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Münsterstraße 21, 76829 Landau Warum nicht entschiedener und mutiger? Zur „Stellungnahme" der Synode zu „Europa" und „Wirtschaften
im Dienst des Lebens" vom 20. Mai 2005 Bei der Lektüre der „Stellungnahme", bei der ich mich im
wesentlichen auf den zweiten Schwerpunkt „Wirtschaften im Dienst des Lebens"
beziehe, habe ich mich gefragt, ob nicht das im Jubiläumsjahr der Protestation
vielseitig und inhaltsreich bedachte Protestantische fast ganz auf der Strecke
geblieben ist. Es scheint so, dass volkskirchliche Rücksichtnahme und
Verträglichkeit bei der Abfassung des Papiers Pate gestanden haben. Dieser
Eindruck wird verstärkt, wenn man das von der Generalversammlung des
Reformierten Weltbundes 2004 verabschiedete Papier „Bund für wirtschaftliche
und ökologische Gerechtigkeit" liest sowie die Arbeitshilfe des ÖRK bezüglich
dessen Vollversammlung 2006 mit dem Titel „Wirtschaft(en) im Dienst des Lebens -
Alternative Globalisierung im Dienst von Menschen und Erde"(AGAPE) zur Hand
nimmt. Diese Arbeitshilfe beruht auf den Ergebnissen einer Reihe ökumenischer
Studien und Konsultationen, die in den letzten Jahren in verschiedenen Regionen
der Welt zu der betreffenden Thematik durchgeführt wurden. Es scheint so, dass
die weltweit erreichten ökumenischen Einsichten und Positionen in der
„Stellungnahme" außer acht gelassen worden sind. Als erstes fällt auf, dass im Unterschied zu den beiden
genannten Dokumenten die „Stellungnahme" der Synode fast ausnahmslos auf eine
biblisch-theologische Begründung bzw. Aussage verzichtet. Vielleicht ist dies
mit ein Grund für die analytische Oberflächlichkeit und Blässe im Blick auf die
hinter dem Prozess der Globalisierung stehenden Triebkräfte und
Machtkonstellationen. Wird in der „Stellungnahme" davon gesprochen, dass die
„Schattenseiten (dieses Prozesses) unverkennbar" seien, so nennen die
ökumenischen Dokumente ungeschminkt Ross und Reiter. So heißt es im Dokument
des Ref. Weltbundes: „Darum
sagen wir Nein zur
gegenwärtigen Weltwirtschaftsordnung, wie sie uns vom globalen neoliberalen
Kapitalismus aufgezwungen wird. Nein aber auch zu allen anderen
Wirtschaftsformen, ... die Gottes Bund verachten, indem sie die Notleidenden,
die Schwächeren und die Schöpfung in ihrer Ganzheit der Fülle des Lebens
berauben. Wir weisen jeden Anspruch auf ein wirtschaftliches, politisches und
militärisches Imperium zurück, das Gottes Herrschaft über das Leben umzustürzen
versucht, und dessen Handeln in Widerspruch zu Gottes gerechter Herrschaft
steht." Auch die Arbeitshilfe des ÖRK identifiziert den Neoliberalismus als
„Die Ideologie, welche die Konzentration von vielschichtigen Machtstrukturen
begründet, vorantreibt und zu legitimieren sucht." Diese Ideologie, so urteilt
der Ref. Weltbund, „tritt mit dem Anspruch auf, alle Lebenssphären beherrschen
zu wollen und verlangt absolute Gefolgschaft, was einem Götzendienst
gleichkommt." Die negativen Einwirkungen des „Imperiums" auf Erde,
Menschen und das Leben insgesamt kommen in den Voten aus den Kirchen in den
verschiedenen Weltteilen zur Sprache. Das Synodalpapier verweist auf die
partnerschaftlichen Beziehungen der pfälzischen Landeskirche und bittet u.a.
Gemeinden und Einrichtungen „Anliegen und Äußerungen der Kirchen des Südens
aufzugreifen." Es ist anzunehmen, dass die „Stellungnahme" anders ausgefallen
wäre, entschiedener und mutiger, wenn die Stimmen der Partner, sowohl der uns
in der Pfalz besonders nahestehenden Partner, als auch der Partner in der
größeren Gemeinschaft des EMS bzw. des ÖRK, gehört und ernst genommen worden
wären. Berichte oder Äußerungen von pfälzischen Partnern der Landeskirche und
etlicher Gemeinden z.B. in Ghana, Westpapua/Indonesien, in Bolivien und auf den
Philippinen hätten der Synode überdeutlich machen können, welche gravierenden
Auswirkungen der Globalisierungsprozess für die allermeisten Menschen und den
Lebensraum in diesen Ländern mit sich bringt. Angesichts der Bedrohungen von „Gottes Haushalt des Lebens"
(ÖRK), kommt der „verwandelnden Gerechtigkeit" zentrale Bedeutung zu. Sie, die
Kirchen, werden aufgefordert „Gottes Reich der Gerechtigkeit und des Lebens für
alle selbst zu verkörpern". Sie werden aufgerufen sich „dem Kampf um
Gerechtigkeit anzuschließen, indem sie gegen ungerechte und destruktive Mächte
Widerstand leisten und mit anderen Glaubensgemeinschaften, Kulturen und
sozialen Bewegungen eine AGAPE-Gesellschaft aufbauen, ganz gleich ob der
Kampf auf lokaler, regionaler, kontinentaler oder globaler Ebene stattfindet"(ÖRK).
In der „Stellungnahme" wird das Wort „Gerechtigkeit" nur einmal im Zusammenhang
mit Frieden und Bewahrung der Schöpfung erwähnt. Das synodale Papier hätte
Tiefe erhalten, wenn wie im Dokument des Ref. Weltbundes „die Frage der
globalen wirtschaftlichen Gerechtigkeit eine für die Integrität unseres
Gottesglaubens und unserer Nachfolgegemeinschaft als Christinnen und Christen
grundlegende Frage" angesehen worden wäre. (Es wäre wohl schon, mehr erreicht
worden, wenn man sich an die Thesen von M. Gärtner zu „Menschenrechte und
Wirtschaftsinteressen" [Pfälzisches Pfarrerblatt, Nr. 5/2005] gehalten hätte.)
Dabei wäre vielleicht auch ein Stück „Demut" zum Ausdruck gekommen, in der wie
im Dokument des Ref. Weltbundes von der eigenen, der Christen und Kirchen
„Gefangenschaft", von „Mittäterschaft und Mitschuld" im gegenwärtigen
Wirtschaftssystem gesprochen wird. Eingeständnisse dieser Art kamen in unserer
Kirche schon zu Wort. Ich erinnere an das von der Landessynode 1993
verabschiedete „Memorandum zur Pfälzischen Union", in dem man in
protestantischer Freiheit feststellte: „Wir sind verstrickt in das Profit- und
Konsumstreben, das weltweit unterdrückende Abhängigkeiten geschaffen hat."
Ferner, wir sind zum kritischen Einspruch „gegen gesellschaftliche und geistige
Verknechtungstendenzen und zur Entlarvung ideologischer Glücksversprechen" befreit.
Solche Sätze sucht man vergeblich in der jüngsten Äußerung der Synode. Wie dramatisch und dringlich die Herausforderungen für
unsere Gesellschaft und für den gesellschafts- und weltdiakonischen Dienst der
Kirchen sind, mag ein Zitat aus dem kürzlich erschienenen, nachdrücklich zur
Lektüre empfohlenen „Report des Wuppertaler Instituts" mit dem Titel „Fair
Future" signalisieren. Es heißt da ganz dezidiert: „Es ist hohe Zeit das
Wohlstandsmodell der Industriemoderne auf den Prüfstand zu stellen. Mehr Gerechtigkeit
in der Welt ist auf dem Verbrauchsniveau der Industrieländer nicht zu
erreichen. So steht die Entwicklung an einem Scheideweg: Entweder bleibt die
Mehrheit der Welt vom Wohlstand ausgeschlossen oder das Wohlstandsmodell wird
so umgestaltet, dass alle daran teilnehmen können, ohne den Planeten ungastlich
zu machen." Die „Stellungnahme" der Synode ist an die Gemeinden und Einrichtungen der Landeskirche verschickt worden. Wie zu hören ist, sollen die gesamtkirchlichen Dienste die in der Synode verhandelten Schwerpunktthemen in ihre Arbeits- und Veranstaltungsprogramme aufnehmen. Es bleibt zu hoffen, dass bei der Umsetzung der Themen die internationalen, ökumenischen Gesprächsergebnisse sowie die aufrüttelnden Fakten und Folgerungen des Wuppertal Reports profiliert präsentiert und diskutiert werden. |