Martin Schreiner, Im Spielraum der Freiheit. Evangelische Schulen als Lernorte christlicher Weltverantwortung, Göttingen 1996
Nicht wenige der ca. 900 Evangelischen Schulen sehen sich momentan
kritischen Anfragen ausgesetzt. Im Zeichen knapper werdender Mittel stellen Kirchen
ihre Einrichtungen auf den Prüfstand. Ob sie denn wirklich kirchliche Einrichtungen
seien und in Zukunft noch gebraucht würden - so läßt sich die Anfrage umschreiben.
Vielen kirchlichen Schulen fällt es nicht leicht, diese Frage zu beantworten.
Da kommt die Habilitationsschrift von Martin Schreiner zur rechten Zeit. Nicht,
daß sie die von vielen Schulen als leidlich empfundene »Propriumsfrage« abschließend
beantworten würde. Das ist nicht ihre Absicht. Sie will vielmehr »eine Grundlage
zur Diskussion über ein zeitgemäßes kirchliches Bildungsengagement bieten« (S.
12). Dabei konzentriert sie sich auf die Gruppe der etwa 130 allgemeinbildenden
evangelischen Schulen.
Martin Schreiners im wesentlichen historisch ausgerichtete Arbeit durchleuchtet
das evangelische Schulwesen von seinen reformatorischen Anfängen bis zu den evangelischen
Schulneugründungen der unmittelbaren Gegenwart in den neuen Bundesländern. Die
Fragestellung lautet: Aus welchen Gründen wurden evangelische Schulen errichtet?
Welche Ziele wurden verfolgt? Was ist das spezifisch Evangelische an diesen Schulen?
Schreiner stellt jeder Epoche eine Einführung in die zeit- und theologiegeschichtlichen
Hintergründe der Schulgründungen voran und analysiert auch die einschlägigen Äußerungen
der Bekennenden Kirche und der EKD.
Angesichts der bisher dürftigen wissenschaftlichen Aufarbeitung dieses kirchlichen
Arbeitsfeldes ist es dem Autor zu danken, daß er eine Fülle von Materialen ausgewertet
hat und seiner Fragestellung detailliert nachgeht. An 28 (!) Fallbeispielen vermittelt
er einen Eindruck von der Vielgestaltigkeit des evangelischen Schulwesens und
arbeitet zeitspezifische theologische Motivationen und Zielsetzungen heraus: die
missionarische Motivation der Schulgründungen des Pietismus etwa, oder die diakonischen
und frauenemanzipatorischen Ziele der Schulgründungen des 19. Jahrhunderts.
In einem Schlußkapitel wird der historische Rückblick durch einen systematisch-theologischen
Durchblick abgerundet. Das evangelische Schulwesen sei im Rahmen seines christlichen
Bildungsauftrages vor allem missionarisch, diakonisch und bildungspolitisch begründet
worden. Theologische Schlüsselprobleme bei der Gestaltung kirchlicher Schulen
seien das Verhältnis von Gesetz und Evangelium, die Frage nach einer Erziehung
zum Glauben und die Frage nach der Weltlichkeit der Schule.
Schreiner sieht es als das Proprium evangelischer Schulen an, daß sie im Spielraum
der vom Evangelium gewährten Freiheit auf der Suche nach einer evangeliumsgemäßen
Form von Schule seien. »Das Besondere dieser Schulen - so die These - liegt in
der kontinuierlichen Suchbewegung nach der Gestaltwerdung der 'libertas christiana'
im alltäglichen Erziehungs- und Bildungsgeschehen« (393). Inhaltliche Füllung
erhalte dieses Formalprinzip durch ein Verständnis von »evangelisch« als »Auf
dem Weg zum Evangelium sein« (394), einen Prozeß, der von Reflexion und Partizipation
gekennzeichnet sei (396).
So richtig diese Bestimmung des Propriums und die Herausarbeitung der theologischen
Schlüsselprobleme auch sind, dem Praktiker werden sie bei der konkreten Gestaltungsarbeit
in der Schule zunächst kaum helfen. Es müßte wohl stärker an der konkreten Situation
der Schulgestaltung und -entwicklung angesetzt werden, wenn theologische Reflexion
im Schulalltag Wirkung entfalten soll. Schreiners Buch liefert reichlich Anschauungsmaterial
wie Theologie, Pädagogik (und Ökonomie) in den vergangenen Jahrhunderten schulprägend
zusammengewirkt haben. Auch insofern ist es eine wichtige Basis für weitere Überlegungen
zur Gestaltung kirchlicher Schulen.