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Paul Gerhard Schoenborn Dellbusch 298, 42279 Wuppertal |
Friedrich Grotjahn (Hg.) "Ich habe mir geschworen, nicht zu schweigen." Dieses Buch handelt von einer
„Friedensfrau" der Nachkriegszeit, die als echte Protestantin eigene Wege des
gewaltlosen Widerstands und der Versöhnung zwischen den Nationen ging. Eva
Bormann, geboren 1912, kämpfte in der frühen fünfziger Jahren gegen die
Remilitarisierung und Aufrüstung der gerade sich konstituierenden
Bundesrepublik. Sie - Frau eines Pfarrers, der 1943 in der Sowjetunion fiel -
trat unter Protest aus ihrer Kirche aus, weil diese die Aufrüstung im „kalten
Krieg" unterstützte und ihr Wächteramt gegenüber dem
Staat - jedenfalls in der Friedensfrage - nicht wahrnahm. Sie baute später mit
ungebrochenem christlichem Mut ein Trainingszentrum für gewaltfreie Aktionen
auf, half tatkräftig Friedensaktivistinnen in Nordirland, reiste hochbetagt mit einer internationalen Friedensgruppe nach
Bagdad, um den ersten Irakkrieg abzuwenden. Weil die christliche Friedenbewegung
der achtziger Jahre in der evangelischen Kirche Raum zur Entfaltung bekam, trat
sie wieder offiziell in die Kirchen ein. Sie wurde, was man gut nachvollziehen
kann, als ein zwar menschenfreundlicher, aber dennoch irritierender Störfaktor
im niedersächsischen ländlichen Milieu angesehen. Deshalb bearbeitete man den
Antrag von Friedensfreunden, ihr das Bundesverdienstkreuz zu verleihen, mehr
als zögerlich. Aber schließlich wurde sie doch damit ausgezeichnet, diese
Friedensfrau, die am Abend des Volkstrauertages 1949 die Kränze vom
Krieger-Ehrenmal entfernt hatte, auf dem auch der Name ihres Mannes stand, die
1987 die Obrigkeit provoziert hatte, indem sie die Volkszählung boykottierte -
und beide Male Verfahren wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses auf sich
gezogen hatte. Wer dieses Buch liest, für
den wird die Nachkriegsgeschichte aus einer ungewöhnlichen Perspektive lebendig.
Es gab eben noch etwas anderes als nur Wiederaufbau, Demokratisierung,
beginnenden Wohlstand. Da waren Menschen, die die bitteren Lektionen der Jahre
1933 bis 1945 durchbuchstabierten und sich aktiv gegen die später viel beklagte
Restaurierung jener Jahre stemmten. Die Zeitgeschichtlerin Beate von Miquel kommentiert das in einem klugen einleitenden Essay. Doch wie kam gerade Eva
Bormann dazu, solche doch für eine Pfarrwitwe ungewöhnlichen persönlichen
Konsequenzen aus den Erfahrungen der NS-Zeit zu ziehen? Der Leser erfährt
Erstaunliches. Eva Bormann war, wie ihr Mann, ein Gefängnispfarrer, wie so
viele andere zugleich Christus- und Hitler-gläubig gewesen; beide gehörten zur
Glaubensbewegung Deutsche Christen. Walter Bormann sah es als seine Christenpflicht
an, in Hitlers Krieg zu ziehen. Die Witwe verstand seinen Tod zunächst - ganz
im Banne der damals vorherrschenden idealistisch-christlichen Opferideologie -
als einen notwendigen Beitrag zur Verteidigung von Volk und Heimat und
versuchte, sich damit zu trösten. Aber - eine ungewöhnliche Art
von Trauerbewältigung - sie blieb über ihr Tagebuch in Verbindung mit dem
Toten. Sie schrieb ihm darin von 1943 bis 1958 Briefe, indem sie sich ihm
gegenüber ausspricht: über ihren alltäglichen schwierigen Überlebenskampf, über
die vier gemeinsamen Kinder, über ihre Gedanken zu dem, was sie nach und nach
über die Verbrechen der NS-Diktatur wahrnehmen muss, über die damit in ihr
anhebenden Umdenkungsprozesse. Sie spricht mit dem für sie lebendigen Toten
über die aggressiven Wahlkämpfe, über das erneute Versagen der Kirche, die den
Staat nicht auf die Folgen seines Tuns aufmerksam
machen will, über ihre innere Wandlung von der „Deutschen Christin" zur
evangelischen Friedensfrau. Schließlich beendet sie förmlich das Gespräch mit
dem Toten, dem „kleinen Du", weil sie sich nun dem „großen Du" der Menschheit
zuwenden wird, das nichts nötiger hat als inneren und äußeren Frieden. Friedrich Grotjahn
wurde schon vor vielen Jahren auf diese ungewöhnliche Protestantin aufmerksam. Er
ist mehr als nur der Herausgeber dieses Buches. Er ist über weite Partien auch
erzählender Berichterstatter, hat eine Auswahl aus den Bormann-Aufzeichnungen
transkribiert, gliedernd Akzente gesetzt und einfühlsam die Texte kommentiert.
Er interpretiert das, was in Eva Bormanns Innerem vorgeht und was sie fünfzehn
Jahre lang mit ihrem geliebten Toten bespricht, als Erfahrungen einer Mystik,
und zwar von christlicher Mystik. Denn sie erfährt dabei - und das beglückt und
beseligt sie in Herz und Gemüt und sie schreibt es auch so nieder - ihren
geliebten Toten als in Gottes Ewigkeit lebend und darum ihr nah. Und zugleich
geht es ihr dabei um einen verantwortlichen, der realen Welt zugewandten
Lebenskampf in der Nachkriegsgegenwart. Es ist möglich, dass Friedrich Grotjahn mit dem hermeneutischen Schlüssel „Mystik" Eva
Bormann tiefer verstanden als diese sich selbst. Aber gerade dadurch wird die
Unbedingtheit dieser Friedensfrau verständlich, die anderen Mystikerinnen der
christlichen Tradition bis hin zu Dorothee Sölle in nichts nachsteht. „Ich habe
mir geschworen, nicht zu schweigen." |
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