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Thomas Jakubowski |
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„Berufen
– wozu?“ Zwei Rezensionen
Zur
gegenwärtigen Diskussion um das Pfarrerbild in der Evangelischen Kirche
Besprechung
des Buches „Berufen – wozu?“, von Präses Nikolaus Schneider
und Kirchenrat Dr. Volker A. Lehnert
Nach der
intensiven Lektüre des Buches kann ich nicht nur eine klare Leseempfehlung
aussprechen, sondern auch das Buch als ein „Muss“ einstufen –
insbesondere für alle, die sich mit dem Entwurf zum EKD-Pfarrerdienstgesetz
beschäftigen. In elf Kapiteln wird die aktuelle Diskussion um das Pfarrbild aus
verschiedenen Blickwinkeln kurz und übersichtlich dargestellt. Hilfreich ist
vor allem die ökumenische Weite der Übersicht. Deutlich wird in der
Darstellung, dass es sehr verschiedene Pfarrbilder gibt, die dann auch
unterschiedliche Konsequenzen für die Stellung des Pfarramtes in der
Kirchengemeinde haben.
Ist das
Pfarramt unterhalb, innerhalb oder über der Kirchengemeinde anzusiedeln? Sind
Pfarrerinnen und Pfarrer Teil der Kirchengemeinde oder nicht? Diese Fragen
werden nicht beantwortet, sondern als Leitfragen dargestellt. Die Antwort muss
in der jeweiligen Landeskirche erfolgen und in den Kirchenordnungen abgebildet
werden. Dies gilt selbstverständlich auch für das EKD-Pfarrerdienstgesetz,
welches zur Zeit diskutiert wird. Leider wird auch
hier zuerst das Gesetz gemacht und dann über das Pfarrerbild nachgedacht. Das
neue Gesetz sollte umgekehrt einer Konzeption folgen und nicht nur neue Fragen
und Konfrontationen hervorrufen.
In Kapitel 3
zum Allgemeinen Priestertum wird das Verhältnis zwischen dem Verkündigungsamt und der Gemeinde besprochen. An dieser
Stelle sollte eigentlich geklärt werden, was implizit immer wieder bewegt wird:
Wie ist nun das Verhältnis zwischen dem bezahlten, öffentlichen Verkündigungsamt und dem unentgeltlichen, kirchenleitenden Presbyteramt?
Ein Gegenüber lässt sich vermuten, aber eine Kirchenordnung muss klare Wege,
Kompetenzen
und vor allem Grenzen setzen. Dies ist die eigentliche Aufgabe von Kirche,
nämlich Ordnung zu schaffen, und nicht die Unordnung zu vergrößern. Die
Trennung zwischen dem Dienst der Gemeinde und den institutionalisierten
beruflichen Ämtern wird zwar in der Evangelischen Kirche im Rheinland grundsätzlich
festgestellt, so auf der Seite 52 im Unterabschnitt „Ordination“. Allerdings
wird das Amt der öffentlichen Verkündigung aus dem Prinzip des allgemeinen
Priestertums abgeleitet und diesem unterstellt. Dabei wird ausgeblendet, dass
das allgemeine Priestertum vor allem die Unmittelbarkeit zu Gott anspricht und
nicht die Heilsvermittlung durch andere Menschen. Dies wäre ein klares und
bewusstes Missverstehen der Abgrenzung zwischen katholischem und den
verschiedenen evangelischen Amtsverständnissen. Das Gegenüber von Amt und
Gemeinde wird nicht aus einer Unter- oder Überordnung definiert, sondern aus
einer in sich geschlossenen Aufgabenbeschreibung in der jeweiligen
Kirchenordnung. Weiterführend ist der Verweis auf Seite 55, wo auf den Zweck
der Ordination hingewiesen wird, nämlich was dem allgemeinen Priestertum der
Glaubenden dient – so wird
Eberhard Jüngel zitiert –, also der
Heranführung zur jeweiligen persönlichen Unmittelbarkeit zu Gott.
Es wird auf
die Gefahr hingewiesen, dass ein gestiftetes Amt den einzelnen von der Pflicht
zum Dienen entlasten könnte. Diese katholisierende
Gefahr besteht zu Recht, aber gerade dazu sind die Ämter ja geordnet und
eingesetzt! Eine pfarrerzentrierte Kirche ist nicht durch die Pfarrerinnen und
Pfarrer entstanden, sondern durch eine Abkehr vom allgemeinen Priestertums der
Getauften und durch fehlende Leitungshandlung der Gremien in Kirchengemeinden
und Synoden. Der Fehldeutung, dass Pfarrerinnen und Pfarrer die
Pfarrerzentriertheit verursacht haben, muss entschieden widersprochen werden,
und Petry auf der Seite 58 hat Recht: Das Amt dient,
es bedient nicht.
Dabei ist
zu unterscheiden zwischen einer Konzentration auf die Gewinnung und Schulung
von Ehrenamtlichen gegenüber der Stärkung der christlichen Lebenspraxis. Mit
meinen Worten sind die Anleitung zum Dienst und die Anleitung zur christlichen
Praxis komplementär und dürfen auf keinen Fall gegeneinander ausgespielt
werden. Dies wird in der Forderung nach einem Konsens im Pfarrerbild auf Seite
63 zugespitzt, nachdem zum wiederholten Mal die Bestimmung des Allgemeinen
Priestertums mit den Ämtern in Beziehung gesetzt wurden: Da irren die Autoren,
weil der Begriff des „Priestertums“ die Brückenfunktion zwischen
Gott und den Menschen beschreibt.
Es ist eine
reformatorische Einsicht, dass es zwar Ämter in der Kirche bedarf, aber diese
keine priesterliche Löse- und Bindekraft haben. Wenn alle Priester sind, dann
braucht es keinen Priester und keine Priesterinnen mehr. Wenn uns Gott mit
Gaben beschenkt hat, dann müssen die Gaben geordnet eingesetzt werden. Die
Autoren stellen trotz dieser wiederholten Fehldeutung auf Seite 64 einen guten
Lösungsvorschlag vor, indem das Pfarramt in der Gemeinde nach innen Jesus als
Haupt darstellt und nach außen das Pfarramt die Kirche repräsentiert. Die
verschiedenen Deutungen und Ansätze werden in einem Zwischenfazit auf Seite 65
zusammengefasst, allerdings ohne das Pfarramt außerhalb einer Kirchengemeinde
anzusprechen.
In den
aufgeführten empirischen Untersuchung (Dahm und die 4. Mitgliedschaftsuntersuchung
der EKD) wird das Pfarrerbild der Befragten als Projektion bewertet (Seiten 66-70).
Die Erwartungen sollen in die Diskussion miteinbezogen werden, aber nicht als
Maßstab. Auch hier wird wieder die Spannung zwischen Beteiligungskirchen und
Betreuungskirche deutlich.
Auf Seite
72 wird festgestellt: Die zunehmende quantitative Belastung durch den
sogenannten „package deal“ (Es wird immer
mehr in den Pfarrdienst hineingepackt und gleichzeitig die Alimentierung
abgebaut) korrespondiert mit einer qualitativen Unterforderung. Die
Kirchenleitung reagiert auf die Finanzlage mit Regionalisierung und
verschlimmert dadurch die Situation, ohne auf die psychomentale Belastung einzugehen,
die durch die Strukturveränderung verstärkt wird. Insbesondere
der ständige Machtkampf im Presbyterium zwischen den Kirchenältesten
als „Arbeitgebern“ und den theologischen Expertinnen und Experten als
quasi Angestellten führt zur Abkehr von der Dienstgemeinschaft, so das
Autorenteam.
Zugespitzt
wird dies auf Seite 75 unter dem Hinweis auf das Beziehungsfeld zur Landeskirche
und auf die Gemeinschaft der Landeskirchen in der EKD: Die einzelne Gemeinde
ist immer bezogen auf das Ganze; wenn nicht, dann wird die Volkskirche zur
Freikirche und dies würde auch das Ende der öffentlich-rechtlichen Pfarrstellen
auf Lebenszeit bedeuten: „So befinden sich Pfarrerinnen und Pfarrer als
Verwalter unsichtbarer Güter in einer ambivalenten Dynamik. … sie
arbeiten … in einem schrumpfenden Betrieb in partiell fachfremder
Verwendung. Das demotiviert, zumal die fachfremde Verwendung den Schrumpfungsprozess
langfristig befördern wird.“
Die Autoren
sehen in der Krise von Traditionsabbruch und Säkularisierung eine Chance, indem
folgende Kompetenzen entwickelt und gefördert werden sollen:
·
Theologische
Kompetenz: also von Gott reden, die Schrift auslegen, die Einheit von Theologie
und Spiritualität wiedergewinnen (oratio, meditatio, tentatio), auf
Christus verweisen und Christus repräsentieren.
·
Missionarische
Kompetenz: Predigtamt, begeistertes Weitererzählen,
kreativ und visionär etwas anbieten ohne fundamentalistisch zu sein und ohne
alles total zu relativieren (der Schriftbezug reicht nicht aus!).
·
Seelsorgliche
und diakonische Kompetenz: Kasualien zugleich als
Lebens- und Glaubenshilfe verstehen, christusbezogene Seelsorge,
Gemeindediakonie, Wahrnehmung der Sorge der Menschen.
·
Apologetische
Kompetenz: popularwissenschaftliche theologische
Erwachsenenbildung, theologische Elementarisierung, theologischer
Bildungsauftrag.
·
Interdisziplinäre
Kompetenz: Kooperationen, Kontakt aufnehmen, auch mit politischen und
gesellschaftlichen Gruppen ins Gespräch kommen.
Diese
Kompetenzen werden interessant dargestellt, obwohl auch an diesen Stellen das
Priestertum aller Glaubenden angeführt wird. Diese Kompetenzen bestechen in
ihrer Auswahl und den Erläuterungen. Trotzdem vermisse ich zum einen eine
Abgrenzung zu Bereichen, die nicht in diesen Kanon gehören. Zum anderen fehlen
mir der kybernetische und der kirchenaufsichtliche
Bereich. Diese beiden Kompetenzen sind m.E.
wesentlich für die Wahrnehmung des Dienstes im Pfarramt und sind grundlegende
Herausforderung, nicht nur auf dem Hintergrund der Postmoderne.
In einem
Kapitel über den pfarramtlichen Dienst auf dem Hintergrund der Postmoderne
werden die Stichworte Subjektivierung,
Individualisierung, Differenzierung und Pluralisierung behandelt und das Ende
der großen Erzählungen und die Forderung nach Mobilität thematisiert. Die
Anleitung des Ehrenamtes, die eher zusätzlich Pfarrstellen erfordert (siehe
Seite 100), und die geforderten Leitungskompetenzen sind ebenfalls grundlegend
und bieten nichts Neues. Erstaunlich ist die Kritik an Pfarrerinnen und Pfarrern,
die sich nicht mit der Gesamtkirche identifizieren (Seite 104), da die
Erklärung an vielen Stellen durch Überforderung und mangelnde Fürsorge durch
die Kirchenleitung in den Ausführungen selbst gegeben wurde. Trotz dieser
Kritik ist dieses Kapitel sehr weiterführend.
Die drei
Tabuthemen Eignung, Erfolg und Konkurrenz werden ebenfalls kurzweilig
behandelt. Auch hier wird die Kirchenleitungssicht spürbar. Fachliche Eignung
und persönliche Eignung sollen mit Hilfe der Wunderwaffe Personalentwicklung
passgenau auf die richtige Stelle führen. Besser wäre es, dass im Rahmen der
Zurüstung und der Fortbildung Rahmenbedingungen geschaffen werden, die
gegenseitige Erwartungen von Pfarrerinnen und Pfarrer an die Kirchengemeinde
und umgekehrt abbauen und nicht erst recht befördern. Trotzdem ist den Autoren
zuzustimmen, dass Instrumente nötig sind, um ein Scheitern zu verhindern. So
sollten m.E. Pfarrwahlausschüsse daraufhin ausgebildet
werden, keine politische Wahl durchzuführen, sondern mit ihrem Votum die
Charismata der Bewerberinnen und Bewerber anzuerkennen. Dies wäre die logische
Konsequenz der Autoren.
Die
Alternative wäre allerdings auch interessant: Personalentwicklung und Besetzung
durch die Kirchenleitung im Rahmen einer ermessensfehlerfreien Entscheidung mit
der Möglichkeit einer Konkurrentenklage wäre als Alternative nur folgerichtige
Weiterentwicklung einer konsequenten Personalentwicklung. Auch das wäre eine
Anforderung an die Kirchenleitung und an den kirchlichen Gesetzgeber; die
Autoren deuten das allerdings nur bescheiden an, denn schließlich handelt es
sich dabei um eines der Tabuthemen.
Beim zweiten
Tabuthema, dem Erfolg und dessen Messbarkeit, liegen die Autoren völlig
daneben. Die Beispiele für qualitative und quantitative Bereiche, zum Beispiel
über Kennzahlen, die messbar sind, gehen an der pfarramtlichen Wirklichkeit
völlig vorbei. Qualitätskriterien sollten keine Zahlen und
Zufriedenheitsindizes sein, sondern das überprüfbare Maß der Erfüllung der
eigentlichen Aufgaben im Zusammenhang der Kompetenzen, s.o.. Alles andere sollten wir doch bitte dem heiligen Geist
überlassen, sonst wird das Priestertum aller Gläubigen zu einem Revier für
Seelensucher. Dieses Denken ist mir als Christ völlig fremd. Erfolg kann
festgehalten werden, indem geeignete, berufene oder beauftragte Personen ab und
zu einmal eine klare Rückmeldung über das professionelles Handeln geben. Das
gehört sich so, nicht nur den Ehrenamtlichen gegenüber. Ja, Erfolg im
Pfarrdienst ist ein Tabuthema, genauso wie Neid und Konkurrenz. Es gibt sehr
viele Auseinandersetzungen, die letztendlich aus Neid und Konkurrenz entstanden
sind. Daher kann ich der Analyse der Autoren nur zustimmen; allerdings ist auch
hier wieder fehlendes Leitungshandeln festzustellen. Neid und Konkurrenz sind
bearbeitbar. Teamfähigkeit ist lernbar, manchmal allerdings nur durch Zwang.
Neid und Konkurrenz: Ja, auch ein Tabu, dabei könnte man sich doch aneinander
und übereinander freuen – so sehe ich es zumindest.
Eine gute
Lösung stellt der Vorschlag zur Dienstwohnungspflicht auf Seite 127 dar:
Günstigeres Wohnen und Arbeit im Pfarrhaus oder aufwändigeres privates Wohnen
mit Präsenzpflicht in einem vorzuhaltenden Gemeindebüro als gleichberechtigte
Alternativen. In dem Abschnitt über Dienstzeiten (Seite 127 ff.) werden
interessante und bedenkenswerte Hinweise gegeben.
Im
Abschnitt „Supervision, Geistliche Begleitung, Coaching“
wird das Coaching zwar kritisiert als Handwerkszeug
zur Steigerung der Effizienz und geeignet für Gewinnertypen. Diese Einschätzung
entbehrt leider jeglicher Grundlage. Trotzdem kommen die Autoren zu dem
Schluss, dass die drei Aspekte komplementär zusammenspielen sollen. Im
Abschlusskapitel werden vier Forderungen formuliert und sechs Fragen gestellt.
1.
Das berufene Amt
zur Koordination des allgemeinen Priestertums. Dazu braucht es eine
Personalentwicklung.
2.
Die Fortbildung
soll den Zielen der Kirche entsprechend ausgerichtet sein: Defizite ausgleichen
und Stärken fördern bzw. bis zur Meisterschaft veredeln. Dazu wird eine
Lernbereitschaft von Pfarrerinnen und Pfarrer gefordert.
3.
Die
Organisationsentwicklung soll als strukturelle Personalentwicklung
weiterentwickelt werden, damit Pfarrstelle und Pfarrperson zusammenpassen.
4.
Der Stellenmarkt
soll unter den Kirchen geöffnet werden, damit die Einheit der Kirchen deutlich
wird.
5.
Diese vier
Forderungen zeigen das eigentliche Dilemma, denn die Frage nach dem Pfarrbild
in der Evangelischen Kirche wird zu einer Frage nach dem kirchenleitenden
Handeln innerhalb einer Kirche.
Die sechs
Fragen nehmen die offenen Fragen aus der Darstellung auf. Zusammenfassend wird
das Pfarramt aus diesen Fragestellungen heraus als das „Amt der
Erinnerung“ (Seite 141) zugespitzt.
Insgesamt
ist das Buch sehr lesenswert, allerdings mit einigen Interpretationen, die
zumindest strittig sind, insbesondere die Auffassung und Verwendung des
Priestertums aller Gläubigen. Dem Buch und dem Projekt wünsche ich trotzdem und
auch gerade deswegen eine lebendige Diskussion, wie sie unter www.Pfarrberuf.de angeboten wird.
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