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Wolfgang Kohlstruck

Joseph-Neumayer-Straße 97, 65657 Kaiserslautern

 

Die KTA – Gemeinschaft und Machtkritik

 

 

Dr.  Alfred Hans Kuby in Dankbarkeit gewidmet.

 

Mit den folgenden Darlegungen ist nicht beabsichtigt die Geschichte der Kirchlich-Theologischen Arbeitsgemeinschaft der Pfalz (KTA) darzustellen. Vielmehr wird versucht, in einer Skizze die Eigenart dieser Gruppe, die inzwischen 63 Jahre besteht, zu umreißen. Dabei wird versucht, möglichst viele Aspekte des Phänomens KTA in den Blick zu bekommen, darunter nicht zuletzt die Bedeutung, die die Mitarbeit in der Gruppe für die Teilnehmenden hatte.

 

Im Vorfeld haben wir an einige KTA-Mitglieder die Bitte gerichtet, zum Thema „Die KTA als Raum und Möglichkeit, in der Kirche meinen Ort und meine Rolle zu finden“ Stellung zu nehmen. Dankenswerter Weise haben fünf Personen darauf geantwortet; die Beiträge wurden im Pfälzischen Pfarrerblatt veröffentlicht1. Auf sie wird im Folgenden Bezug genommen.

 

Diese Beiträge haben, entsprechend der Themenstellung alle einen sehr persönlichen Charakter. Neben dem Vermächtnis von Walter Ohler, der nicht mehr unter uns weilt, steht der Bericht von Barbara Kohlstruck, der mit einer Kindheitserinnerung beginnt und in Fragen an den künftigen Weg der KTA schließt. Kurt  Schneider skizziert seinen Weg vom Kommunismus zum Prädikanten der Landeskirche und die Bedeutung der KTA für seine Entscheidung. Waltraud Bischoff ist – ziemlich – zufrieden mit der KTA als Pressure group in der Synode. Volker Hörner bettet seinen Beitrag in eine aufschlussreiche zeitgeschichtliche Skizze.

 

In allen Äußerungen wird begrüßt, dass die KTA ein Ort der offenen Diskussion und Meinungsbildung ist. In der Anfangszeit der KTA nahm dabei die gemeinsame Vorbereitung der Predigt des nächsten Sonntags einen wichtigen Platz ein. Innerkirchliche und gesellschaftliche Themen haben inzwischen mehr Gewicht bekommen. Ein Beitrag lobt die Fairness bei der Diskussion von Personalfragen.

 

Die Beiträge gehen einmütig davon aus, dass die Kirche um des Evangeliums willen eine Mitverantwortung für den Weg der eigenen und der Weltgesellschaft hat. Darum muss sie sich am gesellschaftlichen Diskurs über das, was der Gerechtigkeit, dem Frieden und der Bewahrung der Schöpfung dient, beteiligen.

 

Viele Beiträge betonen, dass in der KTA die Spannung zwischen theologischer Erkenntnissen und den kirchlich-pfarramtlichen Möglichkeiten, diese umzusetzen, gesehen und ernst genommen wird. Dass sie in der KTA Frauen und Männern begegnen, die diese Spannung in gleicher Weise empfinden, macht es ihnen möglich, diese auch selbst  auszuhalten, die „Sehnsucht nach Gerechtigkeit“ nicht zu unterdrücken und über allem leidenschaftlichen Einsatz zu wissen, dass „nicht alles von uns abhängt“.

 

Ein Element in mehreren Beiträgen ist besonders beachtenswert, weil es im theologischen Diskurs bislang  kaum aufgegriffen wurde: Die Betonung der Erfahrung, persönlich akzeptiert zu sein. Wenn das gemeinsame thematische Arbeiten auch nicht immer zu befriedigenden Ergebnissen führt, wird es dennoch positiv bewertet: Die Gruppe „diskutiert offen“, auch hinter einer rauen Schale („theologische Prügelstrafe ist gängige Praxis“) ist „Wertschätzung und Freundschaft“ zu spüren, man weiß sich „gemeinsam auf der Suche nach Wahrheit“ und hat „Bereicherung in der Solidarität“, ja „so etwas wie Heimat“ gefunden.

 

Hier wird das Erleben einer verlässlichen Gemeinschaft umschrieben. Die Vereinzelung, die gerade auch die Pfarrer-Existenz charakterisiert, ist aufgehoben. Mit großem Nachdruck hatte es im programmatischen „Rundschreiben der KTA vom 12. 12. 1945“ geheißen: „Der tiefste Grund zur Gründung der Arbeitsgemeinschaft ist der Wunsch und das Bedürfnis nach dieser geistlichen Gemeinschaft mit den Brüdern im Amt der Verkündigung. […] Die ermüdende Einsamkeit des Alleingelassenen ist vielleicht die schwerste Krankheit unserer Landeskirche“2. Diese Zielsetzung hat die KTA offenbar für viele ihrer Glieder erfüllt.

Einen Eindruck von dem breiten Diskussions- und Informationsangebot der KTA in ihren frühen Jahren gibt Hans Alfred Kuby in seinem Leserbrief an den Ev. Kirchenboten 3. Der Themenkreis war  groß: „Pfälzischer Katechismus“, „Die sogenannte Judenfrage“, „Walter Dirks und die Frankfurter Hefte“.

 

Und wie stellte sich die KTA nach außen dar? Im Mittelpunkt der Leitsätze vom 14. November 1945 steht die Forderung nach einer Erneuerung der Pfälzischen Landeskirche; sie forderte ein völlig verändertes Gemeinde- und Kirchenverständnis auf der Grundlage der Barmer theologischen Erklärung4. Sie stieß mit dieser Forderung in den ersten Nachkriegsjahren auf einen zähen Widerstand, weil auch und gerade in der Kirche eine Geisteshaltung dominierte, die sich weigerte, tiefer greifenden Veränderungen zuzustimmen, die sich als Konsequenz aus dem totalen Zusammenbruch am Ende der Hitler-Diktatur aufdrängten.

 

Dieselbe Haltung – „Weiter-wie-bisher“ – war  auch der Boden, auf dem gesellschaftliche  Entscheidungen wuchsen, denen die KTA, gemeinsam mit den ebenfalls an „Barmen“ orientierten Gruppen in anderen Landeskirchen, ihr Nein entgegensetzte: Die Wiederbewaffnung Westdeutschlands, die Forderung nach Atomwaffen in deutscher Hand, die Fortsetzung des bürgerlichen Antikommunismus mit staatlichen Mitteln, die Nutzung Westdeutschlands als Standort einer verstärkten Aufrüstung der Nato.

 

Auch das Ja der KTA zur Verantwortung der Industrienationen gegenüber der Dritten Welt, wie sie der Ökumenische Rat unter anderem mit seinem Antirassismusprogramm forderte, stieß im kirchlichen Raum zunächst auf erhebliche Bedenken, die sich aus der Furcht vor revolutionären Entwicklungen in der Dritten Welt nährten.

 

Der rote Faden, der theologische und gesellschaftliche Stellungnahmen der KTA verbindet, ist in vielen Fällen eine Machtkritik, die dort das Wort nimmt, wo in Kirche und Gesellschaft von den Verantwortlichen Veränderungen abgelehnt werden, für die es aus dem Evangelium gute Gründe gibt. Bei solcher Kritik kann die KTA sich ebenso auf die Barmer Thesen, wie auf  Matth. 28, 18 berufen.

 

Diese Machtkritik ist nichts anderes als der in der Kirchengeschichte als der Wirkungsgeschichte des Evangeliums immer wieder aufbrechende prophetische Einspruch gegen Entwicklungen und Strukturen, in denen das große Ja Gottes zum Menschen preisgegeben wird zu Gunsten einer selbstgefälligen Fortsetzung des Überkommenen.

 

Wer derart eine Kontinuität des Profils der KTA behauptet, darf freilich eine nicht unwesentliche Diskontinuität übergehen. Es ist dies die Haltung der KTA zum Problem des theologischen Pluralismus. Nachdem seit den Zeiten der römischen Reichskirche die Durchsetzung von Formeln eines einheitlichen  Bekenntnisses, wenn nötig auch Mitteln der staatlichen Gewalt, Grundsatz geworden war, war der Weg zur Entwicklung einer Theorie eines christlichen Pluralismus innerhalb eines Kirchentums verbaut. – Diese Tradition fand die KTA vor und hat sich in ihr bewegt: „Aus der richtigen Theologie ergibt sich das richtige Bekenntnis und daraus das richtige Handeln.“

 

Mit dem Kompromiss, bei die Wahl des Kirchenpräsidenten den Kandidaten einer anderen Synodalpartei – mit einer anderen Theologie – zu unterstützen, wenn diese im Gegenzug der Wahl des KTA-Kandidaten zum Oberkirchenrat zustimmt, hat die KTA Anfang der siebziger Jahre ihre grundsätzliche Weigerung, sich an der Leitung der Landeskirche maßgeblich zu beteiligen, aufgegeben. Diese Entscheidung war heftig umstritten, aber sie machte es möglich, dass ein Teil der KTA-Vorstellungen von der Gestaltung der kirchlichen Leitungsaufgabe verwirklicht werden konnte.

 

War diese Entscheidung  „rein pragmatisch“ oder auch theologisch reflektiert?5

Kaum jemand wird bestreiten, dass die KTA in der Geschichte der Evangelischen Kirche der Pfalz  der letzten Jahrzehnten eine nicht zu übersehende Rolle gespielt hat. Ob man ihren Weg billigt oder sie nur als störendes Element betrachtet – eine künftige Kirchengeschichtsschreibung kann sie nicht übergehen. Damit stellt sich aber auch die Frage ihrer begrifflichen Einordnung6. Die KTA war und ist mehr als eine Synodalpartei, wenn diese parlamentarische Begriffsbildung überhaupt zugelassen wird. Ihre Mitglieder widersprechen auch, wenn man sie als Gruppe von Anhängern eines bestimmten Theologen und seiner Theologie, nämlich die von Karl Barth beschreibt. Auch wenn dieser vor allem in den ersten Jahrzehnten einen gewichtigen Einfluss hatte, gab es bereits damals KTA-Freunde, die ihre „theologische Identität nicht in einer Barth-Schülerschaft gefunden hatten.

 

Dietrich Bonhoeffer hat in seinem theologischen Erstlingswerk „Sanctorum Communio“ 1930 den Versuch gemacht, den theologischen Kirchenbegriff mit der wissenschaftlichen Sozialforschung in Beziehung zu setzen. Dabei stößt er auf die Unterscheidung von Gemeinschaft und Gesellschaft, die Ferdinand Tönnies 1887 vorgetragen hat und die Bonhoeffer als „geniale Entdeckung“ begrüßt.7 Bonhoeffer schließt seine Untersuchung mit der Feststellung: „In der geistbegründete(n) empirische(n) Kirche“ „durchdringen sich wirklich Gemeinschaft, Gesellschaft und Herrschaftsverband aufs innigste“8.

 

Die Dichotomie  Tönnies’ wurde durch die Soziologie des 20. Jahrhunderts ihrer romantischen Anklänge entkleidet und z. B. durch C. H. Cooley 1963 mit dem Begriffspaar primäre und sekundäre Gruppen sachlich präzisiert. Primäre Gruppen sind charakterisiert durch unmittelbare persönliche Beziehungen, ein Wir-Gefühl und bieten ihren Gliedern eine hohe Integration. Sekundäre Gruppen sind gekennzeichnet durch einen strengen Bezug auf ein Ziel, kennen Satzungen und  Kompetenzordnungen, ihre Mitglieder haben keine persönlichen Beziehungen zu einander9.

 

In dieser Terminologie kann man die KTA als Primärgruppe bezeichnen, die in Teilen aber auch als Sekundärgruppe funktioniert. Die „örtlichen Arbeitskreise innerhalb einzelner Bezirke“, von denen die „Leitsätze der KTA“ 194510 reden und die später als Zusammenkünfte auf der landeskirchlichen Ebene die am meisten benutzte Arbeitsform sind, weisen in der Tat die oben angeführten Merkmale auf. Auch die oben erwähnten Darstellungen von persönlichen Erfahrungen bestätigen dies.

 

Blickt man auf die Zielsetzung der KTA, so erkennt man dort aber auch typische Merkmale einer Sekundärgruppe: Sie organisiert sich rational durch die Erteilung von Aufträgen, sie formuliert ihre Zielsetzung und sie nimmt formelle Beziehungen zu anderen Gruppen auf. In den Erinnerungsberichten überwiegen allerdings die Merkmale einer Primärgruppe.

 

Erich Müller-Gangloff 11 hat in der Reihe „Theologie für Nichttheologen“12 1964 den Beitrag „Gemeinschaft“ verfasst. In ihm vertritt er die Auffassung, dass im Protestantismus „in einer naiven Verabsolutierung des Parochialdenkens“ „die Gemeinde als gültige Erscheinungsform der Kirche schlechthin angesehen“ wird. Da diese aber nicht als Gemeinschaft existiert, läge hier ein wesentlicher Mangel des protestantischen Kirchentums. Das habe „mit dem fehlenden oder verloren gegangenen Weltbezug des Evangeliums“ zu tun. Es sei zu fragen, ob nicht den „Verlust der Kommunität“ „wettzumachen […] unsere vordringlichste Aufgabe wäre“. – So gesehen, ist es gerechtfertigt, Gemeinschaftsbildungen wie der KTA einen wesentlichen ekklesiologischen Ort zuzuerkennen. „Gemeinschaft“ als Gattungsbegriff hat eine Chance, in die wissenschaftliche Nomenklatur aufgenommen zu werden.

 

Gibt man dem Grundwort der Selbstbezeichnung der KTA, „Gemeinschaft“, einen nicht romantisch eingefärbten Sinn, dann weist die Selbstbezeichnung durchaus den Weg auch zu einer kategorialen Einordnung dieser pfälzischen Gruppe von Theologen und Nichttheologen eben als „Gemeinschaft“. Eine ergänzende Definition ergibt sich außerdem durch die Verbundenheit der KTA mit den „Kirchlichen Bruderschaften“ im Deutschland der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, an deren Namen uns heute nur die männliche Begrenztheit stört.

 

Dem „Geist der KTA“ entspricht es nicht, eine Skizze, wie ich sie hier vorlege, mit einem panegyrischen Abschluss zu versehen. Das schließt aber nicht aus, dass wir KTAler der zweiten Generation den Vätern der KTA unseren Dank abstatten, die uns in dieser Arbeitsgemeinschaft willkommen geheißen und „so etwas wie Heimat“ angeboten haben.

 

 


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1Pfälzisches Pfarrerblatt (PfPfBl) 2006, S. 478 ff., 536 ff.,  2007, S. 101ff., 164ff.

2 Amtsblatt der Ver.-prot.-christl. Kirche der Pfalz („Amtsblatt“) 1945, S. 78

3 Ev. Kirchenbote Nr. 22 / 2005 vom 29. 5. 2005

4 Amtsblatt 1945, S. 70

5 Wie wichtig eine theologische Reflexion sein kann, lässt sich an der pfälzischen Kirchengeschichte in der zweiten Hälfte des 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts erkennen: Sie ist bestimmt durch die verbindliche Absprache zwischen den beiden damals bestehenden Kirchenparteien, den Liberalen und Positiven, sich bei aller Verschiedenheit wechselseitig anzuerkennen, was zu einer alternierenden Besetzung bestimmter Stellen führte. Nur pragmatisch verstanden entwickelte diese Praxis keine Strahlkraft über ihr unmittelbares Anwendungsgebiet hinaus.

6 Vgl. Martin Schuck in PfPfBl 2006, S.330f und Ev. Kirchenbote 20/2005 (15.5.05) S. 21

7 Dietrich Bonhoeffer, Werke I, 1987, S. 57

8 Bonhoeffer a.a.aO. S. 183. Da Bonhoeffer allerdings von einem abstrakt-theologischen Kirchenbegriff ausgeht, hat er keinen Anlass, seine Erkenntnis für die konkrete Gemeindewirklichkeit fruchtbar zu machen.

9 Vgl. Jakob Wössner, Soziologie, 1973, S. 102 f.

10 Amtsblatt 1945, 70

11 Erich Müller-Gangloff, geb. 1907 in Roth, Pfarrei Gangloff, Kreis Kusel, gest. 1980 in Berlin, Historiker und erster Leiter der Ev. Akademie Berlin, Mitbegründer der Aktion Sühnezeichen-Friedensdienste, Mitglied der Michaelsbruderschaft. Vgl. Rolf Hanusch in C. Fröhlich / M. Kohlstruck, Engagierte Demokraten, 1999.

12 Hrsg. v. Jürgen Schulz, II. Folge, 1964, S. 5 – 10.