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Dr. Martin Schuck

Lindenstraße 19, 67346 Speyer

 

Editorial

Die Sühnopferdebatte und der EKD-Reformprozess

 

Bei aller seichten Verirrung um den Modebegriff „Spiritualität“, der nicht nur in den Kirchen umhergeistert, sondern auch Gegenstand der wissenschaftlichen Theologie zu werden droht, ist es ein Glück, dass in den vergangenen Jahren eine intensive Debatte um die sog. „Sühnopfertheologie“ entstanden ist. Nun muss man nicht unbedingt ein begeisterter Anhänger dieser Theologie sein, um in der Diskussion darüber einen glücklichen Umstand zu erkennen. Es reicht vollkommen aus, sich bisher Sorgen gemacht zu haben wegen der inhaltlichen Gleichgültigkeit, mit der theologische Fragen in der jüngeren Vergangenheit zur Nebensache erklärt wurden.

 

Wenn in den Kirchen die theologische Hoheit an die Finanzausschüsse übergeben wird, geht es zu wie in der chemischen Industrie: Den Weg bestimmen Betriebswirte und Finanzfachleute, die Chemiker braucht man fürs Labor; an welchen Produkten sie forschen sollen, bestimmten diejenigen, die für die strategische Ausrichtung des Unternehmens zuständig sind. In diesem Sinne haben sich nicht wenige Theologen gefreut, wenn sie von McKinsey & Co. attestiert bekamen, dass ihr Unternehmen ein gutes Produkt verkaufe.

 

Vielleicht deutet sich ja mit der intensiven Diskussion über einen zentralen theologischen Inhalt nach langen Jahren so etwas wie ein Lichtschimmer am Ende des Tunnels an. Wenn das Leitende Geistliche Amt einer großen Landeskirche eine Stellungnahme zur Sühnopfertheologie erarbeitet, scheint sich die Einsicht durchzusetzen, dass evangelische Gottesdienste nicht nur „schön“ und „einladend“ zu sein haben, sondern auch Inhalte transportieren sollen, die nicht nur vom persönlichen Geschmacks des jeweiligen Amtsträgers bzw. der Amtsträgerin abhängen dürfen. Auch die Tatsache, dass der Rat der EKD Persönlichkeiten des Protestantismus in den Mittelpunkt seiner Marketingkampagne für das Jahr 2017 stellt, deutet an, dass bei allen Zentralisierungs- und Vereinheitlichungsbestrebungen ein wenig symbolisches Kapital nötig ist, um größere Legitimationskrisen zu vermeiden. Zwar ist es nach den Erfahrungen mit dem Paul Gerhard- (2007), Wichern- (2008) und jetzt dem Calvin-Jahr unwahrscheinlich, dass dadurch theologische Aufbrüche entstehen werden; aber immerhin ist das Ganze so etwas wie ein Konjunkturprogramm für bestimmte theologische Verlage und den einen oder anderen Autor.

 

Diese Doppelstrategie des Reformprozesses (vordergründig Identifikationsfiguren bestimmen, die geeignet sind, innerprotestantische Konfessionsgrenzen und Mentalitätsunterschiede zu überwinden und so der Konstruktion einer evangelischen corporate identity zuarbeiten, und – scheinbar zur materialen Unterfütterung dieses Prozesses, in Wirklichkeit aber als eigentlichem Ziel des ganzen Unternehmens – im Hintergrund die Zentralisierung auf allen Ebenen vorantreiben) wird durch die scheinbar zufällig angelaufene und nicht zentral gelenkte Diskussion um die Sühnopfertheologie empfindlich gestört. Zum einen deshalb, weil diese Debatte nicht auf „herausragende Symbole des Protestantismus“ (also solche Leute, die zufällig Geburts- oder Sterbejubiläum haben) hingeordnet ist, deshalb nicht durch Marketingabteilungen zu steuern ist und somit zur Störanfälligkeit des gesamten Betriebs beitragen kann; zum anderen aber deshalb, weil es bei denjenigen, die sich an dieser Debatte beteiligen, um nichts weniger als um das Grundverständnis ihrer eigenen Theologie und damit – zumindest bei den Pfarrern und Theologieprofessoren – auch um die professionelle Wahrnehmung ihrer pastoralen und wissenschaftlichen Arbeit geht.

 

Wird diese Debatte ernsthaft und mit der nötigen theologischen Tiefenschärfe geführt, dann könnte es passieren, dass der Zustand des deutschen Protestantismus in den kommenden Jahrzehnten nicht durch Einheitlichkeit, sondern eben durch Ausdifferenzierung gekennzeichnet ist. Diese Ausdifferenzierung läuft dann sowohl entlang der durch die konfessionellen Traditionen gezogenen Grenze, als auch entlang der Grenze jener innerprotestantischen Gruppierungen, die entweder die nachaufklärerische Moderne grundsätzlich bejahen, oder diese im Namen einer theologischen Orthodoxie grundsätzlich ablehnenden.

 

Man kann nun keineswegs sagen, dass unter den Letztgenannten die einen für gute und die anderen für schlechte Theologie stünden. Tatsache ist, dass der Protestantismus in den vergangenen fünf, besonders aber in den letzten beiden Jahrhunderten eine stattliche Anzahl guter Theologien hervorgebracht hat. Wer wollte etwa bestreiten, dass die Liberale Theologie ein angemessenes Theorieinstrument lieferte, um den Weg der Kirche in den Aufbrüchen des 19. Jahrhunderts theologisch sachgerecht zu orientieren? Wer aber wollte andererseits bestreiten, dass die gleiche Kirche in derselben Zeit nicht auch von der Renaissance des konfessionellen Luthertums profitiert hat, das davor bewahrte, bestimmte dogmatische Loci aufzugeben zugunsten einer zweifelhaften Akzeptanz bei den Vertretern eines sich selbst religiös gebärdenden naturwissenschaftlichen Weltbildes? Zu behaupten, die einen wären dem Zeitgeist verfallen, die anderen nicht, ist nicht nur unredlich, sondern schlicht und einfach falsch: Beide waren dem Zeitgeist des aufkommenden Nationalismus verfallen und waren gleichermaßen ungeeignet, die Kirche vor dem Weg in die finale Katastrophe des Nationalsozialismus abzuhalten.

 

Ebenso ist es schwer zu bestreiten, dass die Dialektische Theologie zwar eine passende Antwort auf die weltanschaulichen Herausforderungen des Nationalsozialismus gefunden hatte, aber zum Funktionieren offensichtlich die politisch-ideologische Systemkrise brauchte; je weiter die Westintegration nach 1945 fortgeschritten war und das politische System der alten BRD zu religiöser Neutralität verpflichtet wurde, desto mehr ähnelten die Vertreter der Dialektischen Theologie Autofahrern, die zwar Vollgas geben, aber vergessen haben den Gang einzulegen: Man macht zwar unerhörten Lärm und Rauch, bewegt den Karren aber keinen Millimeter von der Stelle. Kein Zufall, dass in dieser Situation die unerledigten Fragen der Liberalen Theologie nach der Vereinbarkeit der dogmatischen Tradition mit modernen Lebensentwürfen erneut nach vorne drängten.

 

In einer Volkskirche werden die entscheidenden theologischen Debatten, die hin und wieder zu Paradigmenwechseln in der Darstellung des theologischen Überbaus führen können, von Kirchenleitungen weder initiiert noch entschieden. Die derzeitige Debatte über den theologischen Sinn der Lehre vom Sühnopfer Christi wird sicherlich nicht zu entscheidenden Paradigmenwechseln führen. Zu sehr läuft das, was als Argument auf der einen oder anderen Seite ins Feld geführt wird, in den wohlgeordneten Bahnen der herkömmlichen Paradigmen „liberal“ und „positiv/(neo)orthodox“. Zwischen diesen beiden Polen haben viele Positionen Platz, die sich aus den gängigen Ansätzen derzeitiger Theologie ergeben. Im Wesentlichen lassen sich an den theologischen Fakultäten drei Richtungen ausmachen: Am einflussreichsten auf den kirchlichen Betrieb ist ein gediegenes Luthertum, das aus seinem herkömmlichen Abendmahlsverständnis heraus an der Sühnopfertheologie festhält. Eher relativistisch stellt sich demgegenüber eine von der Schleiermacher-Renaissance der vergangenen Jahrzehnte profitierende liberale Richtung dar, die vor allem in der Praktischen Theologie recht wenig mit einer Theologie des Sühnopfers anfangen kann und andere, gleichermaßen legitime Anknüpfungspunkte sucht (die „Nachfolge“ als der klassische Ansatzpunkt der alten Liberalen Theologie scheint ein wenig aus der Mode gekommen zu sein). Dazwischen gibt es eine „Biblische Theologie“, deren Pathos weniger auf dogmatische Richtigkeit als vielmehr auf historische Authentizität gerichtet ist – ganz so, als gebe es den unverstellten Blick auf die Urgemeinde.

 

Klar ist, dass diese Debatte nicht autoritativ entschieden werden kann; vermutlich wird es auch keinen „Sieger“ geben – außer natürlich dem Protestantismus insgesamt mit seiner Debattenkultur.

 


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