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Marcel
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Rezensionen
Schöne heilige Welt?
Ein Plädoyer im Kampf gegen den Perfektionsdruck
Reiner
Knieling: Plädoyer für unvollkommene Gemeinden. Heilsame Impulse, Vandenhoeck
& Ruprecht, Göttingen 2008, 132 Seiten.
Spätestens seit der Veröffentlichung des EKD-Papieres Kirche
der Freiheit (2006) ist allerorts von strukturellen „Impulsen“ zur Zukunft
der evangelischen Kirche die Rede. So lässt es sich auch der Wuppertaler
Praktische Theologe Reiner Knieling nicht nehmen, seinem kritischen Abriss zum
Thema Gemeindeentwicklung den wenig bescheidenen Zusatz Heilsame Impulse beizufügen. Was hier im Duktus etwa
an die Volksmission Mitte der 1950er Jahre erinnern mag, eröffnet eine in zwei
Hauptteile und vier Kapitel gegliederte, sprachlich recht ansprechend und gut
verständlich ausgearbeitete Lektüre, die es freilich vermag, bei manchen allein
wegen des Titels ebenso sehr zu provozieren wie Missverständnis und
Kopfschütteln zu bewirken.
Knieling ist einer von der Sorte, welche als erste die gut
verriegelte Kühltruhe aufmachen. Wie schon in seiner Habilitationsschrift
(2006) an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal Konkurrenz in der Kirche
(besprochen von Schütz, in: Pfz.Pf.Bl 12/2007: 612-615) greift Knieling mit
Vorliebe das theologisch Tabuisierte auf, um es dann aus seiner oft dogmatisch
aufgeladenen Engführung zu lösen und so für Sozialleben und Streitkultur in der
Kirche fruchtbar zu machen. In seinem jetzigen Plädoyer für die
Unvollkommenheit von Gemeinden, will Knieling mitnichten Untätigkeit und
Trübsal als billigen Entschuldigungen für schlechte Gottesdienste oder
unzufriedene Mitarbeiter das Wort reden. Nur geht es darum, auf
die Begrenztheit systematischer Bemühungen um Erhalt bzw. Ausbau von Gruppen
und Kreisen vor Ort hinzuweisen und dabei theologische Großoffensiven zur
Rettung manch liebgewonnener oder noch defizitärer Strukturen anzuzweifeln (16
f.). Knieling spricht hier von „Allmachtsphantasien“ (36) unter einigen seiner
Kollegen.
Einleitend in den ersten Teil („Unvollkommenheit hat
verschiedene Facetten“, 13 ff.) geht es auch um eine Kritik an kirchlicher
Beschwichtigungs-Rhetorik: Etwa stellt Knieling fest, dass nirgendwo immer nur
Liebe und Anerkennung mit im Spiel sind, dass Brüche und eine gestörte
Kommunikation nicht einfach immer vermeidbar und zu bewältigen wären. Kurzum:
Kirche sagt gerne, was alles sie sein will. Schwer fällt es ihr aber, sich
einzugestehen, wo sie an die Grenzen ihrer irdischen Möglichkeiten kommt, was
sie nicht sein kann. „Ich vermisse die Seite, die es im Leben auch gibt: wenn
die Lernfähigkeit begrenzt ist, wenn Scheitern nur akzeptiert und auch das
nächste Mal nicht wirklich vermieden werden kann“ (18), meint der Autor. So
stellen sich Kirchenleute dann oft genug selbst ein Bein, indem sie ihre
Ansprüche derart hochschrauben, dass die Verbesserung der Alltagsgeschäfte
schnell zur Überforderung führt.
Bodenhaftung tut hier gut, meint Knieling, derweil jedoch
das bei ihm kurz angesprochene EKD-Impulspapier ganz offensichtlich mit der
Kirche – in Zukunft – wieder hoch hinaus will: Koexistenz von Gemeindemodellen,
Umverteilung von Kosten in Personal und Fortbildung, Reduktion der
Gliedkirchen, das Pfarrbüro (so möchte womöglich der Leser heraushören) als
eine Mischung aus Customer Office und Service Center. Das alles dann unter dem
Label ,Marke evangelisch‘? Davor graut es seit dem Reformsommer vor drei Jahren
manchem Hirten gewaltig. Hören Gemeinden doch landauf-landab von erschöpften
Geistlichen, denen zum Lesen und Studieren kaum mehr die Zeit bleibt. Auf
Fortbildungen und Pfarrkonventen wird eine permanente Konzentrationsstörung
beklagt. Vielen bleibt einfach die Luft weg.
Dahinter steckt mehr als nur grummeliges Mosern und Meckern.
Nach Knieling ist es wichtig, dass Gemeinden lernen, welche ihre Probleme sind
und dass diese womöglich nicht immer einfach weg zu kurieren (oder
rationalisieren) sind. Im Impulspapier der EKD wittert der bayerische Theologe
eine Überforderung der Pfarrerschaft und erkennt das fehlende Eingeständnis,
dass nicht gesagt wird, auf welche Mühen getrost verzichtet werden kann, was nicht
zu tun ist. – Das aber zu können, hat etwas mit Selbstkritik und Bewusstsein zu
tun, wie Knieling verdeutlichen will (19 f.).
Voreiligen Idealismen, wie Gemeinde aussehen sollte, gibt
der Autor erfreulicherweise einen dezenten Dämpfer (21 f.). Wir wissen so gut
wie nichts darüber, wie Jesus seine Gemeinde wollte, wie seine Potenziale sich
mit unserer Wirklichkeit decken. Die Kirche kam erst als Jesus nicht mehr durch
Galiläa wanderte. Gemeinde vollzog sich demnach immer nur in Abwesenheit Jesu,
so Knieling. Und sehr wahrscheinlich konnte Gemeinde auch nur dadurch zu dem
werden, was Menschen zu allen Zeiten ganz unterschiedlich darunter verstanden.
Das Ideal bestand stets im Plural. Uneinigkeit, ja sogar Zerwürfnisse waren
derweil nie einfach blanke Sünde. Wie wirklich heilsam ist hier die
aufgegriffene Bibelstelle (25), die belegt, dass selbst so prominente Hirten
wie Paulus und Barnabas hart aneinander gerieten und sich ihre Wege trennen
mussten (Vgl. Acta 15,39 f.). Probleme, von Zoff und Ärger über Spaltung und
organisatorische Engpässe – all dies gab es immer schon in der Kirche und
musste zu unterschiedlichen Zeiten entsprechend verhandelt und bewertet werden.
Eigentlich eine urreformatorische Einsicht, mit der es sich wahrlich getrost
leben lässt.
Gott gibt seinem Volk den Anfang, nicht aber die Vollendung.
Es ist immer schon einkalkuliert, dass Menschen hinter ihrem eigenen und Gottes
Ideal zurück bleiben (27). In dieser ekklesiologischen Folgerung verhält sich
der Autor gut protestantisch. Die Gemeinde bleibt auf dem Weg; und dabei weiß
sie darum, dass Vollkommenheit sich nicht allein durch ihre eigenen Maßstäbe
und Werte bestimmen lässt. Das christliche Abendmahl nimmt Knieling zum
Bezugspunkt für Jesu Annahme der Menschen, so wie sie sind, nicht wie sie sein
sollten. Im Abendmahl nämlich kommen unter dem Brechen des Brotes die
gebrochenen Schicksale zusammen. Unter Brot und Wein spiegeln sich die
menschlichen und gemeindlichen Brüche im Kreuz von Golgatha, im zerbrochenen
Leben Jesu.
Hier möchte man dem Autor nur zustimmen, wohlwissend um
manche Gemeinschaften gerade im evangelikalen Kirchenmilieu, die hier und da
noch immer ein gesondertes Altarsakrament in geschlossener Gesellschaft
empfangen. So, als ob sie schon weiter seien und sie Brüche untereinander und
in der Gemeinde nichts angehen würden. Mögen Knielings Einlassungen daher
hoffentlich ein Plädoyer für ein fröhliches Abendmahl (32 f.) sein, das die
Herzen frei macht und die Sinne klar, ohne Bußpredigt und Sündenkult. Freilich,
Brüche in der Gemeinde, in all ihren Facetten grundsätzlich nicht einfach
totschweigen und zu verdammen, sondern gerecht mit ihnen verfahren; das ist
noch immer ein Thema bevorzugt für Freigeister.
Den eigentlichen Konflikt zwischen Verbesserung und
Vollkommenheit zeichnet Knieling folglich in einer Spannung zwischen der
inneren Notwendigkeit zur Entwicklung, andererseits aber der Gefahr einer aus
Ehrgeiz verursachten Überforderung (37). Denn jedes Wachsen und Verändern,
welches auch für den Autor per definitionem wesenstypisch sein muss für eine
sich immerwährend erneuernde Kirche, kann seine produktive Dynamik übereifrig
leicht ins Gegenteil schlagen. Am Ende haben sich die Tatkräftigsten dann
gewissermaßen übernommen, überanstrengt und irren hitzig in die Leere. Nicht
zuletzt Hauptamtliche stehen dabei in der Gefahr, es zu lange zu gut zu meinen.
Hier akzentuiert Knieling eine pastorale Dimension, die nicht zuletzt in der
psychologischen Strukturierung Wolfgang Schmidbauers Hilflose Helfer
(1977) anklingen lässt.
Was uns, die wir in der Kirche in den unterschiedlichsten
Gruppen und Kreisen mitwirken, jedoch ablenkt von einem gesunden Blick auf die
Grenzen des Leistbaren, sind „Wahrnehmungshindernisse“ (45), wie es Knieling
nennt. Sie lassen uns oft zweifeln und bereiten Kopfzerbrechen, wenn die Praxis
nicht so aufgeht, wie es manche parochiale Ideale erstreben. Es ist unangenehm
uns in Einsicht darin zu üben, dass auch die Kirche kein immer heil(ig)er Ort
ist, an dem alles gelingt. Oft sind Kirchenleute versucht, all das was ihnen
nicht ins Konzept passt, mit dem Signum der Sünde zu kaschieren. Und das obwohl
zur Rede von der Sünde auch eine solche Verantwortlichkeit gehört, die nicht
mehr als die Schuld einzelner benannt werden kann, sondern vielmehr tragische
Verwicklungen anzeigt.
Den zweiten großen Abschnitt seines Buches
(„Gemeindegesundungsprozesse“, 58 ff.) beginnt Knieling mit einer Analogie. Er
übernimmt den in der Medizin auf Menschen angewandten, relativen
Gesundheitsbegriff und überträgt ihn auf die Gemeinden. So kann laut Definition
der Weltgesundheitsorganisation (WHO) der Mensch als „gesund“ gelten, welcher
fähig ist, selbst mit Einschränkungen „auf die Anforderungen des Lebens gut zu
reagieren“. In der Analogie Knielings ist demnach „Gemeindegesundheit“ ebenso
relativ. Sie bezeichnet daher nicht einen „dynamischen Zustand vollkommenen
sozialen und spirituellen Wohlbefindens“ (60), sondern „Gesundheit“ bedeutet
für den Autor, dass „eine Gemeinde mit den alltäglichen Herausforderungen gut
umgehen kann“.
Dieser relativen
Gemeindegesundheit gilt es sich bewusst zu werden, so Reiner Knieling. In
diesem Sinn betont er, dass bei Veränderungsvorgängen in den Kirchengemeinden
zwischen Zielen und Wünschen zu unterscheiden ist. (Dass
diese beiden Dimensionen im EKD-Impulspapier Kirche der Freiheit nicht unterschieden werden, sieht Knieling als
„eines der grundlegenden Probleme“ des Papiers.) Ziele sind demnach begrüßenswert und durch konkrete Schritte zu
erreichen. Die Erfüllung der Wünsche
hingegen bleibt unverfügbar. Besonders mit Blick auf die Erfahrungen von
Entmutigung und Enttäuschung, sollten die Ziele einer Gemeinde realistisch sein
und nicht zu hoch gesteckt. Einer der Leitsprüche Knielings lautet: Nicht
„besser“, sondern „anders gut“ soll es gemacht werden. Und für alle Freunde der Mathematik steuert
er eine Faustformel bei, nach der (jeweils situativ) das Veränderungspotenzial
in einer Gemeinde bestimmt werden kann (nach R. Beckhard/D. Gleicher): „C
(Change) = D (Dissatisfaction) x V (Vision) x F (First Steps) > R
(Resistance). Das heißt, das Produkt aus Unzufriedenheit, Vision und den ersten
konkreten Schritten muss größer sein als der Widerstand gegen die Veränderung. Dann
kommt Veränderung zustande“. (87)
Dem Veränderungspotenzial
sind jedoch Grenzen gesetzt. Knieling versucht an einer entsprechenden
Bewusstseinsbildung mitzuwirken. „Dass das Verbesserliche verbessert werden
muss, ist im gesellschaftlichen Mainstream klar, dass Unveränderliches
hingenommen werden muss, dagegen nicht“ (92). Darum lautet eine seiner
regelrecht bekenntnishaft formulierten Thesen: „Gemeinden sind zugleich Orte,
an denen Unvollkommenes ausgehalten, ertragen und erlitten wird – in der
Erwartung und Hoffnung auf Gottes zukünftige Vollendung“.
Um seine Annahmen systematisch-theologisch zu unterfüttern,
holt er sich des Öfteren besondere Schützenhilfe bei dem großen reformierten
Theologen Karl Barth. Dieser sieht in seiner Kirchlichen Dogmatik beispielsweise den Menschen gekennzeichnet
durch eine Bestimmung zur Einmaligkeit, die sich aus seiner individuellen
Beschränkung ergibt (93). Daraus folgen eine Auseinandersetzung mit dem eigenen
„geschichtlichen Standpunkt“ (Barth) und die Entscheidung darüber, „wo
Widerstand zu leisten ist und wo Akzeptieren und Einfügen der richtige Weg ist“
(Knieling).
Das kann nach Knieling ebenso heißen, die eigenen
Wunschbilder zu überprüfen und bereit zu werden, „meine Wunschbilder
zerschlagen zu lassen, auch wenn sie gelegentlich wieder erscheinen werden. Das
ist die Chance, die in der Unvollkommenheit der Gemeinden liegt“. (98) Zu akzeptieren sind aber nötigenfalls nicht
nur Zustände, sondern auch Personen. Die Kirche ist zwar eins in Christus bzw.
in Gott, dennoch weist sie selber eine deutliche Vielgestaltigkeit auf, die in
der Pluralität der in ihr vorfindlichen Überzeugungen zutage tritt. Konflikte sollten da nicht gescheut, an Vorwürfen aber sollte sich nicht
festgeklammert werden.
Als ein wichtiges Mittel zur Stärkung der
„Gemeindegesundheit“ stellt der Autor den Humor
heraus. Humor bedeutet für ihn im Allgemeinen, einer schwierigen Situation ins
Gesicht zu lachen. Ein „Humor der Glaubens“ (ab 107) wurzelt für Knieling, der
u. a. auf Karl Barth und Wilfried Härle verweist, in der Einsicht, dass alles
Weltliche und Menschliche nicht absolut gesetzt werden kann oder vergöttlicht
werden darf, da alles Leben letztlich in Gott verankert ist.
Diese Einsicht – und sicher auch einmal das Erzählen von
Witzen – verhilft zu einem gelasseneren Umgang mit schwierigen Situationen
sowie Überzeugungen und theologischen Ansichten (einschließlich der eigenen).
So wie Lachen und Weinen oft nahe beieinander liegen, spricht sich auch
Knieling dafür aus, neben dem Humor der Trauer
in den Gemeinden Raum zu geben (ab 111). Verluste und Abschiede – nicht nur von
Verstorbenen, sondern ebenso von Mitgliedern, Mitarbeitenden, Geld, der
gesellschaftlichen Bedeutung der Kirchen und persönlichen wie gemeinsamen
Idealen – sollen und müssen durchaus bemerkt und zugelassen werden. Nur dann
kann, so Knieling, aus dem Schmerzlichen etwas Heilsames werden. Trauer bietet
die Möglichkeit zum Sortieren: Die Menschen können die eigenen Ressourcen und
Risiken überschlagen und daraufhin mit einer realistisch(er)en Zielsetzung
einen neuen Aufbruch wagen.
Die Spiritualität hat viele Orte. Neben Klöstern und
Kommunitäten können das auch die unterschiedlichen Gottesdienstformen und
Veranstaltungen in der Kirchengemeinde sein. Unter Spiritualität will der
Theologe Reiner Knieling zweierlei verstanden wissen: Es ist einerseits Gottes
Wirksamkeit im Geist und andererseits eine menschliche Haltung, die Erwartung,
Bereitschaft und Suche umfasst. Er schreibt: „Spiritualität hat genauso viel
mit Gottes unverfügbarem Wirken wie mit unserem Einüben zu tun. Menschen
richten sich in ihrem Verhalten auf Gottes unverfügbares Handeln aus.
Spiritualität einüben heißt: Sich damit anfreunden, dass das eigene Leben wie
das anderer Menschen und der Gemeinde geschenkt ist und dass es in dieser Welt
brüchig und auf Gottes
Zuwendung und Vollendung angewiesen bleibt“ (118; Hervorhebung von R. Knieling).
Im Gebet, besonders durch Psalmen oder Psalm-Übertragungen,
kann die ganze Spanne von menschlichen Erfahrungen zum Ausdruck gebracht
werden: Von Freude und Glück im Dankgebet über die Klage der eigenen Ohnmacht
in den Psalmen bis hin zur Bitte um Hilfe und Segen. In den drei Dimensionen der Spiritualität – Vertrauen, Hoffnung und Liebe – lassen sich nach Knieling
wiederum die Dimensionen des Fragments
(nach Henning Luther) entdecken. Sie führen dazu, sich selber und andere – bei
aller Unvollkommenheit – anzunehmen (Liebe), Gottes Vollendung zu erwarten
(Hoffnung) und den Neuanfang trotz des Scheiterns zu versuchen (Vertrauen).Ein
kurzer Katalog von Leitfragen, der dabei helfen soll, Unvollkommenheiten und
Entwicklungspotenziale in einer Kirchengemeinde aufzuspüren, schließt das Buch
Knielings ab.
Reiner Knieling analysiert scharf und einfühlsam. Er bleibt
dabei immer gut verständlich, so dass sich sein Buch besonders für Menschen
eignet, die aktiv in die Gemeindearbeit eingebunden sind – und nicht nur solche
die aus dem Hochschulbereich kommen. Die eingeflochtenen, teils aus der Ich-Perspektive
von ‚Betroffenen‘ geschilderten Fallbeispiele sind prägnant, wirken an manchen
Stellen aber zu funktional. Das heißt, sie sollen offenbar mehr oder weniger
nur die Ansichten Knielings stützen, anstatt Schwierigkeiten aufzuzeigen, an
denen sich der Theologe im Folgenden abarbeiten würde. Problematisch ist
ebenfalls, dass die eher beiläufig in den Beispielen mittransportierten
theologischen Sichtweisen nicht hinterfragt werden. Insbesondere Knielings
unbekümmerter Umgang mit evangelikalen Vorstellungen wirkt an einigen Stellen
recht irritierend (z. B. 95 f.).
Doch vielleicht müssen wir gerade diese Beispiele als uns
vom Autors verordnete Übungen zum ‚Aushalten anderer‘ verstehen? Ein
sprachlicher Wermutstropfen bleibt allerdings: Ausgerechnet die Passagen, in
denen Knieling einen ausdrücklich religiösen bzw. theologischen Ton anschlägt,
wirken bisweilen wie sprachliche Fremdkörper. Sie sind von der Wortwahl her
wenig originell und kommen dann über althergebracht klingende Formulierungen
nicht hinaus. Zum Beispiel wenn er über Ohnmachts- und Hilflosigkeitserfahrugen
spricht: „Hilflosigkeit und Ohnmacht können manchmal nur ausgehalten werden.
Genau darin verbindet sich Jesu Schicksal mit unserem und macht uns auf das
Heil aufmerksam, das uns von Gott her zukommt: Aus der Ohnmacht erwächst eine
heilsame Veränderung, allerdings innerhalb eines Zeitplanes, den nicht wir
vorgeben sondern Gott“ (99).
Etwas ärgerlich ist, dass Knieling wie selbstverständlich in
Teilen eine Theologie verficht, die alle Verantwortung, die nicht den Menschen
zugewiesen werden kann, einfach Gott zuweist (z. B. 123). Besteht damit nicht
die Gefahr, dass die Verantwortung zu schnell – besonders für Unangenehmes –
leichtfertig auf Gott abgewälzt werden kann? Vor allem, was heißt in diesem
Zusammenhang wirklich „Verantwortung“? Es liegt zum Beispiel nicht in
Menschenhand, ob es zum Gemeindefest regnet oder nicht. Ist damit automatisch
Gott für das miese Wetter verantwortlich?
Zum anderen schreibt Knieling – ganz in der Manier Karl Barths und der
Dialektischen Theologie –, dass Gott alles Irdisch-Fragmentarische
(dermaleinst) vollenden werde (118). Gott in der Rolle eines ‚metaphysischen
Lückenfüllers‘? Das passt natürlich gut in Knielings Konzept. Die Frage ist, ob
eine solche Theologie im 21. Jahrhundert (das heißt auch nach der
Feuerbach’schen Religionskritik) immer noch bedenkenlos vertreten werden kann.
Das ständige Insistieren Knielings auf dem Unvollkommenen
hat hier und da etwas Verbissenes. Statt einer „Verbesserungswut“ legt er eher
eine „Relativierungswut“ an den Tag. Dabei wird klar, dass Knielings Buch keine
uneingeschränkte Empfehlung zuteil werden kann. Denn nur denen kann es wirklich
empfohlen werden, die sich ganz ernsthaft mit überzogenen
Optimierungserwartungen konfrontiert sehen. Sie werden viele wertvolle Hinweise
und Argumentationshilfen finden, um sich gegen den Optimierungsdruck in den
Kirchengemeinden zu Wehr zu setzen. In den Händen anderer jedoch vermag es
möglicherweise zu einem wirkungsvollen Mittel zu werden, um den Status quo, der
ja auch immer Fragment ist, gegenüber Veränderungsbemühungen abzudichten. Und
dies wäre ganz sicher nicht im Sinne des Praktischen Theologen Reiner Knieling.
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