heilige Schrift, deren Ansehen
könne nicht den Glauben an Christus begründen, vielmehr müsse dieser Glaube
schon vorausgesetzt werden, um der heiligen Schrift ein besonderes Ansehen einzuräumen.
Die Unionstheologen wußten also schon vor fast 200 Jahren, daß es keine neutrale
Vernunft gibt, sondern daß diese immer von bestimmten inhaltlichen Vorgaben
lebt. Genau aus dieser Einsicht heraus haben die Autoren der Unionsurkunde nicht
einfach von der Aufklärung, sondern von der religiösen Aufklärung gesprochen.
Das in der pfälzischen Unionsurkunde von 1818 vorausgesetzte Zusammenspiel von
Wahrheitsprüfung und Aufklärung lebt somit von der Voraussetzung, daß ein Mensch,
der fragend die heilige Schrift in die Hand nimmt, um darin Richtungsweisendes
für sein Leben zu entdecken, dies nicht aus einer neutralen bzw. inhaltlich
indifferenten Stimmung heraus tut. Es ist nämlich nicht so, daß man als Christ
in der Bibel liest wie in einem beliebigen Buch; andererseits wird aber ein
nichtchristlicher Leser an diesem Buch nichts besonderes finden können und es
gerade wie jedes andere Buch lesen. Nein, der christliche Leser geht mit einem
gewissen Vorverständnis an dieses Buch heran, und nur wenn dieses Vorverständnis
da ist, dann kann man in dem dort Geschriebenen lebensorientierende Wahrheit
entdecken. Nur wenn dieser Zusammenhang erkannt wird, ist der pietistischen
Verwechslung von Bibel und Schrift ein wirksamer Riegel vorgeschoben. Gerade
diese Verwechslung, die durch die Lehre von der Verbalinspiration vorprogrammiert
ist, macht viele evangelische Christen anfällig für eine radikale Bibelfrömmigkeit,
was eine typisch protestantische Spielart des Fundamentalismus ist: Mit dem
biblischen Buchstaben richtet man sozusagen einen »papiernen Papst« auf.
Der beste Grund, evangelisch zu sein und zu bleiben, besteht darin, daß man
auch diesem »papiernen Papst« keinen Glaubensgehorsam schuldig ist. Die Bibel
ist als alleiniges Zeugnis von Gottes Offenbarung zunächst einmal menschliches
Zeugnis. Die drei evangelischen Ausschließlichkeiten: allein Christus, allein
durch Glauben und allein durch die Schrift bedeuten damit eine Befreiung von
jeder menschlichen Autorität. Kirche ereignet sich nach protestantischer Sicht
nur dort, wo Gott selber durch seinen heiligen Geist Gemeinde sammelt. Diese
versammelte Gemeinde ist keiner menschlichen Autorität Rechenschaft schuldig,
nicht einmal dem Wortlaut des durch Menschen aufgeschriebenen Offenbarungszeugnisses
in der Bibel. Die christliche Gemeinde kann sich deshalb selber - in Dialog
miteinander und im Hören auf die Schrift - ihre eigenen Organisationsformen
wählen. Die Menschen können sich ihre Kirche - die niemals ihr eigenes Werk
ist und über deren Existenz sie niemals ganz verfügen können - in ihren gottesdienstlichen
Riten, in ihrer hierarchischen Gliederung und in ihren Arbeitsabläufen so gestalten,
wie sie es für die Erfüllung ihres Auftrags am angemessensten halten. Es gibt
keine göttliche Autorität, die Äußerlichkeiten regelt; und im Gegenzug dazu
darf es keine menschliche Autorität geben, die Glaubensfragen verbindlich regeln
will. Die evangelischen Christen haben die Freiheit, aus ihrem Glauben heraus
zu leben und sind niemandem außer ihrem Gewissen und den von den Auswirkungen
ihres Tuns Betroffenen Rechenschaft schuldig. Zwar ist es notwendig, zur Erfüllung
der Aufgabe: nämlich das Evangelium von Jesus Christus in der Welt zu bezeugen,
die von diesem selbst gegründete und immer wieder zusammengerufene Kirche treu
und gewissenhaft zu pflegen, aber jeweils so, daß in einer bestimmten historischen
Situation diese Aufgabe nach menschlichem Ermessen bestmöglich wahrgenommen
werden kann. Überhaupt besteht der einzige Grund, warum es eine Kirche als Institution
immer geben muß, darin, zu gewährleisten, daß das äußere Wort (als notwendige
aber eben nicht hinreichende Bedingung für das Wirken des heiligen Geistes im
dieses Wort hörenden Individuum) auf geordnete Art und Weise seine Empfänger
erreichen kann. Diese Einsicht hat Luther gegen den römischen Katholizismus
auf der einen und gegen die schwärmerischen Strömungen innerhalb der Reformation
auf der anderen Seite festgehalten.
Mit dieser eher pragmatisch orientierten Ekklesiologie im Hinterkopf können
evangelische Christen dann auch solche Dinge tun, wie etwa ihre katholischen
Mitchristen, mit denen sie im Glauben sowieso vereint sind, zum gemeinsamen
Abendmahl einzuladen. Sie tun damit nichts anderes, als dem heiligen Geist zuzutrauen,
daß er in der Ausrichtung seines Werkes auch sorgsam gehütete Konfessionsgrenzen
überspringen kann. Sie sollten aber auch Verständnis dafür haben, daß katholische
Christen, wenn sie ihren katholischen Glauben ernst nehmen wollen, diese Einladung
nicht annehmen können. Der evangelische und der katholische Weg sind zwei sehr
unterschiedliche Wege, Christ zu sein. Es ist der gleiche Glaube, der vereint,
aber es sind zwei gegensätzliche Wege, wie man glaubt. Wen der demokratische,
aufklärerische, in Idealfall: herrschaftsfreie Weg des gemeinsamen Glaubensgesprächs
ohne menschliche Autorität in Glaubensfragen überzeugt, für den ist das ein
sehr guter Grund, evangelisch zu sein und zu bleiben.
Anmerkungen
1) Geringfügig überarbeitete und um Anmerkungen ergänzte Fassung meines Vortrags
am Reformationstag 1998 im Casimirianum, Neustadt/Weinstraße. Der Titel suggeriert
eine gewisse inhaltliche Nähe zur Imagekampagne, die gegenwärtig in der Evangelischen
Kirche in Hessen und Nassau unter dem Titel »Evangelisch aus gutem Grund« durchgeführt
wird. Ob die veranstaltende Dekanin, als sie mich zum Vortrag eingeladen hat,
diesen Zusammenhang herstellen wollte, entzieht sich meiner Kenntnis. Jedenfalls
verstehe ich die folgenden Ausführungen als eigenständigen Entwurf, der unabhängig
von den einzelnen Ergebnissen der o.g. landeskirchlichen Initiative entstanden
ist und auf diese auch gar nicht eingehen will.
2) Jörg Zink, Die Konfessionen gehen zu Ende - es lebe die Kirche, in: Johannes
Röser (Hg.), Christsein 2001. Erwartungen und Hoffnungen an der Schwelle zum
neuen Jahrtausend, Freiburg i.Br. 1998, 185-187. 3 Reinhard Hütter, Ökumene
und Einheit der Christen - abstrakte Wiedervereinigung oder gelebte Einmütigkeit?
in: KuD 44 (1998), 193-206. 4 Vgl. zum Folgenden ausführlicher: Jörg Haustein
und Martin Schuck, Ein neuer Nationalkatholizismus? Zum gespannten Verhältnis
zwischen Rom und den deutschen Katholiken, in: MdKI 49 (1998), 81f. (ebenfalls
abgedruckt in: epd-Dokumentation 42/98 vom 12. Oktober 1998, 1f.).