Dr. Martin Schuck
Lindenstr. 19, 67346 Speyer
Die Theologie auf dem Weg in das dritte Jahrtausend.
Festschrift für Jürgen Moltmann zum 70. Geburtstag.
Hrsgg. von Carmen Krieg, Thomas Kucharz, Miroslav Volf unter Mitarbeit von Steffen
Lösel,
Gütersloh (Chr. Kaiser / Gütersloher Verlagshaus) 1996, 388 Seiten, Geb., DM 98,-
Es gibt Fragen, die sich nur sehr schwer eindeutig beantworten lassen. Für mich
gehört dazu die Frage, ob Jürgen Moltmann zu der Zeit, als er auf dem Höhepunkt
seines Einflusses in der theologischen Fachwelt stand, also etwa in der Zeit zwischen
1970 und 1990, ein innovativer Trendsetter oder doch eher ein cleverer Vermarkter
des theologischen Zeitgeistes gewesen ist. Wie gesagt, es fällt schwer, diese
Frage zu beantworten, denn genügend Verdachtsmomente gibt es für beide Vermutungen.
Tatsache ist jedoch, daß Moltmann aufgrund einer Flut von Büchern und Aufsätzen
zu den produktivsten Geister der internationalen protestantischen Theologenszene
gezählt hat, und daß sein Name deshalb immer noch weltweit einen guten Klang hat.
Immerhin gehörte Moltmann in seiner großen Zeit zu den wenigen deutschen Spitzentheologen,
die international in den unterschiedlichsten Zusammenhängen mitreden konnten;
und nicht nur dies - er wurde sogar um seine Meinung gefragt! Der Genfer Ökumene
war er ein geschätzter Gesprächspartner, die Befreiungstheologen akzeptierten
ihn als einen der Ihren, in der angelsächsischen Welt galt er als einer der wenigen
Vertreter deutscher universitärer Theologie, die über den Tellerrand ihrer Tradition
hinausschauen konnten, und irgendwie hatte er sogar bei den Feministinnen einen
Stein im Brett.
Mit Recht konnte man also 1996 hohe Erwartungen an eine Festschrift
zum 70. Geburtstag von Jürgen Moltmann stellen. Würde es den Herausgebern gelingen,
einen Punkt zu finden, in dem sich das vielfältige Schaffen Moltmanns bündeln
ließe? Tatsächlich sahen die Herausgeber in der weiten Spanne zwischen der »Theologie
der Hoffnung« in den frühen 60er Jahren bis hin zu seinem Entwurf einer Eschatologie
»Das Kommen Gottes« »diesen Zug zur Zukunft« als die entscheidende, Moltmanns
Lebenswerk bündelnde Programmatik. Von daher war es der Sache angemessen, in einer
groß angelegten Aufsatzsammlung eine Selbstverortung der Theologie am Vorabend
der Jahrtausendwende zu dokumentieren.
Man kann nun zu Moltmann stehen wie man
will, eines wird man nicht von der Hand weisen können: »Die Theologie auf dem
Weg in das dritte Jahrtausend« ist eines der besseren theologischen Bücher. Nahezu
30 namhafte Theologinnen und Theologen aus aller Welt kommen zu Wort, darunter
solche ehemaligen Leitfiguren ganzer Theologengenerationen wie Dorothee Sölle
und Johann Baptist Metz, die ihre Anhängerschar über die Konfessionsgrenzen hinweg
gefunden hatten. Bezeichnend, daß Metz seinen kurzen Beitrag »Die letzten Universalisten«
genannt hat und darin ganz unbescheiden schreibt, daß das Gelingen seines an dieser
Stelle angesprochen Universalismus der Verantwortung »nicht nur über die Zukunft
der Theologie (entscheidet), sondern auch darüber, ob Europa eine Friedenslandschaft
sein wird oder, wie nicht wenige befürchten, eine Landschaft eskalierender Bürgerkriege,
ob es eine blühende oder brennende multikulturelle Landschaft sein wird. Die Theologen
als letzte Universalisten (...)«. Da werden Erinnerungen wach an die Zeit, als
Moltmann und Metz in einem Atemzug als die entscheidenden Vertreter einer politischen
Theologie in Deutschland gehandelt wurden. Und zur Erinnerung: Als in den Befreiungstheologie-verliebten
80er Jahren die koreanische Minjung-Theologie hierzulande so richtig modern wurde,
gab Moltmann eine Sammlung mit Aufsätzen der wichtigsten Vertreter der Minjung-Theologie
heraus. Moltmann war wirklich ein Universalist, und ich meine das nicht einmal
ironisch.
Alles in allem fällt es schwer, einzelne Aufsätze herauszugreifen. Es
gibt kaum einen schlechten; allerdings hat auch noch keiner der Aufsätze in den
mehr als zwei Jahren seit Erscheinen dieser Festschrift für größeres Aufsehen
gesorgt. Die Reihe der Autorinnen und Autoren kann man in verschiedene Gruppen
unterteilen: Die wichtigsten innerhalb der ersten Gruppe habe ich mit Sölle und
Metz schon genannt. Man könnte sie als die Weggefährten aus der Zeit der »Politischen
Theologie« bezeichnen. Als weitere Gruppe möchte ich die Befreiungstheologen nennen;
diese reichen von Gustavo Gutiérrez, dem sogenannten »Vater der Befreiungstheologie«,
über Elsa Tamez und Jon Sobrino bis hin zu James H. Cone, dem bekanntesten Vertreter
der »Schwarzen Theologie« in den USA. Vertreter der deutschsprachigen universitären
Theologie gibt es natürlich auch: Wolfhart Pannenberg und Dietrich Ritschl vertreten
die Ökumenische Theologie, Michael Welker und Ingolf U. Dalferth sind herausragende
Vertreter zeitgemäßer Systematischer Theologie, daneben gibt es Hans Küng, Konrad
Raiser und Elisabeth Moltmann-Wendel. Am meisten aber gewinnt das Buch durch die
Aufsätze einiger US-amerikanischer Theologen wie Stanley Hauerwas, John Howard
Yoder und John B. Cobb, Jr. Ihre Aufsätze bekommt man hierzulande schließlich
nicht jeden Tag zu lesen.
Ich habe bei weitem nicht alle Autorinnen und Autoren
genannt. Würde es mir leid tun, jemanden vergessen zu haben? Vielleicht am ehesten
für Paul Ricoeur und seine Gedanken über »Theonomie und/oder Autonomie«. Aber
auch die »Skizze nach vorn« von Gerhard Marcel Martin »Zur Idee einer Theologie
des Lachens« ist recht originell.
Fazit: Eine gelungene Festschrift, die beweist,
daß Theologie ein durchaus spannendes und bisweilen sogar unterhaltsames Unternehmen
sein kann. Die einzelnen Beiträge des Buches zeigen, daß es nicht nur eine »Theologie
der Hoffnung« gibt, sondern auch noch so etwas wie eine Hoffnung für die Theologie.
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