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Michael Behnke Oklahomastraße 12, 66482 Zweibrücken |
Pastor
Hannfried Knöterich und seine Gemeinde
Es ist halb zehn in Deutschland.
Irgendwo in der lieblichen Pfalz. Eine gleißend helle Wintersonne überflutet
ein mittelgroßes Dorf mit ihrem Licht, und einige ihrer Strahlen spiegeln sich
als kleine Blitze im frisch geputzten Wetterhahn auf dem Turm der alten
Wehrkirche. In der Nähe sehen wir das in einem halb verwilderten Garten mit
altem Kirchbaumbestand gelegene Pfarrhaus. Efeu überwachsen, mit verwinkeltem
Dach und kleinem Ecktürmchen, ähnelte es einem verwunschenen Schlösschen. Durch
ein von Sonnenstrahlen erhelltes Fenster mit gotischen Spitzbogen und kleinen
Butzenscheiben sehen wir Pastor Knöterich an seinem Schreibtische sitzen. Sein
heiter angestrengter Blick ist auf einen aufgeklappten Laptop gerichtet,
während seine Finger wie wild über der Tastatur rechte Veitstänze auszuführen
im Begriffe sind.
Pastor Knöterich ist ein zufriedener
Mann in mittleren Jahren. In seinem Arbeitszimmer fühlt er sich ausnehmend
wohl, es ist sein Paradies. Wann immer es ihm die Zeit erlaubt, sitzt er hier
und liest und schreibt an seinen Predigten, Andachten oder kleinen Artikeln für
das Gemeindeblatt. Ach, sein Arbeitszimmer! Bis unter die vier Meter hohe Decke
erstrecken sich an drei Wänden wohl gefüllte Bücherregale, darunter befindet
sich auch eine ansehnliche Sammlung unterschiedlicher Bibelausgaben. Doch der
größte Teil wird von wissenschaftlichen Schriften eingenommen. Neben der
Theologie finden wir philosophische, soziologische, psychologische und
pädagogische Abteilungen. Dicke historische Schinken glänzen von ganz oben.
Weiter unten – sozusagen sein momentaner Apparat – sind Arbeiten über
Verhaltensforschung, Soziobiologie, Hirnphysiologie und rationale Betriebsorganisationssysteme.
Auch an deutscher und internationaler Literatur fehlt es nicht, weder an den
Klassikern noch an den modernen Erzählern. Ja, ja, der Pastor Knöterich ist –
wir sehen es alle – ein gebildeter Mann.
Gerade beendet der Gottesmann seine
Arbeit am Computer und lehnt sich nun entspannt in seinem Arbeitssessel zurück,
steckt beide Hände hinter seinen doch recht lichten Schädel und streckt und
dehnt sich leicht nach beiden Seiten. Dabei entfährt ihm ein behagliches
Grunzen. Das wäre auch wieder geschafft! Eine neue Predigt glänzt ihm noch
taufrisch aus dem Laptop entgegen. Wie liebte er es doch, Predigten zu
schreiben! Und überhaupt! Mit seiner Gemeinde läuft es seit Jahren einfach
wunderbar.
Das war nicht immer so. Leicht
melancholisch erinnert er sich an seine Anfangszeit, als er kurz nach seiner
Vikarszeit als frisch gebackener Pfarrer i.H. – der Dekan meinte bei seiner
Einführung, dieses i.H. heiße „in Höchstform“ – verschüchtert in der Gemeinde
auftauchte und sich alle freundlich erfreut auf ihn stürzten, ihm auf die
Schulter klopften und ihm fast die Hände abschüttelten: „Ach, Herr Parrer, wir
sinn jo so froh, dass Sie endlich do sinn!“ Das allgegenwärtige Grinsen bei
seinem Einführungsgottesdienst war wie eine wärmende Sonne, die seine verhuschte
Seele Freudensprünge aufführen ließ. Seine Predigt wurde allgemein
beglückwünscht, seine Ansprache während des Empfanges begeistert beklatscht. Es
war eine Wonne, es war ein vielversprechender Anfang.
Doch wo war sie nur, die wärmende
Sonne am folgenden Sonntag. Gähnende Leere schlug ihm entgegen. In der großen,
kalten Kirche verteilten sich vielleicht acht Personen. Dann kam ihm noch der
Kirchendiener entgegen und meinte – auch gähnend! „Herr Parrer, machen’ ses
kurz. Sie siehn jo!“ Damit begann der Alltag.
Er versuchte es zuerst mit
Hausbesuchen. Wie hat er sich die Hacken krumm gelaufen! Nun war Hannfried
Knöterich ein freundlicher und liebenswerter Mensch, doch war er nicht gerade
eine kommunikative Leuchte. Wenn er sich an der Haustür vorstellte, fiel ihm
schon nach der ausgiebigen Namensnennung oft nichts mehr ein. Die Hausbewohner
schauten ihn dann immer erwartungsfroh an, doch kam außer einigem linkischen
Geblubbere kaum noch etwas Vernünftiges über seine Lippen. Seine großen
Klupschaugen schauten dann hilflos zu seinem Vis à vis, sein Mund formte sich
zu einem fleischigen O und die Schultern hingen bis in die Kniekehlen. In der
Regel beendeten dann seine Schäfchen das peinliche Gespräch: „Ach, Herr Parrer,
ich glaab, do brennt was an. Ich muss in die Kich!“ Andere mussten dringende
Einkäufe erledigen, man war auf dem Sprung nach draußen, man hatte gerade
Kopf-, Hals oder Gliederschmerzen oder vieles andere mehr. Immer mehr kam er
sich vor wie ein Zeuge Jehova, den man mit einem grimassierten Lächeln
abzuspeisen beliebt.
Warum konnte auch keines seiner
Schäfchen auf eines der vielen Wissensknöpfe drücken, bei denen es bei ihm nur
so heraus gesprudelt wäre! Wie viel Wichtiges hatte er zu sagen zur neuen
exegetischen Forschung über das „comma johanneum“, zur Geschichte Israels und
der biblischen Archäologie. Wie sehr wäre ihm das Herz aufgegangen, wenn er
hätte sprechen können über das spannende Verhältnis von Naturwissenschaft und
Theologie, über Darwin und die Schöpfungsgeschichte oder über neue konstruktivistische
Ansätze in der Religionspädagogik. Zur Not hätte er auch mit Goethes
Farbenlehre, der athanasischen Trinitätslehre oder Shakespeares Hamlet dienen
können. Aber keiner, wirklich niemand hat ihn jemals in ein solches Gespräch
verwickelt. Es war zum Haareraufen! Doch keiner wollte an seinem reichen
Wissensschatz teilhaben. Schließlich wurde er
zusehends mutloser und ließ es dann ganz bleiben. Wenn seine Schäfchen
nur etwas übers Wetter oder über den Schnupfen von Tante Berta wissen wollten, brauchten
sie ihn ja nicht dazu. So was regelt sich ja von ganz alleine, oder?
So plätscherten die ersten Jahre
mehr schlecht als recht dahin. Er sah aus wie das Leiden des Herrn, und seine
Schultern schleppte er nun schlurfend fast auf dem Boden hinter sich her. Doch
waren die Leute eigentlich nicht unzufrieden mit ihm. Seine Predigten gefielen
und seine Beerdigungen waren in der Regel Großereignisse. Dass er vielleicht
etwas „kauzig“ war, nahm man achselzuckend hin. „Er is halt Parrer und net von
dieser Welt!“ Er gewöhnte es sich an, immer mehr Zeit in seinem Arbeitszimmer
zu verbringen und Berge von Büchern zu verschlingen, während sein Pfarrgarten
immer mehr verwilderte und die seit Jahren nicht mehr geschnittene und nun
mächtig wuchernde Hecke ihn wie einen Kokon vor der Welt da draußen schützte.
Letztendlich kam nach einigen Jahren
die Erlösung in Gestalt einer banalen Fortbildung, zu der hinzugehen er zuerst
nicht die geringste Lust verspürte. Der Arbeitstitel lautete: „Rationelles
Zeitmanagement in Pfarramt und Gemeinde“. Langweilig, oder? Aber Donnerwetter!
Wer hätte das gedacht? Diese drei Tage waren sein „Turmerlebnis“, sein „Port
Royal“, seine „Erweckung“ und seine “Wiedergeburt“ in einem. Wie alles Geniale
war auch hier die Botschaft eher simpel: z.B sollten alle terminlichen und
feststehenden Arbeiten nach einem festen Plan weit im Voraus angegangen und
erledigt werden, so dass sich durch diesen breiteren Zeitrahmen die kreativen
Komponenten besser erarbeiten ließen. Dazu gilt es, einen selbst gesetzten Zeitplan
diszipliniert einzuhalten.
Wie Schuppen fiel es unserem
Knöterich von den Augen. Er sah endlich klar. Wie hatte er sich vorher – wie
die meisten seiner Kollegen – damit gequält, dass er seine Predigten und
Ansprachen immer auf den „letzten Drücker“ geschrieben hatte. So waren immer
die Samstage oft bis in die Nacht mit der Sonntagspredigt belegt. Mit dem
Erfolg, dass er im folgenden Gottesdienst öfters gehetzt und unzufrieden seinen
Dienst tat. Auch merkte er etliche Male, dass ihm erst beim entspannenden
Sonntagsnachmittagsspaziergang die besten Ideen für die schon gehaltene Predigt
einfielen, was ihn immer ärgerte und er sich dann wie ein Versager vorkam.
Doch nach der Fortbildung änderte
sich seine Arbeitshaltung grundlegend. Seitdem sitzt Pastor Knöterich jeden
Morgen ab acht Uhr an seinem Schreibtisch und erledigt zunächst die anfallende
Korrespondenz und den Verwaltungskram. Danach setzt er sich an seine Predigten
und Gottesdienste, die er für die kommenden Sonntage im Voraus schreibt. Und
die Sache geht ihm hurtig von der Hand, und er schreibt seitdem seine
Gottesdienste auf „Halde“, immer mindestens ein Jahr im Voraus. Knöterich
genießt so recht von Herzen seine neue Freiheit. Samstags wird – wann immer es geht – überhaupt nicht
mehr gearbeitet. Stattdessen macht er Einkäufe, unternimmt lange Wanderungen in
der Umgebung, fährt manchmal in die Ostpfalz und trinkt auf einer Berghütte
ein, zwei Schoppen guten Weines. Oder er geht ins Kino oder ins Theater, zum
Italiener oder ins Konzert. Manchmal besucht er auch seine verwitwete Mutter in
ihrem Altersheim. Dann trinken sie gemeinsam Kaffee und essen den von ihm
mitgebrachten Kuchen. Sonntags steht er dann ganz entspannt auf der Kanzel und
hält seinen gut durchgeplanten Gottesdienst, der auch seitdem viel besser
besucht ist.
Ob das immer gut geht? Na ja,
zugegeben, es gab da schon kleinere Probleme. So philosophierte er z.B. am
Sonntag nach dem 11. September 2001 über eine bedrohte Krötenart, die zu
erhalten ihm aus schöpfungstheologischer Sicht ein Anliegen war. Ein
Gemeindeglied bemerkte anschließend beim Kirchenkaffee leicht pikiert, es
bleibe doch zu hoffen, dass unter den zerstörten Twin Towers nicht auch noch
diese Krötenart zu Schaden gekommen sei. Um Himmels willen! Das wäre ja nicht auszudenken!
Als Knöterich dieser offensichtlichen Ironie nicht folgen konnte, erklärte man
ihm bass erstaunt das fürchterliche Ereignis. Etwas kleinlaut geworden, musste
er sodann eingestehen, dass er weder einen Fernseher sein Eigen nenne noch eine
Tageszeitung bezöge. In den „Kirchenboten“ habe er versäumt reinzuschauen.
Ansonsten wären das „Pfälzer“ und das „Deutsche Pfarrerblatt“ seine Augen für
die Welt. Das wäre doch wohl ausreichend! Einen Internet-Anschluss? Da sei Gott
vor! Damit wollte er nichts zu tun haben. Das allgemeine Kopfschütteln war ihm
aber entgangen. Denn unter dem Vorwand dringender Erledigungen hatte er die
Runde fluchtartig verlassen.
Und dann – ja, er erinnert sich. Er
errötet leicht, wenn er davon erzählt. Es ist ihm doch recht peinlich. Da hatte
er doch vor einigen Jahren am Faschingssonntag den Karfreitagsgottesdienst
gehalten. Irgendwie hat er da etwas vertauscht. Dabei hätte er schon gewarnt
sein können, als ihn der Kirchendiener und der Organist am Samstagmorgen so
merkwürdig ansahen. „Sind das wirklich die Lieder?“ „Feiern wir wirklich
Abendmahl am Faschingssonntag?“ „Ja, Ja!“, antwortete er gehetzt und war in
Gedanken schon bei seiner Mutter, für deren Besuch er schon spät dran war.
Und so ging der Gottesdienst seinen
ungewohnten Gang. Nur gemerkt hat’s keiner! Die meisten waren noch müde vom
Faschingsball und hörten bei der Predigt kaum hin. Allerdings gab’s dann doch
große Augen, als die Gemeindeglieder, die noch kurz vorher im Festsaal aus
ganzer Kehle den Faschingshit: „Wir kommen alle, alle in den Himmel“ mit
gegrölt hatten, nun den Choral „Oh Haupt voll Blut und Wunden“ düster mitsingen
mussten. Auch das mit dem Sündenbekenntnis war befremdlich, aber schließlich
war das in der Faschingszeit vielleicht gar nicht so schlecht. Zum Abendmahl
gingen dann nur die zwei oder drei anwesenden Presbyter. Die anderen machten,
dass sie raus kamen. Schallendes Gelächter hörte er vor der Kirche. Na also!
Die Leute waren doch zufrieden. Und wie jeden Sonntag quälte sich die
hochgradig schwerhörige Oma Knödele aus der letzten Bank und schob wackelnd
ihren Rollator vor sich her bis zu ihm hin und bedankte sich mit zitternder
Stimme für die gute Predigt. Na also, geht doch!
Nur waren, Gott sei Dank, damals
keine Konfirmanden da. Vielleicht wäre es dann doch noch schief gegangen. Ach
die Konfirmanden! Sie waren seit Beginn sein größtes Problem. Immer wieder
strapazierten sie seine Leidensfähigkeit und seine Vergebungsbereitschaft auf
das Äußerste. Zu Anfang war es am schlimmsten. Da ließen die größten Lümmel
Witze über ihn kursieren: „Wer sieht aus wie 50, macht auf 60 und ist 29?“ „Was
ist der Unterschied zwischen einem Dinosaurier und unserm Pfarrer? – Im Prinzip
ist da keiner, nur die Saurier mussten leider sterben, unser Pfarrer hat
überlebt!“ und so weiter und so fort. Es war nicht lustig, er konnte nicht
darüber lachen. Damals fühlte er sich doch sehr gekränkt, und es nagte lange
Zeit an ihm. Heute kann er aber darüber schmunzeln. Haben sich doch bislang
alle Konfirmanden zu passablen Gemeindegliedern entwickelt.
Aber wir schweifen ab. Schauen wir
zurück in die pastorale Arbeitsstube. Denn zu Beginn unserer Geschichte
beendete Knöterich gerade den Weihnachtsgottesdienst für das übernächste Jahr.
Endlich konnte er die Geburt unseres Herrn und Heiland mit dem brutalen
Kindermord in Bethlehem so in Verbindung bringen, dass eine für ihn
glaubwürdige Aktualisierung daraus erwuchs. War nicht jede Geburt ein Fest und
eine Verheißung in einem reichen Land, in dem in den letzten fast 40 Jahren
immer mehr Särge als Wiegen gezählt wurden? Waren weiterhin hohe
Abtreibungszahlen nicht ein Zeichen dafür, dass der Mord unschuldiger Kinder
wie in Bethlehem munter weiter ging – und das wie damals mit staatlicher
Genehmigung? Hannfried Knöterich ist stolz auf sich. Seine Gemeinde durch die
Blume zu höherer Gebärfreudigkeit zu ermuntern, ist ihm seit langem ein wichtiges
Anliegen, es ist sein „et cetero censeo“ geworden. Gibt es doch so gut wie
keine Taufen mehr. Und immer, wenn mal eine ansteht, muss er sich zuerst wieder
in der Taufagende kundig machen. Die Zeiten dazwischen sind einfach zu lang. Das
kann sich ja keiner merken.
Das mit der Förderung der
gemeindlichen Gebärfreudigkeit nehmen ihm aber auch einige übel. Denn immerhin
lebt er im freiwilligen Zölibat, ist also überzeugter Junggeselle und damit ein
bevölkerungspolitischer Blindgänger. Wie kann er es da wagen, anderen
Vorschriften zu machen?
Aber hier ist Hannfried Knöterich
sehr eigen. Denn was sein Geschlechtsleben anbelangt, war und ist er
überzeugter Freudianer. Er präferiert dessen Lehre von der Triebökonomie,
wonach die Libido ein festes Energiequantum in jedem Menschen repräsentiere,
sozusagen eine Art angeborenes Kraftkonto, das keiner überziehen könne. Es ist
Knöterich immer eine Freude, den Meister persönlich zu zitieren. Diesen
herrlichen Text kennt er auswendig. Also, wie sagte Freud so schön: „Die
Frauen vertreten die Interessen der Familie und des Sexuallebens; die
Kulturarbeit ist Sache der Männer, stellt ihnen immer schwierigere Aufgaben,
nötigt sie zu Triebsublimierungen, denen die Frauen wenig gewachsen sind. Da
der Mann nur über begrenzte Quantitäten psychischer Energie verfügt, muss er
seine Aufgaben durch zweckmäßige Verteilung der Libido erledigen. Was er für
kulturelle Zwecke verbraucht, entzieht er großenteils den Frauen und dem
Sexualleben:“[1]
Jawoll! Das war seine Meinung dazu
seit eh und je! Besser hätte er es nicht sagen können. Seine Berufung war es,
zu lesen, zu schreiben, Gottesdienste zu feiern und für die Gemeinde da zu
sein. Es ist ihm schlicht unmöglich, seine Person von seinem Amt zu trennen. Da
bleibt keine Energie mehr übrig für anderes. Darum: Von Frauen hält er sich
fern und hat er sich immer ferngehalten! Überhaupt waren Frauen für ihn terra
incognita. Er kann zwar mit ihnen reden, doch sie verstehen ihn nicht und er
versteht sie nicht. Daran will er auch nicht das Geringste ändern. Wozu auch?
Natürlich hatte er Frauen gegenüber mit dieser Einstellung keinen leichten
Stand.
Aber besonders schlimm war es mit
seinen Kolleginnen. Wie hackten sie immer auf ihm herum! In vorderster Linie
Hanna-Carina Lübbersdorf-Krautgenwalder, Pfarrerin im Nachbarort. Die rote
Hanna! Ein ultra-progressives theologisches Flintenweib in Sachen Emanzipation
und Feminismus. Über sie kursierte das bislang unbestätigte Gerücht, dass sie
beim Frauenfrühstück auch schon mal das Gebet des Herrn als „Mutterunser“ hat
beten lassen. Eben diese Hanna-Carina Lübbersdorf-Krautgenwalder nannte ihn
doch immer wieder „alter Krauter“, „Chauvis letztes Aufgebot“, „Relikt“,
„Libidoquäntchen“, aber am schlimmsten und kaum noch zu ertragen war die
unverschämte Beleidigung, ihn als „Pfarrsaurus“ zu bezeichnen. Das erinnerte
ihn doch zu sehr an die alten Konfirmandenstreiche. Es war wirklich nicht mehr
schön, und regelmäßig gerieten sie auf dem Pfarrkonvent aneinander. Dabei
wollte er doch nur seine Ruhe und seinen Frieden.
Nun gut! Aber kommen wir wieder
zurück zu den Früchten seiner neuen Erleuchtung, dem Zeitmanagement. Denn nicht
nur Gottesdienste schreibt er im Voraus, nein auch Beerdigungsansprachen. Er
hat es mittlerweile so weit gebracht, dass er für jedes Gemeindeglied ab 60
Jahren schon eine Beerdigungsansprache in der Schublade hat. Sein Ziel ist
aber, dass alle Ansprachen für Gemeindeglieder ab 40 vorliegen sollten. Auch
das ist für ihn eine wunderbare Sache! Ja, auf manche Beerdigung freut er sich
schon im Voraus, weil er z.B. bei Frau F. eine so wunderschöne Pointe aus dem
damaligen Abrissblatt des Kalenders verarbeitet hat. Wie wird es die Gemeinde
zu danken wissen!
Es ist auch so praktisch! Eine
Stunde vor der Beerdigung druckt er sich einfach den vorbereiteten Text aus und
geht wohlgemut zur Bestattung. Ärgerlich ist nur, dass es doch hin und wieder
vorkommt, dass ein jüngeres Gemeindeglied, für das er noch keine Ansprache
vorbereitet hat, das Zeitliche segnet. Warum können die denn nicht warten, bis
sie dran sind? Immer diese Hektik bei solchen Anlässen. Wie er es hasste!
Knöterich hat einen Traum. Jedes
Gemeindeglied sollte im Voraus seine Beerdigungsansprache bekommen. Der
absolute Höhepunkt wäre für ihn erreicht, wenn jeder neue Erdenbürger zum Fest
seiner Taufe gleich seine Beerdigungspredigt mit auf den Leib geschrieben
bekäme. Man könnte dann diesen Text als Ausdruck mit ins Stammbuch legen und
den Eltern feierlich überreichen. Aber Knöterich ist Realist genug, um zu
wissen, dass dieses Projekt nie wird umzusetzen sein. Zumal ihm in den letzten
Jahren immer häufiger das Problem der Fluktuation in seiner Gemeinde zu
schaffen macht. Dieses Phänomen ist einfach nicht in den Griff zu bekommen und
verstört ihn zusehends.
Neulich erst brachte ihn diese
leidige Sache an den Rand einer Katastrophe. Ein 80-Jähriger war verstorben.
Eigentlich keine Angelegenheit, worüber ein Wort zu verlieren wäre. Als er aber
eine Stunde vor der Beerdigung die Ansprache für den Verstorbenen ausdrucken
wollte, merkte er, dass für diesen Namen gar kein Text vorlag. Schwitzend vor
Panik und mit zitternden Händen rief er sogleich bei den Hinterbliebenen an und
erfuhr zu seinem Entsetzen, dass der Verstorbene erst vor vier Wochen in seine
Gemeinde gezogen war. Offensichtlich wurde es sodann versäumt, ihn beim
Einwohnermeldeamt umzuschreiben. Es war zum „Mäusemelken“, aber er musste ran.
Knöterich war nun mal zuständig.
Es war die schlimmste Beerdigung
seines Lebens. Danach dachte er oft, er hätte sich krank melden sollen.
Herzattacke! Kreislaufzusammenbruch! Koma! Alles wäre besser gewesen, als das,
was dann auf ihn zukam. Man stelle sich vor: Er musste eine Stehgreifpredigt am
Grabe halten. So etwas hatte er vorher noch nie gemacht. Ein Alptraum! Um
dieser Belastung überhaupt standhalten zu können, griff er zu seinem
Geheimrezept, vorgesehen für absolute Notfälle. Er trank also ein halbes
Fläschchen Baldrian und kippte sicherheitshalber noch fünf Doppelkorn hinterher.
Dadurch wurde er etwas ruhiger. Doch konnte er es nicht verhindern, dass er den
Namen des Verstorbenen – er hieß Schröder – dreimal mit „Klöter“, „Schlöter“
und „Bröder“ verwechselte, was den Hinterbliebenen unangenehm auffiel. Auch
nannte er den Verstorbenen einmal „unsere Schwester im Herrn“.
Entsetzliche, unverzeihliche Fehler!
Dazu stotterte und verhaspelte er sich ständig und beinahe wäre ihm sogar die
Agende aus seinen schweißnassen Händen ins Grab gefallen, so sehr bebte und
schwankte sein ganzer Körper. Einige Zeit danach sagte man ihm, dass er während
der Predigt einmal minutenlang mit offenem Mund Löcher in den Himmel gestarrt
habe, als habe er die Rückkehr des Herrn in jenem Moment erwartet. Auch sei der
Gemeinde nicht entgangen, dass er erheblichen Seegang gehabt habe, was die
einen mit Erheiterung, andere wiederum mit Entsetzen quittiert hätten. Zudem
sei es ihm leider nicht gelungen, die erste Schaufel mit Erde im Grab zu
platzieren. Ein Teil des trockenen Sandes sei im hohen Bogen Frau Grauer,
Sängerin im Kirchenchor, in den Ausschnitt gefallen. Wie schrecklich war das
alles! Aber Knöterich konnte sich beim besten Willen an nichts mehr erinnern.
Nachdem er die Zeremonie irgendwie
beendet hatte, war es auch das erste Mal in seinem Dasein als Pfarrer, dass die
Hinterbliebenen ihn grußlos stehen ließen und auch nicht zum anschließenden
Leichenschmaus einluden. Allerdings war es ihm recht so. Denn er sah sich außer
Stande, einem solchen Ereignis beizuwohnen. Sein Kopf dröhnte wie ein
Wespenschwarm, sein Magen reagierte mit einer akuten Gastritis und vor Scham
wäre er am liebsten im Boden versunken. Den Rest des Tages verbrachte er in
seinem Bett im abgedunkelten Zimmer und klagte dem Herrn sein Leid. Dennoch
muss man anerkennen, dass er sich einigermaßen wacker geschlagen hatte. Es ist
aber auch ein Kreuz mit diesen persönlichen oder behördlichen Schlampereien und
Unwägbarkeiten, mit denen er immer wieder zu tun bekommt. In solchen Momenten
wünscht er sich zurück in die gute alte Zeit.
Ansonsten schreibt Knöterich nichts
im Voraus. Bei den Taufen ist das unnötig, so selten wie sie sind. Da nimmt er
immer die gleiche Ansprache, tauscht nur mit Bleistift jeweils den Namen aus.
Aufgefallen ist das noch keinem. Mitglieder von Taufgesellschaften sieht er
meist nur zur Taufe und dann nie wieder.
Hochzeitsansprachen im Voraus zu
schreiben, hält er für verlorene Zeit. Für ein bis zwei Reden pro Jahr lohne
sich der Aufwand nicht. In der Regel nimmt er nach dem erfolgten Traugespräch
eine alte Beerdigungsansprache und variiert sie leicht. Er macht dies seit
Jahren mit Erfolg, und es entspricht seiner Meinung auch dem Anlass. Wie viele
Ehen werden geschieden? Wie viel Unglück tun sich die beiden an? Dabei glaubt
er fest an die Liebe, die uns erhöht und fesselt und so viel Schönes schenkt,
z.B. ein gutes Buch.
Einmal, es ist noch gar nicht so
lange her, kam eine ehemalige Braut in sein Pfarrhaus und bedankte sich
überschwänglich für seine Traupredigt: „Ach, Herr Pfarrer! Es ist ja so wahr,
was Sie gesagt haben!“
Neugierig geworden, fragte Knöterich
nun doch nach, was er denn damals so von sich gegeben habe, und bekam Folgendes
zu hören: „Sie sagten damals, und ich hab’ mir das wortwörtlich gemerkt: Der
Tod beendet nicht die Liebe, doch muss ein jeder die Beziehung zu dem Weggegangenen für sich neu definieren. Die
Trennung ist schmerzlich, doch wende sich diese Liebe dem Nächsten zu!
Und genau so war es, Herr Pfarrer.
Wissen Sie, mein Mann hat mich ein Jahr nach unserer Heirat verlassen, weil wir
uns nicht mehr verstanden haben. Aber bald danach habe ich den Sinn Ihrer Worte
erfasst. Was Sie gesagt haben, stimmt wirklich. Die Trennung war zwar
schmerzlich, auch musste ich mich nach dem Tod meiner ehelichen Beziehung, emotional
neu orientieren, aber die Liebe hat überlebt und hat sich dem Nächsten
zugewandt, nämlich dem Rainer, meinem neuen Freund. Als ich das kapiert hatte,
bin ich sofort zum Scheidungsanwalt und habe einen Schlussstrich gezogen. Ach,
Herr Pfarrer, Sie sind ein Engel! Wie soll ich Ihnen nur danken?“
Hannfried Knöterichs Lächeln fiel
zwar dieses Mal etwas säuerlich aus. Aber was sollte er machen? Immerhin haben
sich seine Worte aus der alten Beerdigungspredigt als Prophezeiung in einer
Hochzeitsansprache bewahrheitet. Überhaupt: Es ist für unseren Knöterich immer
wieder erstaunlich und grenzt für ihn an ein veritables Wunder, sehen zu
dürfen, wie unerforschlich doch die Wege des Herrn und der Menschen sich
gestalten unter seinen Predigten.
So ist die Zeit vergangen und
Knöterich blickt nun schon auf weit mehr als 20 Jahre segenreichen Wirkens in
seiner Pfarre zurück. Seine Arbeit macht ihm große Freude und seine Gemeinde
ist zufrieden mit ihm. Seine Gemeindeglieder tolerieren amüsiert seine
Schrullen, wie auch er geflissentlich über die ungezählten Witze, Karikaturen
und Anekdötchen hinweg schaut, die über ihn im Dorf kursieren. Ach, so könnte
es weitergehen bis zu seiner Pension!
Aber in Wirklichkeit litt Knöterich
lange Zeit unter Angstzuständen und innerer Unruhe. Seit einigen Jahren sieht
er in der Landeskirche mächtige Kräfte wirken, die mit Vehemenz ein „Pfarramt
auf Zeit“ fordern. Demnach sollte jeder Pfarrer nach einer bestimmten Anzahl
von Jahren seine Gemeinde wechseln. Knöterich konnte es nicht fassen. Warum
sollte man seine gedeihliche Zusammenarbeit mit der Gemeinde wegen diesem
Unsinn zerstören? Allein wenn er daran dachte, dass er Hunderte seiner
Beerdigungspredigten umsonst geschrieben hätte, schauderte es ihn. Lieber wäre
er bereit gewesen, die mittlerweile schon zum zweiten Mal geschiedene
Hanna-Carina Lübbersdorf-Krautgenwalder zu freien und als Eheweib in seinem
Pfarrhaus zu ertragen, als seine Gemeinde zu verlassen. Wo sollte er hin? Warum
sollte er wieder bei Null anfangen?
Vor einigen Monaten rief er in einem
Moment tiefster Verzweiflung seinen Bruder Winfried an, einen Biologen und
engagierten Naturschützer, der seine ganze Freizeit damit verbrachte, bedrohte
Vogelarten im Wattenmeer zu beobachten. Aus Erfahrung wusste Knöterich, dass er
bei den seltenen Telefongesprächen erst einmal seinen zur Euphorie neigenden
Bruder zu Wort kommen lassen musste, bevor er seinen Kummer loswerden konnte.
Also hörte er sich geduldig an, was sein Bruder über die Austernfischer,
Regenpfeifer und Säbelschnäbler zu berichten hatte. So betonte er immer wieder,
wie empfindlich das ökologische Gleichgewicht des Wattenmeeres sei. Wenn durch
den Eingriff des Menschen nur eine Vogelart verschwinden würde, genügte dies
schon, die natürliche Balance der Natur vollkommen aus dem Gleichgewicht zu
bringen und eine ökologische Katastrophe herauf zu beschwören zum Schaden von
Natur und Mensch. Der Artenschutz müsse dringend verbessert und die Aufklärung
in den Schulen und in der Öffentlichkeit intensiviert werden, denn nur so könne
man die Menschen daran hindern, unkontrolliert in die sensible Natur
einzugreifen und sie langfristig zu zerstören. „Ach, diese Menschen, warum
müssen sie immer und überall ihre Finger in Dinge stecken, von denen sie nichts
verstehen? Dabei wissen sie nicht, was sie tun!“ jammerte Winfried aus
Norddeich in Ostfriesland dem Hannfried in der Pfalz ins Ohr.
Trotz aller Geduld wurde es unserem
Knöterich etwas langweilig. Doch kurz bevor er einzuschlafen drohte, kam ihm
blitzartig eine Erleuchtung, als er Winfried immer wieder vom natürlichen
Gleichgewicht reden hörte. Sein Bruder hatte recht. Musste man die Menschen
nicht vor übertriebenen Eingriffen warnen? Und was für die Natur richtig ist,
betrifft es nicht auch das menschliche Miteinander in den Familien, Kommunen
und Gemeinden? Können hier nicht auch unbedachte Eingriffe zu unvorhergesehenen
Katastrophen führen?
Dieses Gespräch mit seinem Bruder
brachte die Rettung. Knöterich fasste neuen Mut und er hatte einen Plan. Wenn
die Ergebnisse aus der Ökologie auch nur ansatzweise auf menschliche
Gemeinschaften übertragbar waren, wovon er natürlich ausging, wollte er sich in
der Pfarrerschaft und der Synode dafür stark machen, dass das
Pfarrerdienstgesetz durch Teile des Artenschutzgesetzes erweitert würde. Sind
nicht auch viele Pfarrkollegen und Kolleginnen „seltene Vögel“, „knoddernde
Käuze“ oder „komische Heilige“, die in ihrem Biotop Gemeinde in besonderer
Weise zu schützen sind? Warum sollten Rattenkängurus und Kaninchennasenbeutler,
Steinkäuzchen und Rohrdommeln, das Sattelschwein und das westfälische
Totlegerhuhn mehr Schutz genießen dürfen, als er, Pastor Hannfried Knöterich,
der ohne seinen Biotop Gemeinde nicht weiter zu leben geneigt war? Sollten sie
doch ihr „Pfarramt auf Zeit“ einführen! Solange ein Pfarrer und seine Gemeinde
über die Artenschutzkomponenten des Pfarrerdienstgesetzes erfolgreich ein Veto
einlegen könnten, wäre es ihm schnurz egal.
Knöterich setzte sich also hin und
brachte seine Idee zu Papier. Seitdem verbreitet er seine Gedanken in Wort und
Schrift, legte in Kirche und Gemeindehaus Unterschriftenlisten aus, die von den
Gemeindegliedern und vielen Gästen auch schon unterschrieben wurden. Er
gründete erfolgreich einen Verein „Artenschutz im Pfarrerdienstgesetz e.V.“ und
gewinnt täglich neue Mitstreiter und Sympathisanten. Er schrieb zu diesem Thema
Artikel in allen deutschen Pfarrerblättern und schickte einen offenen Brief an
die EKD. Selbst einen Internet-Zugang besorgte er sich kürzlich und widmete
eine Homepage inklusive Forum und Gästebuch seinem Anliegen. Eine Radio- und
eine Fernsehsendung beschäftigten sich mit seinem Anliegen und alle regionalen
und viele überregionalen Zeitungen haben schon Interviews mit ihm
veröffentlicht. Der rechte Flügel der „Grünen“ zeigt reges Interesse und der
Landrat besucht seit einiger Zeit demonstrativ seinen Gottesdienst. Pastor
Knöterich ist dadurch ein bekannter Mann geworden. Er ist sehr zuversichtlich,
dass die von ihm initiierte Gesetzesvorlage in der kommenden Synode mit Erfolg
angenommen werden wird. Selbst seine Erzfeindin, die rote Hanna-Carina
Lübbersdorf-Krautgenwalder, ist ganz zahm geworden und klimpert jetzt
verführerisch mit den Augenlidern, sobald sie ihn sieht. Jedoch ist er weit
davon entfernt, deswegen seine Freudsche Quantentheorie aufzugeben; gerade
jetzt, wo er all seine Energie für seinen heiligen Kampf braucht.
Infolge des starken Medieninteresses
an der ungewöhnlichen Kampagne des Pastors, stieg der Bekanntheitsgrad des
ganzen Dorfes weit über die Region und die Pfalz hinaus. Über alle Konfessions-
und Parteigrenzen hinweg sind die Einwohner stolz auf „ihren“ Pfarrer, der der
Kommune soviel positive Popularität beschert hat.
Darüber hinaus wuchs er in den Augen
vieler Mitglieder der Landeskirche zu einem moralischen Vorbild heran. Steht er
nicht mit seinem Anliegen für die enge Verbindung von Glauben und Natur?
Streitet er nicht für die Autonomie der Einzelgemeinde und des Pfarramtes und
gegen einen wachsenden Zentralismus der Kirchenbehörde, die mehr an
Funktionalität, Effizienz, Optimierung und Qualitätssicherung interessiert ist,
als an gelebter Authentizität und Kontinuität? Verkörpert er nicht im
protestantischen Sinne den Vorrang des Gewissens, das sich allein gebunden weiß
an Schrift und Bekenntnis? Und steht er damit nicht gegen ein kirchliches
Organisationsverständnis, das die PfarrerInnen nur noch als professionelle
Funktionsträger versteht, die wie auswechselbare „Filialleiter“ zu behandeln
sind? Ja, stemmte er sich nicht letztendlich gegen eine Umkehrung der
reformatorischen Idee, wonach die kirchliche Institution der Gemeinschaft der
Glaubenden zu dienen habe? Sehen sich Kirchenleitungen heute hingegen nicht
eher als oberste Managementebene, die mithilfe betriebswirtschaftlicher
Steuerungsmodelle „ihre“ Landeskirchen von oben her zu stromlinigen
„Dienstleistungsunternehmungen“ umformen möchten und damit die Einzelgemeinde
ihrer eigenen Identität berauben? Bedeutet dies nicht die Rückkehr des
hierarchischen Konzeptes, diesmal aus einem betriebswirtschaftlichen Denken
heraus?
Auf diese Weise wurde Knöterich zu
einem kirchenpolitischen Hoffnungsträger. Einmal machte man ihm auch schon
„durch die Blume“ ein entsprechendes Angebot. Das lehnte der streitbare Pastor
jedoch kategorisch ab. Fühlte er sich hierbei doch wie bei der letzten Versuchung
Christi, als sollte er für die wage Option schierer Macht seinem Projekt und
damit seinem Glauben abschwören. Ja, wollte man ihm tatsächlich seine Seele
abkaufen? Knöterich konnte es nicht fassen. Nein, unser Knöterich blieb
standhaft, was ihn nur noch beliebter machte.
Es ist halb elf in Deutschland.
Irgendwo in der Pfalz. Die Sonne scheint immer noch, doch spiegelt sie sich
nicht mehr im Turmhahn der alten Wehrkirche. Pastor Knöterich packt seine
Tasche und macht sich bereit für den Religionsunterricht an der Grundschule.
Auch so eine Geschichte. Doch davon ein andermal mehr.
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