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Paul Gerhard Schoenborn |
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Hans-Joachim Lang: „Als
Christ nenne ich Sie einen Lügner“ – Theodor Rollers Aufbegehren
gegen Hitler, Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2009, 255 Seiten mit
zahlreichen Fotos, ISBN 978-3-455-50104-9
Unerhört,
was ein junger schwäbischer Pietist namens Theodor Roller aus Tübingen am 11.
Februar 1939 an Adolf Hitler schreibt: „Als Christ nenne ich Sie einen
Lügner und als Deutscher den größten Volksschädling, der je deutsche Erde
betrat!“ Er fühlt sich dazu verpflichtet, um „meine Pflicht getan
zu haben, damit ich nicht mitschuldig bin am deutschen Untergang“.
Roller
wird von der Gestapo abgeholt und kommt zur Untersuchungshaft ins Stuttgarter
Polizeigefängnis. Man wirft ihm Beleidigung leitender Persönlichkeiten des
Staates vor und bewertet den Brief im Sinne des „Heimtückegesetzes“
als schädliche Propaganda. Die Berliner Kanzlei des „Führers der
NSDAP“ empfiehlt: „Die dauernde Unschädlichmachung des Roller ist
dringend geboten“ (Faksimile des Schriftstücks auf Seite 86). An diese
Vorgabe hält sich die Justiz. Am 14. Februar 1940 erklärt das Sondergericht
Stuttgart Roller für psychisch krank, spricht ihn wegen Unzurechnungsfähigkeit
frei und weist ihn zur Sicherungsverwahrung in eine psychiatrische Anstalt ein.
Das klingt
eher harmlos, ist es aber nicht. Denn Theodor Roller kann nun Opfer des
Vernichtungsprogramms „lebensunwerten Lebens“ werden. Vom 11. März
1940 an befindet er sich in der psychiatrischen Heilanstalt Weißenau bei
Ravensburg. Er arbeitet in der Landwirtschaft der Einrichtung und macht sich
– gelernter Buchhalter, der er ist – auch in der Küchenverwaltung
nützlich. Weil er sich als eine wertvolle Arbeitskraft erweist, erlebt er dort
schließlich das Kriegsende. Hingegen werden arbeitsunfähige Pfleglinge auch
dieser Anstalt im Rahmen des Euthanasieprogramms aussortiert und in
Tötungsanstalten abtransportiert und dort umgebracht. Zwischen dem 20. Mai 1940
und dem 13. März 1941 werden nachweislich 677 Weißenau-Patienten auf diese
Weise ermordet.
Am 28. Mai
1945 besetzen die Franzosen die Region. Theodor Roller verlässt die Weißenau
aber erst im Laufe des Sommers. Denn er dringt darauf, dass ihm schriftlich
bestätigt wird, seine Einweisung sei aus politischen Gründen erfolgt und es
bestehe somit kein Anlass mehr, ihn in der Anstalt festzuhalten. Er kehrt nach
Tübingen zurück und schlägt sich mit Gelegenheitsarbeiten durch. Am 27. April
1949 hebt das Landgericht Tübingen das Sondergerichtsurteil auf. Der
rehabilitierte Roller erhält Wiedergutmachung. Er arbeitet wieder als
Buchhalter, heiratet, bekommt Kinder. Ein Stiller im Lande, der sich nie seiner
Anfragen an und Angriffe gegen Hitler gerühmt hat.
Theodor
Roller wird am 22. Februar 1915 geboren und stirbt am 30. Oktober 2008.
Hans-Joachim Lang, promovierter Historiker und Wissenschaftsredakteur beim
„Schwäbischen Tagblatt“ in Tübingen wird auf ihn aufmerksam durch
zahlreiche Leserbriefe, in denen der Schreiber aus einer tiefen religiösen
Überzeugung heraus politische Aktualitäten kommentiert. Eine Andeutung, dass er
den Fahneneid auf Hitler verweigert habe, weckt Hans-Joachim Langs Neugier.
Im Juli
2007 trifft er sich zum ersten Mal mit dem Leserbriefschreiber in dessen
Wohnung im Tübinger Vorort Derendingen. Theodor Roller fasst Vertrauen zu ihm.
Es entwickelt sich ein reger Gedankenaustausch bis zum Tode des alten Herrn,
der bis zuletzt geistig klar ist und über ein gutes Gedächtnis verfügt. Er gibt
Hans-Joachim Lang uneingeschränkten Einblick in seine große Sammlung an Notizen
und Briefen. Der Historiker entdeckt zusätzlich zahlreiche Patienten- und
Gerichtsakten. Im Bundesarchiv findet er schließlich in Unterlagen des
Reichsjustizministeriums die Urteilsbegründung des Stuttgarter Sondergerichts,
in der Auszüge des neun Seiten langen Briefs von Roller an Hitler zitiert werden.
In jenem
Brief an Hitler lässt Theodor Roller den Diktator wissen, dass er einst dessen
„tiefster Verehrer und Fanatiker der NS-Idee“ war. Der aktive CVJM-ler
hatte sich bereits 1930 der Hitler-Jugend angeschlossen und es dort bis zum
Scharführer gebracht. Hitler verehrte er wegen dessen Kampfs gegen den
„bewusst gottlosen Bolschewismus“. Aber im November 1935 tritt er
aus der HJ aus. Er kann als gläubiger Christ die ideologische NS-Schulung
seiner HJ-Schar nicht mehr mit innerer Bejahung durchführen. Denn er hat
erkannt, dass das Kreuz Jesu Christi und das Hakenkreuz Symbole zweier
miteinander nicht zu vereinbarenden Glaubensweisen sind. In ihm ist ein
Konflikt fundamentaler Werte entbrannt. Die Wahrheitsfrage stellt sich für ihn
in einem Entweder-Oder dar: Er kann nur Jesus Christus oder Adolf Hitler als
seine letzte Autorität anerkennen. Er muss als Christ die Oberhoheit des
„Führers“ über sich ablehnen und bittet Hitler in einem
persönlichen Brief, ihn von seinem Eid zu entbinden.
1937 folgt
Theodor Roller der Einberufung in die Wehrmacht. Als der Obrigkeit gehorsamer
Christ will er als Soldat seinem deutschen Vaterland dienen. Er weigert sich
aber, den Fahneneid auf den „Führer“ zu leisten. Er wird daher
sofort inhaftiert und psychiatrisch untersucht. Dabei wird ihm eine latente
Schizophrenie attestiert. Nach längerem Klinikaufenthalt wird er aus der
Wehrmacht entlassen und arbeitet ab 1938 wieder als Bankbuchhalter in Tübingen.
Er richtet in der Folgezeit mehrere Briefe an den „Führer“, die im
Ton immer schärfer werden. Er sucht die Unterstützung der evangelischen
Landeskirche, die ihm aber versagt bleibt. Schließlich – wie oben zitiert
– greift er Hitler offen an und nennt ihn in einem persönlichen Brief
einen Lügner, ja „den größten Volksschädling, der je deutschen Boden
betrat“.
Wer so
etwas schreibt, muss verrückt sein, jedenfalls nach der Logik des NS-Systems.
Aus gerichtlichem und medizinischen
Aktenmaterial, Gesprächen mit Theodor Roller und dessen Briefen an die Mutter
– die zugleich Pietistin und überzeugte Nationalsozialistin war –,
rekonstruiert Hans-Joachim Lang die Geschichte dieses Mannes. Er berichtet
ausführlich über noch vorhandene psychiatrischen Gutachten. Aus ihnen geht
hervor, dass keiner der Seelenfachleute den ungeheuren Wertekonflikt im Innern
des jungen Menschen erkennt, geschweige denn, dass er ihn anerkennen will und
kann. Bemerkenswert für alle, die sich mit dem gläubigen Verhalten Theodor
Roller auseinandersetzen, halte ich die Tatsache, dass ein Gutachter sowohl im
Hitlerreich als auch nach 1945 ausdrücklich feststellt, es liege keine
Schizophrenie vor. Hans-Joachim Lang stellt auch ausführlich Einrichtung und
Funktion der sogenannten Sondergerichte im Dritten Reich dar. Und er schildert
eingehend die Lebensbedingungen des Patienten in der Nervenheilanstalt
Weißenau. Kurz vor seinem Tod bekommt Theodor Roller Einblick in das Werk und
gibt seine Zustimmung zur Veröffentlichung.
Für mich ist Theodor Roller wahrhaft
ein christlicher Wahrheitszeuge. Denn er nimmt den möglichen Tod in Kauf, um
seinem Glauben treu bleiben zu können, wie ein tatsächlicher Märtyrer. Erst
jetzt erfahren wir von ihm, aber es ist gut, dass wir von dem einsamen
Glaubenskampf dieses in keiner Weise prominenten Christen erfahren. Hans-Joachim
Lang sei ausdrücklich Dank dafür gesagt, dass er uns in seinem hervorragend
recherchierten historischen Sachbuch diesen aufrechten, schlichten Mann vor
Augen stellt.
Hans-Joachim Lang, 1951 in Speyer
geboren, studierte in Tübingen Germanistik, Kultur- und Politikwissenschaft.
1980 Promotion (Germanistik). Seit 1982 Redakteur beim Schwäbischen Tagblatt.
1989 Wächterpreis der deutschen Tagespresse. Lehraufträge an der Universität
Tübingen. Für sein bei Hoffmann und Campe erschienenes Buch „Die Namen
der Nummern“ erhielt er 2004 den Preis der Fondation Auschwitz in Brüssel
und 2008 die Leonard-Fuchs-Medaille der Medizinischen Fakultät der
Eberhard-Karls-Universität Tübingen.
Paul Gerhard Schoenborn ist Pfarrer
i. R. der Evangelischen Kirche im Rheinland.
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