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Max Krumbach |
Schatz in irdenen Gefäßen
Anstöße aus
Kreisau/Kryżowa 2007
Der Weltkongress des
International Council on Pastoral Care and Counselling fand im August 2007 in
Kreisau/Kryżowa, dem ehemaligen Gut der Familie von Moltke, statt.
Helmut Weiß
und Klaus Temme haben die folgenden Beiträge
gesammelt, für die deutsche Ausgabe bearbeitet und mit einer ausführlichen Einführung in die Geschichte des ICPCC und
den Kongress in Kreisau versehen:
H. Weiß, K. Temme, hg., „Schatz
in irdenen Gefäßen. Interkulturelle Perspektiven von Seelsorge angesichts von
Zerbrechlichkeit und Zerstörung“, Ökumenische Studien Ecumenical Studies 34,
Berlin-Hamburg-London-Münster-Wien-Zürich 2008.
Der Genius loci hat die Kongressteilnehmer von Anfang an bewegt. Ob es
das herzliche Willkommen der polnischen Gastgeber, allen voran Adrian Korczago, und des europäischen Vorbereitungsteams
war oder die ständige Erinnerung an Widerstand und Versöhnung, Teilnehmerinnen
und Teilnehmer fühlten die Herausforderung, die in der Wahl dieses Ortes im
polnischen Schlesien lag. Dem tragen die beiden letzten Beiträge Rechnung. Annemarie Franke, die Leiterin der Gedenkstätte
Kreisau, Fundacja Kryżowa, skizziert knapp die Geschichte und Gegenwart
von Widerstand und Versöhnung im Spannungsfeld deutscher, polnischer und
europäischer Interessen. Ferdinand
Schlingensiepen, „Plötzlich in einem Augenblick. Die letzten Tage des
Grafen James von Moltke“, geht auf seine Einbindung in den Widerstand und seine
Gotteserfahrung ein. „Mystische Erfahrungen verleiten nicht zur Weltflucht,
sondern geben Kraft zu erneutem Widerstand“ (281).
„Teil I: Meditationen“
eröffnet Kathleen J. Greider, Claremont
School of Theology, USA, „Schatz in irdenen Gefäßen. Meditation zu 2. Kor. 4, 6-10“.
Sie folgt behutsam den Bildern und Symbolen dieses Abschnitts: göttliches
Licht, menschlicher Schatten, Verwundbarkeit, nicht zerbrochen, nicht zur
Verzweiflung getrieben, nicht verlassen, nicht umkommen. Sie endet mit Leonhard
Cohen „Ring the bells that still can ring Forget your perfect offering There is
a crack, a crack in everything |: That’s how the ligth gets in.:|” „Wenn wir
Seelsorge tun und wir selbst Sorge um unsere Seele brauchen, dann zeigen uns
diese Zeilen: Erinnere dich, in allem ist ein Riss, ein Sprung, und so kommt
das Licht heraus“ (33).
Daniel Amnon Smith, Leo Baeck Rabbinical College und Edgware Reform Synagogue, London, „Atem
des Lebens“, widmet seine Meditation über Gen 2,7 dem Andenken seines 1914 in
Polen geborenen Vaters. Er beginnt bei seiner ersten Begegnung mit Überlebenden
der Kindertransporte und wendet die Methode des Midrasch oder der homiletischen
Interpretation an. „Wir alle sind beschädigte Brillanten. Wir alle gleichen
beschädigten Schätzen.“ „Religiöse Psychologen und pastorale Berater und
Beraterinnen sind beauftragt, zu helfen und zu heilen und eine beschädigte Welt
instand zu setzen, aber nur eine Seele zur gleichen Zeit. Möge Gott sie in
dieser Aufgabe stärken und das Werk ihrer Hände gedeihen lassen, so dass jene,
die schon zuviel von der Frucht der Erkenntnis von Gut und Böse gegessen haben,
sich wieder der Früchte vom Baum des Lebens erfreuen können“ (44).
Tor Johan S. Grevbo, Oslo „Wenn Gott nicht das Haus baut. Die Geschichte einer Kirche –
die Wege der Seelsorge. Predigt in der Kirche in Karpacz, Polen, 12. August
2007“, konfrontiert Ps 127, 1-2 mit der Geschichte der norwegischen Stabkirche,
in der seit 1844 in Krummhügel, nach 1945 in Karpacz Gottesdienst gefeiert
wird.
„Teil II: Lebensgeschichten
in zerbrechlicher und zerstörerischer Umwelt“ konfrontiert Leserinnen und Leser
mit Geschichten aus Europa, den beiden Amerikas, Afrika und Asien.
Aleksandra Błahut-Kowalczyk, Cieszyn, „Aus dem Tal Achor“[1],
folgt einfühlsam an Hand erhaltener tschechischer und deutscher Losungsbüchlein
der Lebensgeschichte ihres Großvaters und der seiner Familie von 1939 an über
Militärdienst, Evakuierung, Flucht, Warschauer Aufstand, Gefangenschaft,
Kriegsrecht bis zur Militärseelsorge im Irak heute. „Jeder Mensch hat sein Tal
Achor. Wenn er dem Versprechen Gottes vertraut und im Zuge seines Lebens,
ungeachtet der Mühen und bitterer Erfahrungen weiß, dass am Ziel der auferstandene
Jesus Christus wartet, ist er im Besitz des Wertvollsten. Wir ähneln den
zerbrochenen, irdenen Gefäßen; in manchen von ihnen befindet sich der Schatz
des Evangeliums. Wir erfahren die Zerbrechlichkeit des Lebens und die Vernichtung
auch unabhängig von der geographischen Breite, der Zeit und Epoche, in der wir
leben. Möge niemals die Sorge um die Gefäße den Schatz verdecken“ (58f.).
Maria Teresa Gustilo-Villasor, Ateneo de Manila, Philippinen, „Eine Reise zurück zu
den Quellen: die Geschichte eines Mannes“, erzählt, wie sich ein bekannter Neurochirurg
bewusst auf die Einschnitte in seinem Leben – den Tod seiner Frau und die
Folgen einer Prostataoperation – einlässt und sich bewusst damit
auseinandersetzt. In scheinbarer Passivität und Stille fährt er im Alter fort durch
sein „Dasein“ zu lehren und zu heilen, getragen von Glaube und Gebet.
Józef Kosian,
Philosophieprofessor mit dem Schwerpunkt philosophische Anthropologie, Breslau,
„Christentum als Für-Andere-Dasein.
Dietrich Bonhoeffers theologische Anthropologie“: Dieser Vortrag in der meisterhaft
renovierten barocken Universitätsaula in Anwesenheit ranghoher Würdenträger aus
Kirche, Universität und Politik war ein Höhepunkt des Kongresses. Er setzte ein
unübersehbares Zeichen für Verständigung gegenüber der Abgrenzungspolitik der
Kaczýnski-Zwillinge und brachte die subversive Kraft der Seelsorge zum Ausdruck.
„Wir, die Bürger von Wrocław, sind stolz auf diesen Sohn der Stadt. Er
fordert uns heraus, Christen im wahren Sinne des Wortes zu werden, Theologie
immer wieder neu zu denken, jeglicher Diktatur zu widerstehen und unser Leben
zu opfern für Frieden und Gerechtigkeit“ (75).
Valburga Schmiedt-Streck, São Leopoldo, „Armut in Brasilien. Überleben
inmitten von Zerbrechlichkeit und Zerstörung“, berichtet aus ihrer Arbeit mit
Jugendlichen und Familien im Kontext der Armut. Sie diskutiert verschiedene
Lösungsansätze und fragt nach der Rolle und Aufgabe der Seelsorge. „Durch
Seelsorge und pastorale Praxis können wir helfen, die Netze des Lebens zu
flicken, indem wir uns darin üben, Netzwerke zwischen den verschiedenen Kirchen
und Diensten aufzubauen.“ „Ich meine, dass Theologie und die verschiedenen
Kirchen dazu aufgerufen sind, an einem Gemeinschaftsprojekt teilzunehmen, in
dem sie eine wichtige Rolle spielen können für mehr Menschlichkeit und zum
Schutz des ökologischen Systems“ (91).
Awa K. Ume,
Nigeria, „Nigerianische Jugend – eine verletzliche Generation“, wirft einen
Blick auf die Lage in Nigeria. „Die nigerianische Jugend braucht Zuwendung.“ Er
sieht die „Jugend als Opfer“ und diskutiert „alternative Möglichkeiten“ und
„notwendige Maßnahmen“. Uns Europäer mahnt er: „Kirchen von außerhalb brauchen
nicht mehr nach Afrika zu kommen, um zu missionieren und zu helfen. Es gibt
genug afrikanische Einwanderer in den Straßen Europas, die die Unterstützung
der dortigen Christen nötig haben.“ Diese Einwanderer „sollen daran erinnert
werden, dass auch sie als Abbild Gottes geschaffen wurden – und so sollte man
ihnen auch gegenüber treten“ (103).
Steven Voytovich, USA, „Eine Welt ohne Mauern: Eine multikulturelle Typologie“. „Das
Reisen zwischen Welten und Glaubenssystemen ist immer wieder eine Art Berufung,
aber oft auferlegt und nicht frei gewählt“ (105). Er lässt uns teilhaben an
seinem spannungsreichen Lebens- und Berufsweg als orthodoxer Seelsorger und
Supervisor in den USA, dessen Wurzeln ins ukrainisch-polnische Grenzgebiet reichen.
„Teil III Beiträge zur Theorie der Seelsorge“ verdient eine sehr gründliche
Auseinandersetzung. Hier müssen einige Hinweise genügen.
Otmar Fuchs,
Tübingen, „Christliche Eschatologie und Seelsorge. Überleben mitten von
Zerbrechlichkeit und Zerstörung“, setzt biographisch bei seinen jugendlichen
Lektüreerfahrungen angesichts des Holocausts ein und entfaltet dann „einige
Grundzüge der existentiellen Bedeutung der christlichen Lehre von den letzten
Dingen“ (118). „Täter und Täterinnen, die ihrer Tat einsichtig geworden sind,
sehnen sich nach Genugtuung und Versöhnung.“ Seine aktuell wirkende
Interpretation ist der tridentinischen Bußlehre verpflichtet, auch wenn sie rechtfertigungstheologisch
und biblisch erweitert ist. „So ist auch der Himmel nicht ein Ort, der durch
Amnestie und Amnesie, durch billigen Freispruch oder gar durch blankes, hirnloses
Vergessen erkauft ist“ (122).
Er wagt sich an das Thema
„des richtenden Gottes“ hin auf „eine Begegnungswirklichkeit, in der sich
gerichtssuchende und gerichtsaussprechende Menschen im Horizont des gemeinsamen
Glaubens an den kommenden Herrn begegnen: in Richtung auf eine gegenseitige geschwisterliche
Correctio, in der ich im Angesicht
des Andern meinen eigenen jämmerlichen Zustand erkenne, indem ich die Fremdkritik
als Selbstkritik annehme und in die entsprechende Umkehrrichtung gehe.“ (123) Die
rechtfertigungstheologische Argumentation stößt bei der „Genugtuung“ (DH 1673) –
hier bei der Versöhnung der Täter mit den Opfern – an ihre Grenze. „Die
Versöhnung mit Gott ist kein Umgehungsunternehmen hinsichtlich der ‚Wiedergutmachung’,
sondern setzt sie in Kraft“ (129).
Und doch bleibt ein
biblisch-reformatorischer Rest, ohne Hinweis auf Martin Luthers De servo
arbitrio, „der in Gott selbst zu ertragen ist, in seiner Fremdheit,
Unergründlichkeit und Verborgenheit, sowohl im Leid, wie aber auch in
Solidarität und Sündigkeit“ (134). „Konfrontiert mit unserer eigenen
zerbrechlichen und zerstörten bzw. zerstörenden Existenz“ schließt er mit einer
Hinführung zum seelsorgerlichen Beten der Klagepsalmen.
Daniel J. Louw,
Stellenbosch, Südafrika, „Die heilende Dimension von Raum und Ort in der
Seelsorge. Zur Destigmatisierung von HIV“, schlägt ein noetisches Modell der
Seelsorge vor, um die Stigmatisierung, die mit der HIV-Pandemie verbunden ist,
zu überwinden. Er stellt zur Diskussion, „dass Seelsorge von einer
psychologischen Interpretation der menschlichen Seele (Person und
Persönlichkeit) zu einem stärker systemischen Verständnis (Positionierung im
Raum) hin wechseln sollte.“ Das Stigma betrifft unser Selbst, Bedeutung, Identität
und soziale Beziehungen. Es durchdringt Interpretationsmuster und noetische
Deutungen. Er schlägt ein Spiralmodell für einen qualitativen Zugang zu Leiden,
Krankheit und Heilung vor.
Unsere Positionierung durch
Glaubenssysteme und Paradigmen gegenüber Normen und Werten hat weitreichende
Folgen. Über die heilende Dimension von Raum und Zeit gelangt er zu einem
affirmativen Verständnis von Theologie mit Verweis auf eine Psychologie, die
sich von der Pathologie hin zu Bestärkung und Ermutigung bewegt. Er beschreibt
das Geschehen zwischen den vier Polen eines Rasters Sinngebung – Ausdruck –
Bedeutung, Geduld – Schweigen – Einsamkeit, Anziehung und Abstoßung und
verortet darin Räume der Gnade, der Sorge, der Verwirrung und der
Gleichgültigkeit. Unter spiritueller Heilung fordert er ein umfassendes
Verständnis menschlicher Ganzheit in Verbindung mit einem existentiellen Ansatz.
„Die wirkliche und fundamentalste Heilung von Menschen, die aufgrund von
Stigmatisierung ihrer Würde beraubt worden sind, kann stattfinden, wenn eine
Person Vertrautheit und Nähe erfährt, d.h. bedingungslos als derjenige akzeptiert
wird, der er ist, ohne die Furcht, zurückgewiesen zu werden.
Das Argument für
ganzheitliche und spirituelle Heilung lautet, dass die bedingungslose Liebe
Gottes, den Raum schafft für die theologische Dekonstruktion von Stigma, irrationalen
Glaubenssystemen und für noetische Denkmuster“ (159). „Es ist die Aufgabe einer
Theologie der Affirmation, diesen ontologischen Status den Menschen zu
übermitteln, die an HIV leiden – um zu entdecken, dass ihr spiritueller Status
vor Gott wesentlicher ist als verzerrte soziale Wahrnehmung und ein
stigmatisierter Status.“ (161)
Jan-Albert van den Berg, Südafrika, „Verleiblichte Seele. Überlegungen zu einer
Pastoralanthropologie“, verfolgt neue paradigmatische Entwicklungen, die
unbekannte Horizonte in der Beziehung zwischen Naturwissenschaften und Religion
eröffnen. Wenn der Leib-Seele-Dualismus überholt ist, muss Leiblichkeit neu
verstanden werden. Er lädt zu einer Reise ein, bei der er kontextuell und
interdisziplinär, systemisch vorgeht. Er benennt Indikatoren, die die
Epistemologie und Methodologie betreffen.
Die Betonung des Biologischen
fließt in die Überlegungen ein. „Unter Berücksichtigung dessen können
Pastoraltherapeuten unter anderem eine unentbehrliche Rolle, in einer neuen Art
Naturwissenschaften und Therapie auszuüben, spielen, aber auch die Führung
übernehmen, in dem sie bei der Aufgabe für die verleiblichte Seele zu sorgen
ethisch handeln.“ Er greift Entwicklungen in der Beziehung zwischen Theologie
und Naturwissenschaften auf, „um eine praktischtheologische Anthropologie mit
pastoralen Implikationen zu beschreiben.“ Er setzt sich mit Wentzel J. van Huyssteens Buch „Alone in the
world?“ [Allein in der Welt] und Cornel
W. Du Toits Artikel „Secular Spirituality versus Secular Dualism: Towards
post-secular holism as model for a natural theology” [Säkulare Frömmigkeit
gegen säkularen Dualismus: Für eine nachsäkulare Ganzheit als ein Modell für
eine natürliche Theologie] auseinander (165-166).
„Um eine Reduktion bei der
Betonung der Leiblichkeit in der Darstellung der Pastoralanthropologie zu
vermeiden, ... braucht man eine evolutionäre Epistemologie, die auf die
Kontextualität Nachdruck legt.“ „Ihre Aufgabe ist ‚unter anderem’, die Ergebnisse
der Naturwissenschaften zur Kenntnis zu nehmen, sie zu interpretieren und sie
dann in einen besonderen kulturellen Kontext zu stellen.“ Er sieht den Wert dieser
Forschung in der „(Wieder-) Entdeckung der biologischen Wurzeln menschlicher
Rationalität als Ressourcen der Erkenntnis und von Strategien von Problemlösungen
in verschiedenen Forschungszweigen“.
Die Seelsorge gewinnt dadurch
Abstand zu bestimmten Traditionen. „In der Neubewertung der biologischen
Akzentsetzung und des entsprechenden Sinnes für eine möglicherweise
umfänglichere Pastoralanthropologie betritt man ‚eine sichere Weise des Raumes
des Erkennens, um die Grenzen und Ränder unserer eigenen religiösen und fachlichen
Kontexte zu überschreiten.’ Die Implikationen einer Anthropologie der Verleiblichung
der Seele werden für die Seelsorge offensichtlich noch bedacht werden müssen.
Jedoch ist gewiss, dass die räumlichen Akzentsetzungen, die in der Erforschung
erörtert wurden, Sinn haben, um praktisch-theologische Perspektiven für eine
Anthropologie auszusprechen – und damit zu ‚verleiblichen’“ (177-178).
James Newton Poling, Evanston, USA, „Imperiale Gewalt, Gewalt in der Familie und Seelsorge“,
stellt sich der Herausforderung durch die imperiale Entwicklung der USA. Er leistet
einen Beitrag zur Erforschung der „Beziehung zwischen imperialer Gewalt und
interpersonaler Gewalt mit den Methoden der Pastoraltheologie, Seelsorge und
Beratung“. Für ihn besteht die christliche Berufung darin, „sich in Solidarität
mit der Welt in den Kampf für Leben und Freiheit zu begeben, und sich von Herrschaft
und Gewalt zu befreien.
Wir sind berufen zu dem
Dienst der Heilung und Rettung“ (182). Aus der Zusammenarbeit mit Brenda
Consuelo Ruiz, Nicaragua, teilt er Geschichten von Menschen mit, die Gewalt
erlebt haben. Sie regen seine Reflexionen zur Gewalt an. Die These lautet, dass
„zwischenmenschliche Gewalt der Mikrokosmos der imperialen Gewalt“ ist. Er geht
auf die Arbeit mit Opfern häuslicher Gewalt und den Tätern ein und zieht
Schlussfolgerungen für den Umgang mit imperialer Gewalt. Gegenüber einem
Imperium, das für ihn das Böse repräsentiert, versteht er den „Dienst der
Nachfolger Jesu Christi“ als eine Demaskierung der Mächte, „die Götzen anbeten
und die Gewalt hervorrufen. Die Aufgabe der Nachfolge ist es, sich für einen
anderen Weg einzusetzen, einen Weg der allumfassenden Liebe (…), der liebenden
Gerechtigkeit und des gewaltlosen Widerstandes gegen das Böse“ (191).
Er entwirft das Bild einer
Kirche, die hilft die Gewalt in ihren verschiedenen Formen einzudämmen.
„Glaubwürdige Kirche praktiziert eine Liebe, durch die niemand ausgeschlossen
wird“ (193). Die Kirche übt „in ihren eigenen Reihen liebende Gerechtigkeit in
Machtfragen aus, und sie tut das auch in ihren Beziehungen zur Welt“ (193). Die
Kirche predigt „gewaltlosen Widerstand gegen das Böse“. Die Kirche lebt „Vielfalt
und Einheit als Werte“. „Vielfältigkeit bedeutet die Gegenwart des Anderen, das
nicht nur einfach assimiliert und domestiziert wird“ (196). „Die Kirche lebt Vielwertigkeit
und Güte als Werte“ (197). „Es ist einfacher, in dem sicheren Hafen einer
gewohnten Moralität zu bleiben, als die innere Unsicherheit und Ambivalenz zu
riskieren, die ein neues Denken mit sich bringt und die vielleicht zu einer
neuen Identität als Weltbürger führt. Ambivalenz ist manchmal der Pfad zum
Guten, und wir müssen auf unseren Glaubenswegen offen sein für solche Offenbarungen“
(198).
Ronaldo Sathler-Rosa, São Paulo, Brasilien, „In einer gewalttätigen und zerrissenen Welt
überleben. Pastoraltheologische Überlegungen aus dem brasilianischen Kontext“,
erörtert Arbeitshypothesen zum Thema Gewalt, diskutiert Verbindungen zwischen
sozioökonomischen Bedingungen und Gewalt im brasilianischen Kontext. Er hebt
aktuelle Gedanken und menschliche Lebensverhältnisse hervor, die Seelsorger
herausfordern, und entwirft für die Auseinanderzusetzung mit Gewalt einen
theoretischen Rahmen sowie Methoden für pastoraltheologische Reaktionen.
An Pastoraltheologie und
Seelsorge stellt er kritische Fragen und versucht eine Verhältnisbestimmung
zwischen Aggression, Gewalt und Gewaltlosigkeit. Er fordert, dass „die
Weiterbildung der Gemeinschaften eine der Hauptziele beim Entwickeln von
Lebensstilen sein“ sollte, „die sich dem entfremdenden Wettbewerb widersetzen,
der in den meisten zeitgenössischen Kulturen vorherrscht, und nach gesellschaftlichen
und individuellen Verhaltensstandards streben, die Solidarität und
wechselseitige Achtung fördern“ (210). „Es gehört zur seelsorgerlichen Aufgabe,
dem Aggressor zu helfen seine Schuld zu erkennen und zu bekennen und Vergebung
zu empfangen. Ziel ist dabei, Verantwortung zu übernehmen“ (211). „Seelsorger
können Vermittler bei der Begegnung zwischen Opfer und Täter sein. Ziel ist die
Versöhnung, falls es gewünscht und möglich ist“ (211). „Seelsorger, andere
Fürsorger und Selbsthilfegruppen können unterstützend wirken, in dem sie Opfern
anbieten, ihre Unsicherheiten, Wut und Kummer, die eine Folge des Angriffes
sind, auszudrücken“ (211).
„Auf einer systemischen Ebene
können Kirchen und kirchliche Körperschaften zusammenarbeiten, um besondere
gesellschaftliche Umstände anzugehen, die nach öffentlicher oder staatlicher
Intervention verlangen, um Gewalt zu verhindern oder aufzuhalten. So kann die
pastorale Handlung eine politische oder
prophetische Gestalt annehmen. […] Ziel einer solchen systemischen Handlung
auf Seiten der Seelsorger ist für Beschäftigung, Erziehung und die redliche
Verteilung der Ressourcen zu sorgen. Die Heilung des Einzelnen genügt nicht.
Zwischenmenschliche Versöhnung genügt nicht, um gewaltlose Kulturen zu
schaffen. Über diese Elemente hinaus ist es notwendig, gesellschaftliche
Bedingungen herzustellen, die ein Zugehörigkeitsgefühl zu Staat und
Gesellschaft schaffen. Die Kluft zwischen denen, die dazugehören und denen, die
ausgeschlossen sind, ist ein Hindernis, das Gewalt begünstigt“ (212).
Elisabeth Grözinger, Dornach, „Religiosität und Spiritualität in der Psychotherapie“, thematisiert
aus jungianischer Perspektive verschiedene Begriffe von Religiosität und Spiritualität.
„Teil IV: Beiträge zur Praxis
der Seelsorge“ versammelt die folgenden Beiträge:
Ursula Riedel-Pfäfflin und Ruthard
Stachowske, „Kollegiale Wahlgeschwisterlichkeit. Empowerment durch
narrative Arbeit in Reflektierenden Teams“, kommen zu einem für interkulturelle,
interkonfessionelle und interreligiöse Gespräche geltenden Schluss: „In der
Begegnung mit KollegInnen aus anderen Kontexten ist es daher grundlegend, dass
Differenzen anerkannt werden. Diese Prozesse des Zuhörens, der Wahrnehmung der
Andersheit der anderen sind nicht leicht und führen immer wieder zu Konflikten.
[…] Jedoch ist es notwendig, einen gemeinsamen Raum für die Hörfähigkeit und
den Dialog zu schaffen, und für das Geschenk einer Lebensgeschichte, die
eingebettet ist in das Ganze des Lebens. Wenn es glückt, könnte dies eine Zeit
und ein Raum für Heilung in gegenseitiger Würdigung werden, ein Raum der
Heiligkeit“ (236).
Anath N. Natar,
„Heilung von Traumata für Frauen in den Konfliktregionen Poso und Molukken in
Indonesien“, lenkt den Blick auf die Seelsorge mit traumatisierten Frauen in
einer der vielen Krisenregionen dieser Erde. „Das Leid und das Traumaproblem
der Frauen werden kaum gesehen und erhalten wenig Aufmerksamkeit. Die Stimme
der Opfer werden nicht gehört und ihre Verletzungen werden nicht ernst genommen“
(245).
Marina Riemslagh, Bea Vanmechelen, „Abtreibung
aus existentieller Sicht. Die Bedeutung von Abtreibung für das Leben von Frauen“,
berichten aus ihrer Erfahrung in Belgien, die sich wohl auf westeuropäische
Länder übertragen lassen. Sie fassen zusammen: „Abtreibung hat Auswirkungen auf
das ganze Leben der Frauen. […] Wenn eine Frau ihre Erfahrung der Abtreibung
durchleben kann, kann sie sich und ihr Leben neu gestalten und ihren Sinn
erneut finden.“
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[1]Achortal – der Name bedeutet Unglückstal, Tal der Furcht und Angst
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