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Max
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Sommerzeit
– Lesezeit
Wenn aus
Vorreitern Nachzügler werden
Elga Zachau, Gemeinsames Anliegen
Gerechtigkeit. Die Kirchengemeinschaft zwischen Evangelischer Kirche der Union
und United Church of Christ (USA) 1980 – 2005, Neukirchen-Vluyn 2009
Es ist eine
große Freude, 52 Jahre nach der 1957 zwischen dem International Congregational
Council und der protestantischen Landeskirche feierlich geschlossenen Kanzel-
und Abendmahlsgemeinschaft die im Druck vorliegende Arbeit anzeigen zu dürfen.
Sie zeichnet eine Parallelentwicklung zwischen der 1957 aus Kongregationalisten
(Congregational Christian Churches) und der Evangelisch-Reformierten Kirche
(Evangelical and Reformed Churches) in den USA gebildeten Kirche und der EKU
nach.
Die Verfasserin
und Reinhard Groscurth haben 2007 an eine in der Landeskirche gründlich
vergessene Tatsache erinnert. Die1957 geschlossene Gemeinschaft umfasste alle
Mitgliedskirchen des ICC, beschränkte sich also nicht auf England und Wales, d.h.
sie schloss auch die spätere UCC ein (BlPfKG 74, 2007, 157–168).
Wer dieses
Buch aus pfälzisch-protestantischer Perspektive liest, wird mit Chancen und
verpassten Gelegenheiten der eigenen neueren Kirchengeschichte konfrontiert.
Unter dem
Stichwort „Gemeinsames Anliegen Gerechtigkeit“ folgt die Verfasserin der
Aufarbeitung einer sozialethischen und ökumenischen Fragestellung. Sie
entwickelt in der Auseinandersetzung mit dem Begriff Gerechtigkeit sechs
Leitfragen. Anhand dieses Rasters stellt sie die Schritte des
Diskussionsprozesses zwischen EKU und UCC dar und bereitet sie kritisch auf. Dieser
Rahmen, auf den sie den in den beteiligten Kirchen stattfindenden Prozess bezieht,
schützt ihre Darstellung vor einem Abgleitungen in memoirenhafte Erinnerungen
der Beteiligten oder eine rein chronologische, archivarische Auflistung der
Ereignisse. Sie entgeht auch der Gefahr, sich in Nebenschauplätze der Begegnungen
und Themen zu verlieren.
Der Bezug
zur pfälzischen Landeskirche besteht in der Person Howard Schomers, der 1972 als
World Issues and Europe Secretary das Konzept des Ost-West-Dialogs entwickelt.
Es ist das Jahr, in dem sich in England und Wales Kongregationalisten und
Presbyterianer zur URC vereinigen. Howard Schomer vertrat 1957 in Speyer den ÖRK
und die amerikanischen Kongregationalisten.
Ralph
Calder, der Sekretär des ICC, informierte bereits am 23. September 1957
Kirchenpräsidenten Stempel über Gespräche zwischen der EKU und der UCC. „I
wonder whether you know anything of this latest move towards intercommunion,
which will obviously concern us both” (Archiv LKR). Wie dieses Schreiben belegt, steht der
Pfälzer Sonderweg mit dem ICC bei den Gesprächen der UCC mit Vertretern der EKU
im Hintergrund.
Es bleibt
ein Rätsel, wieso die pfälzische Landeskirche von der Entwicklung der
Kirchengemeinschaft bis 2003 nur indirekt berührt wird. Dieser
Gedächtnisverlust ist um so weniger verständlich, als unser im Jahre 2000 in
Ludwigshafen verstorbener Amtsbruder Ernest Dawe mit seinem englischen Studienfreund
Ray Arnold besonders über den Diskussionsstand bei den ihn interessierenden
ökumenischen Themen Versöhnung, Frieden, Gerechtigkeit, III. Welt in Großbritannien
und den USA, URC und UCC, einen regen Austausch pflegte.
Seit 2003
gehört die Landeskirche als Mitgliedskirche der UEK zur Kirchengemeinschaft. „Gemeinsames
Anliegen Gerechtigkeit“ ist eine Herausforderung an uns, die Kanzel- und
Abendmahlsgemeinschaft mit einer Unionskirche, die nach 1957 in Vergessenheit
geriet, neu zu entdecken.
Die
pfälzische Abstinenz versteht man noch weniger, denn unter den aufgeführten
Namen stößt man auf Mitglieder unserer britischen und anhaltinischen
Partnerkirche. An der ersten USA-Reise von Repräsentanten der EKU-Ost im Mai
und Juni 1972 nimmt Kirchenpräsident Eberhard Natho, Dessau, teil. Er spricht bei
einem Treffen mit dem United Church Board for World Ministries über das Thema „Versöhnung
im Rahmen des Ost-West-Dialog-Programms der UCC“. In Erfurt referiert David
Thompson, Cambridge, im Lutherjahr 1983 unter dem Tagungsthema „Reformatorische
Theologie für heute“ über die pazifistischen Traditionen innerhalb der Kirchen
Großbritanniens.
Ein
fundamentaler Unterschied zwischen pfälzischer Landeskirche und EKU besteht zuerst
einmal in der Größe, dann darin, dass die Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft
zwischen dem ICC und der Landeskirche aus der Begegnung zweier Kirchengemeinden,
Worthing und Wolfstein, entstand. Der ICC brauchte diese Initiative nur
aufzunehmen und weiter zu entwickeln. Innerhalb der EKU und der UCC war es ein
kleiner Kreis ökumenisch interessierter Theologen, der die Initiative ergriff,
die der ICC von Anfang an unterstützte. Während die Beziehung zwischen
Kongregationalisten und Pfälzer Protestanten seit ihren Anfängen von Gemeinden,
gesamtkirchlichen Arbeitszweigen und persönlichen Beziehungen lebt, spielen für
die Kirchengemeinschaft UCC – EKU vor allem Gremien, dann erst die beteiligten
Landeskirchen, Kirchenbezirke und Gemeinden eine Rolle. Das erklärt sich u. a.
aus den politischen Bedingungen bis zu Fall der Mauer 1989 und den großen
Entfernungen, die zu überbrücken sind.
Bei einem
Blick ins Personenregister und die umfangreichen Anmerkungen fällt auf, wie
heftig die Beteiligten über den Eisernen Vorhang und die Gräben in ihren
eigenen Kirchen hinweg um Verständigung und Lösungen ringen. So verleiht diese
Arbeit denen Gesicht und Stimme, die trotz aller politischen Behinderungen
Vorbildliches geleistet haben, wie z. B. Johannes Althausen, Heino Falcke,
Christa Grengel, Reinhard Groscurth in der EKU sowie Mark Burrows, Frederick
Herzog, Douglas Meeks, Max Stackhouse, Frederick Trost, Kenneth Ziebell und den
„General Minister and President“ John Thomas. Sein Abschiedsbesuch zur EKD im
März 2009 zeigt, welch hohen Stellenwert für die UCC die Übertragung der
Kirchengemeinschaft auf die EKD nach Auflösung der UEK besitzt.
Die
Verfasserin widmet den besonderen Beziehungen des Ostbereichs der EKU zur UCC
mit ihren speziellen Schwierigkeiten und Herausforderungen einen eigenen
Abschnitt. Sie erhellt die Verflechtungen kirchlicher und staatlicher
Interessen. Besuche von UCC-Vertretern in der ehemaligen DDR und Reisen von EKU-Vertretern
in die USA mussten mit dem Staatssekretariat für Kirchenfragen abgestimmt
werden. Auch die Staatsicherheit überwachte jede Bewegung. Ernst-Eugen Meckel,
der Ökumenedezernent der EKU-Ost, erscheint in ihren Akten. Wie aufmerksam diese
kirchlichen Aktivitäten beobachtet wurden, erkennt man daran, dass sogar Erich
Honecker sie zur Kenntnis nahm.
Wie
glücklich waren ICC und die Vereinigte Protestantisch-Evangelisch-Christliche
Kirche der Pfalz, dass sie in beherzter Freiheit all das, was die ökumenische
Gemeinsamkeit in Zeugnis und Dienst behindern konnte, also Grenzziehungen der
Bekenntnisschriften sowie Ämterfragen, links liegen ließen. Es lohnt sich an
dieser Stelle genau hinzuschauen. Wie schwer tun sich an diesem Punkt die Vertreter/innen
der EKU-West und -Ost, u. a. Helmut Gollwitzer, die 1958 das erste Angebot der
UCC zu Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft prüfen und jedes rasche Vorgehen
ablehnen. Beim Lesen des Abschnitts „IV. Auf dem Weg zu den synodalen
Kirchengemeinschaftserklärungen (1976-80/81)“ springen die hartnäckigen
Vorbehalte gegenüber der Abendmahlsgemeinschaft vor allem in der EKU-West ins
Auge. Noch 1980 stellt Ernst Volk aus Mülheim an der Mosel (Kirchenbezirk Trier)
wegen der theologischen Grundlagen der UCC die Beschlussvorlage in Frage. Darf
an dieser Stelle der europäische Protestantismus gegenüber Orthodoxen und
römischen Katholiken guten Gewissens lautstark und selbstsicher die
Interkommunion einfordern?
Die
Verfasserin arbeitet deutlich die Stärken der Kirchengemeinschaft und ihren
Gewinn für alle Beteiligten heraus. Von Anfang an stellen sich die Beteiligten
den heftig umstrittenen Zeitfragen und tauschen sich über ihre
unterschiedlichen Ausgangspositionen aus.
„Berlin-Weißensee,
1980, verbindliches Lehren“, nimmt die Diskussion der UCC über „sound teaching“
auf, die versucht den Graben zwischen ethischen kirchlichen Verlautbarungen und
kirchlicher Lehre zu überbrücken.
Dahinter
steht eine Auseinandersetzung innerhalb der vereinigten Kirche. In der
Erklärung „A most difficult and urgent
time“, die 39 Theologieprofessoren und Theologieprofessorinnen
unterzeichnet haben, geht es um das „ekklesiologische Defizit“ der UCC. Louis
Gunnemann schreibt an Frederick Trost am 21.3.1983: „I suppose the most
dismaying thing is the total disregard of our foundations, both in Scripture
and tradition, at a time, when the richness of both could give our denomination
strength for the urgent task ahead.” “(t)he continuing development of our
denominational (…) lifestyle in the model of secular democracy rather than
covenantal commitment” …”in principal (…) the headship of Christ” aber “in practice
.. by a political process that denies Christ’s headship.”[1]
Wie heftig
in diesem Austausch um die theologische Ausrichtung der eigenen Kirche gerungen
wurde verdeutlichen die folgenden Zitate. “The …
Church has lost its ability to make a judgement
about the ‘new situation’ it faces. Unable to make a decision, it has lost the
ability to act. It presently cannot decide about
what it sees.”[2] Es geht um mehr als einen
ökumenischen Tourismus oder unverbindliche Freundlichkeiten. “(T)he
colloqui would offer us an opportunity for analysis of the present crisis of
theology in the Church, its weakness of depth, content, and relevance in the
Church’s teaching ministry and the resulting inability to serve God’s justice
in the world. This weakness, at least in the United Church of Christ (
Ein Hinweis
auf die wechselnden Tagungsorte und umfangreichen Themenliste muss an dieser
Stelle genügen.
„Iserlohn,
1982, Zumutung Frieden – Peace as a Priority Issue“, diskutiert angesichts des
Wettrüstens und der weltweiten Hochrüstung die brennenden friedensethischen
Fragen.
„Reformatorische
Theologie für heute. Die Bedeutung der Rechtfertigungs- und Bundestradition für
Gerechtigkeit und Frieden“ war das Thema im Lutherjahr 1983 in Erfurt.
Teilgenommen haben auch Vertreter, die weder der EKU noch der UCC angehörten.
Spannend ist der Versuch, die beiden protestantischen Traditionen ökumenisch vor
dem Hintergrund der weltpolitischen und kirchlichen Herausforderungen
miteinander ins Gespräch zu bringen.
In
Washington, 1984, erinnert Howard Schomer die Teilnehmer an die Grundlagen der
Kirchengemeinschaft mit einem Schlagwort der abolitionists. „We became one through the defense
of the image of God in every human being“ (201). Versöhnung zwischen Nationen, die einander mit
Misstrauen begegnen, ist möglich, wenn sie im anderen das Ebenbild erkennen.
Staunen
erregt die Ernsthaftigkeit mit der EKU-Ost/West und UCC 1988/1989 den
Konsultationsprozess unter dem Stichwort Gottes Gerechtigkeit betreiben. An
einzelnen Stationen, Iserlohn, Sudbury, MA, Paynesville, MN, Pottstown, PA,
Durham, NC, St. Louis, MO, Dayton, OH, Colorado Springs, CO, und Erfurt
behandeln UCC und EKU eine Fülle von zugeordneten Themen wie z. B.
Gerechtigkeit, Rechtfertigung, Recht, Wirtschaft, Frieden, Partizipation,
ökonomische Führungsrolle, Landwirtschaft, Atommacht, Gift und Umwelt,
Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung, Privilegien und christlicher
Lebensstil, wobei sie die drängenden Fragen aus dem konziliaren Prozess aufnehmen.
In Green
Lake, 1993, geht es um die religiöse Erziehung und theologische Bildung in
ihrer Auswirkung auf das Gemeindeleben. In Chicago, IL, 1998, stellen sich die
Beteiligten der Herausforderung durch die säkulare Gesellschaft. In Cleveland,
OH, 2001, ist auf Anregung der UCC die Ausgestaltung der Kirchengemeinschaft
selbst das Thema. Die Beteiligten greifen die ökumenische Dekade zur
Überwindung der Gewalt auf. „Kirchengemeinschaft unter der Herausforderung von
Frieden und Gerechtigkeit“ heißt es in Berlin 2005 anlässlich des 25jährigen
Jubiläums, das auch die neuen Mitglieder
der UEK
mitfeiern.
Dieser
Arbeit sind viele Leserinnen und Leser zu wünschen, die Interesse an
lebendigen, ökumenischen Beziehungen zu Kirchen in den USA haben und ihr Bild
weder von Ramstein noch von George Bush und den damit verbundenen Vorurteilen
bestimmen lassen.
Nach der
Lektüre wird das Fehlen einer wissenschaftlichen Aufarbeitung der Kanzel- und
Abendmahlsgemeinschaft zwischen dem International Congregational Council und
der Landeskirche schmerzhaft bewusst. Die vorliegende Arbeit erhellt
Zusammenhänge und Parallelen und fordert heraus, den weiteren Kontext der
ökumenischen Geschichte unserer Landeskirche schärfer in den Blick zu fassen,
angemessen zu würdigen, offene Möglichkeit zu ergreifen und weiter zu
entwickeln.
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[1]
Frederick Trost, UCC-EKU Working Group 1993, 395, Anm. 95
2 Frederick
Trost, a.a.O. 397
3
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