Frank-Matthias Hofmann
Hauptstraße 214, 67067 Ludwigshafen
Hans-Walter Schmuhl, Ärzte in der Anstalt Bethel 1870-1945.
Herausgegeben von Matthias Benad. Forschungsstelle für Diakonie- und Sozialgeschichte
an der Kirchlichen Hochschule Bethel,
Bethel Verlag Bielefeld 1998, 95 S.
Das vorliegende Heft ist aus einem Referat hervorgegangen, das H.-W. Schmuhl anläßlich
der Tagung "...aus Gottes Haus in Gottes Welt - Frömmigkeit und Weltgestaltung
bei Friedrich von Bodelschwingh dem Jüngeren (1877-1946)" im Oktober 1996 gehalten
hat. Der Autor greift einen lange vernachlässigten Aspekt der Bethler Anstaltsgeschichte
auf und hat intensives Quellenstudium im Hauptarchiv Bethel getrieben und vor
allem den umfangreichen Bestand der Personalakten der in Bethel tätigen Ärzte
studiert.
Matthias Benad schreibt dazu in seinem Vorwort Erhellendes: "Seit langem besteht
in der Bethelgemeinde die Tradition, den geistlichen Hirten Gedenkschriften und
Erinnerungsbände zu widmen, bis hin zu wissenschaftlichen Artikeln und Biographien.
Den Ärzten wurden keine auch nur entfernt vergleichbare Aufmerksamkeit zuteil.
Dabei hatte ihre Zahl bald die der Anstaltspastoren erreicht, nachdem um die Jahrhundertwende
die Anstellung hauptamtlicher Ärzte staatlich vorgeschrieben worden war. Ihre
Bedeutung für das Ergehen der Anstaltspatienten wuchs seither ständig, allgemein
im Zuge des medizinischen Fortschritts - und speziell im Zusammenhang von Zwangssterilisationen
und "Euthanasie" als Ausdruck nationalsozialistischer "Wohlfahrtspolitik". Für
den Langzeitbereich der Anstalt Bethel schließt Schmuhl nun die Lücke. Er stellt
die Etablierung der Ärzteschaft im Gesamtgefüge der Anstalten dar und zeichnet
das Eindringen eugenischen Denkens in dieser Mitarbeitergruppe nach. Er zeigt,
daß der erste Leiter des Betheler Waldlabors schon vor dem Ersten Weltkrieg für
Krankentötungen eintrat, geht den Verwicklungen ehemaliger leitender Anstaltsärzte
in die Krankenmorde nach und verfolgt das Schicksal von Ärzten, die durch die
nationalsozialistischen Rassegesetze als "nicht arisch" eingestuft wurden" (5).
So beschreibt Schmuhl bei "Ärzte in der Anstalt Bethel 1870-1945", wie die Expansion
der medizinischen Arbeitsfelder ab 1890 sich vor Ort vollzieht und welche Konsequenzen
die staatlichen Eingriffe und ärztlichen Forderungen bis 1908 auf die Anstalt
haben: Vor allem muß die Durchsetzung des ärztlichen Behandlungsmonopols gegenüber
den anderen in der Anstalt tätigen Berufsgruppen im Zuge der Medizinalisierung
der Psychiatrie genannt werden, und auch die schweren Konflikte, die es im Rahmen
dieses Zusammenpralls zwischen (medizinischer) Profession und traditionellem Bethel-Milieu
gab.
Schmuhl spricht im folgenden von den Jahren 1908 bis 1929 von einem "verzögerten
Ausbau", scheint doch ein Umdenken beim älteren v. Bodelschwingh eingesetzt zu
haben, indem er in seinen letzten Lebensjahren die fortschreitende Medizinalisierung
der Anstalten "allmählich akzeptiert" (22): Dr. Albert Knapp trieb in dieser Zeit
den Ausbau Bethels zu einer modernen Heilanstalt energisch voran. Schmuhl beschreibt,
wie der junge Fritz v. Bodelschwingh die Entlassung Knapps durchsetzte und es
zu einem Revirement innerhalb der Ärzteschaft der Anstalt kam. Die Auswahlkriterien
für das Anwerben neuer Ärzte übernahm v.Bodelschwingh von seinem Vater - viele
Ärzte kamen aus der Mission und deren kirchlichem Umfeld. Die Ärzte sollen jedenfalls
auch aktiv im kirchlichen Gemeindeleben mitarbeiten.
Von 1929 bis 1939 kam es zu einem "zweiten Medizinalisierungsschub" (29), immer
weniger Ärzte mit streng christlichem Hintergrund traten in den Dienst ein, dafür
immer mehr Ärzte, die rein wissenschaftliche Vorprägung mitbrachten. Die neuen
Chefärzte Dr. Carl Schneider (1930-33) und Dr. Werner Villinger (1934-39) nahmen
stärker auf die Auswahl neuer Ärzte Einfluß als es zuvor möglich gewesen ist.
Auch mischte sich in den ersten Jahres des "Dritten Reiches" der Sarepta-Arzt
Dr. Hanns Löhr in seiner Eigenschaft als NSDAP-Kreisleiter und als Bezirksobmann
des Nationalsozialistischen Deutschen Ärztebundes (NSDÄB) "massiv in Betheler
Besetzungsfragen ein. Bis in die zweite Hälfte der 30er Jahre hinein nahm die
Anstaltsleitung bei der Auswahl der Ärzte Rücksicht auf die politischen Vorgaben
des NS-Regimes, wobei man mitunter von vorauseilendem Gehorsam sprechen kann"
(29).
Im fünften Abschnitt beleuchtet Schmuhl die Themen "Reformpsychiatrie, Rassenhygiene
und Sterilisation" (32ff.): In Bethel herrschte eine ganzheitliche Betrachtungsweise
vor, "die den Patienten nicht als ‚Fall' ansah, sondern als komplexe Persönlichkeit
mit gesunden und kranken Anteilen wahrnahm, die als Behandlungsziel nicht die
Bekämpfung der Krankheit, sondern die Hebung der Persönlichkeit des Patienten
definierte und die schließlich - indem sie von den Patienten verlangte, aktiv
an der Besserung ihres Zustandes mitzuwirken - ihnen ein gewisses Maß an Verantwortung
und auch Schuldfähigkeit zurückgab" (33).
Gefahr drohte von der Seite der Reformpsychiatrie, die sich als "äußerst anfällig
gegenüber eugenischen Ideen" erwies: "Der scheinbare Widerspruch zwischen der
Reformpsychiatrie, die ja die sozialen Aspekte bei der Behandlung psychisch Kranker
stärker ins Blickfeld rückte, und der eugenischen Prophylaxe, die einen strikten
genetischen Determinismus voraussetzte, löst sich bei näherer Betrachtungsweise
auf. Die Reformpsychiatrie behielt nämlich die klinische Sichtweise bei, wonach
die Ursachen der Geisteskrankheiten in organischen Prozessen im Gehirn zu suchen
seien. Sie zielte lediglich darauf ab, den Folgeschäden dauernder Anstaltsverwahrung
entgegenzuwirken, und beanspruchte nicht, psychische Krankheiten kausal zu therapieren.
Die eugenische Prophylaxe war hingegen darauf angelegt, das Übel der Geisteskrankheit
an der Wurzel zu packen und in der Generationenfolge auszurotten. Sie konnte deshalb
als Ersatz für die immer noch ausstehende Kausaltherapie gelten. Erst die Kombination
von individueller Rehabilitation und kollektiver Prävention schien die moderne
Psychiatrie auszumachen. Kein Wunder, daß gerade der Reformflügel der Anstaltspsychiatrie
für die eugenische Sterilisation eintrat" (ebd). Aus einem Lübecker Vortrag von
1929 weiß man, daß auch Fritz von Bodelschwingh der Eugenik durchaus aufgeschlossen
gegenüber stand - zum einem als tragbares Zugeständnis an den medizinischen Fortschritt,
zum andern als humane Alternative zur "Euthanasie", die Fritz v. Bodelschwingh
stets kompromißlos ablehnte. Auf Seite 34 nennt der Autor eine Reihe wichtiger
Veröffentlichungen, die das Thema Sterilisierungen in Sarepta/Bethel beleuchten.
Als Positionen v. Bodelschwinghs nennt Schmuhl zusammenfassend Aufgeschlossenheit
gegenüber der Eugenik (Bekenntnis zur erbbiologischen Beratung, einem Kernstück
positiver Eugenik), grundsätzliche Zustimmung zur rassenhygienischen Sterilisierung,
Skepsis angesichts des sehr weit gefaßten Kreises potentieller Sterilisanten,
Unbehagen über den Zwangscharakter der Sterilisierung - und resümiert: "Aus diesem
Widerspruch folgte aber keine öffentliche Kritik des Sterilisierungsprogramms
der Nationalsozialisten" (36). Bodelschwingh zog sich vielmehr auf die Seelsorge
zurück und konnte so nicht in die Rolle des Anwalts der Kranken und Behinderten
gegenüber staatlicher Willkür hineinwachsen, "er mußte vielmehr zwangsläufig zum
Erfüllungsgehilfen der nationalsozialistischen Erbgesundheitspolitik werden, dessen
Aufgabe darin bestand, Überredungsstrategien zu entwickeln, um die Patienten dazu
zu bewegen, sich "freiwillig" sterilisieren zu lassen" (ebd).
Im Folgenden beschreibt der Autor präzise, welchen Einfluß die Ärzte auf das Sterilisierungsprogramm
hatten, sogar welche Schrittmacherrolle sie einnahmen und daß die Anstalten zur
"Falle" für Patienten geworden waren: Gemäß einer Empfehlung des Eugenischen Ausschusses
der Inneren Mission versuchte man in Bethel, den Widerstand gegen die Sterilisierung
mit vaterländischen Appellen oder dem Hinweis auf den christlichen Opfergedanken
zu überwinden. Auch sanfter Druck wurde ausgeübt. Bei den Patienten wuchs das
Mißtrauen gegenüber den Ärzten. Dennoch wurden in Gilead und Nebo Sterilisierungen
in großer Zahl durchgeführt.
Der Arzt Prof. Werner Villinger, ethnischem Rassismus zugeneigt (Juden und Zigeuner
hätten eine "besondere Anlage zur Kriminalität"), gewann als Chefarzt Bethels
Einfluß auf die Bevölkerungs-, Gesundheits- und Sozialpolitik der Inneren Mission.
1935 wurde er Vorsitzender des Ständigen Ausschusses für Fragen der Rassenhygiene
und Rassenpflege des Central-Ausschusses für die Innere Mission sowie Mitglied
des Vorstandes der Arbeitsgemeinschaft für Volksgesundung, in der die Innere Mission
und die Caritas zusammenarbeiteten. Seiner Initiative war es zu "verdanken", daß
selbst minimale Rechtspositionen der Sterilisanten noch aus dem Gesetz über Verhütung
von erbkrankem Nachwuchs herausgenommen worden sind. Ablehnungen von Sterilisationen
brachten ihn sogar in Rage: Da er als Beisitzer am Erbgesundheitsobergericht in
Hamm tätig war, gelang es ihm, in 14 von 15 Fällen eine Unfruchtbarmachung doch
noch durchzusetzen, obwohl eine untere Instanz eine Sterilisierung abgelehnt hatte
(41).
Schmuhl faßt zusammen, daß "die Ärzteschaft der v.Bodelschwingschen Anstalten
die Sterilisierungsgesetzgebung bereitwillig in die Praxis umsetzt, von sich aus
auf eine Ausweitung des Kreises potentieller Sterilisanten drängte, aktiv- und
nicht selten in der Rolle des "Scharfmachers" - an den Erbgesundheitsgerichtsverfahren
mitwirkte und maßgeblich dazu beitrug, die Rechte der Sterilisanten weiter einzuschränken."
(44).
In seinem letzten Punkt "Die Ärzteschaft Bethels und die ‚Euthanasie' (1939-1945)"
(44ff.) beschreibt der Autor, daß v. Bodelschwingh eine klare ethische Grenzlinie
zwischen Eugenik und "Euthanasie" zog: Er ließ zwar die Sterilisierung einer großen
Zahl von Patienten zu, als aber 1940/41 die Aktion T4, "bei der etwa 70.000 psychisch
kranke und geistig behinderte Menschen aus den Heil- und Pflegeanstalten des Deutschen
Reiches vergast wurden, auf die v. Bodelschwinghschen Anstalten überzugreifen
drohte", ergriff er sofort energische Gegenmaßnahmen und machte all seinen Einfluß
geltend, "um einen Abbruch des Massenmordes zu erreichen." (44). In der Bethler
Ärzteschaft verliefen die Frontlinien sehr diffizil, nicht alle überzeugte Nationalsozialisten
waren auch Befürworter der "Euthanasie"- Aktion, die sie aus christlichen Motiven
heraus ablehnten.
Schmuhl beschreibt aber auch, wie man in Bethel dem im konfessionellen Anstaltswesen
weit verbreiteten pro-domo-Denken nachgab: "Um die eigenen Patienten zu retten,
sprach man dem Staat nicht grundsätzlich das Recht ab, ‚lebensunwertes Leben'
auszulöschen und gab den Kampf um die Patienten der staatlichen Anstalten praktisch
auf. Durch die verdeckte Obstruktionspolitik der konfessionellen Anstalten konnte
zwar eine große Zahl von Menschen vor dem Tod bewahrt werden - ein Ende des Massenmords
war aber auf diese Weise nicht zu erreichen" (49f.).
Auch ließ sich die Ärzteschaft auf die vorgeschriebenen Vorbegutachtungen der
Patienten ein und wurde so zu einem Zahnrad im Getriebe der Selektionsmaschinerie.
Die Grenzen zwischen passiver Duldung des Unrechts und aktiver Mitarbeit daran
wurden fließend: Die Anstaltsleitung und Ärzteschaft ließen sich ein "auf das
Kategorisieren von Menschen nach ihrer sozialen Wertigkeit" und gaben so gerade
die Schwächsten unter den Kranken und Behinderten preis - ein scharfer Bruch mit
allen Traditionen Bethels: "Das Beispiel Bethels zeigt, daß partielle Resistenz
ohne partielle Kollaboration nicht möglich war, daß Verweigerung und Widerstand,
sofern sie nicht die Ebene der Fundamentalopposition erreichten, auf das engste
mit passiver Hinnahme oder gar mit aktivem Mitmachen verknüpft waren" (53). In
der Zeit, in der der Rezensent 1978-80 Theologiestudent an der Kirchlichen Hochschule
in Bethel war, hat er mit dem damaligen Altpräses Ernst Wilm darüber eine Korrespondenz
geführt, aus der deutlich hervorgeht, daß die Alternative dazu völlige Verweigerung
und öffentlicher Protest gegen die Krankentötungen gewesen wäre, eine Linie, wie
sie im Bereich der Ev. Kirche von Westfalen eben von Ernst Wilm praktiziert worden
ist. Dazu konnten sich v. Bodelschwingh und der Chefarzt Schorsch nicht entschließen:
"Ein öffentlicher Protest gegen die Regierung, und das im Krieg, wäre mit ihrer
konservativen Grundhaltung, ihrer prinzipiellen Staatsloyalität und ihrem Verständnis
vom Verhältnis zwischen ‚Kirche' und ‚Obrigkeit' nicht vereinbar gewesen" (53f.).
Die zweite Hälfte des Buches ist neun biographischen Skizzen der Ärzte Bethels
in der damaligen Zeit gewidmet, aus denen die genaue Rolle der einzelnen Ärzte
in Bethel in der beschriebenen Zeit hervorgeht.
Das Buch ist spannend zu lesen, durch die klare Untergliederung findet man schnell
den Faden wieder, wenn man es zwischenzeitlich aus der Hand gelegt hatte, die
biographischen Skizzen verdeutlichen sehr kompakt und anschaulich die Rolle der
einzelnen Ärzte in Bethel.
Wer dieses empfehlenswerte Buch liest, hat Anteil am neuesten Forschungsstand
zu dem angesprochenen Thema und wird eine differenzierte Sicht der Dinge zu entwickeln
instande gesetzt.
(In diesem Zusammenhang seien Interessierte auch auf das interessante und verdienstvolle
Buch für den Bereich der Pfalz hingewiesen: "Psychiatrie im Nationalsozialismus.
Die Heil- und Pflegeanstalt Klingenmünster 1933-1945. Im Auftrag des Bezirksverbands
Pfalz bearbeitet von Karl Scherer, Otfried Linde, Roland Paul", Institut für pfälzische
Geschichte und Volkskunde, Kaiserslautern 1998, 144 Seiten. Dieser 14. Band der
"Beiträge für pfälzische Geschichte und Volkskunde" ist, nachdem die erste Auflage
zurecht schnell vergriffen war, 1999 in der 2. Auflage erschienen und kann kostenlos
beim Institut in Kaiserslautern bestellt werden. - Außerdem habe ich über die
Bearbeiterin Ulrike Gaida ein unveröffentlichtes Manuskript zum Thema "Euthanasie
im Nationalsozialismus. Die Radikalisierung negativer Eugenik zwischen 1939 und
1945" zu Händen bekommen, das Wolf Kaiser bearbeitet hat und dessen copyright
beim "Haus der Wannsee-Konferenz" Berlin 1997 liegt. Wen das Ms. Interessiert,
kann es über mich in Kopie erhalten.)
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