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Bernd Dietsche

Kolmarer Straße 25, 76829 Landau

 

Der Islam und wir

Oder: von unserer Unfähigkeit, die Zukunft zu gestalten (3. und letzter Teil)

 

Die schrecklichen Ereignisse vom 11. März in Winnenden mit 16 Toten, unzähligen Traumatisierten und einer schockierten Nation machen nach Erfurt und anderen Katastrophen dieser Art wieder einmal deutlich, dass wir nicht das durchaus reale Schreckgespenst eines islamischen Terrors brauchen, um uns zu fragen, wie es mit unserem eigenen „christlichen“ Kulturkreis und den in ihm groß gewordenen Kindern und Jugendlichen bestellt ist, die zu solch fürchterlichen Verbrechen in der Lage sind, ohne dass Eltern, Freunde, Nachbarn, Verwandte, Erzieher und Pädagogen hier zuvor angeblich etwas „geahnt“ oder gespürt hätten. Und welche „Rolle“ dabei die allseits in unseren Medien und im Internet gängige ungeheuerliche Brutalisierung, geistige Proletarisierung und Vergleichgültigung aller Werte „spielen“.

 

Nicht nur von daher hält uns die islamische Kritik an unseren Lebensweisen einen Spiegel vor, wenn dort z. B. von der maßlosen Verkommenheit eines dekadenten Westens gesprochen wird. Freilich diskreditiert sich solche Kritik sogleich, wenn der Abscheu über unsere „(Un)Kultur“ dazu dient, andererseits islamische Terror- und Gewalttaten zu relativieren oder gar zu rechtfertigen, welche im Einzelfall nicht hinter dem „zurückstehen“, was sich einer fassungslosen Öffentlichkeit derzeit bei „uns“ darbietet. Die zunehmende, lebensvernichtende Gewaltbereitschaft in allen Kulturen und Religionen lässt vielmehr darauf schließen, dass mit unserem „Toleranzverständnis“ bezüglich Fehlentwicklungen, Regelverletzungen, Tabubrüchen, Grenzüberschreitungen oder Perversionen grundsätzlich etwas nicht stimmen kann.

 

Und doch, bei aller Betroffenheit über die, hinsichtlich ihrer Durchführung und Auswirkung, fürchterliche „Gemeinsamkeit“ der Geschehen, gibt es „Unterschiede“ zwischen dem Amoklauf eines Einzelnen und dem islamischen Terror. Dort sind es Täter, die im Auftrag von religiös motivierten und „gottes-staatlich“ geförderten, subventionierten und gelenkten Banden losziehen, getragen von einer breiten, weltweit verorteten, breiten „Basis“ aus Akzeptanz und Unterstützung.

 

Diese Unterscheidung hilft nicht den Opfern und „erklärt“ nicht, was in den Köpfen unserer verirrten und verwirrten Kinder vorgeht; sie kann allenfalls helfen, eine unangemessene „Gleichsetzung“ zu vermeiden. Die „Gemeinsamkeiten“, fürchte ich, liegen auf einem anderen Gebiet:  dass nämlich die lebensbedrohliche Faszination von den weltweiten „Vorbildern“ aus Terror, Angst und Schrecken schon längst die Seelen, Herzen und Hirne unserer Kinder erreicht hat. Weil sie nahezu täglich „vorgeführt“ bekommen, welche ungeheuerliche „Wirkungen“ von martialisch verkleideten Machos und „Gotteskriegern“ ausgehen, die zu allem bereit sind. Wie hier ein Einzel­ner, unbedeu­tender Schwächling, der sich „mutig“ über alle „Grenzen“ und Tabus hinweg­setzt, eine ganze Welt in Angst und Schrecken versetzen und „unsterbliche Berühmtheit“ erlangen kann. Gleichsam die säkularisierte Variante von religiösem, narzisstischem Größen­wahn und damit einhergehen­der moralischer Verkommenheit und Brutalisierung, welcher unsere Gesellschaft nicht hinreichend widersteht. Ich bin das Gesetz. Ich mache, was ich will. Ich töte, wer sich mir in den Weg stellt. Und damit komme ich wieder zu „meinem“ Thema.

 

Nahezu 25 Jahre, ein viertel Jahrhundert, habe ich am Staatlichen Eduard Spranger Gymnasium in Landau Evangelische Religion und zeitweise auch Ethik unterrichtet. Und mir immer etwas darauf eingebildet, „meine“ Schülerinnen und Schüler im Geiste einer christlichen Gewaltlosigkeit und Toleranz zu „erziehen“. Nicht erst seit Erfurt und Winnenden frage ich mich, ob nicht genau das eines unserer heutigen pro­testan­tischen „Grundübel“ ist, nämlich die Vorstellung, in einer von Egozentrismus, Narzissmus, Gewalt und Intoleranz geprägten Welt, alleine durch Toleranz und das „Wort“ Konflikte bewältigen zu können. Solange wir uns nach Wiederaufbau und Wirtschaftswunder einbilden konnten, in Deutschland auf einer „Insel der Glückseligen“ zu leben, mag diese Illusion zu Zeiten, da der Schock über die ungeheuerlichen Greuel der Nazizeit noch in aller Knochen steckte, und sich unter der Prämisse „nie wieder Gewalt und Terror“ allmählich so etwas wie ein demokratisches, rechtsstaatliches Bewusstsein mit halbwegs zivilisierten Umgangsformen entwickelte, noch einigermaßen berechtigt gewesen sein.

 

Auch waren einige sicher froh, dass Luthers Zwei-Reiche-Lehre, die der „Obrigkeit“ eine legitime Schwertgewalt zuerkannte, durch die deutsche Geschichte des „tausendjährigen Reiches“ erst einmal erledigt war. Eine „mündige“ Gesellschaft, so unsere Illusion, braucht keine omnipräsente, obrigkeitliche „Schwertgewalt“ um „Recht und Ordnung“ zu gewährleisten. Das regelt sich unter „guten Demokraten“, zu denen wir, nach Terror und Krieg und Vertreibung und Flucht, vorgeblich alle mutiert sind, alleine durch Vernunft, guten Willen, Toleranz und Respekt vor dem jeweils Anderen. Und diese edle Gesinnung habe sich dann, so unser Traum, in der Nach­kriegs­zeit und bis heute wie durch eine plötzliche genetische Mutation auf all unsere Nachkommen und alle in unserem Land Lebenden übertragen, so wie sich in Zeiten aufblühender Influenz die Grippeviren alleine durch Hände­schütteln und Schmusen verbreiten. Erklärt sich von dieser irrigen Annahme unser unerschütter­licher Glaube an die „selbstreinigende“ Kraft und nicht anfechtbare Überlegenheit „unserer“ Demokratie?

 

Mittlerweile müssen wir jedoch erkennen, falls wir zu solcher Einsicht über­haupt noch in der Lage sind, dass die in Deutschland unter kräftiger kirchlicher Mithilfe sozialisierten oder sich aufhaltenden Menschen keines­wegs alle das Bewusstsein und Verhalten „lupenreiner Demokraten“ aufweisen. Nachdem unsere Gesellschaft jedoch aus Regionen und Religionen dieser Welt eine starke Zuwanderung erfahren hat, die ganz andere „Ideale“ der Konflikt­bewältigung vermitteln, sehen wir uns sowohl bei Alt- wie auch  bei Neubürgern Formen aggres­siver „Alltags-Bewältigung“ und militanter Durchsetzung der je eigenen Interessen konfrontiert, denen gegenüber sich unsere protestantische Toleranz- und Wort-Kultur zunehmend als ohnmächtig erweist. Und auf einmal wollen wir mit diesen gesellschaftlichen Verwerfungen nichts mehr zu tun haben und schieben die Verantwortung hierfür einer angeblich nicht zu beeinflussenden „Globalisierung“, dem hegeliani­schen “Weltgeist“, oder wem auch immer, zu. Wir selbst, wie stets, haben diesen Prozess natür­lich nicht gewollt. Ganz zu schweigen von den eingangs erwähnten „Verwerfungen“, die sich in unserem eigenen, christlichen Kulturkreis ergeben haben ...

 

Nun waren wir als „Kirche“ und deren „Amtsträger“ aber nicht ganz unbeteiligt daran, dass im Gefolge einer „zeitgemäßen“, aufgeschlossenen Theologie viele Werte relativiert wurden und unter dem Vorwand „humanitärer Erfordernisse“ auch zunehmend und in schwindelerregenden Zahlen gewaltbereite „Neubürger“ bei uns Auf­nahme fanden, insofern wir darauf verzichtet haben, dem „Staat“ eine hinreichende Prüfung der Motive und Persönlichkeiten zu gestatten. Denn wo immer „staatlicher­seits“ Versuche unternommen wurden, diesen undifferenzierten Zustrom zu stoppen, oder zumindest zu „kanalisieren“, oder kritisch „auszuwählen“, wer bei uns Bleiberecht hat, wurde dies kirchlicherseits heftigst kritisiert und konterkariert. Das heißt, wir haben bewusst auf die Gestaltungsmöglich­keiten unserer eigenen Zukunft verzichtet, dem Staat statt sachlichen Handelns quasi sich als moralisch höherwertig darstellende, pauschale Asylgewährung abverlangt und genau damit eine „Scheidung der Geister“ und der „beiden Reiche“ unmöglich gemacht.

 

All jene, die sich einen Dreck um unsere demokratische Grundordnung, unser Rechtsempfinden und die bei uns sich nach millionenfachem Leid entwickelte „Streitkultur“ scheren, freuen sich natürlich über diese Form der „Toleranz“. Gleichgültig, auf welcher Ebene kirchlicher Hierarchie, haben wir vollmundig ethische Forderungen und Leistungen von anderen erwartet, die mann/frau niemals selbst zu leisten bereit und im Stande wäre. Es ist zutiefst heuchlerisch, vom „Staat“ all die Wohltaten einzufordern (z.B. unbegrenzte Aufnahme von Asylanten und Migranten), welche über kurz oder lang jedes soziale System in den Zusammenbruch führen müssen. Und gleichzeitig wird durch unsere alles gewährende, falsche Toleranz die biblische Form der Diakonie ad absurdum geführt, die sich an dem Grundsatz „zuerst Hilfe für die Schwestern und Brüder“ orientierte: „Darum, solange wir noch Zeit haben, lasset uns Gutes tun an jedermann, allermeist aber an des Glaubens Genossen.“ (Gal. 6,10) Diese pure Selbst­verständlichkeit wird zunehmend unter „uns“ diskreditiert und, zumindest zum Teil, Ressourcen sinnlos an Gruppen und in Regionen verpulvert, die weder zu „des Glaubens Genossen“ zählen, noch sich unserer Rechtsordnung verpflichtet fühlen; sondern bei uns schon längst in Parallelgesellschaften leben und sich andernorts bis an die Zähne hochrüsten, während der (noch) kirchentreue Bürger sich wundert, wo „sein“ Steuer­aufkommen bleibt und wem es alles „nutzt“.

 

Dazu Henryk Broder in seinem neuesten Buch „Kritik der reinen Toleranz“: „Dass 'Toleranz' ein Instrument ist, das der Rücksichtslosigkeit den Weg ebnet, dass es die Stärkeren vor den Schwächeren schützt und nicht umgekehrt, ist eine Erfahrung, die man inzwischen täglich machen kann.“ Und nach zahlreichen Alltags-Beispielen für eine im Gefolge der „multikulturellen-Zuwanderung“ zunehmenden Brutalisierung und Proletarisierung unserer Gesellschaft, gegen die sich im bürgerlichen Alltag“ aus Angst kaum jemand mehr zu wehren traut, es sei denn, er möchte z. B. als Rentner halbtot geprügelt werden, kommt Broder zum Schluss: „Ich halte Toleranz für keine Tugend, sondern für eine Schwäche – und Intoleranz für ein Gebot der Stunde.“ Intoleranz gegenüber all jenen, die unter Ausnutzung der von uns gepredigten Toleranz sich schon längst in Parallelgesellschaften etabliert haben, zu deren Bestand neben „Schutzgeld-Erpressung“ und „Ehrenmorde“ auch die Überzeugung gehört, dem dekadenten Westen eine ihm überlegene Religion zu verordnen zu müssen. So weit Henryk Broder.

 

Nur damit keine Missverständnisse entstehen: die bei unseren Landsleuten festzustellende Brutalisierung und geistige Proletari­sierung wird schwerlich der multikulturellen Zuwanderung anzulasten sein, es sei denn, wir unterstellen, dass nun auch die Reste unserer „Kultur“ davon beeinflusst werden. Aber das schien mir die klassische „Sündenbock“ Ausrede zu sein, wonach immer andere „schuld“ daran sind,  wenn bei uns die Sitten verwildern. Ich fürchte, den „Verfall“ schaffen wir schon ganz alleine. Ein Fernseh-Nachmittag bei den Privatsendern, manch Abend bei den „Öffentlich-rechtlichen“ oder ein „Zappen“ durch die „Chatrooms“ und sonstigen Inhalte des Internet mögen da genügen.

 

Aber trotz aller berechtigten Selbstkritik können wir unsere Augen nicht vor den Folgen einer fortschreitenden Islamisierung Europas verschließen. Da können die islamischen „Führer“ allüberall noch so bemüht sein, sich ein moderates, freiheitlich-rechtsstaat­liches Image zu verpassen: der Islam, per se, war in seiner langen Geschichte niemals „moderat“, sondern immer auf aggressive Expansion, Expropriation und Okkupation der von ihm besiedelten Regionen bedacht. Unserer jüngsten Vergangenheit und Mentalität nicht ganz unähnlich.

 

Nach Holocaust und Hiroshima damals, und angesichts Ahmadi­ned­schad und Alkaida heute, taugt „Nathan der Weise“, fürchte ich, allenfalls noch für unter­halt­same Abende in der kräftig subventionierten „Volksbühne“. Und am nächsten Morgen, die täg­lichen Horrormel­dungen, wenn nicht aus der eigenen christlichen, so aus der zumeist islamischen Welt vernehmend, oder die verbrecherische Kriminalität mit „Migrationshinter­grund“ studierend, reiben wir uns erstaunt die Augen. Und wundern uns, wie emanzipierte Frauen, die einst, in den Sechzigern, begeistert  und mit kajal-verhangenen Augen „Emma“ lassen, jetzt plötzlich mit dem Islam sympathisieren. Und sich überlegen, derweil Kajal und Ellen Betrix nicht mehr helfen, ihre Garderobe um Kopftuch oder Schleier aufzuhübschen. Und wundern uns, wie Teile unseres Nachwuchses als „deutsche Islamisten“ traurige Karriere machen oder nach der Konfirmation in unseren Breiten völlig entgleisen. Noch einmal: Terror und Amoklauf kann sich auch vor dem Hintergrund einer christlichen Erziehung entwickeln. Aber er begründet sich, zumindest bei „uns“, nicht religiös!! Was hat also unsere Gesellschaft im Ganzen, was haben wir verpennt? Was haben wir unterlassen?

 

Vor allem aber: Was haben wir dem allen entgegenzusetzen, jetzt, da uns dämmert, was sich vor  unser aller Augen entwickelt hat? Die Toleranz? Das „Wort“? Wenn sich für Luther das „Wort“ in der Predigt Gehör verschafft und daraus Wirklichkeit gestaltet, so erreicht es zumindest all jene nicht mehr, die gar nicht erst zum Wort kommen. Wenn die Menschen aber nicht mehr zum „Wort“ kommen, dann muss das Wort zu den Menschen kommen. Wie? Durch öffentliche, klare und kritische Kommunikation, die nichts verschweigt und nichts verheimlicht; durch couragiertes Darlegen unseres „protestantischen Profils“; durch verstärkte publizistische Medienpräsenz einer jeden Ortsgemeinde und eines jeden „Amtsträgers“; durch unnachgiebiges Insistieren auf demokratischen und rechtsstaatlichen  Strukturen, die, mühsam und schmerzlich genug, eine „Erfindung“ des presbyterial-synodalen Systems waren, bevor sie mit den schreienden braunen Massen den Orkus hinab rauschten und mit den schreienden islamischen Massen oder den ebenso schreienden Darbietungen unserer „freien“ Medienwelt wieder gefährdet sind. Oder, in leichter Abwandlung von Bert Brecht (Epilog zu „Arturo Ui“): Ihr aber lernet, wie man sieht, statt stiert / Und handelt, statt zu reden noch und noch. / Dass so was nicht noch mal die Welt regiert! ... / Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch!

 

Natürlich eignet sich das Reizthema oder gar ein Feinbild „Islam“ hervorragend, eigene Defizite zu verdrängen und von eigenen Versäumnissen abzulenken. Auch ist nicht jeder Muslim ein Terrorist, wenngleich viele (die meisten?) Terrortaten von Muslimen begangen werden. Alle Kritik an der nicht mehr nur schleichenden, sondern schon galoppierenden Islamisierung Europas bleibt jedoch unbe­friedi­gend, wenn nicht gleich­zeitig die Kritik des Islam am „dekadenten und verkommenen Westen“ reflektiert und die Frage gestellt wird, warum „wir“ als christliche Kirche dem, jenseits der Wort-Idealisie­rung und Toleranz-Romantik, so wenig entgegenzusetzen haben.

 

Am „Islam“ können wir „lernen“, auch wenn uns dieser Lernprozess wenig Freude bereitet, dass Groß-Demos durchaus in der Lage sind, mühsam erworbene, demokratischen Grundhaltungen effektvoll zu konter­karieren; dass unsere Lebensweise der Vereinzelung sich machtlos einer Ideologie der puren und zum Teil schon hysterisierenden Masse gegenüber sieht; dass unsere rigorose Individualisierung mit einhergehendem Zerfall vieler ethischer „Wertmodelle“ und Familien­strukturen den islamischen Clans und Großfamilien hoffnungslos unterlegen ist; dass der Finanz­not und der damit einhergehende, bzw. drohende Abbau kirchlicher Strukturen und Einrichtungen, ein unglaublicher, nahezu schwindelerregender Aufbau islamischer Architektur und Netzwerke entgegensteht; dass unserer Attitude der Bequemlichkeit und Vergleichgültigung aller Werte nicht mehr bereit und in der Lage ist, mit den „Wertungen“ des Islam oder anderer Faschismen zu konkurrieren.

 

Wem alles gleich gültig ist, dem wird vieles gleichgültig; dass ganz offensichtlich im Vorteil ist, wer nicht „irgendwelche“ altruistischen, sondern möglichst lautstark und „empört“ die je ureigensten Interessen vertritt; dass wir auf Diffamierung und Verächtlichmachung unseres eigenen Glaubens kaum mehr reagieren, sondern ängstlich auf die Reaktionen jener warten, die ihren Glauben durch unsere Lebensweise beleidigt sehen; dass wir auf dem besten Wege sind, Zeugnisse und Symbole des christlichen Glaubens in vorwegeilender Kapitulation zu verbergen, um ja keinen „Anstoß“ bei „Andersgläubigen“ zu erregen, die ihrerseits ungeniert ihre Symbole, Parolen und Machtansprüche zu Markte tragen.

 

So neu ist das alles für „uns“ Christen nicht. Unsere Kirchenlieder geben Kunde von Zeiten, in denen (noch) ein „offenes Bekenntnis in dieser unserer Zeit“ geboten war, und in denen Gott „getrost mit Singen“ gelobt werden wollte. Nur: Mit Singen alleine ist es nicht getan. Manchmal habe ich den Endruck, dass sich „Christsein heute“ insbesondere im engagierten Gestalten und bequemen Delektieren von Kirchenmusik erschöpft, der gegenüber die harte, unbequeme Auseinandersetzung mit dem „Zeitgeist“ unterbleibt und nur noch ganz piano und in hermetisch abgeschlossenen Zirkeln erfolgt. Ohne Anstrengung aber ist das Christentum nicht zu retten. Wobei jetzt „Anstrengung“ nicht im Sinne von immer mehr „Aktionen“ und „Events“ verstanden werden will, sondern als geistiges Wirken und Bemühen um die „Scheidung der Geister“. „Kirche“ hat dafür nicht vorrangig oder ausschließlich Schlaftabletten und kuschelige „Wellness“ zu „liefern“, sondern geistiges „Rüstzeug“ für die gegenwärtigen und aufkommenden Stürme. Wenn wir den Gedanken des „allgemeinen Priestertums der Gläubigen“ ernst nehmen, dann bedeutet dies, uns und die Gläubigen instand zu setzen, sich damit, wortwörtlich, auseinander-zu-setzen und Einsichten zu gewinnen, die alles andere als schmeichelhaft sind. Danach können wir dann durchaus kuscheln und uns wohl fühlen.

 

Zu den Einsichten: Es ist uns nicht gelungen, die schleichende Erosion der Volkskirche aufzuhalten, während der Islam „Zuwächse“ und „Expansion“ erfährt, von denen wir nur träumen oder alpträumen können. Die selbstverständliche Analyse, warum uns so viele Christen den Rücken kehren, unterbleibt. Eine „Anstalt“, die von ihren Mitgliedern  überwiegend Selbstver­leugnung, Tabuisierung bestimmter Themen und grenzenlose Belastbarkeit abverlangt, lässt kaum noch erkennen, dass von „der“ Kirche auch meine ureigenen Interessen wahr­genommen, artikuliert und vertreten werden. „Christ-Sein“ kann sich nicht nur und immer im „Sein für andere“ erschöpfen, wie uns oft suggeriert wird. Mann/Frau möchte auch gerne wissen, was „Kirche“ stellvertretend für ihn/sie selbst „leistet“. Also: warum nicht „Leistungskataloge“ und„Mitglieds­ausweise“ für alle und erhöhte „Sondertarife“ für jene, die kirchliche Leistungen in Anspruch nehmen, ohne je Mitglied gewesen zu sein?

 

Kataloge? Mitgliedsausweise? Gott sei bei uns! Die uns eigene Arroganz, nicht auf die Stufe von „Vereinen“ gestellt zu werden, verhindert m. E. ein zeitgemäßes und gerechtes Finanzierungsmodell für Kirche, indem die allen geläufigen, aber bei uns nicht praktizierte Logik angewandt wird, wonach niemand Leistungen von der Kirche erwarten kann, der, obwohl dazu in der Lage, niemals ihr Mitglied war. Und so schlecht ist nicht, was manche Vereine, z. B. der ADAC, für seine Mitglieder bereit stellen. Und der hat, nebenbei, ständig steigende Mitgliederzahlen. Und eine hervorragende „Vereinszeitung“, die jedes Mitglied einmal im Monat erhält ohne dass sie abonniert werden müsste. Und ein ausgezeichnetes Management. Und tritt, wie immer man das bewerten mag, für die Interessen seiner Mitglieder ein. Dazu gehört: Wo immer ich mich in Deutschland, Europa und außerhalb bewege, der ADAC ist mit seinen Hilfsangeboten immer schon da. Was hindert uns daran, diesbezüglich etwas zu lernen? Oder, frei nach Mao: Vom ADAC lernen, heißt siegen lernen! Oder, besser noch, wir orientieren uns am Apostel Paulus: „Prüfet aber alles, und das Gute behaltet“ (1. Thess. 5,21).

 

Eine damit einhergehende Professionalisierung der „Mitarbeiter-Betreuung“ erfordert nicht nur neue Strukturen, sondern auch neue kirchliche Berufsbilder mit einer qualifizierten Ausbildung bei gleichzeitiger Entlastung der „Amtsträger“ auf diesen Gebieten. Wo sollen diese kirchlichen „Gemeindesekretäre und Sekretärinnen“ für jedes Pfarramt herkommen? Wer soll das bezahlen? Die schon jetzt an der Grenze ihrer Belastbarkeit stehenden Kolleginnen und Kollegen, denen angesichts der aktuellen EKD-Pläne zur „Kirchenreform“ bereits der Angst­schweiß auf der Stirn steht, und die nur darauf warten, dass ihnen ein halbblinder Klugscheißer Rat-Schläge erteilt, was sie, neben ihrem oftmals zermürbenden „Alltagsgeschäft“ sonst noch alles machen könnten / müssten / sollten? Weitere Ämter für „Ehrenamtliche“, die schon jetzt nicht mehr wissen, wie das alles zu bewältigen sei? Und dann erst all jene, die bereits aufgegeben und resigniert haben oder, erstaunlich viele sind es, deutliche Zeichen depressiver Erkrankung zeigen, die dringend eine „Seelsorge für den Seelsorger“ benötigten.

 

Es geht nicht an, dass wir Kolleginnen und Kollegen, denen ihre Aufgaben, ihr Amt oder die Last ihrer Persönlichkeit zu mühselig geworden sind, alleine lassen. Vor Kurzem hat Einer von ihnen sein Amt nieder gelegt, weil ihm, wie die örtliche Presse seine Abschieds­worte  zitierte, „die Schuhe zu groß, und der Talar zu schwer“ geworden seien. Wer hat sich um diesen Kollegen gekümmert? Also noch eine Aufgabe: Erst einmal nachforschen, wie es kommt, dass, was als Froh-Botschaft gedacht war, zunehmend die Wahrnehmung verdüstert und als Droh-Botschaft wahrgenommen wird? Oder ist der Depression die Einsicht vorausgegangen, dass einiges an der frohen Botschaft gründlich missverstanden wurde? Oder sowohl die eigenen Fähigkeiten, wie auch der „Zeitgeist“, völlig falsch eingeschätzt wurden? Und dann müsste jedes Dekanat Eine/n wählen, der/die sich ohne dienstaufsichtliche Befugnisse seelsorgerisch um seine Amtsschwestern und -brüder kümmern kann. Und dieser Seelsorger muss unabhängig vom Dekansamt sein. Das alles kostet viel Zeit und Geld. Na klar, für das sind natürlich keine Mittel mehr vorhanden, nachdem die Landeskirche bei der Mütter­genesung 13 bis 14 Millionen EURO ver­senkt hat. Dass es da keinen Aufstand der Basis gegeben hat, verstehe, wer will. Alternativen?

 

Wäre es nicht endlich geboten, die Einführung einer allgemeinen „Kultur- oder Sozialsteuer“ für   all jene Zeitgenossen zu fordern, die keine Kirchensteuer zahlen? Und dabei unter anderem deut­lich zu machen, dass z. B. christliche Wohltaten für die Großeltern der aus der Kirche ausgetrete­nen Kinder und Enkel nicht zum „Nulltarif“ erwartet werden können. Rand­erlebnis vor einigen Jahren: Eine lauthals ihren Kirchenaustritt proklamierende Sekretärin fragte mich kurz vor Antritt ihres Urlaubs allen Ernstes, ob ich nicht eine kirchliche Einrichtung wüsste, in der ihre pflege­be­dürftige Mutter während dessen untergebracht werden könnte. Oder Familien, die aus der Kirche ausge­treten sind, bzw. ihr niemals angehörten, fordern für ihren Nachwuchs vehement Plätze in kirch­lichen Kindergärten. Aber auch abge­sehen von diesen sozialen Leistungen tragen christliche Gemeinden in erheblichem Umfang zum Erhalt von „Kultur­gütern“ bei und stellen Einrichtungen bereit, die allen zu Gute kommen. Also: Warum zieren wir uns da noch?

 

Und warum beschäftigen sich Synoden nur am Rande mit solchen und ähnlichen Fragen? Warum verhandeln und beschließen Synoden mit Vorliebe „Minderheitenthemen“, die uns allenfalls Austritte, aber kaum Eintritte „bringen“? Nicht nur diesbezüglich: Auch ansonsten können Synoden irren. Mehrheiten ebenfalls. Trotzdem: Die Entscheidung über grundsätzliche Streitfragen sollte nicht alleine den Kirchenparlamenten überlassen werden. „Volksabstimmungen“ der Kirchenbasis würden deutlich machen, dass die Meinung eines Jeden und einer Jeden gefragt ist, und „Kirche“ nichts entscheidet, was an der Basis nur noch Kopfschütteln verursacht. Beispiele möge jede/r nach Belieben finden. Vielleicht ließen sich auf diese Weise ja auch einige Kirchenaustritte ver­meiden. Es langt nicht, alle paar Jahre gänzlich aus dem Häuschen zu geraten, wenn bei der Beteiligung zu den Presbyteriumswahlen einige Prozentpunkte mehr heraus gekommen sind, als in der Nachbargemeinde. Die, je nach Gemeinde, fünfundsechzig bis achtzig Prozent, welche nicht zur Wahl gehen, sind auch nicht zu verachten und geben ein deutliches Zeichen dafür, was die von „Kirche“ noch erwarten. Niente!

 

Summa: Unsere derzeitige Unfähigkeit, die Zukunft zu gestalten, hat viele Ursachen. In anderen und in mir selbst! Überlastung ist die eine (wer einige Dorfgemeinden oder eine Großstadt­gemeinde zu betreuen hat, ist auch ohne „Perspektivplan“ nur noch am „rotieren“). Geldmangel ist sicher die andere Ursache. Fehlende Hilfe die dritte. Mutlosigkeit die vierte. Krankheit die fünfte. Bequemlichkeit die sechste. Faulheit und Unvermögen, auch das soll es geben, die siebte ...  Ich möchte alle Kolleginnen und Kollegen ermutigen, meine „nach oben offene“ Liste der Ursachen und Alternativen zu erweitern – und daraus die Konsequenzen zu ziehen. Vielleicht gewinnen wir so Visionen, von dem was eigentlich möglich wäre, und von dem, was konkret möglich ist. Und wenn sich das in kirchlichen Strukturen niederschlagen würde, könnten wir vielleicht auch etwas von dem verlorenen Vertrauen zurück gewinnen, das, neben den sicher vorhandenen, rein finanziellen Gründen, ansonsten viele „unserer“ Volkskirchler zum Austritt bewogen hat und uns gegen­über dem Islam so seltsam elegisch und antriebslos erscheinen lässt. Wenn dem so wäre, dann hätte die Herausforderung des Islam doch noch etwas in uns bewirkt. Aber nur dann!

 

Vielen Dank für Ihre und Eure Geduld: Einen vierten Islam-Teil – versprochen! – wird es von mir nicht mehr geben! Nur noch dies: Bert Brecht (aus dem Epilog, „der gute Mensch von Sezuan“): „Verehrtes Publikum, los, such dir selbst den Schluß. Es muß ein guter da sein, muß, muß, muß.“

 


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