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Dr. Frank Vogelsang |
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Neuzeitlicher
Atheismus im naturwissenschaftlichen Gewand
Eine
Unterscheidung soll am Anfang stehen. Man muss die Naturwissenschaften als
Forschungsprozess von der Rezeption der Ergebnisse naturwissenschaftlicher
Forschung in der Öffentlichkeit unterscheiden. Deshalb ist im Titel auch die
Formulierung „Atheismus im naturwissenschaftlichen Gewand“ gewählt.
Naturwissenschaften und Atheismus sind weder identisch, noch sind sie notwendig
miteinander verknüpft. Ich werde aber zu zeigen versuchen, dass es, so wie die
Dinge stehen, zwischen beiden eine große Nähe gibt.
Ich werde
das folgende in fünf kurzen Abschnitten darstellen.
1. Zu der naturwissenschaftlichen
Forschung
Man kann
mit einem gewissen Recht die Behauptung aufstellen, dass die modernen
Naturwissenschaften notwendiger Weise einen methodischen Atheismus vertreten.
Mit dem Beginn der Neuzeit, der Zeit also, als sich auch die modernen
Naturwissenschaften zu entwickeln begannen, entstanden auch neuen Methoden der
Welterkundung. Die beobachteten Dinge wurden etwa auf bestimmte Eigenschaften
reduziert, also äußere Maße, Gewicht, Material. Diese Reduktion ermöglichte
eine Mathematisierung ihrer Beschreibung. Die neuen Methoden wurden nicht als hilfreiche
Erweiterung der bestehenden gesehen, sondern polemisch gegen alte
Erkenntnisformen gesetzt. Die ersten Wissenschaftler traten als Neuerer auf,
etwa Galileo Galilei: Er setzte das Erfahrungswissen gegen Bücherwissen, in den
Discorsi, einer seiner zentralen Schriften, tritt der
Neuerer Salviati gegen Simplicio
auf, der der alten Anschauung verhaftet ist. Der Anspruch der Neuerer war, ohne
Vorurteil, ohne traditionelle Vormeinung oder Dogma die Welt zu erkunden. Der
Naturrechtler Hugo Grotius hat für diese Haltung in
einem anderen Kontext die Formel „etsi deus non daretur“ gefunden,
eine Formel, die ja durch Bonhoeffer in den Tegeler Briefen wieder besonders in
Erinnerung gerufen wurde.
Was macht
die Naturwissenschaften aus? Naturwissenschaftliches Erkennen ist in seinem
Kern methodisches Erkennen. Die Methode ist keine Nebensache, sondern
Kernelement des Selbstverständnisses. Rene Descartes hat seine Schrift, in der
er dem neuen Wissen eine Grundlage geben wollte, „Discours
de la Methode“ genannt. Naturwissenschaftliches Erkennen hat darin eine
Stärke, dass es viele Bereiche der Wirklichkeit nicht in eine Betrachtung
einbezieht, sondern sich auf jene Eigenschaften der Dinge beschränkt, die bei
einer Versuchsanordnung wichtig sind. Symptomatisch steht für diese
Erkenntnishaltung der Labortisch. Es schafft eine von der Methode geforderte
künstliche Umgebung, in der die Wirklichkeit auf die kontrollier- und
reproduzierbaren Eigenschaften reduziert wird, die untersucht werden sollen.
Die
Ausrichtung auf die Methode und die Reduktion der Wirklichkeit ist nicht nur in
den experimentellen Naturwissenschaften wichtig. Sie gilt nicht nur in der
Physik, sondern auch in der Biologie, etwa in einer so komplexen Theorie wie
die Evolutionstheorie. Der Ansatz von Darwin ist ein Versuch, die Entwicklung
des Lebens allein auf jene Einflussfaktoren zurückzuführen, die man als kausale
Kräfte dieser Welt beschreiben kann, etsi deus non daretur. Die Entwicklung
des Lebens sollte nach Darwin, der sich auf eine Unterscheidung bezog, die auf
Thomas von Aquin zurückgeht, allein mit „sekundären Ursachen“
erklären lassen. Als „primäre Ursache“ dagegen gilt das Handeln
Gottes.
Die
Erklärung der Entwicklung des Lebens sollte also so möglich sein, dass man
nicht auf das Handeln Gottes zurückgreifen muss. Das ist absolut konsequent im
Selbstverständnis der naturwissenschaftlichen Forschung. Deshalb ist die Lehre
des Intelligent Design schon von ihrem grundsätzlichen Ansatz her gegen alle
Beteuerung ihrer Vertreter keine Wissenschaft. Wenn die wissenschaftliche
Forschung etwas nicht erklären kann, also auf ein offenes Problem stößt, dann
ist dieses offene Problem eine Herausforderung, die es mit weltlichen Mitteln
zu klären gilt, nicht aber Beweis für das Handeln Gottes. Im Übrigen ist der
Rückzug des Handelns Gottes auf das wissenschaftlich nicht Erklärbare auch eine
schlechte Theologie.
Gute
Naturwissenschaft forscht so, als ob es Gott nicht gäbe. Daran ist nichts
auszusetzen. Jetzt aber kommt die entscheidende Einschränkung: Eine reflektierte
Naturwissenschaft sagt aber nicht und kann es nicht sagen, dass es Gott nicht
gibt. Wer das behauptet, verlässt die wissenschaftliche Grundlage, er oder sie
redet dann nicht als Wissenschaftlerin oder Wissenschaftler, sondern als Mensch
mit einer weltanschaulichen Meinung. Das Arsenal der wissenschaftlichen
Methoden ist in keiner Weise geeignet, Aussagen über Gott zu machen.
Diese
methodische Strenge und Reflektiertheit zeichnet die Naturwissenschaften aus.
Dies geht zum Teil so weit, dass man etwa im kritischen Rationalismus das
gesamte wissenschaftliche Erkennen unter einem großen Vorbehalt stellt.
Theorien gelten nur so lange, bis sie widerlegt werden. Es sollte prinzipiell
möglich sein, alle wissenschaftlichen Theorien zu widerlegen. Zugespitzt formuliert:
erst die Widerlegbarkeit macht eine Vorstellung von der Welt zu einer
wissenschaftlichen Theorie. Alle wissenschaftlichen Aussagen haben
grundsätzlich eine Wenn-Dann-Form. Wenn man annimmt,
dass X stimmt, dann kann man folgern, dass Y nicht stimmt.
2. Zur öffentlichen Rezeption der
naturwissenschaftlichen Forschungsergebnisse
Der
entscheidende Übergang von der naturwissenschaftlichen Forschung zur
populärwissenschaftlichen Rezeption besteht darin, dass dieser Bezug auf die
methodischen Bedingungen des Erkennens fallen gelassen wird. Öffentlich werden
dann Aussagen der Art: „Die Wissenschaft hat herausgefunden,
dass...“ Wissenschaftliches Wissen
ist hier wahres Wissen über die Welt.
Nun sind
viele wissenschaftliche Erkenntnisse durchaus auch stabil und deshalb ist im
Alltag eine Vernachlässigung der Methoden auch gerechtfertigt. Etwa ist die
Schädlichkeit des Rauchens auch morgen noch wissenschaftlich richtig. Die
Berechnungen einer im 19. Jahrhundert gebauten Brücke erweisen sich auch heute
noch als gültig. Die Erkenntnis ist zwar mit einer bestimmten Methode gemacht.
Es gibt aber gute Gründe, warum man keine Details der Methode wissen muss und
doch dem Ergebnis trauen kann.
Es gibt
aber Bereiche der Wissenschaften, deren Erkenntnisse für unser umfassendes
Weltverständnis außerordentlich folgenreich sind. Dazu gehören insbesondere die
Kosmologie, die Evolutionstheorie, die Neurowissenschaften. Gerade hier sind
die methodischen Probleme und Einschränkungen ganz und gar nicht trivial. Man
kann die Regel aufstellen: Je umfassender der Anspruch einer wissenschaftlichen
Aussage wird, desto schwieriger wird die methodische Absicherung. Oft hängen
die umfassenden Aussagen an Intuitionen oder kulturellen Vorgaben, die
ihrerseits nicht mehr Teil der Wissenschaft sind. Auch Spitzenwissenschaftler
operieren dann mit Intuitionen, mit Eindrücken, Metaphern und Vorlieben. Das
berühmteste Beispiel: Einstein hat eine bestimmte Interpretation der
Quantentheorie abgelehnt, die davon ausgeht, dass man über Wahrscheinlichkeitsaussagen
nicht hinaus kommt. Er sagte apodiktisch: Gott würfelt nicht. In der Ablehnung
der Deutung über Wahrscheinlichkeitsaussagen scheint er nach dem heutige Stand
des Wissens geirrt zu haben.
Ähnliche
Vorstellungen beeinflussen auch die viele umfassendere Entwürfe etwa in der
Kosmologie. Eine oft gebrauchte Regel ist: Symmetrische Gleichungen sind besser
als unsymmetrische. Ein weiteres Beispiel von Leitideen, die nicht ihrerseits
empirisch bewährt sind, sind etwa neuere Theorien der Multiversen.
Hier versucht man, kurz gesagt, die lästige Kalkulation mit
Wahrscheinlichkeiten dadurch loszuwerden, dass man schlicht behauptet, dass bei
jedem Quantenprozess neue Universen entstehen. Da es
auf kleinstem Raum in einer Sekunde schon viele Milliarden Qantenprozesse
gibt, und bei jedem Prozess ein eigenes Universum entsteht, ist die Vielzahl
von Universen schon ziemlich unübersichtlich. Schließlich
kann man zu den umfassenden Erklärungsansätzen, die sich nicht nur aus
empirischen Erkenntnissen erschließen lassen, auch die Versuche hinzuzählen,
die Standardtheorie, die den Aufbau der Materie aus kleinsten Teilchen
beschreibt, auf eine umfassende Beschreibung der Welt auszudehnen. Gibt es eine
Weltformel? Die genannten grundsätzlichen Erwägungen lassen einen skeptisch
sein.
Das
Plädoyer ist also, immer sehr genau hinzusehen, wenn naturwissenschaftliche
Modelle zu sehr weitreichenden und umfassenden Erklärungen anheben. Dies gilt
insbesondere auch für die Evolutionsbiologie und für die Neurowissenschaften.
Beide legen in der öffentlichen Kommunikation eine Rahmenerklärung dessen nah,
was wir im Alltag erleben: Woher kommt das Leben, was ist das Bewusstsein?
Hieran können sich leicht Sinnfragen und weltanschauliche Fragen ankoppeln. In
der wissenschaftlichen Forschung weiß man dasjenige, das methodisch gesichert
gesagt werden kann, von dem zu unterscheiden, was das Bild spekulativ abrundet.
Umso mehr
ist es bedauerlich, wenn in der öffentlichen Kommunikation der Stand der
Forschung als eine nahezu vollständige Beschreibung der Welt ausgegeben wird,
wie sie angeblich in Wahrheit sei, wenn das gezeigte Bild als wissenschaftlich
bewiesen dargestellt wird. Viele verschwiegene weltanschauliche Anteile bleiben
da unerkannt, etwa bei den Darstellungen von der Entwicklung des Menschen als
Glied einer Reihe, die mit den Vorgängern der Affen beginnt, oder den
zahlreichen Bildern, die scheinbar klar objektive Vorgänge im neuronalen Gewebe
des Gehirns zeigen und damit das Denken als messbaren Prozess identifizieren.
Fasst man
all diese Beschreibungen mit ihren spekulativen Elementen zusammen, dann ergibt
sich daraus eine Rahmenerzählung, die einem recht simplen Naturalismus
gleichkommt. Naturalismus bedeutet die Reduktion der Wirklichkeit auf das
naturwissenschaftlich Beschreibbare. Was in dieser Reduktion verloren geht, ist
die Rückbindung der wissenschaftlichen Erkenntnisse an ihre jeweiligen Methoden,
mit denen sie gefunden wurden. Die naturwissenschaftliche Darstellung wird so
zu einer absoluten Darstellung der Welt.
Nun könnte
man einwerfen, es sei doch nur eine relativ kleine Gruppe von Menschen, die
sich für naturwissenschaftliche Ergebnisse interessiert. Tatsächlich ist eine
solche Vorstellung nicht richtig. Im Gegenteil, die Berichterstattung zu den
Wissenschaften hat in den letzten Jahren auf erstaunliche Weise zugenommen. Es
scheint also ein weit verbreitetes Bedürfnis zu geben, zu verstehen, wie die
Welt ist, in der wir leben. Einer Studie zufolge haben sich die Sendeminuten
für Sendungen zu Naturwissenschaften in ausgewählten Sendern von 2600 Minuten
1992 auf 4600 Minuten 1997 jeweils pro Monat erhöht. Es gibt in fast allen
Radiosendern wissenschaftsorientierte Beiträge, die Frankfurter Rundschau hat,
wie andere Tageszeitungen auch, dem Wissenschaftsseiten einen prominenten Platz
eingeräumt, eine große Anzahl von Magazinen ist entstanden, die sich
insbesondere an jüngeres Publikum richten (ein Blick in ein Bahnhofskiosk
genügt).
Ich habe
einmal die Fernsehsendungen zusammengestellt, die naturwissenschaftliche
Inhalte vermitteln und bin auf immerhin 19 Sendungen gekommen, von denen manche
täglich ausgestrahlt werden: Die Wunderbare
Welt (ZDF), Lexi-TV (MDR), Planet
Wissen (WDR), Quarks und co (WDR), Welt der Technik (N24), Abenteuer Leben täglich wissen (Kabel
1)Wissenshunger (VOX), Wissen
(N24), nano
(3 SAT), Galileo (PRO 7), Wissen macht Ah! (ARD), arte Wissenschaft (ARTE) Planetopia (SAT1) Welt der Wunder (RTL 2) Terra X (ZDF)
Abenteuer Forschung (ZDF) Abenteuer Wissen (ZDF) Wissen vor 8 (ARD), W wie
Wissen (ARD).
Dieses
umfassende Angebot deutet auf eine Neugierde, ist aber sicherlich auch Ausdruck
eines Bedarfs an Orientierung und Vergewisserung. Bei einem Besuch in einem
Berufsschulkolleg sagten die Religionslehrerinnen und -lehrer, dass ihre
Aussagen immer kritisch mit den Sendungen Galileo abgeglichen werden –
die Schüler nehmen die Aussagen der Sendungen als die Wahrheit, an der sich
andere Aussagen, wie die im Religionsunterricht messen lassen müssen.
3. Der Atheismus als scheinbar
zwangsläufige Konsequenz der Naturwissenschaften
Eine
weitreichende und in der Regel undifferenzierte Deutung der wissenschaftlichen
Forschungsergebnisse ist immer wieder eine argumentative Grundlage für einen
offensiven weltanschaulichen Atheismus. Dieser behauptet im Kern, dass die Ergebnisse
der Naturwissenschaften in der Summe nur eine Folgerung zulassen, nämlich die,
dass es Gott nicht gibt. Zwei Veröffentlichungen der letzten Jahre möchte ich
hier nennen: Richard Dawkins: „The God Delusion“
(die deutsche Übersetzung heißt: „Der Gotteswahn“), und das „Manifest
des evolutionären Humanismus“ der Giordano Bruno Stiftung.
Das Buch
von Dawkins war weltweit ein Bestseller und der Autor,
wie auch Daniel Dennett oder Christopher Hitchens,
beziehen im Namen einer wissenschaftlichen Aufklärung polemisch Position gegen
die Religionen. Die Religionen sind nach dieser Ansicht überkommene autoritäre
Strukturen, die vor allem negative Folgen haben (Intoleranz, religiöse Kriege,
Terrorismus, Autoritätsglauben) und die es zu überwinden gilt.
In Deutschland
ist eine solche religionskritische Haltung unter herausragenden
Wissenschaftlern weniger stark ausgeprägt. Dennoch haben sich viele
Naturwissenschaftler und Naturphilosophen in den letzten Jahren in der Giordano
Bruno Stiftung vereint.
Deren
Manifest, „Das Manifest des evolutionären Humanismus“, hat der Journalist Michael Schmidt Salomon
verfasst. Dort heißt es: „´Wissenschaft´ – kaum ein anderes Wort
ist mit der Fortschrittsverheißung der Moderne so eng verknüpft wie dieses.
Spätestens seit dem Zeitalter der Aufklärung gilt wissenschaftliche Erkenntnis
als der Königsweg zur Steigerung des allgemeinen Lebensstandards, zur Befreiung
von Aberglauben und Tradition, zur Lösung der großen Welträtsel“(S. 9).
Die Folgerung für die Gegner, die Vertreter von Religionen, ist klar: „Der
Protest der Gläubigen gegen die wissenschaftliche Unterweisung ihrer Kinder ist
nur allzu verständlich, denn nichts
enttarnt die Irrtümer der althergebrachten Welterklärungsmodelle schonungsloser
als die wissenschaftliche Erhellung der realen Sachverhalte“(S. 10).
Die
Argumentation ist deutlich: Weil die Wissenschaft festgestellt hat, wie Leben
sich entwickelt, und weil sie auch beschreiben kann, wie sich kulturelle Formen
entwickeln, deshalb muss man einsehen, dass erstens Religionen aus falschen
Behauptungen bestehen und dass sie zweitens als überholte kulturelle Formen
verstanden werden müssen. Die Giordano Bruno Stiftung ist 2004 gegründet
worden. Ihre Initiativen und Beiträge werden durch die Rezeption der naturwissenschaftlichen
Ergebnisse begründet, die die Vertreter weltanschaulich deuten. Es werden
Kinderbücher geschrieben („Wo bitte geht es zu Gott? fragte das kleine
Ferkel“) es werden Buskampagnen inszeniert („Es gibt [mit an
Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit] keinen Gott.“), Akademien
gegründet, sogar ein humanistischer Pressedienst wurde eingerichtet.
Ist dieser
Atheismus auf dem Vormarsch? Ich denke trotz all der geschilderten Aktivitäten
ist die Dynamik nicht hoch. Er wird von einer kleinen, allerdings in den letzten
Jahren aktiver und öffentlicher werdenden Minderheit vertreten. Man sollte aber
zwischen einem bewussten Atheismus und einer de facto Religionslosigkeit
unterscheiden; nur ersterer hat eine Botschaft und vertritt sie offensiv.
Es bleibt
in der Summe der Befund, dass der Atheismus, der sich in der Öffentlichkeit
artikuliert, eine klare weltanschauliche Basis hat, die er aus den
Naturwissenschaften meint ableiten zu können. Ich habe gerade angedeutet, dass
diese Behauptung nicht stichhaltig ist und auch argumentativ gut bestritten
werden kann.
4. Religionsskepsis angesichts der
Naturwissenschaften
Die
eigentliche Herausforderung besteht meiner Ansicht nach nicht in der kleinen
Gruppe der entschiedenen Atheisten, sondern vielmehr in der großen Gruppe einer
schweigsamen Mehrheit, die weit in die Kirchenmitgliedschaft hineinreicht.
So ist etwa
Religionslosigkeit in Deutschland ein breiteres Phänomen. In der Studie „Religionsmonitor“
der Bertelsmann-Stiftung wird die Gruppe der Religionslosen nicht als eine eigenständige
Überzeugung definiert, sondern ist die Gruppe, bei der alle religiösen
Indikatoren nur sehr gering ausgeprägt sind. Dabei zeigt sich, dass die Gruppe
der Menschen, die als religionslos eingestuft werden müssen, weder stark wächst
(Säkularisierung) noch schrumpft (Wiederkehr der Religion). Die Gruppe umfasst
etwa ein Drittel der Bevölkerung. Die Entwicklung orientiert sich an
langfristigen gesellschaftlichen Trends.
Die
allermeisten Zeitgenossen entscheiden sich für keine extreme Position; sie sind
weder besonders religiös (18%) noch nicht religiös (30 %). Hierbei handelt es
sich um die Hälfte der Bevölkerung.
Entscheidend
ist die Entwicklung dieses mainstreams: Hansjörg
Hemminger, Weltanschauungsbeauftragter der Württembergischen Landeskirche, hat
eine gute Beschreibung für die Charakterisierung der verbreiteten schwächeren
Form von Religiosität gefunden. Hiernach glaubt man in der Regel das, was
„passt“. Die religiöse Rede wird auf die Vereinbarkeit mit den
eigenen Erfahrungen und Weltvorstellungen hin geprüft. Wenn sie kompatibel
sind, dann werden sie übernommen, wenn nicht, bleibt man skeptisch. Was aber
sind die eigenen Erfahrungen und Weltvorstellungen? Wir leben in einer
technisch entwickelten Gesellschaft, in der wir tagtäglich erfahren, wie die
Dinge funktionieren und welches die Ursachen sind, wenn sie nicht
funktionieren. Die Welt wird im Rahmen dieser Erfahrungen vorgestellt, dabei
spielen die naturwissenschaftlichen Beschreibungen, wie dargestellt, eine große
Rolle.
Doch nicht
alle Erfahrungen der Menschen lassen sich so verarbeiten und einordnen; gerade
die existentiellen nicht wie Liebe, Geburt, Krankheit, Unglücke oder der Tod.
Deshalb gibt es auch keinen weit verbreiteten Materialismus, so wenig wie einen
weit verbreiteten Atheismus; die meisten Menschen haben nach wie vor die
Intuition, dass es mehr gibt, als die naturwissenschaftliche Rahmenerzählung
nahe legt. Aber sie haben keine Sprache mehr dafür, diese Erfahrungen zu
benennen, sie werden als persönliche, subjektive Erfahrungen abgewertet, die
vereinzelt der großen objektiven Deutung der Welt gegenüber stehen.
Im Fazit
gilt: Die öffentliche Rezeption der Naturwissenschaften konstruiert eine
Rahmenerzählung, mit der religiöse Vorstellungen nur noch sehr wenig kompatibel
sind. Die Akzeptanz der religiösen Rede wird deshalb problematischer –
nicht unmöglich, aber komplizierter. Am Ende steht nicht der Atheismus, sondern
eine unspezifische Religionslosigkeit oder aber eine Patchwork-Religiosität,
die von vielem etwas aufnimmt.
5. Welche Möglichkeiten hat die
christliche Theologie?
Die
Theologie reflektiert den christlichen Glauben mit wissenschaftlichen Mitteln.
Sie hat immer auch eine apologetische Funktion, soll also für die Wahrheit und
Verständlichkeit der Rede von Gott gerade bei jenen Menschen werben, die der
Gemeinde nicht angehören, und natürlich auch jene stärken, die in der Gemeinde
sind. Nun ist die Rede von Gott unter den geschilderten Bedingungen eines
verbreiteten Naturalismus aber immer weniger anschlussfähig geworden. Kämpft
also die Theologie damit nicht auf verlorenem Posten?
Ich denke
nein. Denn es gibt eben jene Erfahrungen, die einem nahe gehen, wo man die Welt
nicht wie in naturwissenschaftlicher Weise distanziert und methodisch
kontrolliert sieht, sondern sie ganz anders und nah erleben kann. Auch heute
gibt es die Möglichkeit starker Erlebnisse oder die Begegnung mit Menschen, die
als Vorbild dienen können. Es geht also darum, an den erwähnten Intuitionen und
Erfahrungen der Menschen anzuknüpfen, die schon jetzt dafür sorgen, dass eine
skeptische Distanz gegenüber einer reduzierten und naturalistischen Darstellung
der Wirklichkeit bestehen bleibt. Die Intuitionen beruhen auf
Lebenserfahrungen, an denen wir unmittelbar beteiligt sind.
Ich möchte zum
Schluss für ein erweitertes Verständnis der Wirklichkeit plädieren, das über
das naturwissenschaftlich Belegbare hinausgeht. Der entscheidende Gedanke, der
im Mittelpunkt steht, ist der, dass wir endliche leibliche Wesen sind, die sich
mitten in dem befinden, was sie erkennen wollen. In einer Metapher ausgedrückt:
Wir können uns die Wirklichkeit nur von innen her erschließen, wir können sie
uns nicht von außen ansehen. Genau das letztere aber ist der Erkenntnismodus
der Naturwissenschaften: die Wirklichkeit so betrachten, als sei man selbst
nicht beteiligt. Dies ist eine andere Formulierung des Gebots der Objektivität.
Wenn wir
nun die Naturwissenschaften als wissenschaftliche Forschung akzeptieren und
zugleich ihr eine vollständige Deutung der Wirklichkeit absprechen, müssen wir
eine Unterscheidung innerhalb der Wirklichkeit machen und diese Unterscheidung
begründen. Die Unterscheidung kann keine Unterscheidung sein, die der
Wissenschaft Grenzen setzt, dass sie die Wirklichkeit in die Dinge teilt, die
die Naturwissenschaften untersuchen können und die Dinge, die sie nicht
untersuchen können. Alle Versuche, solche Erkenntnisgrenzen der
Naturwissenschaften zu behaupten, sind in der Vergangenheit gescheitert, sei es
bei dem ganz Kleinen, dem ganz Großen oder dem ganz Komplizierten. Im Übrigen
widerspricht es vollkommen dem berechtigten Selbstverständnis der
Naturwissenschaften, dass sie natürlich offene Probleme kennen, aber keine
absoluten Erkenntnisgrenzen.
Ein
ungelöstes Problem ist eine Herausforderung, aber keine absolute Grenze. Die gesuchte
Unterscheidung innerhalb der Wirklichkeit ist also keine zwischen Dingen, aber
es ist eine Unterscheidung zwischen der Art der Zugänge, der Erkenntnisformen,
der Methoden. Die Unterscheidung basiert auf einer genaueren Betrachtung und kritischen
Selbsteinschätzung der menschlichen Erkenntnisfähigkeit. Es gibt dann Bereiche
der Wirklichkeit, die die Naturwissenschaft mit ihren Methoden untersuchen
können, und Bereiche der Wirklichkeit, wo die Erklärungskraft ihrer Methoden
geringer wird.
Jedoch
müssen wir uns und auch andere ermutigen, diese Differenz, also die
Erfahrungen, „die einem nahe gehen“, nicht nur als subjektive,
private oder irrationale Erfahrung zu deuten, sondern als eine legitime
Erfahrung der Wirklichkeit, wie sie ist.
Die naturwissenschaftliche
Forschung ist an objektivierende Methoden gebunden ist, deshalb wird sie all
jene Erfahrungen, die einem nah kommen, die unter die Haut gehen, nicht
angemessen beschreiben können. Entscheidend ist nun, dass es hier um Erfahrungenqualitäten geht, die jeder und jede nur bei sich
selbst erleben kann. Die Reaktionen der Versuchsperson X in einem Versuch kann
man mit allgemeinen Methoden beschreiben, die Qualität des Erlebens aber kennt
nur die Versuchsperson selbst. Es ist eben etwas anderes, ob man Liebe
naturwissenschaftlich über die Darstellung der Körperprozesse analysiert oder
ob man sie erfährt. Diese unvertretbare, persönliche Erfahrung sagt uns aber
auch etwas über die Wirklichkeit, in der wir leben, und das, was sie uns sagt,
hat gegenüber der naturwissenschaftlichen Beschreibung eine Eigenständigkeit.
Wenn wir
uns ein Bild von der Wirklichkeit machen wollen, sind wir notwendiger Weise
Beteiligte. Wir können zwar den einen oder anderen Aspekt der Wirklichkeit
betrachten, als seien wir nicht beteiligt, das gilt aber nicht für die
Wirklichkeit im Ganzen. Wir können, in der Metapher des Raumes gesprochen, die
Wirklichkeit nicht von außen, sondern nur von innen erschließen. Ein von den
Naturwissenschaften beeinflusster Zeitgeist geht aber genau davon aus, dass wir
uns die Wirklichkeit so ansehen können, als seien wir externe Beobachter. Genau
das ist der Modus des Nachdenkens über unsere Wirklichkeit in der populären
Wissenschaftsdarstellung. Sie finden hierfür immer wieder Indizien, wenn sie
Bilder betrachten, die die Ergebnisse der Naturwissenschaften veranschaulichen
sollen. Diese Bilder sind alles andere als harmlos. Sie sehen zum Beispiel den
Urknall von außen – von wo? Sie sehen die Entwicklung des Menschen in
einer Reihe hin zum homo sapiens sapiens –
wiederum muss man fragen: Von wo aus, sind wir nicht Teil dieser Reihe?
Hier gilt
strikt die kritische Regel: Nur als Menschen können wir die Welt erkunden. Wir
sind kein Weltgeist, haben keinen ungestörten Ausgangspunkt unserer Erkenntnis,
sondern befinden uns immer schon mitten drin. Wir können uns wohl distanzieren,
aber wir können uns nicht abkoppeln. Immer bleibt eine verschwiegene Verbindung
mit der Welt, die sich unserer Aufmerksamkeit entzieht. Wir sollten deshalb
selbstkritisch genug sein, um zu erkennen, dass wir selbst durch eine für uns
selbst nicht mehr erkennbare Art und Weise einen Einfluss auf das haben, was
wir erkennen wollen und dass das, was wir erkennen wollen, einen uneinholbaren
Einfluss hat auf uns. Wir sind viel zu stark in der Wirklichkeit eingebunden,
in der wir leben, als dass wir uns genügend von ihr distanzieren könnten. Deshalb
ist die wissenschaftliche Methode, die von der Trennung von Beobachter und
Beobachtetem ausgeht, nicht in der Lage, ein vollständiges Bild von der
Wirklichkeit zu liefern. Unsere Beteiligung erfahren wir etwa in den Gefühlen
und Atmosphären, die wir nicht objektivieren können. Und doch sind auch sie
Teil unserer Wirklichkeit.
Der Autor ist Direktor der
Evangelischen Akademie im Rheinland. Die Veröffentlichung wurde vorgeschlagen
von Frank-Matthias Hofmann,
Johanna-Wedel-Straße 15, 66119
Saarbrücken.
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