Richard Münch, Globale Dynamik, lokale Lebenswelten.
Der schwierige Weg in die Weltgesellschaft,
Frankfurt am Main (SuhrkampTaschenbuch Wissenschaft; 1342)
1998, 458 Seiten, DM 29,80
Sämtliche Wissenschaften, die aus den unterschiedlichsten Beweggründen Fragen
der Gesellschaftordnung zum Gegenstand haben, sind derzeit gezwungen, sich mit
einem Phänomen zu beschäftigen, das unter dem Schlagwort »Globalisierung« Karriere
macht. Die Bedeutung der Nationalstaaten als regulative Zentren gesellschaftlicher
Entwicklung sinkt mit jeder Kompetenzübertragung auf supranationale Institutionen
(wie etwa die EU); den politischen Regelungskompetenzen nationaler Regierungen
werden vor allem im Bereich der Wirtschaft immer engere Grenzen gesetzt. Gerade
dort scheint mit dem Hinweis auf »Standortnachteile« (als Folge des globalen Wettbewerbs)
jede Maßnahme zur Deregulierung begründbar zu sein. Aber auch im kulturellen Bereich
scheinen im »globalen Dorf« andere Gesetze zu herrschen als in der alten, gemütlichen
Bonner Republik. Sollte es zu einer Rechtsangleichung innerhalb der Europäischen
Union im Breich dessen, was »Kulturverfassung« genannt wird, kommen, so stellt
sich automatisch die Frage, ob die staatskirchenrechtlichen Regelungen des Grundgesetzes
in ihrer derzeitigen Form überleben können. Damit sind die Kirchen voll hineingenommen
in den gesellschaftswissenschaftlichen Diskurs rund um das Phänomen der »Globalisierung«.
Grund genug, sich genau anzuschauen, wie die Leitwissenschaft der Gesellschaftslehre,
die Soziologie, die mit diesem Phänomen aufgegebene Problembearbeitung in Angriff
nimmt.
Der jüngste Beitrag zum Thema stammt von dem Bamberger Soziologieprofessor Richard
Münch und dessen Beschreibung der Globalisierung als »Weg in die Dritte Moderne«
(11). Aus zwei Gründen soll sein Buch hier besprochen werden: Zum einen, weil
Münch als ausgesprochener Handlungstheoretiker und Institutionendenker einen vielversprechenden,
weil realistischen Mittelweg zwischen den beiden soziologischen Modeströmungen
Diskurstheorie und Systemtheorie beschreitet; zum anderen, weil Münch bei der
Aufgabe der Neuordnung der sozialen Integration den Kirchen eine bedeutende Rolle
zugesteht.
Globalisierung als gesellschaftliche Herausforderung
Was bedeutet eigentlich »Globalisierung«? Münch gibt folgende Definition: »Auf
einen Nenner gebracht, bedeutet 'Globalisierung', daß alles, was irgendwo in der
Welt geschieht, Auswirkungen auf das Geschehen an jedem anderen Ort der Welt hat.
Was andere irgendwo tun, beeinflußt meine Handlungschancen hier in der nächsten
Zukunft. Mein Handeln wirkt seinerseits auf deren Handlungsmöglichkeiten. Diese
Interdependenzen können mehr oder weniger direkt und mehr oder weniger schnell
ablaufen. Wenn wir jetzt von einer wachsenden Globalisierung sprechen, dann meinen
wir damit, da8 sich Interdependenzen unmittelbarer und schneller bemerkbar machen«
(12). Nun ist es so, daß durch wachsende Globalisierung »räumliche und zeitliche
Distanzen so überbrückt (werden), da8 sie kaum noch Barrieren für das Handeln
darstellen« (12). So kommt es, da0 wirtschaftliche Transaktionen, politische Konflikte,
aber auch kulturelle Traditionen nicht mehr an bestimmte, fest umrissene Lebensräume
gebunden sind, sondern prinzipiell den ganzen Erdball mit einbeziehen.
Es gibt in der Soziologie eine breite Debatte über die Frage nach den Anfängen
dessen, was heute als »Globalisierung« bezeichnet wird. Trotz unterschiedlicher
Bewertungen bei den einzelnen Diskutanten können die Anfänge in der Zeit des Übergangs
vom Mittelalter zur Frühneuzeit gesehen werden. Somit bezeichnet die Rede von
der »wachsenden Globalisierung« eine fortschreitende Entwicklung der modernen
Gesellschaft bis zur gegenwärtigen Situation, die von Münch mit folgenden Worten
zusammengefaßt wird: »Die modernen Nationalstaaten haben sich im Verlauf der Modernisierung
als Zentren der Organisation des sozialen Lebens und der sozialen Integration
herausgebildet. Sie haben diejenigen Institutionen hervorgebracht, die in hohem
Maße Konflikte verarbeiten und soziale Integration sichern, individuelle Freiheit
und soziale Bindung im Gleichgewicht halten. Die Globalisierung des modernen Lebens
scheint jetzt ein Niveau erreicht zu haben, das immer mehr Zweifel an der Integrationsfähigkeit
der Nationalstaaten aufkommen läßt. Finanzmärkte, wissenschaftlich-technische
Entwicklungen, wirtschaftliche Transaktionen, das Investitionsverhalten von Unternehmen,
die Rekrutierung von Arbeitskräften, Kulturproduktion und Kulturkonsum, Tourismus
und ökologische Risiken überschreiten bei weitem die Grenzen von Nationalstaaten
und und bilden ein globales System interdependenter Handlungen« (415).
Nun erkennt Münch, daß vor allem die Entwicklung der Weltwirtschaft ohne Grenzen
die Souveränität der Nationalstaaten schwächt, aber gleichzeitig auch »Chancen
der substaatlichen Autonomie und der supranationalen und globalen 1ntegration«
(160) eröffnet. Genau an dieser Stelle setzt Münch mit seiner These von der »Dritten
Moderne« an. Diese Dritte Moderne, so Münch, entfalte sich »jenseits von Liberalismus,
Wohlfahrtsökonomie und Nationalstaat in einem System der globalen Interdependenzen«
(117).
Das Enwicklungsprinzip moderner Gesellschaften
Worum geht es konkret bei dieser Fassung des Modernitätsbegriffs? Nun, mit
der Rede von der dreifachen Stufung der Modernität versucht Münch, die Entwicklung
hin zur gegenwärtigen Gesellschaft so zu beschreiben, daß sie als Ergebnis von
menschlichem Handeln erkennbar wird. Dies geschieht in Auseinandersetzung mit
Niklas Luhmanns Theorie der funktionalen Differenzierung der modernen Gesellschaft
in autopoietisch operierende Teilsysteme. Gesellschaftliche Bereiche wie etwa
Ökonomie und Ethik werden nicht, wie bei Luhmann, als selbstreferentielle Systeme
voneinander »für immer geschieden« (68), sondern als Handlungsfelder interpretiert,
»in denen das Handeln, soweit es zum Erfolg kommen will, Eigengesetzlichkeiten
(Handlungslogiken) der Bewältigung von Knappheit und der Verständigung über ethische
Prinzipien in Rechnung stellen muß« (69). So kann Münch von der »Ausdifferenzierung
von 'relativ autonomen' Handlungsfeldern« (69) sprechen, die »durch die Herausbildung
entsprechender Institutionen« (69) ermöglicht wird.
Nun findet diese theoretische Fundierung der Moderne jenseits der Systemtheorie
ihre Pointe darin, daß sie die gegenseitige Durchdringung der unterschiedlichen
Handlungslogiken nicht nur zuläßt, sondern zum Entwicklungsprinzip moderner Gesellschaften
macht. So besteht die moderne Wirtschaft »gerade nicht einfach aus der hemmungslosen
Entfaltung von Erwerbstrieb und Utilitarismus, sondern aus der eigenartigen Kombination
einer religiös verwurzelten methodisch-rationalen Lebensführung mit der ökonomischen
Daseinsvorsorge« (70). Oder: »Der moderne Staat folgt keiner simplen Machtlogik,
sondern verbindet die Handhabung politischer Macht mit der Herrschaft des Gesetzes«
(70). Und weiter: »Die moderne Wissenschaft ist nicht als bloßes Experimentieren
zu verstehen, sondern als ein methodisches Verfahren, in dem die empirische Erfahrungsbildung
im rationalen Experiment eine enge Verbindung mit der systematischen Theoriebildung
eingeht« (70).
Vor diesem Hintergrund kann Münch sagen, daß »die Interpenetration (gegenseitige
Durchdringung; M.S.) von einander entgegengesetzten Eigengesetzlichkeiten des
menschlichen Handelns ein Bauprinzip der Moderne ist« (70). Durch Interpenetration
zweier unterschiedlicher Handlungslogiken »entsteht ein neues Handlungsfeld in
deren Interpenetrationszone, das fortan als Bindeglied zwischen den einander entgegengesetzten
Handlungslogiken dient« (71). Münch belegt diese These durch eine Analyse der
Interpenetration zwischen Ökonomie und Ethik innerhalb des Protestantismus: »Beispielsweise
bedeutete die Deutung der religiösen Bewährung als Bewährung im weltlichen Beruf,
die von Luther eingeleitet und vom Calvinismus noch radikaler gefaßt wurde, daß
nun die wirtschaftliche Tätigkeit als religiöse Ptlichterfüllung verstanden wurde
und ihren Gesetzen zu gehorchen hatte, andererseits aber die religiöse Pflichterfüllung
in die Bahnen der wirtschaftlichen Tätigkeit und ihrer Gesetzmäßigkeit gelenkt
wurde« (71). Und als direkte Folge davon: »Die Berufsaskese des Puritaners ist
genau das Interpenetrationsprodukt von Religion und Wirtschaft, das durch die
Entwicklung von der Lutherischen Reformation über Calvin bis zum Puritanismus
Schritt für Schritt herausgebildet wurde« (71).
Am Beispiel des Verhältnisses zwischen Ökonomie und Ethik erhärtet Münch seine
These von der Interpenetration als Bauprinzip der Moderne: »In diesem Sinne folgt
die Wirtschaft einem eigenen Code der permanenten Entscheidung zwischen 'zahlen'
und 'nicht zahlen'. Eine Voraussetzung dafür ist jedoch der Ausschlu0 von Eigentumserwerb
durch illegitime Gewalt, der auf der Institutionalisierung des Eigentumsrechts
beruht und nur in dem Ma8e Geltung besitzt, in dem letztendlich ein moralischer
Konsens der Gesellschaft über die Unantastbarkeit des persönlichen Eigentums besteht
und dieser Konsensus seinen rationalen Experiment eine enge Verbindung mit der
systematischen Theoriebildung eingeht« (70). Vor diesem Hintergrund kann Münch
sagen, daß »die Interpenetration (gegenseitige Durchdringung; M.S.) von einander
entgegengesetzten Eigengesetzlichkeiten des menschlichen Handelns ein Bauprinzip
der Moderne ist« (70). Durch Interpenetration zweier unterschiedlicher Handlungslogiken
»entsteht ein neues Handlungsfeld in deren Interpenetrationszone, das fortan als
Bindeglied zwischen den einander entgegengesetzten Handlungslogiken dient« (71).
Münch belegt diese These durch eine Analyse der Interpenetration zwischen Ökonomie
und Ethik innerhalb des Protestantismus: »Beispielsweise bedeutete die Deutung
der religiösen Bewährung als Bewährung im weltlichen Beruf, die von Luther eingeleitet
und vom Calvinismus noch radikaler gefaßt wurde, daß nun die wirtschaftliche Tätigkeit
als religiöse Ptlichterfüllung verstanden wurde und ihren Gesetzen zu gehorchen
hatte, andererseits aber die religiöse Pflichterfüllung in die Bahnen der wirtschaftlichen
Tätigkeit und ihrer Gesetzmäßigkeit gelenkt wurde« (71). Und als direkte Folge
davon: »Die Berufsaskese des Puritaners ist genau das Interpenetrationsprodukt
von Religion und Wirtschaft, das durch die Entwicklung von der Lutherischen Reformation
über Calvin bis zum Puritanismus Schritt für Schritt herausgebildet wurde« (71).
Am Beispiel des Verhältnisses zwischen Ökonomie und Ethik erhärtet Münch seine
These von der Interpenetration als Bauprinzip der Moderne: »In diesem Sinne folgt
die Wirtschaft einem eigenen Code der permanenten Entscheidung zwischen 'zahlen'
und 'nicht zahlen'. Eine Voraussetzung dafür ist jedoch der Ausschlu0 von Eigentumserwerb
durch illegitime Gewalt, der auf der Institutionalisierung des Eigentumsrechts
beruht und nur in dem Maße Geltung besitzt, in dem letztendlich ein moralischer
Konsens der Gesellschaft über die Unantastbarkeit des persönlichen Eigentums besteht
und dieser Konsensus seinen Niederschlag in allgemein geltenden Rechtsnormen findet,
die im Bedarfsfall mittels Sanktionen durchgesetzt werden. Insofern ist die sogenannte
Ausdifferenzierung der Wirtschaft ein ethisch begründeter Akt, ihre Stabilität
wurzelt in einem dauerhaften ethischen Konsensus« (73).
Aber noch in einem anderen, weniger formalen Punkt durchdringen sich Ökonomie
und Ethik, und gerade dort kann Münch seine These von der Entwicklung der Moderne
in drei aufeinanderfolgenden Stufen entfalten: Weil Münch auf dem Hintergrund
der o.g. Interpenetration zwischen Religion und Wirtschaft im Protestantismus
den Beruf als »Schnittstelle zwischen Ethik und Wirtschaft« (72) sieht, tritt
zum ethischen Konsens der Geltung von Eigentumsrechten gleichzeitig die Berufsarbeit
als Interpenetrationszone zwischen Ökonomie und Ethik. Die gegenseitige Durchdringung
beider Handlungslogiken im Feld der Berufsarbeit kann so vorgestellt werden, daß
zwar »jedes ökonomisch kalkulierende Handeln in wachsendem Ma8e ethischen Ma0stäben
zu gehorchen hat. Umgekehrt wird das ökonomische Rechnen zu einem Teil der Ethik.
Es gehört zur Berufsethik, richtig zu rechnen und sparsam mit vorhandenen Ressourcen
umzugehen. Das ökonomische Handeln bietet einerseits den Stoff, der ethisch geformt
wird, das ethische Handeln andererseits den Stoff, der durch das ökonomische Rechnen
seine Prägung erhält« (74f.).
Ethik unter dem Diktat der Ökonomie
Diese Interpenetration von Ethik (genauer: protestantischer Ethik) und Ökonomie
gab nun der Moderne ihre spezifische Prägung. In der Ersten Moderne des ökonomischen
Liberalismus und des liberalen Rechtsstaats war die Berufsarbeit »zur einzigen
Quelle der moralisch-ethischen Achtung geworden« (76). Diese individualistische
Berufsethik schuf durch die ihr immanente »Verknüpfung von Zahlung und Achtung«
(82) die ethische Grundlage des Liberalismus. Diese Grundlage
wurde in der Zweiten Moderne der Wohlfahrtsökonomie und des demokratischen Rechtsstaats
so weiterentwickelt, daß sich zwischen Ökonomie und Ethik »ein Geflecht
der moralisch-ethischen Zahlungen einer umfassenden Wohlfahrtsökonomie« herausschält,
»in dem Zahlungen aufgrund moralisch-ethisch begründeter Rechte empfangen und
aufgrund moralisch-ethischer Ptlichten geleistet werden« (83). So setzt sich in
der Wohlfahrtsökonomie »die Ethik selbst unter ein ökonomisches Diktat, weil sie
das ganze Leben der Gesellschaft zu einer Frage der Wohlstandsmehrung und -verteilung
macht. Die ethischen Maßstäbe werden auf die ökonomischen Notwendigkeiten eingestellt.
Gutes tun heißt, Leistungen zu erbringen, die wertschöpfend wirken, Arbeitsplätze
schaffen und auf diese Weise auch das Niveau der Sozialabgaben erhöhen. Die sachliche
Beurteilung der Leistungen selbst wird tendenziell in den Hintergrund gedrängt«
(83). Das Zynische an dieser Orientierung der Wohlfahrtsökonomie ist offensichtlich:
»Der Zigarettenkonsum erhöht die Zahl der Krebs und Herzkreislauferkrankungen,
der Waffenexport vermehrt die Zahl kriegerischer Konflikte in der Welt (...).
All diese wirtschaftlichen Aktivitäten treiben jedoch das Bruttosozialprodukt
in die Höhe und erlauben eine breite Versorgung der Bevölkerung mit Arbeitsplätzen,
Einkommen und Sozialleistungen. Der Waffenexport sichert die interne Solidarität
im Wohlfahrtsstaat auf höherem Niveau. Das gibt ihm seine ethische Rechtfertigung.
(...) Als ethisch gerechtfertigt gilt dann alles, was das Bruttosozialprodukt
nach oben bringt« (83f.).
So kann Münch von der Wohlfahrtsökonomie als dem »Glaubensbekenntnis der modernen
Gesellschaft« (84) sprechen und diagnostizieren, daß keine Nische der Gesellschaft
vom ökonomischen Denken unerfaßt bleibt: »Die Wirtschafts- und Finanzexperten
bilden in ihrer herrschenden Stellung eine stabile und auf breiter Basis stehende
Trägerschicht der ökonomischen Ethik. Die Herrschaft des ökonomischen Denkens
würde ohne diese Trägerschicht und ohne deren Funktion als Priester des ökonomischen
Glaubensbekenntnisses und Wächter üher die Einhaltung der ökonomischen Ethik nicht
denkbar« (85). Und für die Wohlgeordnetheit einer Gesellschaft auf dieser Grundlage
gilt: »Das Bruttosozialprodukt ist ein Wertmaßstab, mit dem sich das moralische
und ethische Wohlverhalten der Gesellschaft präzise messen läßt« (86).
Integration jenseits des Nationalstaats?
Hier soll nun keinesfalls der Eindruck erweckt werden, Münch reihe sich ein in
die lange Liste jener Kulturkritiker, die einem als idyllisch empfundenen vormodernen
Zustand der Gesellschaft nachtrauern und diesen zum Ideal aller zukünttigen Entwicklung
erheben. Ihm geht es lediglich darum, die Bewegungskräfte der Moderne zu erkennen
und so zu beschreiben, daß aus ihnen Nutzen für die theoretische Verarbeitung
der gegenwärtigen internationalen Umwälzungen gezogen werden kann. In diesem Sinne
begründet er die Durchsetzungsfähigkeit der Wohlfahrtsökonomie damit, daß sie
»als eine Basis begriffen wird, auf der alle anderen ethischen Gebote besser zu
erfüllen sind. Eine ständige Vergrößerung des zu verteilenden Kuchens mildert
Verteilungskonflikte, wirkt also befriedend, entschärft Notlagen, beseitigt Leiden,
schafft Freiräume und mehr Gleichheit für mehr Menschen« (86). Außerdem darf nicht
übersehen werden, daß Münch in der Nachzeichnung der Entwicklung des Verhältnisses
zwischen Ökonomie und Ethik die Richtung aufzeigen will, in der die modernen Gesellschaften
neue Institutionen herausbilden müssen. Da ist es einsichtig, daß vor allem in
der die Zweite Moderne auszeichnenden Symbiose von Wohlfahrtsökonomie und demokratischem
Rechtsstaat der Nationalstaat als diejenige Institution erscheint, die alle in
diesem Programm angelegten Integrationsleistungen ermöglichen kann. Vor allem
in seiner Rolle als Wohlfahrtsstaat ist der Nationalstaat »das in der Geschichte
am weitesten vorangeschrittene Projekt der sozialen Integration großer politischer
Einheiten« (160). Die Probleme beginnen und damit sind wir wieder am Anfang -
in dem Augenblick, wo der Nationalstaat durch veränderte Rahmenbedingungen seine
Integrationsfähigkeit einbüßt. Und genau dieses ist die Situation an der Schwelle
zur Dritten Moderne, wo sich die Frage stellt, »ob jenseits der Nationalstaaten
auf supranationaler und globaler Ebene sowohl die ökologische als auch die soziale
und kulturelle Sprengkraft des Kapitalismus neu unter Kontrolle gebracht werden
kann« (11).
Wie also kann jenseits des zum Wohlfahrtsstaat weiterentwickelten Nationalstaates
Integration gedacht werden? Sie kann, Münch zufolge, jedenfalls nicht so gedacht
werden, wie es die beiden durch Habermas und Luhmann repräsentierten Hauptströmungen
der gegenwärtigen Soziologie nahelegen, nämlich durch moralischen Diskurs im Rahmen
einer Theorie kommunikativen Handelns bzw. durch autopoietische Entwicklungen
in selbstreferentiellen Funktionssystemen: »Die moralischen Diskurse vergrößern
die Menge moralisch begründeter Rechte, ohne den Weg zu deren Einlösung unter
Bedingungen der Knappheit zu zeigen. Der Rekurs auf die Autopoiesis von 'Funktionssystemen'
überlä8t deren stets wachsende Schnittmenge dem Chaos eines neuen Naturzustandes
des Kampfes aller gegen alle ohne gemeinsame Regeln; er übersieht den enormen
Bedarf an Institutionenbildung über die Grenzen dieser Handlungsfelder hinweg«
(105).
Die Rolle der Kirchen in der Gesellschaft
Hier wird die Rolle der Kirchen für die gesellschaftliche Integration innerhalb
der Theorie Münchs deutlich. Die Leistung der Kirchen für die Integration in die
Weltgesellschaft ergibt sich gerade aus ihrem institutionellen Charakter. Die
Kirchen sind Institutionen, die nicht erst neu geschaffen werden müssen, und in
dem Maße, in dem sie sich »auf ihre öffentliche Rolle besinnen, können sie (...)
ihre Stimme in den öffentlichen Dialog mit der Politik über die moralisch-ethische
Gestaltung des modernen Lebens einbringen« (24'4). Nun ergibt sich aber aus dem,
was oben über den Zusammenhang zwischen Religion und Ökonomie in den unterschiedlichen
Stadien der Moderne gesagt wurde, da8 die Kompetenz zur moralisch-ethischen Gesellschaftsgestaltung
unter den Bedingungen der Globalisierung erst einmal wiedergewonnen werden muß,
denn der nationalstaatliche »Einklang von Moral, Ethik und Recht« (244) ist vor
allem durch die Globalisierung der Märkte aufgesprengt worden. Die dargestellte
Penetration zwischen Ethik und Ökonomie im Wohlfahrtsstaat kann für die Zukunft
nicht mehr vorausgesetzt werden; ein Umstand, der auch die Kirchen zwingt, ihre
Rolle in der Weltgesellschaft neu zu überdenken.
Münch beschreibt, wie die Kirchen die Globalisierung auf ihre eigene Weise wahrnehmen:
»Die bislang etablierten Staats- und Landeskirchen sehen sich einer wachsenden
Konkurrenz alternativer Sinnangebote ausgesetzt. Die modernen Gesellschaften bewegen
sich insofern auf einen religiösen Pluralismus als ein Aspekt des Multikulturalismus
zu. Unter Modernisierungsdruck müssen sich die Kirchen mit effektiven Marktstrategien
ihre Klientel sichern« (244). Münch benennt die drei derzeit erfolgreichen Marktstrategien
als 1. Modernisierung zur Servicestation für individuelle Heilsinteressen, 2.
Rückzug auf den Psychokult und 3. Politisierung durch religiösen Fundamentalismus.
Münchs Ergebnis der Erörterung dieser drei Marktstrategien läuft darauf hinaus,
da8 keine von ihnen zur Bewältigung der Modernitätskrisen beitragen kann: »Mit
der Modernisierungsstrategie mutiert. die Kirche zum Dienstleistungsunternehmen
und wird vom Modernisierungsprozeß aufgeschluckt. Damit verliert sie die Kraft
der Gestaltung dieses Prozesses nach moralischen Standards, vielmehr muß sie diese
den Modernisierungszwängen anpassen. Der Rückzug auf den Psychokult führt aus
der Gesellschaft heraus und überläßt die Modernisierung um so mehr ihrer ungebremsten
Eigendynamik. Der religiöse Fundamentalismus will den Staat übermächtigen und
versucht vergeblich, das Rad der Geschichte zu einer traditional-patriarchalischen
Lebensform zurückzudrehen, die im Widerspruch nicht nur zu den materiellen, sondern
auch zu den moralischen Errungenschaften der Moderne - individuelle Freiheit,
Gleichberechtigung, Pluralismus der Lebensstile - steht« (253). Welchen Weg aber
kann die Kirche gehen'? Die Kirche, so Münch, müsse grundsätzlich bereit sein,
»eine dem modernen Pluralismus angemessene offentliche Rolle zu spielen« (253).
Gleichzeitig aber muß die Gesellschaft auch bereit sein, den Kirchen diejenigen
Foren zur Verfügung zu stellen, in denen sie diese öffentliche Rolle auch ausüben
können. Als Aufgabe der Politik bedeutet dies, da8 diese zunächst einmal »aus
der Verstrickung in die reine Interessenbefriedigung nach per Stimmungsbarometer
ermittelter Wählermeinung durch die Stärkung von Foren des repräsentativen öffentlichen
Diskurses herausgelöst werden« (253) muß. Diese Foren des repräsentativen öffentlichen
Diskurses müssen, so Münch, jenseits des Schielens nach Wählermehrheiten dem Dialog
eine Chance geben. Da die Kirchen - anders als die Politik nicht unmittelbar von
der Stimmung im Wahlvolk abhängig sind, »können und sollen sie auch in besonderem
Maße unbequeme Positionen vertreten« (254).
Diese Forderung nach der Artikulation unbequemer Positionen begründet Münch vor
allem mit den Ergebnissen seiner Analyse des gegenwärtigen Zustandes des ethischen
Diskurses. So sei infolge einer ökonomischen Determinierung der Moral unter den
Bedingungen der globalen Konkurrenz in Wirtschaft, Technik und Wissenschaft »Innovation
(...) zu einem Wert an sich geworden« (257), was kaum noch die Frage nach der
Wünschbarkeit von Innovationen unter moralisch-ethischen Gesichtspunkten erlaube.
Am Beispiel der Reproduktionsmedizin zeigt Münch, daß dieser Innovationsdruck
auf eine utilitaristische Moral hinausläuft, »die den Nutzen der Lebenden zum
obersten Kriterium erhebt« (259). Eine utilitaristische Moral, so Münch, zerstöre
aber langfristig die gesellschaftliche Ordnung, weil sie in den Kampf aller gegen
alle führt. Daraus folgt dann letztendlich, »daß wir uns auf eine moralisch und
ethisch vollkommen deregulierte Welt zubewegen, in der nichts als das Gesetz des
Stärkeren gilt« (261). Hier wird vollends deutlich, daß sich auf dem Weg in die
Dritte Moderne die ökonomische Rationalität anschickt, bestehende moralische Eigengesetzlichkeiten
vollständig zu überlagern. Im Ergebnis bedeutet dies nichts anderes, als eine
Umkehrung des Interpenetrationsergebnisses von Ethik und Ökonomie, wie es sich
in der Ersten Moderne entwickelt hat: »Dem Marktgeschehen fehlt das Gegengewicht
der normativen Kontrolle. Das gesellschaftliche Leben gerät aus dem Gleichgewicht,
weil die Kräfte des Marktes die Oberhand über Religion, Moral, Ethik, Recht und
Staat gewinnen« (262). Den großen Fehler der Kirchen verortet Münch nun darin,
daß sie - sozusagen als Reflex auf diese Entwicklung - sich unter dem Druck der
Konkurrenz auf dem Weltanschauungsmarkt »unter die Fittiche der Unternehmensberater«
(262) begeben und sich »erfolgversprechende Rezepte von lean production, lean
management, Produktmarketing, Erlebnisvermittlung und Kundenpflege verschreiben
(lassen), um 'wettbewerbsfähig' zu bleiben« (262). Münchs Urteil über diesen Trend
ist hart, aber klar in der Sache: »Die Kirchen leisten auf diese Weise ihren eigenen
Beitrag zur Vereinheitlichung der Welt zu einem globalen Marktsystem, in dem nur
noch Interessen maximiert werden können, ihre Abstimmung aufeinander und ihre
Einfügung in ein Konzept des guten Lebens aber nicht mehr gelingt« (262).
Fazit Viele Fragen wären zu stellen, allen voran die nach der weltanschaulichen
Fundierung von Münchs hinter seiner Analyse stehenden Gesellschaftstheorie. In
vielen Punkten gibt er sich als Anhänger des Kommunitarismus zu erkennen und redet
allzu frei von »Gemeinsinn und sozialer Bindung« (252), die er offensichtlich
als menschliche Grundkomponente betrachtet. Von daher erscheint auch der »Staat«
stets als eine feste Institution, deren Konstitutionsbedingungen innerhalb einer
Theorie der Gesellschaft scheinbar nicht geklärt werden müssen. Trotz dieser Unklarheiten
bietet Münchs Buch spannende Lektüre und vor allem bedenkenswerte Anregungen.
In einer Zeit, in der das ökonomische Denken zum Siegeszug in alle Bereiche der
Gesellschaft ansetzt und auch die Kirchen längst erfaßt hat, kann es für in der
Kirche verantwortlich Handelnde heilsam sein, sich von einem Soziologen darauf
aufmerksam machen zu lassen, daß ökonomisches Denken und Handeln nur eine Form
des Interagierens in der Gesellschaft darstellt. Politisches und vor allem auch
religiöses bzw. ethisches Handeln muß in Zukunft seine Eigengesetzlichkeit stärker
hervorhehen. Wenn die ökonomische Theorie uns nicht mehr allein sagt, was wir
tun l-imnen, sondern auch, was wir tun sollen, dann verlä8t sie »den Pfad der
Wissenschaft und definiert, was richtiges Handeln und gutes Lehen sein sollen.
Sie mutiert von der Wissenschal't zur moralischen Instanz« (263). Die Kirchen
haben ihren Beitrag zu leisten zum Gelingen solcher Dialoge, die mit dem Ziel
geführt werden, die unterschiedlichen Bereiche der Gesellschaft wieder in ein
ausgewogenes Verhältnis zueinander zu hringen: »Wenn wir uns dem Diktat der Ökonomie
nicht vollkommen unterwerfen wollen, dann müssen enorme Anstrengungen auf die
Wiederherstellung des Einklangs von Moral, Ethik und Recht in der Verschränkung
der lokalen, regionalen, nationalen, supranationalen und globalen Ehenen der Politik
gerichtet werden« (263).
Münchs Buch lebt von der unerschütterlichen Zuversicht seines Autors in die Tatsache,
daß auch die Weltgesellschaft der Dritten Moderne durch menschliches Handeln gestaltet
wer den kann; dabei muß der Gestaltungsspielraum nicht zwangläufig durch ökonomische
Gesetzlichkeiten begrenzt werden. Um diese Begrenzung zu verhindern, bedarf es
funktionierender Institutionen, die jene in den anderen gesellschaftlichen Bereichen
geltenden Eigengesetzlichkeiten kultivieren und innerhalb der Gesellschaft ins
Gespräch bringen. Die Kirchen sollten sich ihrer großen Verantwortung an der Gesellschaft
endlich bewußt werden!
Martin Schuck
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