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Dr. Paul Metzger |
Rezensionen
„Jesus begegnen“
Zum Ziel des Jesus-Buches von Papst
Benedikt XVI.
Warum
soll man sich mit der Bibel beschäftigen? Darauf gibt es viele richtige
Antworten. Für Papst Benedikt XVI. ist die wichtigste Antwort, weil die Bibel,
speziell das Neue Testament, Antworten auf die zentralen Fragen des Lebens
gibt. Deshalb beschäftigt er sich intensiv mit Jesus von Nazareth, der
zentralen Gestalt der Bibel für das Christentum. Er bemüht sich seine Leser auf
eine Reise mitzunehmen, auf der sie Jesus begegnen können. Das ist das Ziel
seiner Exegese und das Ziel seiner beiden Jesus-Bücher.
Hält
man sich dieses Ziel vor Augen, dann klären sich viele Anfragen, die man an
seine beiden Jesus-Bücher stellen muss. Aus der Sicht exegetischer
Fachwissenschaft muss man natürlich darauf hinweisen, dass er die Grenze
zwischen der historischen und der theologischen Frage nach Jesus verwischt. Der
historische Jesus fällt bei ihm mit dem Christus des Glaubens als dem wirklichen
Jesus zusammen. Vor allem wird aber deutlich, dass Benedikt XVI. keine
Bibelauslegung treiben will, wie sie eben jene Fachwissenschaft vor Augen hat,
also eine klassisch historische Exegese. Er will nicht dabei stehen bleiben,
den Sinn des Textes in seiner damaligen Situation zu rekonstruieren, sondern er
will zur Frage vorstoßen, was die Texte uns heute zu sagen haben.
Dies
ist aufgrund der hermeneutischen Einsicht, dass jede Begegnung mit einem Text
einen Effekt auf den Leser hat, auch im Rahmen der heutigen Bibelauslegung
allgemein akzeptiert und erwünscht. Es war eher ein Trugschluss der alten
historischen Exegese zu glauben, sie könne quasi vorurteilslos den Text
verstehen und noch von ihm betroffen werden. Die moderne Exegese fragt deshalb
nicht nur nach einem historischen Sinn der Texte, den sie dann der dogmatischen
Disziplin übermittelt, damit diese dann wiederum daraus das macht, was uns
heute noch angeht. Vielmehr sieht die moderne Exegese es auch als ihre Aufgabe
an, die Frage, nach dem, was uns angeht, an den Text zu stellen.
Damit
sind die ersten beiden Fragen der sog. „lectio divina“ (Was sagt der
biblische Text in sich? Und: Was sagt uns der biblische Text?) tatsächlich
im Rahmen der Exegese zu verhandeln. Jede gelingende Exegese sollte den Leser
letztlich mit dem Wahrheitsanspruch des Textes konfrontieren und insofern in
eine geistliche Beschäftigung mit dem Text münden.
Allerdings
überschreitet Benedikt XVI. den exegetischen Rahmen, wenn er sich eher
meditierend als exegetisierend auf die Darstellung der Evangelien – vor allem
des Johannesevangeliums – vertrauensvoll einlässt. Unter der Hand scheint damit
der Glaubenshorizont der römisch-katholischen Lehre in seine Darstellung Jesu einbezogen
zu werden. Jesus von Nazareth hat damit allerdings keine Kraft, die der
römisch-katholischen Lehre gegenübertreten kann, sondern geht in deren Lehre
auf. Da aber Glaubensüberzeugungen im Rahmen der Bibelauslegung allenfalls ein
motivierendes Vorverständnis sein dürfen, aber nicht Leitlinien der Exegese,
überschreitet Benedikt XVI. an diesem Punkt die wissenschaftliche Exegese. Weil
er aber das Ziel, Jesus zu begegnen, nicht aus den Augen verliert, sondern
davon überzeugt ist, dass er die Grenzen überschreiten muss, um es zu
erreichen, erscheint sein Anliegen legitim.
Man
muss sich nur bewusst machen, was das leitende Interesse des Buches ist. Dass
er dabei – wie in Vorabdrucken des 2.Bandes zu lesen ist – zuweilen eine
historische Rekonstruktion vornimmt, die die historische Exegese auch überzeugt
(z.B. die Datierung des Todestages Jesu nach dem Johannesevangelium) und diese
dann theologisch deutet, lässt das Buch sehr lesenswert erscheinen. Es ist dem
Papst zu wünschen, dass es seinem Buch gelingt, viele Leser zu einer Begegnung
mit Jesus zu verhelfen. Aus evangelischer Sicht bleibt dabei allerdings zu
hoffen, dass dieser (dem Leser begegnende) Jesus (dann) konfessionslos (geworden)
ist.
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