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Dr. Martin Schuck Lindenstraße 19, 67346 Speyer |
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Michael
Landgraf, Reformation. Angst überwinden - Aufbruch wagen (ReliBausteine 2),
Speyer (Evangelischer Presseverlag Pfalz) 2004, A 4, 124 Seiten, 12,- Euro Themen des Religionsunterrichts dienen niemals nur der Wissensvermittlung, sondern immer auch der Persönlichkeitsbildung im Lichte des christlichen Wirklichkeitsverständnisses. Auch die Behandlung historischer Themen ist stets unter dieser Leitperspektive zu betrachten und die Brauchbarkeit eines Materials für den Religionsunterricht entscheidet sich daran, ob dieser spezifischen Perspektive Rechnung getragen wird. Überhaupt
rechtfertigt einzig die unhinterfragte Geltung einer solchen Leitperspektive
den konfessionellen Religionsunterricht als verfassungsrechtlichen Sonderfall,
der über die Eigenständigkeit des Faches hinausreicht und im GG als Grundrecht
garantiert wird. Natürlich kann auch ein Geschichtslehrer die Epoche der
Reformation und der Gegenreformation behandeln und für sich in Anspruch nehmen,
dies neutral und deshalb mit größerer Objektivität zu tun als der
Religionslehrer. Der evangelische Religionslehrer wird darauf - sofern er seine
Rolle richtig versteht - kontern, er sei nunmal nicht neutral, sondern
evangelisch. Ihm muß klar sein, daß seine fachspezifische Behandlung der
Reformation nur unter der Leitperspektive evangelisch-christlicher
Wahrheitsgewißheit richtig zum Tragen kommen kann. Der
Religionsunterricht ist damit vor eine doppelte Aufgabe gestellt: Zum einen
darf er nicht hinter die Erkenntnisse der Geschichtswissenschaft zurückfallen;
zum anderen aber muß er eine spezifische Sicht auf die historischen Fakten
ermöglichen, die diese über ihre bloße Faktizität hinaus in ihrer Relevanz für
die religiöse Kommunikation innerhalb einer Glaubensgemeinschaft präsentiert
und mithilft, die dauerhafte Reproduktion dieser Glaubensgemeinschaft nach den
immergleichen Grundsätzen zu ermöglichen. Wenn es optimal läuft, schafft es der
Religionsunterricht, jenes Ursprungsgeschehen, das Urheber eines bestimmtes
Ereignisses (wie etwa der Reformation) ist, als Teil eines fortwährenden und
dauerhaften Ereignisstromes (nämlich der ständigen Präsenz des
evangelisch-christlichen Wahrheitsbewußtseins) zu präsentieren. Nur so kann
vermittelt werden, daß und warum ein zunächst singulär und kontingent
erscheinendes Ereignis aus ferner Vergangenheit zu einer dauerhaften
Erscheinung werden kann, die es deshalb wert ist am Leben erhalten zu werden,
weil sie unmittelbar gegenwartsbestimmende Wirkung hat. Die Richtigkeit dieser
Aussage kann man sich an der Tatsache klar machen, daß der Satz „ecclesia
semper reformanda" eben kein historischer, sondern ein theologischer Satz ist
und nur als solcher zustimmungsfähig sein kann. Für die
Darstellung der Reformation im Religionsunterricht bedeutet dies: Ein
Bewußtsein dafür zu schaffen, daß die Einsichten eines Martin Luther, die zum
auslösenden Impuls einer breiten reformatorischen Bewegung wurden (die übrigens
eine neue Anthropologie auf der Grundlage einer veränderten Selbstwahrnehmung
des Menschen vor Gott in den Mittelpunkt ihrer theologischen Überlegungen
stellte und nur von daher die vielbeschworenen Erneuerung der Kirche in
Angriff nehmen konnte), in ihrem grundsätzlichen Blick auf den Phänomenbestand
des christlichen Glaubens und auf die Art der persönlichen Aneignung des in
Jesus Christus geschehenen Erlösungswerkes auch heute noch hinreichend sind
sowohl zur Selbstverortung des einzelnen Menschen vor Gott als auch zur
Funktionsbeschreibung der Kirche in der Welt. Michael
Landgraf trägt in seinem Buch dieser doppelten Aufgabe des Religionsunterrichts
schon dadurch Rechnung, daß er das im Titel genannte historische Thema
Reformation durch den Untertitel in eine anthropologische Perspektive stellt.
Der Einband des Buches untermalt diese in Titel und Untertitel angedeutete
Mehrdimensionalität: Das gesamte Titelblatt wird eingenommen von einer einzigen
großflächigen Photographie, die das Standbild Martin Luthers im Portal der
Gedächtniskirche in Speyer zeigt. Vor dem Luther-Standbild findet sich auf dem
Steinboden die Inschrift: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe
mir. Amen". Dieser Satz bildet einen Halbkreis um das Standbild, so daß ihn
Besucher der Gedächtniskirche lesen, wenn sie das Portal betreten und vor dem
Standbild stehenbleiben. Im Einband des Buches läuft mitten durch den Sockel
des Standbildes in weißen, dicken Lettern der Haupttitel „Reformation";
darunter, immer noch im Sockel und eine gerade Linie bildend, die den Halbkreis
der Inschrift im Boden begrenzt, steht der Untertitel „Angst überwinden -
Aufbruch wagen". Schon durch
die Gestaltung des Bucheinbandes wird ein Verständnis der Reformation, das
diese nur als Thema der Kirchengeschichte wahrnehmen will, zurückgedrängt
zugunsten einer komplexeren Wahrnehmung der übergeschichtlichen und damit
gegenwartsbestimmenden Dimension des Themas. Reformation, so wird angedeutet,
war ein Geschehen in der Vergangenheit, das die Theologie und Kirchenpolitik
der vergangenen Jahrhunderte entscheidend geprägt hat, und ist ebenso und
gleichberechtigt ein Geschehen der Gegenwart, das zeitloser Ausdruck einer
Glaubensgewißheit ist, die keiner Anfechtung auszuweichen braucht. Landgraf
redet in seinem Vorwort (2 f.) um diesen simplen Sachverhalt ein wenig herum,
indem er ständig nach der Aktualität des Themas und der Befindlichkeit der
Schüler fragt. Erst in den „Didaktisch-methodischen Vorüberlegungen" (5 f.)
nennt er den entscheidenden Zugang, indem er auf die anthropologische Dimension
der „reformatorische[n] Erkenntnis" zu sprechen kommt: Luthers radikal neues
Sündenverständnis, das ihn die grundsätzlichen Fragen um sein eigenes
Seelenheil anders beantworten läßt als es die scholastische Tradition
nahegelegt hat. Das Unterthema „Angst überwinden" wird von Landgraf präsentiert
als zeitgemäße Explikation des Rechtfertigungsthemas - und zwar in der Form,
wie es derzeit in der Religionspädagogik diskutiert wird (Landgraf nennt Klaus
Wegenast und Ingrid Schoberth als Gewährsleute). Insgesamt
ist Landgrafs Vorwort eher eine inhaltliche Einleitung ins Thema. Zumindest
ich, als jemand, der nicht tagtäglich mit religionspädagogischer, dafür aber
mit systematisch-theologischer Literatur zu tun hat, lese es so. Ein echtes
Vorwort, das kurz sein kann und eher formal einige Worte über die Absicht des
Autors, die Kriterien zur Auswahl der Materialien und die Eingrenzung des
Themas verliert und vielleicht noch die Konzeption der Reihe kurz vorstellt,
wäre sicherlich hilfreich. Michael Landgraf sollte als verantwortlicher
Herausgeber der Reihe „ReliBausteine" darüber nachdenken. Die Kritik
trifft also eher den Herausgeber als den Autor, auch wenn es sich hier um einen
Fall von Personalunion handelt. Als Buchautor leistet Landgraf solide Arbeit.
Der Spagat zwischen historischer Darstellung und gegenwartsbestimmender Deutung
des Reformationsthemas ist bestens gelungen. Überhaupt gibt es einige
Verschränkungen, die vorbildlich aufgelöst werden: die Darstellung der
persönlichen Lebensgeschichte Luthers und die Beschreibung der allgemeinen
Befindlichkeit seiner Zeitgenossen; die existentielle Aneignung des im Werk
Christi vollbrachten Heilsgeschehens als Botschaft von der Rechtfertigung
einerseits und die politischen Auswirkungen dieser Erkenntnis andererseits; der
Fortgang der Reformation und der Versuch, diese in der römisch-katholischen
„Gegen-Reformation" (die Landgraf glücklicherweise tatsächlich so nennt und
nicht, wie es heute Mode ist, von katholischer Reform spricht) rückgängig zu
machen; die politische Botschaft des Protestantismus, die ihre Entsprechung auf
der Ebene des Individuums nicht einfach in politisch korrektem Handeln findet,
sondern jedes Handeln an die eigene Subjektivität rückbindet. Das alles sind
Motive, die geeignet sind, im so trocken anmutenden Unterrichtsthema
„Reformation" den Schülerinnen und Schülern eine Spur zu legen, auf der diese
die im Thema verborgene Spannung existentiell für ihr eigenes Leben entdecken
können. Gefördert wird dies durch eine Dreigliederung des Buches in I. Zugänge
(16-22), II. Entdeckungen (23-85) und III. Wege der Orientierung (86-122). Insgesamt
läßt sich sagen, daß es wohl kaum eine bessere und umfassendere Aufarbeitung
des Themas Reformation für den Religionsunterricht gibt als den vorliegenden
Entwurf. Landgrafs Präsentation beeindruckt allein schon durch die Fülle und
hohe Qualität des zusammengestellten Materials; daneben finden sich
interessante Anregungen und Arbeitsaufträge, die eine Vorstellung davon
vermitteln können, wie spannend Religionsunterricht sein kann, wenn die
Unterrichtenden es verstehen, die Vermittlung historischer und systematischer
Inhalte mit der Möglichkeit existentieller Lebensdeutung zu verbinden. Das
scheint mir mit dem Material in Landgrafs Arbeitsbuch in hohem Maße möglich zu
sein. Allerdings
steht - und das scheint ein generelles, aber kaum lösbares Problem zu sein -
die religionspädagogische Literatur ständig in der Gefahr, bei der gebotenen
Notwendigkeit zur vereinfachten Darstellung kleine Fehler zu produzieren, die
zwar angesichts des Unterrichtsthemas nebensächlich sind, aber dennoch falsche
Informationen transportieren und deshalb nicht weiterverbreitet werden sollten.
So schreibt Landgraf im Kapitel „Grundinformationen und Zeitliste" im
Eingangsteil des Buches im Abschnitt über das 20. Jahrhundert, daß sich die
meisten protestantischen Kirchen der ökumenischen Bewegung anschließen, „nicht
aber die katholische, die bis heute beim Ökumenischen Rat der Kirchen nur
Beobachter ist" (11). Eine solche Feststellung verkennt erstens, daß die
ökumenische Bewegung nicht identisch ist mit dem ÖRK, und - damit
zusammenhängend - zweitens, daß die römisch-katholische Kirche seit dem Zweiten
Vatikanischen Konzil ein eigenes, konkurrierendes Ökumeneprogramm etabliert
hat, mit dem sie außerordentlich erfolgreich agiert und zwischenzeitlich eine
hegemoniale Stellung innerhalb der ökumenischen Bewegung erreichten konnte. Der
ÖRK dagegen hat in den vergangenen beiden Jahrzehnten innerhalb der
ökumenischen Bewegung einen empfindlichen Bedeutungsverlust hinnehmen müssen. Michael Landgraf widmet sein im Jahr des Protestationsjubiläums erschienenes Buch Klaus Bümlein, der die landeskirchlichen Feierlichkeiten zum Jubiläum initiiert und maßgeblich gestaltet hat. Überhaupt begegnet man bei Landgraf der spezifisch pfälzischen Sicht auf den Protestantismus auf Schritt und Tritt. Auch das ist eine eindeutige Stärke des Buches. Ein lutherischer Autor aus Bayern, aber auch ein Reformierter aus Ostfriesland hätte sicherlich einige andere Schwerpunkte gesetzt. Vermutlich wäre das „Protestantische" dann unter die Räder gekommen. Landgraf jedenfalls ist sehr dafür zu danken, daß er den Protestantismus als Thema der Reformation gründlich und sachkundig für die religionspädagogische Arbeit in Kirche und Schule aufgearbeitet hat. |
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