Dr. Hans L. Reichrath
Im Tempel 47, 66482 Zweibrücken
Katja Kriener/Johann Michael Schmidt (Hg.):
Gottes Treue - Hoffnung von Christen und Juden.
Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 1998, ISBN 3-7887-16644-4, 320 Seiten.
Der von der Leiterin der Studienstelle Christen und Juden der Evang. Kirche im
Rheinland und einem Professor der Theologie herausgegebene Band dokumentiert die
Auseinandersetzung um die Ergänzung des Grundartikels der Kirchenordnung der Evangelischen
Kirche im Rheinland. Bekanntlich hat die Rheinische Kirche mit ihrem Synodalbeschluß
von 1980 »Zur Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden« progressive
Maßstäbe gesetzt, die viel Zustimmung, aber auch Widerspruch erfahren haben, in
jedem Fall aber Bewegung in zahlreiche Landeskirchen brachten.
Der erste Teil
dokumentiert, nach Darstellung der Vorgeschichte, den Beratungs- und Abstimmungsprozeß
auf den Ebenen Landessynode, Kirchenkreise und Gemeinden von 1992 bis 1996. Eine
spannende Geschichte. Der zweite Teil enthält Einzelvoten, die neben biblisch-theologischen
und kirchenrechtlichen Einführungen (Bekenntnischarakter und Verortung innerhalb
der Kirchenordnung?) um die Schwerpunktfragen kreisen: Bleibende Treue Gottes,
gemeinsame Hoffnung, »mit Israel«, »Volk Israel«, Erwählung, Tora Israels auch
für Christen u.a.m.
Wenn man bedenkt, daß die Rheinische Kirche zwar eine Unionskirche
ist, aber - im Unterschied zur Pfälzischen Kirche - ganz unterschiedliche Bekenntnisstrukturen
(lutherisch und reformiert) spannungsgeladen aushalten und mehrheitsfähig machen
muß, ist die letztendliche große Mehrheit im Januar 1996 für die folgende Änderung
des Grundartikels beachtlich: »Sie (die Kirche) bezeugt die Treue Gottes, der
an der Erwählung seines Volkes Israel festhält. Mit Israel hofft sie auf einen
neuen Himmel und eine neue Erde.«
Im Unterschied zur pfälzischen, konsensunierten
Situation ist natürlich festzuhalten, daß es im Bereich der größeren Rheinischen
Kirche neben der Einrichtung einer eigenen Studienstelle zahlreiche Universitäten
bzw. Hochschulen mit theologischen Fakultäten gibt, die gutachterlich zur Verfügung
stehen, daß aber die bekenntnismäßige Abstimmung erheblich komplizierter ist.
Umso erfreulicher war für mich die Feststellung, daß dort wie hier als Folge und
Konsequenz des christlich-jüdischen Dialogs verschiedene parallele Erkenntnisse
deutlich geworden sind: Notwendigkeit zur stärkeren Betonung des Verheißungscharakters
im AT und NT sowie des ersten Artikels, also der Rede von Gott, dem Vater, und
zwar in trinitarischer Einbindung; Teilhabe der Kirche aus allen Völkern an der
Erwählung Israels als Werk Gottes »durch Jesus Christus«; mehr funktionales Verständnis
von »Jesus als Messias (Israels)«; Differenzierung zwischen »Israel« und »jüdischem
Volk«? (Vgl. dazu meinen Beitrag »... hineingenommen in die Verheißungsgeschichte
Gottes ...«, in: MATERIALDIENST Nr. 1/1998, S. 27ff.)
Im Vergleich wage ich zu
behaupten, daß die pfälzische Verfassungsänderung die weiterführende ist und die
im Rheinland offen gebliebenen Fragen eher zu beantworten in der Lage ist. Darum
bleibt es trotz dieser umfassenden Dokumentation eine dringende Notwendigkeit,
daß unser Arbeitskreis Kirche und Judentum sein begonnenes Projekt weiter verfolgt
und möglichst bald realisiert, unsere Verfassungsänderung und ihre große Bedeutung
allgemeinverständlich zu begründen und für die verschiedenen Arbeitsfelder der
Landeskirche mit Leben zu erfüllen und effizient zu machen. Der Verfassungstext
darf nicht zum toten Buchstaben und zur puren Gewissensberuhigung werden, über
dem dann alsbald die alte Geschichte der Judenfeindschaft zur Tagesordnung zurückkehren
könnte.
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