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Am Germansberg 45, 67346 Speyer
Drescher-Pfeiffer, Karl-Heinz: Diakonische Gemeinde in der Großstadt
zwischen Kreuzerfahrung und Verheißung
des Reiches Gottes. Diakonische Gemeinde im sozialen Brennpunkt am
Beispiel der gemeinwesenorientierten Praxis der Steiggemeinde im Stadtteil
Stuttgart-Hallschlag. Frankfurt a.M. u.a.: Peter Lang 2001. 249 S. Kart. €
46,-. ISBN 3-631-37886-6 In einer Reihe von
Publikationen hat sich das Thema diakonischer Gemeindeentwicklung besonders
seit den 1980er Jahren verbreitet. Einige Bände reflektieren Modellprojekte
oder bestimmte Bereiche diakonischer Gemeindepraxis. Andere gehen eher auf
fundamental- oder praktisch-theologische Grundsatzfragen ein. Der zu
besprechende Band arbeitet die gesamte Genese des diakonischen Gemeindeaufbaus
einer Stuttgarter Brennpunktgemeinde auf, deren Pfarrer der Autor seit 1984 bis
vor kurzem war. Mit dem Band wird die bei Theodor Strohm am
Diakoniewissenschaftlichen Institut der Universität Heidelberg entstandene und
im Jahre 2000 von der dortigen Theologischen Fakultät angenommene Dissertation
publiziert. Die Probleme der
„Auseinanderentwicklung von Gemeinde und Diakonie", eines „Hiatus zwischen dem
Leben einer parochial verfassten Gemeinde und der zunehmend von
Professionalität und sozialstrukturellen Vorgaben geprägten diakonischen
Arbeit" (4) bzw. der „Diskrepanz zwischen Verkündigung und Diakonie" (6) wie
sie Karl-Fritz Daiber, Henning Luther, Theodor Strohm u.a. bereits seit
längerem beschrieben haben, sind Ausgangspunkt der Studie. Drescher-Pfeiffer
möchte dieser Problematik entgegenwirken. Die Studie arbeitet in einem
zeitgeschichtlichen Längsschnitt mit sozialwissenschaftlichen und
praktisch-theologischen Zugängen das diakonische Engagement der Steiggemeinde
auf. Der Verfasser untersucht „die Gründe, die dies Engagement ermöglichten;
die konfliktreiche Geschichte seiner Entfaltung und seine für andere Gemeinden
vorbildlich zu nennende gegenwärtige Gestaltung als auch die Fragen, die sich
in der Entfaltung dieses umfangreichen diakonischen Engagements für die
praktische Gemeindearbeit und für das theologische Verhältnis von Gemeinde und
diakonischer Arbeit stellen" (15). Auf eine ungewöhnliche
„Fülle von Berichten aus der Arbeit und eine breite Darstellung auch
wissenschaftlichen Charakters über die soziale Situation im Stadtteil
Hallschlag und die diakonisch-soziale Arbeit" (15) kann der quartier- und
gemeindehistorische Teil zurückgreifen. Die Evangelische Steiggemeinde wurde im
Jahre 1928 gegründet, sie ist Teil des Stuttgarter Stadtteils Hallschlag, der
1926 mit einem städtischen Bauprogramm entstand und zum Stuttgarter Stadtbezirk
Bad Cannstatt gehört. Im zweiten Kapitel wird die Genese und Sozialstruktur des
Stadtteils Hallschlag als exemplarischer großstädtischer sozialer Brennpunkt
nachgezeichnet. Das fünfte Kapitel beschreibt die Entwicklung der Steiggemeinde
mit Blick auf ihre Strukturen der „Fürsorge". Im sechsten Kapitel werden die
Selbsthilfe- und Initiativstrukturen der Gemeinde skizziert. Dabei kommt
besonders die mobile Drogenarbeit und die „Mobile Jugendarbeit" (167) in den
Blick, die in den 1980er Jahren unter sozialpädagogischer Begleitung durch
Walther Specht von der Universität Tübingen konzipiert, durchgeführt und
evaluiert wurde. Als dritte sozial- und diakoniewissenschaftliche Perspektive
der diakonischen Gemeindepraxis wird im Kapitel sieben die Thematik „Kooperationspartner
im sozialen Netz des Gemeinwesens Hallschlag" bearbeitet. Die Kapitel fünf bis
sieben werden vorbereitet durch eine diakonie- und stadttheologische Systematik
im dritten und vierten Kapitel. Zunächst gibt der Verfasser drei spezifische
theologische Zugänge zum Verhältnis von Theologie bzw. von Gemeinde und
Diakonie wieder. Jürgen Moltmanns Forderung nach der „Diakonisierung der
Gemeinde und der Gemeindewerdung der Diakonie" (56) von 1977 bzw. 1984 wird im Kontext seiner Theologie, die
Drescher-Pfeiffer zu Recht als „implizite diakonische Theologie" deutet,
aufgearbeitet. Als zweiten Zugang beschreibt er den befreiungstheologischen
Zugang des katholischen Pastoralpsychologen und Caritaswissenschaftlers Hermann
Steinkamp von 1985 und 1991. Drittens bearbeitet er das diakonietheologische
Erbe des praktischen Theologen Ernst Lange, das in gelegenheitsorientierten
Publikationen vor allem der 1960er
Jahre vorliegt und weitreichend rezipiert ist. Bei allen dreien sieht
Drescher-Pfeiffer die soziale Wirklichkeit Lateinamerikas und Europas im
Hintergrund: Moltmann wird ebenso wie Steinkamp von der Befreiungstheologie und
ihren Basisgemeinden angeregt, Lange rekurriert auf die Pädagogik der
Unterdrückten des Brasilianers Paolo Freire. Alle drei votieren im Sinne einer
„Kirche für andere" (Bonhoeffer) und der vorrangigen „Option für die Armen".
Drescher-Pfeiffer problematisiert die theologischen, ekklesiologischen und
gemeindediakonischen Verständnisse der unterschiedlichen präpositionalen
Verbindungen „Kirche für die Armen", „Kirche mit den Armen",
„Kirche der Armen". Kritisch wendet er sich gegen den
Ausschließlichkeitscharakter der letzten Bestimmung, denn: „Eine Kirche der
Armen ließe den Nicht-Armen in letzter Konsequenz keine Funktion" (100). Im
vierten Kapitel thematisiert er die kirchliche Gemeinwesenarbeit der 1960er und
1970er Jahre und stellt die wesentlichen Ansätze einer Theologie der Stadt seit
Harvey Cox' „Stadt ohne Gott?" von 1966 dar. Im achten und letzten Kapitel
schließlich werden die Ergebnisse der gesamten Studie über den diakonischen
Gemeindeaufbau der Steiggemeinde zusammengefasst und theologisch reflektiert.
Diakonie wird hier nicht als ein abgrenzbarer „Sektor" für Spezialisten sondern
als durchgängige Dimension aller Gemeindearbeit aufgefasst. Drescher-Pfeiffers Buch
bietet ein faszinierendes Anschauungsbeispiel für das, was eine
Kirchengemeinde, die sich als diakonische Gemeinde versteht, im Bereich
sozialer Arbeit ausrichten kann. Die Darstellung der Praxis der Stuttgarter
Großstadtgemeinde im Verlauf der Jahrzehnte bietet - trotz des Problems der
Übertragbarkeit - eine Fundgrube von Anregungen für jede Gemeinde, speziell
aber für Kirchengemeinden in sozialen Brennpunkten. Zugleich versteht es der
Verfasser, keinem diakonischen Sozialaktivismus zu verfallen, sondern das
theologische Fundament diakonischen Handelns herauszuarbeiten und die
Notwendigkeit einer gegenseitigen Durchdringung der kirchlichen Grundfunktionen
Verkündigung, Gottesdienst und Nächstendienst zu formulieren. |