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Dr. Martin
Schuck Lindenstraße 19, 67346 Speyer |
„Das Kapital“ – Re-Lektüre aus
aktuellem Anlass
Den Autor
Karl Marx vor seiner „marxistischen“ Wirkungsgeschichte in Schutz nehmen
Harte
Zeiten verlangen nach harter Literatur – und damit ist nicht der Einband
gemeint. Bücher, die in harten Zeiten, also in Krisenzeiten, Orientierung geben
können, müssen aber erst einmal geschrieben werden. Da die derzeitige Finanz-
und Wirtschaftskrise noch nicht in allen Köpfen angekommen zu sein scheint,
dominiert auf dem Büchermarkt nach wie vor die Spaßgesellschaft. Das ist
durchaus nachvollziehbar, denn wirklich den Spaß verderben lässt man sich erst,
wenn er endgültig vorbei ist.
Zwischenzeitlich
haben sich natürlich Autoren an harter Literatur für harte Zeiten versucht, aber
dabei herausgekommen ist noch nicht sehr viel. Bevor man sich also gezwungen
sieht, Werke wie „Das Kapital“ von Reinhard Marx zu lesen, greift man doch
lieber auf das Original zurück. Der alte Karl Marx hat schließlich auch schon
mal ein Werk gleichen Titels geschrieben.
Die blauen
Bände aus dem Dietz-Verlag (Berlin/DDR) stehen schon seit Studentenzeiten im
Bücherregal und es wird Zeit, wieder einmal darin zu blättern. Schließlich hat
Marx (Karl, nicht Reinhard) seit vergangenem Herbst Konjunktur. „Das Kapital“
umfasst die Bände 23-25 der MEW, die das Zentralkomitee der SED ab 1968
herausgegeben hat. Nur der erste Band („Der Produktionsprozeß des Kapitals“) wurde
zu Marx’ Lebzeiten 1867 veröffentlicht. Die Bände 2 („Der Zirkulationsprozeß
des Kapitals“) und 3 („Der Gesamtprozeß der kapitalistischen Produktion“) gab
Friedrich Engels 1885 und 1894 aus dem Nachlass heraus.
Auch 20
Jahre nach dem vorläufigen Ende des Sozialismus als Herrschaftsform beeindruckt
die analytische Kraft, die in den drei Bänden steckt. Marx machte damals nichts
weniger, als die menschliche Lebenswelt aus einer bestimmten Perspektive einer
Gesamtschau zuzuführen. Eben dass diese Perspektive die Ökonomie, genauer: die
damals rasant an Fahrt gewinnende kapitalistische Produktionsweise, war, macht
seine Beschreibung so aktuell; immerhin ist das genau die Perspektive, aus der
in den vergangenen zwei Jahrzehnten die führenden Ökonomen des
„Neoliberalismus“ ebenfalls die menschliche Lebenswelt in den Blick genommen
haben – nur eben aus einer anderen Interessenlage heraus. Damit haben sie
unfreiwillig vieles von dem bestätigt, was Karl Marx im 19. Jahrhundert an
Gesetzmäßigkeiten aufzeigen konnte.
Marx selbst
nennt als sein eigentliches Thema die „politische Ökonomie“. Gemeint ist damit
die Analyse derjenigen Vorgänge, durch welche die Ökonomie die anderen Bereiche
gesellschaftlichen Lebens durchdringt und letztlich determiniert. Im berühmt
gewordenen Nachwort zur zweiten Auflage des ersten Bandes, das Marx 1873 in
London schrieb, stellt er fest, dass die politische Ökonomie bis zur
Veröffentlichung von „Das Kapital“ in Deutschland eine „ausländische
Wissenschaft“ geblieben sei. Grund dafür war die im Gegensatz zu England und
Frankreich relativ späte Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise und
damit einhergehend der bürgerlichen Gesellschaft: „Es fehlte also der lebendige
Boden der politischen Ökonomie. Sie ward als fertige Ware importiert aus
England und Frankreich; ihre deutschen Professoren blieben Schüler. Der
theoretische Ausdruck einer fremden Wirklichkeit verwandelte sich unter ihrer
Hand in eine Dogmensammlung, von ihnen gedeutet im Sinn der sie umgebenden
kleinbürgerlichen Welt, also mißgedeutet.“
Wir lernen
hier, dass die theoretische Durchdringung von Wirklichkeit kontextuell
unterschiedlich ausfällt, ausfallen muss, weil sie sonst zur Dogmensammlung
verkommt, also unflexibel wird, und, weil nicht mehr zum Kontext passend, ohne
Deutungspotential ist. Die eigentliche Pointe dieses Gedankens geht aber noch
tiefer und besteht darin, dass die politische Ökonomie selbst als Ware bezeichnet wird; damit soll deutlich werden, dass
wirklich alle gesellschaftlichen
Äußerungen Warencharakter haben – und damit sind wir beim eigentlichen Thema
des von Marx allein verfassten ersten Bandes.
Thema ist
der Zusammenhang von Ware, Geld und Kapital. Geld und Kapital sind nämlich
nicht das gleiche; Geld verwandelt sich erst dadurch in Kapital, dass es einen
Akkumulationsprozess in Gang setzt, der es erlaubt einen Mehrwert abzuschöpfen.
Grundlage für die Entstehung von Mehrwert ist ein Arbeitslohn, der deutlich
unter dem Wert dessen liegt, was durch die entlohnte Arbeit produziert wird.
Mehrwert wiederum ist die Grundlage für Profit; die „Verwandlung des Mehrwerts
in Profit“ ist eines der großen Themen des dritten Bandes.
Marx wurde
oft der Vorwurf gemacht, er habe zwar eine treffende Analyse der
(früh-)kapitalistischen Produktionsweise geliefert, habe aber durch das
Formulieren von Gesetzmäßigkeiten einen dogmatischen Rahmen gespannt, der der
Dynamik der sich entwickelnden Weltwirtschaft nicht gerecht geworden sei. So
gehörte es zu den populärwissenschaftlichen Allgemeinplätzen, dass die
sozialistische Planwirtschaft letztlich die logische Konsequenz Marx’scher
Theoriebildung sei.
Eine solche
Sicht wurde Marx jedoch niemals gerecht. Es ist deshalb an der Zeit, den Autor
Karl Marx vor seiner „marxistischen“ Wirkungsgeschichte in Schutz zu nehmen.
„Das Kapital“ kann jedenfalls gerade heute wieder mit Gewinn gelesen werden.
Der Beitrag wurde erstveröffentlicht
in „Evangelische Orientierung. Zeitschrift des Evangelischen Bundes“ 2/2009, S.
13.
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