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Klaus-Peter Gebhard-Mersinger Am Schulberg 4, 67808 Ransweiler |
Dein Stromzähler – das unbekannte
Wesen
oder: Ein
Fall von Zeitdiebstahl
Sie sind ehrenamtlich in Ihrer Kirche tätig? Sie engagieren
sich gerne in Ihrer Kirchengemeinde? Sie haben noch nicht genug? Dann hätte ich
was für Sie! Lassen Sie sich doch ausbilden zum Energiebeauftragten Ihrer
Kirchengemeinde. Wenn Sie noch läppische vier Stunden übrig haben und nicht
gerade Auto-Fasten – den 1956er Lanz angekurbelt und dann rußpartikelfilterfrei
zum Schulungsabend in die große Stadt getuckert! Da werden Sie gebildet!
Das Blaue, das ein blaumanntragender Bediensteter Ihrer
Verbandsgemeindewerke vor gut zwei Jahren zum Behufe eines einsamen Lebens in
Ihren Keller verbannt hat, ist (gut aufpassen!) eine Wasseruhr.
W-a-s-s-e-r-u-h-r ! Nicht zu verwechseln mit dem, was in Rot neben der
Kellertür hängt und etwas größer ist, das ist ein Feuerlöscher. Aber das ist eine
andere Geschichte, bleiben wir beim Blauen. Wenn Sie sich dem armen Tropf
nähern und sein Deckelchen lüpfen, begegnen Ihnen Zahlen, die Sie ablesen und
mit einem Stift auf einen Zettel schreiben können. Sein großer Bruder ist der
STROMZÄHLER. In seinem majestätischen Schwarz harret er in seinem
Sicherungskasten Ihres geschätzten Erscheinens. Im Gegensatz zu dem sich
bedeckt haltenden kleinen Bruder im Keller begegnet er Ihnen von Angesicht zu
Angesicht und sagt Ihnen, ohne dass Sie ein blaues Deckelchen lüpfen müssten,
all das, was Sie zu einem erfüllten Leben als Energiebeauftragte(r) wissen müssen.
Aber Vorsicht, Zählerablesezahlen können Spuren von Kommas enthalten, aber das
lernen wir beim nächsten Mal.
Unbarmherzig werden Sie gefordert! Sie staunen. Haben Sie
nicht gewusst!?! Das eine wird in Kilowatt gemessen, das andere in Kubikmetern.
Preisfrage: Können Sie es richtig zuordnen? Nein, nein, mitzuschreiben brauchen
Sie das nicht, das können Sie alles als pdf-Datei downloaden! Das haben wir
doch alles für Sie ins Netz gestellt. Uff, gerettet, Gott sei Dank! (Und ich
beschließe, meine noch nicht Laptop-besitzende Kirchendienende wireless zu
vernetzen und ihnen ein note-book unter den nächsten Weihnachtsbaum zu legen…)
Goldene Zeiten! Saß der gemeine Bewohner des pfälzischen
Nordreiches noch bis vor kurzem artengeschützt auf vom rauen Ostwind gebeugten
Bäumen und hat Eicheln gerülpst, so hat jetzt auch dort die Moderne Einzug
gehalten. Vereinzelt sieht man sie noch, die Ewig-Gestrigen, die gummibestiefelt
mit ihrer Schubkarre zum örtlichen Pfalzwerke-Türmchen mit den Seilen obendrauf
pilgern, um dort ein paar Kilo Strom käuflich zu erwerben und in
selbstgeschnitzte Holzeimer abzufüllen. Bejammernswerte Relikte der Evolution
im Zeitalter von global technology und im Jubeljahr von Darwin und Calvin!
Sie haben’s besser, Sie gehören zu den Auserwählten, die
geschult werden. Und Ihre Ausbildung ist noch lange nicht fertig. Niemals,
niemals, niemals dürfen Sie bei einer Außentemperatur von minus 13 Grad Ihre
Fenster stundenlang gekippt lassen. Sonst wird’s Ihnen kalt, schnatter, bibber,
fröstel. Was? Das hätten Sie gewusst? Klasse! Sie outen sich als
Stoß-Lüfter(in), spätestens seit unsere Kirche eine Klimaoffensive gestartet
hat? Wahnsinn! Fantastisch! Vorbildlich! Setzen, Eins!!
Energie-Kontrolle? Quatsch! Schnee von gestern. Wir machen
Energie-Controlling! Wir bei uns knausern ja schon lange mit den Ressourcen.
Taufwasser wird bei uns schon seit Jahren nach Gebrauch filtriert und
aufbereitet, mit einem Schoppen Taufwasser sind mindestens zehn Heidenkinder
ins Reich Gottes aufzunehmen. Diese interne Dienstvorschrift nach DIN TO 815 hat
unser Presbyterium im Zusammenhang mit der Leitbildfindung in Kraft gesetzt.
Lupenrein qualitätsgemanagt! Da kommt doch richtig Leuchtfeuer auf!
Nach vier Stunden (in Großschrift: VIER) neigt sich Ihre
Grundausbildung dem Ende entgegen. Sie sind jetzt wer. Wir lernen nicht für die
Kirche, sondern fürs Leben! Überwältigend, diese Power-Point-Präsentation. Sie
sind so mürbe, dass Sie jetzt sogar eine Rheumadecke für 800,- Euro erstehen
würden. Müssen Sie aber nicht, wir sind ja bei Kirchens. Und Sie sind nicht auf
Kaffeefahrt, sondern in messianischer Funktion unterwegs zur Rettung des blauen
Planeten! Wow, was für ein Event! Da staunt der energetische Analphabet und
sinkt vor Ehrfurcht auf die Knie. Dass er so was in seinem irdischen Dasein
noch erleben darf! Wer möchte da nicht ekstatisch stöhnen und vor Wonne
grunzen?
Die Sache ist ernst, und ich will’s auch wieder werden. Zu
meinen beiden Kirchengemeinden gehören acht Dörfer. Wir hatten uns in unseren
Presbyterien darauf verständigt, das Amt der Energiebeauftragten auf mehrere
Schultern zu verteilen. Und dafür haben sich fünf Frauen und Männer zur
Verfügung gestellt. Das hat mich richtig gefreut. Es wäre schön gewesen, wenn
sich diese Menschen beim Verlassen des Tatortes nicht von allen guten Geistern
verlassen gefühlt hätten.
„Des war mol richtig gut, Herr Parre, do hat mer kenne was
mitnemme!“ Schade, dass niemand so einen Satz zu mir gesagt hat. Mitgenommen
haben sie ein bedrucktes Stofftäschchen mit einem Schreibblock und einem
Kugelschreiber und downgeloadetem Informationsmaterial. Mitgenommen haben sie
aber vor allem das Gefühl, nicht ganz ernst genommen zu werden. Das ärgert
mich, und das ärgert meine Mitarbeiter/innen.
Mit solchen Veranstaltungen vergraulen wir unsere Ehrenamtlichen.
Wenn wir schon immer mehr von ihnen fordern, sollten wir sie zumindest mit
Qualität entschädigen. Zur Bewahrung der Schöpfung gehört auch die Bewahrung
unserer Mitarbeitenden. Im Sinne einer guten und sinnvollen Sache (ich habe bei
der Frühjahrssynode 2008 selbst für das Projekt „Klimaoffensive“ meine Hand
gehoben) kann ich nur hoffen, dass andere Schulungsabende besser gestaltet
wurden und werden, und ich Anfang März in Rockenhausen nur einen peinlichen
Ausrutscher miterlebt habe. Aus weithin leuchtenden Kompetenzzentren kam das
eher nicht. „Best practise“ oder „worst case“? Für mich war es ein klarer Fall von
Zeitdiebstahl. Und für so was gibt’s keinen Grünen Gockel, sondern eine Rote
Karte!
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