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Dr. Michael Gärtner |
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Nikolaus Schneider / Volker A. Lehnert, Berufen
– wozu? Zur gegenwärtigen Diskussion um das Pfarrbild in der Evangelischen
Kirche, Neukirchen-Vluyn 2009
Wenn
Mitglieder einer Kirchenleitung sich zum Pfarrerbild äußern, darf mit viel
Widerspruch gerechnet werden. Nikolaus Schneider ist Präses der Evangelischen
Kirche im Rheinland, Volker A. Lehnert Kirchenrat daselbst und Dezernent für
theologische Aus- und Fortbildung. Der Widerspruch wird sich jedoch in Grenzen
halten, denn „Berufen – wozu?“ ist ein hervorragendes
Diskussionspapier, das sich durch eine umfassende Aufarbeitung der Literatur
sowie das Bemühen um ein ausgewogenes Urteil auszeichnet.
Das
Pfarrbild dieses Buches wird gleich zu Beginn deutlich benannt „Der
Pfarrdienst kann aber auch seinerseits um eine Ausrichtung auf das Ehrenamt hin
angereichert werden, indem dem Pfarramt eine besondere Verantwortung für die
Entwicklung und Förderung des Ehrenamtes aufgegeben wird (überspitzt: Pfarramt
um des Ehrenamtes willen)“ (7).
Das Buch
gliedert sich in elf Abschnitte:
„1. Kleine Geschichte des
geistlichen Amtes“ (9-26). Hier wird eine kurze übersichtliche Darstellung der Entwicklung
des Amtes der Presbyter über das der Priester bis hin zum gegenwärtigen Amt der
Pfarrerinnen und des Pfarrers aufgezeichnet.
„2. Aus der gegenwärtigen
Diskussion in Theologie und Kirche“ (27-39). Alle wichtigen pastoraltheologischen
Entwürfe er letzten dreißig Jahre sowie die landeskirchlichen Papiere aus dem
Rheinland, beide Hessen und Berlin-Brandenburg werden neben dem Pfarrbild des
Verbandes der Pfarrvereine vorgestellt. Abschluss bildet das EKD-Impulspapier „Kirche
der Freiheit“.
Zu einer
ersten inhaltlichen Bestimmung kommt es im 3. Kapitel: „Allgemeines
Priestertum und besonderes Amt“ (40 – 70). Favorisiert wird bei
einem Vergleich der Kirchen das „unierte Verständnis“ bei dem das
Pfarramt zugleich als eine Stiftung durch Gott wie auch als Delegation der
Gemeinde verstanden wird“. Das Pfarramt ist Teil des allgemeinen
Priestertums (Delegation) und steht diesem zugleich auch gegenüber (Stiftung)“
(45). Mit Otto Weber wird prägnant formuliert „Aus der Gemeinde kann nur
der Träger des Amtes, nicht aber das Amt hervorgehen“. (49)
Im
Rückgriff auf Epheser 4 wird das Pfarramt als „Dienstbefähigung des Allgemeinen
Priestertums“ (55) verstanden. Diese Sicht hält sich durch die ganzen
folgenden Kapitel durch. „Stehen Amtsträgerinnen
und Amtsträger als Menschen, als
Schwestern und Brüder, als begnadete Sünder selbstverständlich innerhalb ihrer Gemeinde, so steht doch ihr
durch die Ordination konstituiertes Amt
der Gemeinde gegenüber und
repräsentiert dadurch die unaufhebbare theologische Wahrheit, dass sich niemand
das Evangelium selber verkündigen kann“ (57).
Im
Rückgriff auf Bonhoeffers Formulierung von dem „als Gemeinde-existierenden
Christus“ wird deutlich gemacht, dass alle Glieder des Leibes Christi in
den Dienst genommen werden – nicht nur die Pfarrerinnen und Pfarrer.
Daraus ergibt sich: „Das Amt ist ein Dienstbefähigungsdienst,
ein geistlich und gabenorientierter Leitungsdienst, der das Allgemeine
Priestertum aktiviert, fördert und entfaltet, indem er sowohl zur christlichen
Lebenspraxis als auch zum Ehrenamt motiviert“ (58). Betont wird, dass
diese Aktivierung sich nicht auf die Kerngemeinde beschränken darf, sondern
dass es um die Forderung der Lebenspraxis aller Gemeindeglieder geht.
Im Folgenden
werden wieder die Diskussionen der vergangenen Jahrzehnte aufgenommen. Kapitel 4
ist überschrieben mit „Erwartungen
der Kirchenmitglieder an das Pfarramt“ (66-70). Dargestellt werden
die unterschiedlichen Erwartungen der in den Gemeinden als Ehrenamtliche
Tätigen wie auch die der über diesen Kreis hinausgehenden Gemeindeglieder.
Hingewiesen wird auf die „Spannung zwischen dem skizzierten neutestamentlichen ‚Amtsverständnis’ im Sinne
des Epheser 4-Modells (Beteiligungskirche)
und den erhobenen empirischen volkskirchlichen Erwartungen (Betreuungskirche)“ (70).
Im nächsten
Kapitel 5 „Und wie geht’s eigentlich Pfarrerinnen und Pfarrern?“
(71-78) rücken die konkret handelnden Personen in den Fragehorizont. Festgestellt
wird z. B. eine zunehmende quantitative Belastung mit Sekundäraufgaben
korrespondierend mit einer qualitativen Unterforderung im geistlichen
Kerngeschäft (72). Pfarrerinnen und Pfarrer werden immer weniger auf ihre
theologischen Qualitäten hin befragt. Weitere Themen dieses Kapitels sind die
Untersuchungsergebnisse zur Berufswirklichkeit und Berufszufriedenheit von
Pfarrerinnen und Pfarrern, das Verhältnis von Kolleginnen und Kollegen, die
volkskirchlichen Erwartungen, Verwaltungsarbeit, Arbeit im Presbyterium,
Beziehungsfeld zur landeskirchlichen Ebene sowie Frauen im Pfarrberuf.
Die im
Pfarramt erforderlichen Kompetenzen werden in Kapitel 6 „Grundlegende Herausforderungen den Pfarrdienstes“ (79-91)
dargestellt. Theologische Kompetenz, missionarische Kompetenz, seelsorgliche
und diakonische Kompetenz, apologetische Kompetenz sowie interdisziplinäre
Kompetenz werden dargestellt. All dies geschieht gut ausgewogen und zugleich
anregend. Wichtig erscheint mir der Hinweis darauf, dass der Tätigkeitsbereich
der Lehre wieder an Bedeutung gewinnen wird.
Kapitel 7 „Der pfarramtliche Dienst auf dem
Hintergrund der Postmoderne“ (92-108) thematisiert das Verhältnis von
Amt und Person, das Profil und Alleinstellungsmerkmal des Pfarramtes sowie die
kybernetische Kompetenz – Gemeindeentwicklung nach dem Epheser 4–Modell.
An dieser Stelle zeigt sich auch eine der Schwächen des Buches. Wenn konkrete
Vorschläge gemacht werden, wie z. B. die Möglichkeit der Entdeckung von
Charismen bei Begegnungen in der Gemeinde, so mögen die dort erzählten
Geschichten irgendwann einmal so passiert sein, in ihrer Zusammenstellung
wirken sie jedoch als „Traum eines Theologen“. Da laufen dem
Pfarrer oder der Pfarrerin eine Religionspädagogin in Elternzeit, ein Lehrer,
der seine pianistische Begabung noch nicht anderweitig eingesetzt hat, sowie
ein Kinderliedermacher über den Weg, die allesamt für die Gemeindearbeit
eingespannt werden können. Schön für den, der in solchen offenbar von Problemen
wie Landflucht oder Innenstadtverödung verschonten Regionen arbeiten darf.
Kapitel 8 „Eignung, Erfolg und Konkurrenz
– drei Tabus“ (109-121) greift die Untersuchungen und
Veröffentlichungen zu den in der Überschrift genannten Themen der letzten Jahre
auf. Dieses Kapitel wird zu vielen Diskussionen Anlass geben. Die dargestellten
Überlegungen zur quantitativen und qualitativen Erfolgsmessung scheinen mir die
jeweils konkreten Arbeitssituationen mit den soziologischen Gegebenheiten der
betreffenden Gemeinden nicht genug zu berücksichtigen. Interessant sind die
Überlegungen zur Pfarrbesoldung. Ausgegangen wird noch von 55 Stunden Arbeit pro
Woche (vgl. aber: Dieter Becker „Arbeitszeiten im heutigen Pfarrberuf.
Empirische Ergebnisse und berufssoziologische Erkenntnisse“, in:
Deutsches Pfarrerblatt 110/2010, 80 – 85, der eine wöchentliche pastorale
Arbeitszeit von etwa 63 Stunden erhoben hat). Danach müsste ein Pfarrer mit
7.455,00 Euro pro Monat besoldet werden (abzüglich Pensionskassenbeiträge und
Dienstwohnungsvergütung).
Kapitel 9 „Zwischen Amt und Dienst, Privatsphäre
und Freizeit – das Pfarrhaus“ (122-131) greift die Themen „Leben
im Pfarrhaus – Balance zwischen Privatem und Beruflichem, Pfarrberuf und
Ehe, Zeitmanagement, Präsenz- und Residenzpflicht, Arbeitszeit und
Arbeitsteilung, funktionale und eingeschränkte Lebensverhältnisse“ auf und
gibt wichtige Hinweise auf manche Auswege aus diesen mit diesen Themen verbundenen Dilemmata.
Mit „Supervision, geistliche Begleitung, Coaching“ ist
das 10. Kapitel überschrieben (132-135). Die darin kurz dargestellten berufsbegleitenden Maßnahmen werden meines Erachtens für
die Zukunft des Pfarrberufes entscheidend sein. Die auch in dem vorgestellten
Buch immer wieder angesprochenen Notwendigkeiten zur Veränderung und Anpassung
des Pfarrberufes in einer sich schnell wandelnden Gesellschaft und einer ebenso
schnell wandelnden Kirche können nur mit Hilfe solcher berufsbegleitenden
Maßnahmen erreicht werden. Diese müssen entsprechend ausgebaut werden.
Das Buch
schließt mit einem Kapitel zum Thema „Einige
weitere Vorschläge zur Zukunft des Pfarrberufes“ (136-141). Gefordert
werden ein Ausbau der Fortbildung, eine Organisationsentwicklung in den
Kirchen, ein durchlässiger Stellenmarkt. Formuliert werden abschließend sechs Herausforderungen.
Dieses Buch
ist ein wichtiges Buch, das sich offen mit den derzeit diskutierten Fragen
auseinandersetzt. Es sieht die Probleme der Pfarrerinnen und Pfarrer sowie die
Herausforderungen an die Kirche. Es will fordern und fördern. Es will nicht
überfordern. Dennoch erscheinen mir auch hier die Probleme im Detail zu
stecken. Die Anforderungen, die durch die moderne Gesellschaft und die
anstehenden Veränderungen der Kirche an die Pfarrerinnen und Pfarrer gestellt werden,
werden ausführlich dargestellt. Es wird zudem Mut gemacht zu Schwerpunktsetzung
und Zeitbegrenzung.
Die
schwierige Aufgabe wird jedoch darin bestehen, je konkret für die einzelnen Pfarrerinnen
und Pfarrer, das Miteinander der Kolleginnen und Kollegen sowie der
ehrenamtlich Verantwortlichen zu Lösungen zu kommen. Das Buch gibt keinen
Hilfestellungen, den realexistierenden
Veränderungsdruck sowie die realexistierende
außergewöhnlich hohe zeitliche Belastung im Pfarrberuf auf erträgliches Maß zu
reduzieren. Vielmehr werden die hohen Ansprüche wiederholt. Was folgen muss,
ist die Erarbeitung konkreter Schritte zur Umsetzung des dargestellten Programms
und zugleich die Befähigung der für die Fortbildung Verantwortlichen wie auch
der Verantwortlichen auf der mittleren Ebene, solche Schritte umzusetzen. Dies wird
meines Erachtens nicht ohne den Ausbau von Supervision, Coaching,
Intervision, kollegialer Beratung, geistlicher Begleitung und Ähnlichem gegeben.
Dies erfordert auch ein entsprechendes finanzielles Engagement. Aber auch
darüber müsste eine Verständigung hergestellt werden. Dieses Buch gibt dafür
eine gute Diskussionsgrundlage ab.
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