Dr. Michael Gärtner
Erzberger Straße 16, 67061 Ludwigshafen
Über
das Vertrauen
"Vertrauen ist gut, Vorsicht ist besser." Dieser Satz wird W. I. Lenin zugeschrieben
und ist für manche/n schon allein durch diese mögliche (und im übrigen nicht
nachweisbare) Herkunft diskreditiert. Nun sagt allerdings die Herkunft eines
Gedankens nicht per se etwas über seine Richtigkeit aus. Aber es geht mir gar
nicht um den Gegensatz von Vertrauen und Kontrolle. Das ist ein Thema für sich,
zu dem ich nur bemerken möchte, dass fast alle gesellschaftlichen Einrichtungen
mit Kontrollelementen ausgestattet sind - vermutlich aufgrund der Erfahrung,
dass der Eingangs zitierte Satz doch nicht ganz falsch ist.
Bemerken möchte ich eigentlich einige wenige Sätze zum Entstehen von Vertrauen,
zum Verspielen desselben und zum rechten Umgang mit noch vorhandenem.
Vertrauen kann man nicht einfordern oder einklagen, man kann sich nur darum
bemühen und es sich erwerben - schließlich bekommt man es geschenkt. Das ist
ein langwieriger Prozeß, bei dem beide Seiten viel geben. Er setzt vor allem
intensive und offene Kommunikation voraus. Wir alle kennen die Szene vom kleinen
Prinzen und dem Fuchs. Wie wenig selbstverständlich Vertrauen ist, macht der
auf den ersten Blick etwas übertriebene Ausspruch des schottischen Schriftstellers
George Macdonald deutlich, der einmal schrieb: "Vertrauen zu genießen ist ein
größeres Kompliment als geliebt zu werden."
Vertrauen ist ein verletzlich Ding. Es zu erhalten, bedarf fast genauso viel
Kommunikation und Offenheit wie es zu erwerben. Zur Offenheit gehört nicht nur,
dass ich die Wahrheit sage, von Anfang an und uneingeschränkt. Dazu gehört auch,
dass ich meine Motive offen darlege. Wie gesagt, das gilt für einen vertrauensvollen
Umgang miteinander. Der ist nur eine Spielart des Umgangs von Menschen miteinander,
eine recht seltene dazu. In der Regel kommunizieren Menschen auf der gesellschaftlichen
oder zwischenstaatlichen Ebene durch Austarieren von Interessen und Kräfteverhältnissen.
Wer Vertrauen im Umgang miteinander über den persönlichen Bereich hinaus wünscht
oder gar verlangt, wünscht sich ein Stück heile Welt nach dem Fall.
"Wenn man einmal das Vertrauen seiner Mitbürger verliert, kann man ihre Achtung
und ihr Ansehen niemals wiedergewinnen." Der Mann, von dem dieser Satz stammt,
Abraham Lincoln, ist als einer der großen Präsidenten in die amerikanische Geschichte
eingegangen. Mit wem man einmal schlechte Erfahrungen gemacht hat, dem vertraut
man nicht mehr so leicht. Mißtrauen ist Vertrauen im Erfahrungsformat.
Nun seien es genug der geistreichen Zitate. Vertrauen im Umgang kirchlicher
Institutionen, Gruppen und Gruppierungen miteinander ist nicht das, was die
Bibel mit Vertrauen meint. Da geht es in der Regel um das Vertrauen zu Gott.
Der christlichen Schwester und dem christlichen Bruder gegenüber wird lediglich
Liebe erwartet. Das läßt mich vermuten, daß George Macdonald doch recht hatte.